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Georg Simmel:
Dantes Psychologie
ex: Zeitschrift für
Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Hg. V. M. Lazarus u. H.
Steinthal. 15. Bd. [1. Teil: 1. u. 2. Heft; 2. Teil: 3. u. 4.
Heft]. Berlin: Ferd. Dümmler/ Harrwitz & Gossmann 1884. S.
18-69, 239-276.
I. Historische
Psychologie
Dantes historische Stellung
Das Jahr 1300
Gegensatz zwischen Verstand und Gemüt
Widersprüche in Dante
Dualismus
Die Seele; einheitlich
Gedächtnis
Unsterblichkeit
Leib und Seele
Licht und Sehvermögen
Mensch und Gott
Sprechen und Denken
Verschiedenheit der Menschen
Prädestination und Freiheit
Erleuchtung und
Erlösung
Weltregierung
Pessimismus
Politische Psychologie
Vorstellung von Gott
II. Ethische Bestimmungen
Freier Wille
Die Taufe
Gelübde
Charakter
Lebensführung
Die Sünde
Die Hölle
Fegefeuer
Die Gefühle
Liebe
Tierseele
Die Kunst
I. Historische Psychologie
Unter den speziellen Teilen, in die das Gebiet der
Philosophie auseinandergeht, hängt vielleicht keiner, seinem Wesen und
also auch seiner Geschichte nach, so innig mit seiner Gegenwart in Zeit
und Volk zusammen, wie die Psychologie.
Ihre Berührung mit dem Unmittelbarsten im Menschen,
die Unmöglichkeit, auf die Dauer ihren Blick vom Empirischen wegzuwenden,
sind dafür die entscheidenden Momente.
Die metapsychologischen Theorien berufen sich öfter
auf die direkte Erfahrung, müssen wenigstens die Prüfung an ihr mehr
gewärtigen, als die anderen Teile der Metaphysik.
Indem die Psychologie die Lehre von dem in der Seele
Wirklichen ist, indem sie wenigstens den Anspruch macht, in allen ihren
Aussprüchen ein Allgemeines zu geben, das aus der Erfahrung des
Wirklichen jedenfalls zum Teil entspringen, in ihr jedenfalls münden soll
- ist die Geschichte der Psychologie ein, wenn auch nach den Qualitäten
ihrer Autoren modifiziertes, wertvolles Aktenstück im Archive der
Psychologie der Geschichte.
Bei näherem Eingehen führt diese Betrachtung zunächst auf den
Doppelwert, den jedes bewusst historische Zeugnis einer Gegenwart besitzt:
es bietet uns nicht nur seinen sachlichen Gehalt, sondern es ist auch
selbst ein Stück seiner Zeit und gibt, dementsprechend, von deren
Charakter nicht nur ein objektives, sondern auch ein subjektives Bild -
oder richtiger mag man die Reihenfolge umkehren: denn jener sachliche
Inhalt erhält seine Form, und oft noch mehr als sie, von der
Subjektivität, in der er sich mehr oder minder getrübt spiegelt,
während diese Subjektivität selbst ein unverfälschtes Produkt ihrer
Zeitumstände ist.
Und wenn demnach die engen Beziehungen eingesehen sind, in denen die
Psychologie ihrem empirischen Charakter zufolge mit dem steht, was wir
historisch nennen, so liegt auf der Hand, welchen Wert ihre Geschichte in
jenen beiden Beziehungen für die Geschichte des menschlichen Geistes
haben muss.
Und eine weitere Steigerung desselben ergibt sich noch
aus jenen ihren Zusammenhängen mit dem Empirischen: sie braucht sich
nicht auf die mit wissenschaftlicher Tendenz zum System zusammengefassten Theoreme zu beschränken, sondern sie kann und muss auch die
psychologischen Äußerungen, die außerhalb der engeren Geschichte der
Philosophie liegen, als ihr Material betrachten.
Denn wo es sich um die Beobachtung von Wirklichem und
zwar die Beobachtung durch Augen, die die Schärfe und Akkomodation einer
bestimmten Zeit tragen, handelt, da ist der Ausspruch eines Dichters oder
eines Geschichtsschreibers von derselben Wichtigkeit, wie der eines
Philosophen.
Schon von diesen allgemeinen Gesichtspunkten aus ist es
vielleicht nicht unwichtig, die psychologischen Äußerungen Dantes einmal
zusammenzustellen, und, das Zusammengehörige verbindend, darzulegen, wie
sich die innere Welt in diesem Kopfe gemalt hat.
Aber Wichtigkeit und Interesse schienen mir in
ungeahnten Progressionen zu wachsen, als ich den Zusammenhängen nachging,
die zwischen den Momenten des weltgeschichtlichen Charakters Dantes und
denen seiner Psychologie sich darboten.
Je klarer Einem Dantes Stellung in der Geschichte des
menschlichen Geistes wird und je mehr man grade einsieht, dass die
Bedeutung dieser Stellung nicht sowohl darin liegt, dass er - abgesehen
von seinen poetischen Verdiensten - neue Kulturmomente geschaffen, als
dass er vorhandene in klassischer, ewig bedeutsamer Form zusammengefasst
hat: desto gerechtfertigter wird auch das Gewicht erscheinen, das wir
seinen Meinungen und Beobachtungen über jenes wichtige Gebiet beilegen.
Aber eben deshalb ist es notwendig, mit einigen
einleitenden historischen Bemerkungen über ihn die Grundlegend unsres
Themas zu vollziehen.
In großen Übergangsepochen geistiger, politischer,
sozialer Art liegt es den einzelnen Geistern nicht nur nahe, beide Seiten
des historischen Gegensatzes in sich zu vereinigen, das Neue zu erstreben,
aber das Alte nicht zu lassen, sondern sie neigen auch auf Gebieten, die
der eigentlichen zentralen Bewegung ferner liegen, leicht zu
dualistischen, in Gegensätzen stehenden und sich entwickelnden Meinungen;
die Vorstellungskreise geraten in solchen Zeiten in Bewegungen, die sich
weit über ihren ursprünglichen Herd hinaus erstrecken.
Studieren wir nun derartige Zeiten an den Einzelnen, so
werden wir ein um so klareres Bild jener erhalten, je verschiedenartigere
Tendenzen diese hervortreten lassen, je mehr das Neue und das Alte sich
entweder im Sinne eines unbewussten Widerspruches, eines Dualismus, oder
im Laufe einer in Gegensätzen sich bewegenden Entwicklung in ihrem Geiste
zusammenfinden.
Dantes Zeit war vor allem eine solche, in der in
politischer wie in zahlreichen Kulturbeziehungen die Ordnungen des
Mittelalters noch nicht ganz tot, die der neueren Zeit noch nicht ganz
lebendig waren.
Das Kaisertum durch die Kämpfe mit dem Papsttum und
dem egoistischen, wenn auch berechtigten Partikularismus der Völker fast
gänzlich seiner äußern und ideellen Macht beraubt, das
Nationalitätsprinzip wohl schon in den Gemütern vorhanden, aber ohne in
der unseligsten und feindseligsten Zersplitterung der Länder in
Fürstentümer, Städte und Parteien zu Worte oder gar zur Tat kommen zu
können, das Papsttum endlich in die weltlichen Händel mit dynastischen
und habgierigsten Interessen eingreifend, wovon natürlich auch seine
religiöse Autorität nicht unberührt bleiben konnte - so stellt sich um
das Jahr 1300 herum das Bild der, insbesondere italienischen, Welt dar.
Und wie nun, wie schon oben bemerkt, mit derartigen
gewaltigen Übergangsepochen auch solche auf abgelegeneren Gebieten in
Verbindung zu stehen pflegen, so begann auch auf dem Gebiet der Kunst die
steife Überlieferung dem Hinwenden zur Wahrheit der Natur Platz zu
machen; ich erinnere nur an Cimabue und an Giotto, von denen dann eine
kontinuierliche Entwicklungsreihe zu den höchsten Gipfeln der Renaissance
führt; besonders aber innerhalb der Wissenschaft - es gab eben damals nur
eine - finden sich neben den reifen und überreifen Früchten
vorgängiger Entwicklungen zugleich die Triebe weitreichender
philosophischer Neuerungen; und mit dem Anschein und sogar dem ehrlichen
Glauben, nur innerhalb des theologisch Erlaubten und Geforderten zu
bleiben, schleift doch sogar ein Duns Scotus die Waffen, die sich leicht
tödlich gegen die Religion kehren konnten.
Was uns aber hier mehr interessiert, ist der Gegensatz
des scholastischen und mystischen Denkens, die beide, getrennt und
vereint, in dieser Epoche ihre Kulminationspunkte erreichen.
Welches der historische Entwicklungsgang der
mittelalterlichen Philosophie gewesen war, wie der Verwerfung des
Aristotelismus seine Rehabilitation deshalb folgen konnte, weil man in ihm
die christlichen Wahrheiten wenigstens teilweise entdecken, jedenfalls mit
ihm verstandesmäßig rechtfertigen zu können glaubte - das ist bekannt
genug; hier kommt es uns zunächst auf die Unterschiede der Denkart an,
die jenes mittelalterliche Philosophieren aufweist.
Der eine Trieb nämlich, der für die Scholastik
cat exochn
charakteristisch ist, geht auf das
Erkennen der Dinge, insbesondere der über das Empirische hinausliegenden,
durch Begriffe und ihre logische Verknüpfung; allein dieses Erkennen wird
immer nur als ein vermitteltes und unvollkommenes empfunden, das sowohl
subjektiv als objektiv noch auf ein unmittelbares hinweist: und dieses ist
das mystische.
Die Mystik behauptet, im Gegensatz zum diskursiven
Denken, ein direktes Anschauen des Übersinnlichen, sei es durch Einfluss,
sei es durch Identität; das Absolute offenbart sich ihr in seinem Wesen
und seinen Bestimmungen, und zwar durch einen von den eigentlichen Sinnen,
wie von dem Verstande unabhängigen Akt.
Ersichtlich beruhen die geoffenbarten Religionen als
solche auf mystischen Vorstellungsweisen, während das begriffsmäßige
Denken wenigstens seiner Tendenz nach in einem psychologischen und oft
auch logischen - wenn auch nicht immer vollkommenen - Gegensatz dazu
steht.
Diese beiden Richtungen nun fanden sich, wie ein Blick
in die Geschichte der damaligen Philosophie zeigt, in der Zeit Dantes
weitläufig vertreten, insbesondere in der Form eines Kompromisses, und
bei dem vorzüglichsten Lehrer Dantes, Thomas von Aquino, sind beide, in
oft extremer Weise, reich ausgebildet.
Es ist mit einem Worte der Gegensatz des
selbstherrlichen Verstandes und des frommen, der Intuition öffnen
Gemütes, um den es sich handelt, und in dem wir auch Dante sich bewegen
sehen.
Wir finden bei ihm die spitzfindigsten, rein formalen
und wortklauberischen Ausführungen, denen zufolge er offenbar im
Verstande die einzige Quelle der Wahrheit zu finden glaubt, und
andrerseits ein vollständiges Verlassen des logischen Denkens, ein
demutsvolles Versinken in den Abgrund mystischer Gottergebenheit.
Die inhaltliche und chronologische Betrachtung seiner
Schriften hat nun ergeben, dass diese verschiedenen Standpunkte sich im
wesentlichen auf verschiedene Perioden seines Lebens verteilen.
Seine eigentliche Jugendzeit hindurch, bis zum Tode der
Beatrice, scheint er eine naive Frömmigkeit empfunden zu haben, die im
Verein mit seiner idealischen Neigung zu jener sein ethisches und
intellektuelles Wesen bestimmt hat.
Nach Beatricens Tode hingegen, des Gegenstandes
beraubt, an dem sich seine Empfindungen immer von neuem entzünden
konnten, in seinem Gefühlsleben gleichsam verwaist und unglücklich,
wandte er sich der Realität des Daseins, insbesondere den politischen
Interessen, mehr zu, zugleich aber wurde, wie sich sehr wohl verstehen lässt, in seinem Innenleben der Verstand der Empfindung gegenüber das
Dominierende.
Was wir von ihm aus dieser Epoche besitzen, zeigt den
dürrsten Scholastizismus, jenes Trachten, mit dem reinen Denken die
wichtigsten Fragen zu entscheiden, ohne dass der andre Weg, zu ihrer
Beantwortung zu gelangen, irgendwie beschritten würde.
Später aber, als ihn seine Bestrebungen von der
Unzulänglichkeit alles Irdischen, von den moralischen und teilweise auch
intellektuellen Mängeln der nur auf sich selbst ruhenden Vernunft
überzeugt hatten, da wandte er seine Schritte, da suchte er wieder in der
unmittelbaren Hingabe an das Göttliche und seine mystischen Offenbarungen
den Kern aller Wahrheit, alles geistig und sittlich Richtigen.
Es versteht sich von selbst, dass die Differenz dieser
Tendenzen nicht ohne Einfluss auch auf Dantes psychologische
Überzeugungen geblieben ist, dass die Aussage der einen Schrift manchmal
in direktem Widerspruch mit der einer andern stehen wird.
Allein obgleich diese Verschiedenheiten dem Gesagten
zufolge ihren Grund nicht in einem eigentlichen Widersprüche seines
Wesens, sondern nur in der Entwicklung desselben haben, so stehe ich doch
nicht an, sie ohne Rücksicht auf ihr chronologisches Verhältnis neben
einander zu stellen und einen wirklichen Dualismus in seinen
Überzeugungen daraus herzuleiten.
Was mich dazu bewegt, ist vor allem, dass ich kein
Kapitel der Dantologie schreiben will, sondern eines der Psychologie der
Geschichte; ist Dante überhaupt geeignet, die Strömungen des damaligen
Volksgeistes an sich exemplifizieren zu lassen, so ist es, wenn man eben
nur dies im Auge hat, gleichgültig, ob die Verschiedenheiten zu gleicher
oder zu verschiedener Zeit in ihm sich finden; er ist eben nur der
vollendetste Ausdruck des Zeitgeistes, in dem beide Tendenzen neben
einander herlaufen.
Nicht darauf kommt es hier an, zu welcher Zeit er sie
vertreten hat, sondern dass er sie überhaupt vertritt, und gewiss braucht
uns die auch anderweitig häufige Erscheinung nicht irre zu machen, dass
er in seiner späteren Periode die Wege der ersteren verwirft.
Aber selbst dieser Sieg der mystischen, unmittelbaren
Gotteswissenschaft über die bloß verstandesmäßige Forschung, wie er am
Schluss des Purgatoriums deutlich ausgesprochen wird, aber vielleicht
schon im Ganzen des Gedichtes liegt, ist viel zu scharf aufgefasst worden.
Die Vorwürfe, die ihm Beatrice, das Symbol der
göttlich begnadeten Intuition, dort über sein Abirren vom rechten Wege
macht, bedeuten nicht, dass jener Scholastizismus falsch, sondern, dass er
unvollständig ist, nicht, dass er sich überhaupt nicht hätte damit
abgeben sollen, sondern dass er sich zu ausschließlich damit abgegeben
hat.
Aber auch rein sachlich betrachtet ist jene Differenz,
wie sie sich in seinen Schriften darstellt, geringer, als sie offenbar
seinem Bewusstsein erschienen ist.
Im Aristotelismus, überhaupt in jeder Theorie, die das
Wesen der Dinge durch das reine Denken, durch die bloß logische
Verbindung der Begriffe glaubt ergründen zu können, steckt ein guter
Teil Mystizismus, wenn auch kein religiöser; nicht Rationalismus ist der
schärfste sachliche Gegensatz zum Mystizismus, sondern Empirismus, der
Unterschied zwischen den beiden erstgenannten Begriffen, trotz seiner
historischen Wichtigkeit, ist vielfach nur ein eingebildeter - indes dies
kann hier nur angedeutet werden.
Aber auch umgekehrt ist das Werk seiner letzten Epoche,
die Commedia, sehr vielfach in echt scholastischem Geiste befangen; auch
durch seine Mystik geht ein kalter, verstandesmäßiger Zug; mitten in die
höchsten paradiesischen Schauungen pflanzt sich oft eine
Auseinandersetzung breit hin, die einen bei dem spitzfindigsten
Scholastiker, oder sogar, von der poetischen Form abgesehen, bei Christian
Wolff nicht überraschen würde.
Diese Erwähnungen, die an sich unserm Thema ferner
liegen, waren doch erforderlich, um die Bedenken abzuwehren, die sich
gegen eine parallele Verwertung aller Danteschen Schriften richten
könnten.
Wir sind um so mehr berechtigt, aus dieser einen
prinzipiellen Dualismus Dantes herzuleiten, als wir sehen werden, dass
auch seine letzten und reifsten Überzeugungen einen solchen
einschließen, und zwar nach verschiedenen Seiten hin.
In der Idee seiner Weltmonarchie, in dem Glauben, dass
die Moralität der Einzelnen durch geregelte staatliche und kirchliche
Obergewalt auf ein ideales Niveau zu bringen sei - darin zeigt sich sein
mittelalterlicher Charakter; in der absoluten gegenseitigen
Unabhängigkeit von Kirche und Staat, die sein erstes Axiom ist, in der
Forderung der Gleichberechtigung beider, als unmittelbarer Produkte der
Grundeigenschaften des Mikrokosmos, tritt einer der wichtigsten Gedanken
der neueren Zeit zum ersten Male mit voller Energie und Klarheit hervor.
Außer diesen Gegenströmungen im Grunde seines Wesens
aber liegt in der unbedingten Koordination der beiden Gewalten ein
unversöhnlicher Zwiespalt; wenn die Kirche die Sorge für das jenseitige
Leben, der Staat aber die für das diesseitige übernehmen soll, so sind,
da jenes doch von der Gesamtheit unsrer irdischen Handlungen abhängt, die
Gebiete beider doch nicht auseinandergehalten; um so weniger, als das
Papsttum, trotz der gegenteiligen Versicherungen Dantes, der von ihm
selber angewiesenen Stellung nach, dem göttlichen Prinzip näher steht,
als die irdische Gewalt und deshalb mit derjenigen Konsequenz, die die
Hierarchie stets für sich geltend machen konnte, die absolute
Oberherrschaft beanspruchen durfte; auch hier also ein unversöhnter
Dualismus.
Indessen ist jene Betonung der Gleichberechtigung von
Kirche und Staat, wenn sie auch im Hinblick auf die Praxis viel zu
abstrakt ist, als Übergang zu einer Zeit, die die weltliche Seite des
Gegensatzes zum Prinzip nahm und aus einer, die die geistliche
vorherrschen ließ, sehr bedeutsam und notwendig: damit die hochschwebende
Schale der Wage die tiefere werde, musste erst der Punkt des
Gleichgewichts passiert werden.
Und endlich, was das Einzelne betrifft, wird man gar
häufig die Geteiltheit seines Denkens zwischen scholastischem
Begriffsformalismus resp. Dogmatismus und lebendiger Erfahrung bemerken.
Mit einem Blicke, der die schwärzesten Abgründe der
Verbrecherseele und die ätherischsten Höhen eines verzückten
Mystizismus mit gleicher Schärfe umfasste, mit jener seltensten
Genialität, der die Schleier vor den innersten Motiven der Menschen
gehoben sind - vereinigt sich oft eine unbegreifliche Befangenheit in den
überlieferten Schulformeln und in den eignen, oft vorurteilsvoll
gefassten Prinzipien.
Er war überhaupt ein Schwärmer, ein Enthusiast und
zugleich doch ein starrer Doktrinär - eine Vereinigung, die sich recht
oft, namentlich bei politisch wirksamen und zwar insbesondere
oppositionell wirksamen Persönlichkeiten findet.
Indessen ist grade auf dem Gebiet der Psychologie bei
ihm zu bemerken, dass ihre abstrakten Fragen offenbar erst dann ein
erhöhtes Interesse für ihn bekommen, wenn sie mit den empirischen in
Verbindung treten; wir schöpfen daraus das Recht, bei der Darstellung
seiner Psychologie uns insbesondere an die empirische Seite derselben zu
halten.
Kein Gebiet, mit Ausnahme der Politik, wird von ihm mit
so lebhaften Farben behandelt, als das der menschlichen Seelenzustände.
Eben deshalb, weil er hier offenbar den ganzen Schatz
seiner Erfahrungen vor uns ausgebreitet hat, und weil er so ganz ein Kind
seiner Zeit ist - in dem Sinne, dass das vollendetste Kind die
Eigenschaften der Eltern in sich kombiniert und potenziert - darum ist
seine Psychologie so ganz besonders wertvoll, darum ist sie, in mehr als
dem gewöhnlichen Sinne, ein Beitrag nicht nur zur Geschichte der
Psychologie, sondern auch zur Psychologie der Geschichte.
Und dieser letzte Gesichtspunkt, als zweckgebender,
lässt, wie die chronologischen Differenzen in Dantes Ansichten, so auch
ihre Originalität oder Entlehntheit gleichgültig erscheinen.
Es ist oft genug hervorgehoben worden, wie alle
allgemeineren wissenschaftlichen Sätze bei Dante der Wissenschaft seiner
Zeit entnommen sind, kaum irgend etwas außer der poetischen Form
derselben und manchen empirischen Beobachtungen, die sich an sie
anschließen, ihm ursprünglich angehört.
Wenn man ihn aber nur als Repräsentanten einer Epoche,
seine Persönlichkeit nur insofern, als sie der Ausdruck gewisser
allgemeiner Prinzipien ist, betrachtet, so kommt es nicht darauf an, woher
er diese bestimmten Ansichten hat, sondern nur darauf, dass er sie hat.
Grade dies macht ihn zu unserm Zwecke so
außerordentlich geeignet, dass er so ganz von der Denkweise seiner Zeit
durchdrungen ist, in allem Theoretischen in den engsten Beziehungen zu dem
Bewusstseinsinhalt seines Zeitalters steht, zugleich aber im Empirischen
fein und überwiegend selbständig zu beobachten weiss.
Wie viel er auch von andern entnommen haben möge, er
hat es so in und mit seiner Persönlichkeit verschmolzen, dass nur die
philologische Danteforschung ein Interesse daran haben kann, es zu
trennen.
Wir, die wir ihn nur als geistige Persönlichkeit
überhaupt, als den, der gewisse weltgeschichtliche Vorstellungen am
vollendetsten ausdrückt und in sich ausdrückt, betrachten, wir haben das
Recht, seine Gedankenkreise als in sich abgeschlossen, nur auf ihren
Inhalt hin anzusehen. 1
1 Ich zitiere die Opere minori nach der Ausgabe von Fraticelli,
nur die Vita Nuova nach der Witteschen.
Die Seele ist durchaus nur eine einheitliche; die
rationale, gottergebene Seele zieht die andern, naturgegebnen, Vermögen
(das sensitive und das vegetative) mit in ihre Kreise, schmilzt sie in
sich zu ihrer eignen Einheit zusammen.
Gegen die andre (platonische) Ansicht, die dem Menschen
mehrere Seelen zuschreibt, wendet er empirisch ein, dass, wenn eine
freudige oder schmerzliche Empfindung oder auch nur eine fesselnde
Wahrnehmung ins Bewusstsein tritt, alle andern Vorstellungsfähigkeiten
abgeschnitten sind. (Purg. IV, I.)
Dies verhindert nicht die Annahme getrennter
Seelenvermögen und ihre vollkommene Substantiierung: das Gedächtnis
bewegt die Phantasie dazu, Vergangenes zu vergegenwärtigen. (V. N. 16.)
Wo aber eben ein Seelenvermögen in Anspruch genommen ist, wo ein
starker Sinneneindruck vorliegt, da erscheinen die andern Sinne wie
ausgelöscht, (Purg. XXXII, I.) und sogar die Einbildungskraft kann sich
unsrer so ganz bemächtigen, dass wir Trompetengeschmetter um uns herum
nicht bemerken; (Purg. XVII, 13.) die Seele ist in diesem Fall nicht mehr
ganz sie selbst, das Selbstbewusstsein (»un' alma sola, che vive e sente e
sè in sè rigira« (Purg. XXV, 74.)) verlässt sie; der
Gegensatz dazu ist es, wenn sie intera ist. (Purg.XXXII, I.)
Darum bekommt das intero für ihn, dem die
Einheitlichkeit der Persönlichkeit so hohen Wert hat, auch moralische
Bedeutung, es ist das, was sich selbst treu, durch nichts außer seinem
Wesen Liegendes korrumpiert wird: »Mardocheo, Che fu al dire ed al far
così 'ntero«. (Purg. XVII, 29.)
Wer aber die Fähigkeit dieser Konzentration nicht
besitzt, in wem verschiedene Gedanken, immer einer über den andern,
aufschiessen, der wird zu keinem Ziele gelangen, weil die Energie des
einen die des andern aufhebt. (Purg. V, 16.)
Und wie für den Einzelnen, ist es auch für die Gesamtheit höchstes
Ziel, zur Einheit zu gelangen; denn zur Verähnlichung mit Gott müssen
wir streben, und dieser ist ganz und gar einheitlich. (Mon. I, 10.)
Indessen braucht diese Konzentration keine absolut innere zu sein,
sondern kann, wie schon erwähnt, auch ein äußeres Objekt betreffen; so
ist die Seele intera, wenn Musik ertönt, weil dann die
Lebensgeister fast sämtlich ihre Wirksamkeit einstellen e la virtù di
tutti quasi corre allo spirito sensibile che riceve il suono; (CO. II,
14.) so kann auch ein Wunsch so leidenschaftlich sein, dass man fast
unfähig wird, von etwas anderem zu sprechen. (Purg. XXIII, 60.)
Dantes leidenschaftliches und intensives Temperament musste besonders
zu solcher Hingabe neigen, allein die Häufigkeit und Allgemeinheit, mit
der er die Hemmung der Vorstellung bei dem Aufgehen in eine einzige
bespricht, zeigt doch an, dass der allgemeine Geist damals wohl dazu
geneigt haben wird, und die Verzückungen des Mystizismus mögen davon
nicht weniger Ursache als Folge gewesen sein.
Er hat sogar schon die Beobachtung gemacht, und spricht sie ganz
allgemein aus, dass bei dem höchsten Innigkeitsgrad der Vertiefung in
eine Anschauung wir uns später ihrer nicht mehr erinnern können; (Par.
I, 7) auch dass der Schmerz, der sich mit einem Gedanken verbindet, so
gross sein kann, dass der Gedanke selbst darüber dem Bewusstsein
entschwindet, (V. N. 40.) und dass die Heftigkeit zweier gleichzeitiger
Vorstellungen sie in einer Weise hemmen kann, die keine von ihnen zur
Aussprache kommen lässt. (Par. IV, 16.)
Die erste dieser Erscheinungen hat ihren
psychologischen Grund darin, dass bei intensivster Hingabe an einen
Gegenstand alle andern Vorstellungen soweit von ihm zurückweichen, dass
keine Assoziationen stattfinden; so dass diese Vorstellung nachher keine
Hilfen findet, woraus sich die Schwierigkeit ihrer Reproduktion erklärt.
Es ist in der Tat nur ein poetischer, wenn auch von ihm selbst ernst
gemeinter Ausdruck für diesen Prozess, wenn er meint, die Unmöglichkeit,
sich nach Erhebung in die höchsten Sphären später der dort gehabten
Anschauungen zu erinnern, rühre daher, dass der Geist in diesem Zustande
das Menschliche überschreite und deshalb nach der Rückkunft in dieses
nicht mehr an jenes heranreiche. (An Cangrande, 28.)
Eben dieselbe Erscheinung tritt aus eben demselben psychologischen
Grunde ein, wenn eine Vorstellung durch ihre Neuheit sich vollkommen von
allen bisherigen abhebt, wie er der Tatsache nach auch schon bemerkt hat.
(V. N. Son. XI.)
Die Unsterblichkeit der Seele ist ihm ein selbstverständliches Dogma,
das weder einer Auseinandersetzung noch einer Begründung bedarf; ganz
kurz heißt es: »Auf dieser Seite (in der Hölle) haben ihre Gräber
Epikur und alle seine Nachfolger, die die Seele mit dem Körper sterben
lassen.«
Ebenso gehört auch jener Kardinal zu den Ketzern, der sterbend gesagt
hatte: »Wenn es eine Seele gibt, so habe ich sie für die Ghibellinen
verloren.« (Inf. X, 13, 120.)
Ist freilich die Seele ein unmittelbares Geschenk Gottes, (Purg. XXV,
71.) so muss es eine Sünde gegen diesen sein, an ihrer Unvergänglichkeit
oder gar an ihrer Existenz zu zweifeln.
Ja, diese Unsterblichkeit zu leugnen, ist sogar eine
Dummheit, ein Widerspruch: denn da viele schon das irdische Leben um des
Jenseitigen willen hingegeben haben, so wäre der Mensch ja statt des
vollkommensten Geschöpfes - was er in der Tat ist - das unvollkommenste.
Ob aber, fügt er hinzu, das Unsterbliche in uns körperlich oder
unkörperlich ist, darüber sind die Ansichten geteilt. (Co. II, 9.)
Um so eifriger musste er die Unsterblichkeit verteidigen, als ihm jener
Tausch des jammerbelasteten irdischen Lebens gegen das himmlische
ausgesprochenes Herzensbedürfnis war. (Purg. XXIV, 77.)
Das Verhältnis von Leib und Seele ihrem innersten Wesen nach ist ihm,
wenigstens seiner bewussten Intention nach, ein rein dualistisches, wenn
ihm auch im theologisch-metaphysischen Sinne der Geist die letzte Ursache
auch des Natürlichen ist. (An Cangrande, 21.)
Wenn die Bildung des Kindes im Mutterleib so weit vorgeschritten ist,
dass es sich schon bewegen und tierisch empfinden kann, so wendet sich
Gott, über solches Kunstwerk der Natur erfreut, ihm zu und haucht ihm
einen neuen Geist, das eigentliche höhere Seelenvermögen, ein -
während der materielle Teil nur aus schon vorhandenen Stoffen
gebildet wird und sich im Tode absolut von jenem loslöst; (Purg. XXV,
55.) so bildet sich auch die gestorbene Seele ihren Schattenkörper aus
der umgebenden Luft.
Trotz dieses durchaus verschiedenen Ursprungs und Endes und Wesens ist
die Seele mit dem Körper aufs engste verbunden, sie bemächtigt sich der
von ihr vorgefundenen Bildungen zu einem relativ einheitlichen Ganzen, wie
zum Wein die Sonnenwärme sich mit dem Säfte im Rebstöcke verbindet, sie
löst sich in die verschiedenen und zu verschiedenen Zwecken gebildeten
Glieder auf, wie Gott seine Güte vervielfältigt in den Sternen zeigt.
(Par. II, 133.)
Auch geschieht jene Eingießung des Geistes erst, wenn das Gehirn des
Fötus vollkommen ausgebildet ist, und von diesem wichtigen Organ hängt
dann auch die richtige Funktion des Intellekts ab; ist, von Geburt oder
durch Verletzung, der Körper und speziell das Gehirn verletzt, so bringt
dies auch einen geistigen Mangel, Dummheit und Wahnsinn, mit sich. (CO.
IV, 15.)
(Das verhindert natürlich nicht, dass er in seiner Lyrik die Seele im
Herzen wohnen lässt: »lo vi dirò del cor la novitate, Come l'anima
trista piange in lui.« (Canz.: Voi che intendendo.))
Im Gehirn wohnt der spirito animale, und dahin bringen die spiriti
sensitivi ihre percezioni. (V. N. I.)
Dass sich ihm indes, noch über eine allgemeine Abhängigkeit des
Spirituellen vom Materiellen hinaus, der scharfe begriffliche Unterschied
beider hier und da etwas verwischt, ist bei der Art seines Gedichtes
erklärlich, in dem das Körperliche fortwährend für das bloß oder auch
spirituell Gemeinte symbolisch vikariiert.
So ist es zwar kein Zweifel, dass die Seele, trotzdem sie substantiell
ist, (CO. III, 2.) für ihn die Form des Leibes ist (Par. IV, 54.) und er
bezeichnet die Geister der jenseitigen Reiche als forme (Purg. IX,
58.) - während dasselbe Wort an andrer Stelle nicht nur die rein
äußerliche Form des Körpers, (Inf. XXV, 101.) sondern grade zu den
Körper bedeutet, als das, worin der Geist sich ausspricht, eine
sichtbare, entsprechende Form gewinnt; (Purg. XXV, 99.) der irdische
Körper wird, im Gegensatz zu der bloß schattenhaften forma als forma
d'ossa e di polpe bezeichnet. (Inf. XXVII, 73.)
Und so finden sich noch mehrfache Ausdrucksweisen, die fast vermuten
lassen, dass jener materialistische Schatten, der den extremen
Spiritualismus öfters begleitet, auch über seinen Weg gefallen sei.
»Eben jetzt mischten sich deine Gedanken unter die meinen, ähnlichen
Wesens und ähnlichen Ansehens, so dass aus beiden ein einziger Entschluss
hervorging.« (Inf. XXIII, 28.)
»So wie das Wachs von dem Siegel, dessen eingedrückte Form es nicht
verändert, ist jetzt mein Gehirn von Euch geprägt.« (Purg. XXXIII, 79.)
Die Ohnmacht, in der der Geist keine Eindrücke aufnehmen kann,
bezeichnet er geradezu als ein Sichschließen desselben; (Inf. VI, I.)
offenbar denkt er sich den geistigen Vorgang als diesem physischen ganz
analog; das ist nicht ein Materialismus, der bewusstes philosophisches
Dogma, im Gegensatz zum Spiritualismus, wäre, sondern jener naivere, den
unvollkommene Erkenntnistheorie zu allen Zeiten und bei allen Völkern
erzeugt. -
Aber in den Träumen, die wir gegen Morgen haben, soll sich der Geist
von seiner leiblichen Grundlage mehr ablösen und so fast göttliche,
wahrsagende Bilder hervorbringen. (Purg. IX, 13. Inf. XXVI, 7.)
Licht und Sehvermögen wirken auf einander wie Körper auf Körper,
(Par. XXX, 46) die Sehkraft, der spirito visivo, eilt so weit
zurück, wie das Licht in ihn eindringt, (Par. XXVI, 70.) offenbar weil
ihm das Auge selbst »sonnenhaft« ist; er nennt es selbst luce, (Par.
XXXI, 30.) und es ist nur dem Worte, aber nicht der ganzen
Anschauungsweise nach ein Widerspruch, wenn andrerseits das Licht
Vermittler zwischen Objekt und Subjekt sein Soll. (Purg. VI, 45.)
Beiläufig bemerkt: er macht in der Vita Nuova von den spiriti einen
weit ausgedehnteren Gebrauch, als in den übrigen Werken.
Nicht unmöglich, dass dies mit dem psychologischen
Charakter des Buches in Zusammenhang steht, mit der jugendlich-lyrischen
Empfindung, die alles zu personifizieren strebt: »da lebte mir der
Baum, die Rose«; wie es sehr verwandte Züge im Volksgeiste sind, die das
Märchen und die solche spiriti bilden, so mag auch in einem einzelnen
Geist jene poetische Jugendzeit, die so viel mit den märchenbildenden
Epochen und Zügen im Volksgeiste gemein hat, zu derartigen
Personifikationen besonders neigen.
Wenn Beatrice naht, treibt ein spirito d'amore distruggendo tutti gli
altri spiriti sensitivi, die spiriti del viso aus und setzt sich an ihre
Stelle. (V. N. II.)
Denselben Vorgang beschreibt er auch noch im 7. und im
14. Sonett; wie das freilich möglich ist, dass Amor alle spiriti tötet,
nur die visivi am Leben lässt, aber auch diese aus ihren Organen
(strumenti) austreibt, gesteht er niemandem erklären zu können, der
nicht ebenso verliebt sei; wer es aber sei, für den brauche es keiner
Erklärung.
Auch von ihren Augen gehen spiriti d'amore aus und dringen in das Herz
dessen, der sie anschaut . (V. N. Canz. I, 4.)
Man bemerkt leicht, dass auch der poetischbildliche
Ausdruck ein ernstgemeintes Fundament hat.
Jenes strumento heißt anderswo nervo, per lo quale corre lo spirito
visivo. (CO. II, 10.)
Wenn er aber andrerseits in einer Canzone sagt, wie schon angeführt:
Io vi dirò del cor la novitate, Come l'anima trista piange in lui e come
un spirito contra lei favella - so ist er sich wohl bewusst, dass sowohl
anima wie spirito nur Gedanken bedeuten können, anima aber denjenigen,
der die Seele ganz füllt, in Bezug auf den der ganze Inhalt der Seele
eigentlich übereinstimmt, der sie also gewissermaßen vertritt: siccome
chiamare solemo la cittade quelli che la tengono e non quelli che la
combattono; avvegnachè l'uno e l'altro sia cittadino. (CO. II, 7.)
Spirito ist an solchen Stellen ein einzelner Gedanke.
Es liegt übrigens, trotz aller Mystik und
Transzendenz, ein sinnlicher Zug auch in der Vorstellung Dantes, dass alle
unsere Gedanken in Gott, als in ihrem ewigen Spiegel, abgebildet werden.
Die nähere Bestimmung dieses Verhältnisses schwankt zwar; an einigen
Stellen scheint es, als wären die Gedanken früher in Gott, als in uns,
oder hätten wenigstens ihren Ursprung in ihm - wie ja unser Geist
überhaupt nur ein einzelner Strahl des seinigen ist; (Par. XIX, 52, XI,
19.) an andern, besonders wo er die Willensfreiheit im Auge hat, sollen
die Gedanken in unserm Geiste entspringen und sich nur in seinem
allbefassenden Auge spiegeln. (Par. XVII, 37, XV, 61.)
Verstehe man dies, wie man will, jedenfalls sollen unsre Gedanken
derart im göttlichen Geiste befindlich sein, dass die Geister des
Paradieses, die in seiner Anschauung leben, zugleich die Gedanken aller
andern Wesen in ihm lesen.
Mag dies noch so sehr symbolisch gefasst werden - die
Möglichkeit, auch nur ein solches Bild zu gebrauchen, zeigt, wie wenig er
vor einer materialistischen Vorstellungsweise der Gedanken
zurückschreckt; denn er ist zu sehr Dichter, zu sehr Italiener an der
Schwelle der Renaissance, zu fern noch jener Abstraktion, in der sich etwa
einem Malebranche ein ähnlicher Gedanke darstellte, um sich von dem
Enthaltensein in Gott, dem Erblicken der Ideen in ihm nicht eine ganz
konkrete, sinnliche Vorstellung zu machen; wäre sie ihm unmöglich
gewesen, so würde der ganze Ausdruck eine Geschmacklosigkeit, ja selbst
eine Unmöglichkeit sein.
Grade in dieser sinnlichen Vorstellungsweise eines ganz
geistigen Geschehens liegt das eigentlich Mystische derselben; denn
überall, wo wir eine Vorstellungsweise mystisch nennen, enthält sie ein
Verhältnis zwischen Dingen, die auf Grund genereller Differenzen in kein
Verhältnis gesetzt werden können; das Charakteristische für die Mystik,
dass sie gleich geheimnisvoll für Weise wie für Toren ist, stammt ihr
eben von dem vollkommenen Widerspruch, der sie ausmacht.
Gelegentlich jenes Enthaltenseins in Gott, das den Dualismus zwischen
der Willensfreiheit und jedem konsequenten Gottesbegriff, eine der
bedeutsamsten Seiten der dualistischen Natur Dantes, recht hervorleuchten
lässt, braucht er auch einmal folgendes interessante Gleichnis: »Du
glaubst, dass mir dein Gedanke aus jenem, der der erste ist, zukomme, wie
aus der Eins, die man kennt, die Fünf und die Sechs folgt«; (Par. XV,
55.) und an einer andern Stelle heißt es, dass, wer Gott schaut, in ihm
alle Dinge so schaut, wie sterbliche Geister sehen, dass in einem Dreieck
nicht zwei stumpfe Winkel sein können. (Par. XVII, 13.)
Danach wären die menschlichen Gedanken (und alle Dinge überhaupt)
eigentlich nur so in Gott, wie die differenten Modi in der Einheit der
spinozischen Substanz, die vielmehr logisch aus ihr folgen, als dass sie
als differente real in ihr wären; grade der mathematische Vergleich ist
dafür charakteristisch.
Mystisches, aber auch Großartiges genug liegt in
dieser Vorstellung, nach der unsre Gedanken allerdings nicht erst in dem
Zeitmoment, in dem wir sie denken, auch in Gott geboren werden, sondern in
jener Ewigkeit (Zeitlosigkeit), die den mathematischen Wahrheiten eigen
ist, in ihm existieren.
Seine im allgemeinen spiritualistischen Tendenzen
hindern ihn auch nicht, die sinnliche Erkenntnisweise und die Erfahrung
als die notwendigen Ausgangspunkte für alles menschliche Wissen
anzuerkennen; freilich dient ihm diese Erkenntnis grade dazu, die
Nichtigkeit alles irdischen Wissens gegenüber dem transzendenten zu
betonen.
Vom Sinne her nimmt unsre Erkenntnis ihren Anfang, (Co.
II, 5.) vom Sinnlichen muss unser Verständnis empfangen, was es sich
geistig zueignen soll - ähnlich, wie nach ihm jede Liebe zunächst
natürlich ist und erst ein Geistiges zu ihr hinzutritt, um sie in die
Sphäre des wahrhaft Menschlichen zu erheben, s. u. Eben dies, dass nur
die Sinnlichkeit Sicherheit gewährleisten kann, lässt ihn als Gegensatz
zu den schattenhaften Wesen den noch sinnlichen uomo certo nennen.
(Inf. I, 66.)
Selbst die Einbildungskraft kann ihren Inhalt, außer durch ein
transzendentes Wunder, nur durch die Sinnlichkeit erhalten. (Purg. XXVII,
13.)
Dies ist natürlich eine Schwäche der menschlichen Anlage, und die
göttliche Offenbarung verfährt nur ihrethalben anthropomorphistisch,
indem sie z. B. Gott Hände und Füße beilegt; (Par. IV, 40.) nur an
(sinnlichen) Zeichen können wir den göttlichen Willen erkennen, da uns
ja selbst der Wille unsrer Mitmenschen nicht direkt, sondern auch nur
durch solche bekannt wird. (Mon. II, 2.)
Das irdische Leben überhaupt ist ein Dasein sensibilmente, (Inf.
II, 15.) was scheinbar im objektiven Sinne genommen werden und die
sinnlich wahrnehmbare, greifbare Existenz bedeuten soll; andrerseits wird
das Leben vigilia de' vostri sensi genannt, (Inf. XXVI, 114.) wo die Sinne
offenbar im subjektiven Sinne für das Leben charakteristisch sein sollen.
Nehmen wir beides zusammen, so könnte man vielleicht
in Dantes Sinne das Erdendasein als dasjenige definieren, in dem wir mit
der Totalität der Sinne wahrnehmen und wahrgenommen werden.
Deshalb dringen die überirdischen Wahrheiten in unsern von den Organen
des Körpers eingekerkerten Geist nicht anders, als selbst durch
geschlossene Augenlider noch Helligkeit empfunden wird, (CO. II, 5.) und
ganz allgemein heißt es, dass nostro intelletto non puote salire zu den
Dingen, zu denen die sinnliche Kraft der Phantasie nicht zulangt, wie z.
B. stofflose Substanzen, also die Engel; (CO. III, 4.) im Ausdruck, aber
auch, wie wir sehen werden, in der Sache, bleibt er nicht immer
konsequent: So wenig man auch, heißt es einmal, von den überirdischen
Dingen durch die Vernunft wissen kann, so gewährt das doch einen größem Genuss, als das Viele und Gewisse, das uns der Sinn lehrt. (CO.
II, 3)
Bei den Engeln, welche reine Intelligenz sind, wird das sinnliche
Hören ganz durch ein intendere per intelletto ersetzt.
Allein so wenig er dieser letzteren Vorstellung ganz treu bleibt - an
anderer Stelle wird die himmlische Seligkeit in sentiendo (nachher:
sehen!) veritatis principium gesetzt (An Cangrande, 33.) - so wenig kann
er es jener.
Die ragione, die Gott uns einhaucht, ist dinudata da materia (CO. III,
2.) und bedarf deshalb auch nach Dantes Intention schon hier auf Erden
keiner sinnlichen Vermittlung zu ihren Prozessen.
Hier bemerken wir zum ersten Male symptomatisch die
innere Unmöglichkeit jenes Dualismus, der den Ausgangs- wie den Zielpunkt
von Dantes Denken und Wollen bildet, jener absoluten Trennung des
Transzendenten und des Sinnlich-Irdischen in unserm Seelenleben; da
tatsächlich das Höchste und das Niedrigste in demselben in ewiger
Beziehung steht, enger und untrennbarer als das Zusammen von Zettel und
Einschlag, so kann keine spezifische Scheidung zwischen ihnen
durchgeführt werden.
Reißt Dante alles Seiende in ein Reich der Natur und
eines der göttlichen Gnade auseinander, jenes unsrer Sinnlichkeit, dieses
unsrer Vernunft entsprechend, so ist klar, dass unser wirkliches Leben in
einer unklaren Mitte zwischen beiden schweben muss; da die generelle
Differenz beider aller Vereinigungsversuche spottet.
In seinem Dogma befangen, merkt er den Widerspruch gar
nicht, der in dem göttlichen Charakter unsrer ragione und der
Notwendigkeit liegt, doch auch diese mit sinnlichem Inhalt zu erfüllen;
diese letztere Tatsache ist ihm wohl bewusst, allein weil der
Gottesursprung jenes Seelenteils ihm das Wichtigere und Erste, unter allen
Umständen Festzuhaltende, ist, so dient sie ihm grade nur zum Beweis für
den metaphysischen Dualismus des Seins, der sich im Psychologischen
dokumentierte.
Die Sonderung und Rangordnung der Vermögen setzt sich immer weiter
fort: den höhern Intellekt sollen Gründe bestimmen, den niedern vultus
experientiae. (Mon. I, 18.)
Natürlich, dass sich ihm -und ihm ganz besonders! -
die Wahrheit verbarg, die erst Kant aussprechen sollte, dass auch die
höchsten Funktionen unsres Geistes nur dazu dienen, Erfahrung möglich zu
machen.
Auch können jene fundamentalen Unterschiede in den Seelen, da sie
durchaus zum Wesen seines Systems gehören, nicht durch das gelegentliche
Zugeständnis annulliert werden, dass Stufen innerhalb des Seienden nur in
ganz allgemeiner Weise anerkannt werden müssten, dass es an sich in der
geistigen Ordnung der Dinge so wenig einen Sprung gebe, wie in der
sinnlichen: es wäre vielmehr ein allmählicher Übergang von der
englischen Natur durch die menschliche hindurch zur tierischen. (CO. III,
7.)
Immerhin ist zu seiner Charakteristik diese Stelle
bemerkenswert, wo eine großartigere Auffassung ihn über seine Dogmen und
ihre Einengungen hinwegträgt.
Die menschliche Beschränktheit bringt es auch mit sich, dass Wissen
und Wissenschaft uns nur durch das Gedächtnis zu Stande kommt, (Par. V,
41.) das er, allen andern geistigen Fähigkeiten gegenüber, als das
bezeichnet, che non erra (Inf. II, 6.) auch hierin die Beschränkung
unsres Geistes andeutend.
Weil wir nur sinnlich wahrnehmen und der Sinneneindruck als solcher
bald vorüber ist, bedarf es des Festhaltens der Vorstellungen, um die
zusammengehörigen zur Erkenntnis zusammenfügen zu können; die Engel,
die immerwährend Gott schauen und in ihm die Summe des Existierenden
zeitlos und wechsellos vor Augen haben, bedürfen deshalb der Erinnerung
nicht. (Par. XXIX, 76.)
Die Prudenza muss, im Gegensatz dazu, drei Augen haben, weil für sie
das Erwägen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Wesentliche ist.
(Purg. XXIX, 132.)
Und doch stand er schon zu nahe an der Schwelle einer
Zeit, die ihre Ideale vom Himmel wieder auf die Erde zurückführen
sollte, um nicht zu empfinden, dass dieses sinnliche Dasein mit all seinen
Unvollkommenheiten und Schwächen doch mancherlei teure Eigenschaften
besitzt.
Dies liegt nicht nur in seinem Eifer für die ihm wünschenswerte
Gestaltung der irdischen Dinge, für die er sein Leben hinlebte, nicht nur
in der Lehre, dass nach der Auferstehung des Fleisches la nostra persona
Più grata fia per esser tutta quanta; sondern, nachdem ein Geist des
Paradieses ihm diese Lehre auseinandergesetzt hat, fährt er fort: »so
schnell und eifrig sagten beide himmlischen Chöre Amen, dass man recht
die Sehnsucht nach ihren toten Leibern erkennen konnte; und vielleicht
nicht nur ihrethalben, sondern auch nach ihren Müttern, ihren Vätern,
nach all denen, die ihnen teuer gewesen waren, ehe sie ewige Flammen
wurden«. (Par. XIV, 61.)
Hierher gehört auch jene schöne und rührende Szene
zwischen Statius und Vergil; sowie jener erfährt, dass ihm Vergil
gegenübersteht, beugt er sich nieder, um ihm die Füße zu küssen, aber
dieser hält ihn zurück: »Sind wir doch beide nur Schatten«.
Und er: »Nun kannst du die Größe der Liebe ermessen, die mich zu dir
entbrennen lässt, dass ich vergesse, wie wir Schatten sind, und Schatten
fassen will wie feste Körper«. (Purg. XXI, 130.)
Es klingt in diesen Stellen ein leiser elegischer Ton
an, dass selbst den zur Seligkeit Berufenen noch irgend etwas fehlt, das
uns eben nur das körperliche Sein zu bieten vermag.
Und, so schlecht die carne umana auch oft
gemacht werden mag, die unter den heiligsten Geboten stehende Verehrung
der Eltern wird doch ausschließlich dadurch begründet, dass uns jene von
ihnen gekommen ist. (Professione di Fede, 401.)
Unter den Unvollkommenheiten des Lebens empfindet er
ganz besonders schmerzlich die Unfähigkeit der Sprache, Gedanken und
Empfindungen adequat auszudrücken.
»Und hätte ich solche Kraftfülle, es auszusprechen, wie es
auszudenken, so etc.«, heißt es einmal. (Par. XXXI, 136.)
Größeres Vermögen hat unser Geist zu denken, als zu sprechen; und
größeres, zu sprechen als sich deutlich zu machen, (CO. III, 4.) es gibt
viele Dinge, die wir durch unsern Verstand sehen, für die es aber
überhaupt keine Lautzeichen gibt. (An Cangrande, 29.)
Freilich muss die Sprache die allgemeine menschliche Mangelhaftigkeit
teilen; denn sie dient dazu, dass man durch sie erfahre, was man noch
nicht weiß, (CO. I, 2.) und der Zustand des Nichtwissens ist ja für das
Erdenwesen charakteristisch den himmlischen Wesen gegenüber, die im
Anschauen Gottes das absolute Wissen haben; deshalb haben die Engel auch
keine Sprache, da sie sich eben nichts mehr mitzuteilen brauchen. (V. E. 1,
2.)
Die unvergleichliche Wichtigkeit der Sprache für uns entgeht ihm aber
darum keineswegs; nicht nur, dass sie ihrem Ursprung nach uns direkt von
Gott gekommen ist, (V. E. I, 5.) sondern sie ist uns auch ein so
notwendiges Werkzeug für unsre Vorstellungen, wie das Pferd für den
Soldaten - und wie der beste Soldat das beste Pferd braucht, so die beste
Vorstellung die vollendetste Sprache; (V. E. II, 1.) das Gewaltigste, das
überhaupt denkbar ist, gelingt ihr, nämlich das Menschenherz zu bewegen;
(V. E. 1, 17.) und so will er auch die Orpheussage nur allegorisch und
dahin verstanden wissen, dass der weise Mann mit seiner Stimme grausame
und rohe Herzen, die den Tieren und Steinen gleichen, zu zähmen und zu
lenken verstand. (CO. II, 1.)
So ist also sein Pessimismus über die Sprache nicht durchgehend; er
erkennt wenigstens an, dass die Worte sich nach ihren Gegenständen
richten, dass sich in ihnen uralte Weisheit verbirgt, (V. E. II, 3.) ja, so
groß ist die Gewalt der Süßigkeit des bloßen Wortes: Amor, dass
er sich nicht denken kann, dass, was Amor tut, anders als süß sei. (V.
N. 13.)
In dem einen Punkt indes hebt er noch eine Differenz zwischen den
Sachen und ihrem sprachlichen Ausdruck hervor: dass aus falschen
Prämissen eine richtige Schlussfolgerung gezogen werden kann; denn da das
Wahre an sich niemals aus dem Falschen folgen kann, so sind es eben nur
die Zeichen des Wahren, die aus den Zeichen für das Falsche
hervorgehen können. (Mon. II, 6.)
Es war natürlich, dass ein Dichter, der seine Sprache zu ganz neuen
Zwecken schöpferisch gestalten und damit gleichsam eine neue Sprache
schaffen musste, sowohl die Macht als die Beschränktheit des sprachlichen
Ausdrucks aufs tiefste empfand; einen solchen Wert hat dieser für ihn,
dass er meint, ein übersetztes poetisches Werk wäre ganz ohne Schönheit
und Harmonie, (CO. I, 7.) auch lag es dann in Dantes Natur, sich darüber
in solchem Maße Rechenschaft abzulegen.
Es ist in jener Hinsicht bezeichnend, dass sich die
preisenden Sätze über die Sprache in den früheren Schriften, die
klagenden dagegen in der Commedia finden.
Hier wird auch der Prosa größere Ausdrucksfähigkeit zugeschrieben
als der Poesie, (Inf. 28, 1.) während er früher die Muster, nach denen
die Prosaiker sich zu richten hätten, bei den Dichtern sucht und das
Umgekehrte ausdrücklich zurückweist. (V. E. II, 1.)
Aber auch ihr Wesen fasst er als Zweig jenes Dualismus, der ihm die
Welt ausmacht: da die Menschen unendlich voneinander verschieden sind, so
brauchen sie eines Verständigungsmittels; durch bloße Bewegungen aber,
wie die Tiere, können sie sich nicht hinreichend verstehen, ebenso wenig in rein geistiger Weise, wie die Engel; jenes Verständigungsmittel muss
also zugleich rationale und sensuale sein, das ist aber die Sprache, die
als Laut sinnlich, als bedeutungsvoll aber geistiger Art ist. (V. E. I, 3.)
Jene menschliche Unfähigkeit, einem gewaltigsten Gegenstande mit der
Sprache nachzukommen, setzt sich aber auch in das bloße Denkvermögen
fort: »Das, was ich jetzt schildern muss, hat niemals eine Stimme
ausgesprochen, noch eine Feder geschrieben, noch auch eine Phantasie
jemals begriffen«. (Par. XIX, 7.)
Er ruft die Musen an, ihm beizustehen, da er Dinge singen müsste, die
selbst zu denken schwer sind; (Purg. XXIX, 41.) so wie seine Sprache nicht
im Stande ist, seinen Gedanken Ausdruck zu geben, so sind es diese oft
selbst, klar über seine Freundin zu denken; (CO. III, 3) hierher gehört
auch die schon angeführte Unfähigkeit unseres Intellekts, zu den Dingen
zu gelangen, zu denen die Phantasie nicht hinaufhelfen kann.
Die Phantasie ist ihm die Kraft der sinnlichen und
deshalb allein deutlichen Vorstellung; und, ohne dass er selbst ein klares
Bewusstsein darüber besitzt, sind die Gegenstände, die ihm auszudenken
unmöglich ist, nur solche, die dem reinen Verstande entsprungen sind und
deshalb für mögliche Sinnenanschauung Widersprüche in sich tragen.
Dass die Schwierigkeit, sich stofflose Substanzen und
andre empirisch nicht zu gebende Gegenstände vorzustellen, nur darauf
beruht, dass man sie nur durch Hinweglassung der zu klarer und deutlicher
Vorstellung notwendigen Bedingungen zu Stande gebracht hat - das kommt ihm
noch nicht in den Sinn.
Vielleicht ist die fortwährende Veränderung, der die Sprachen
unterliegen, der Grund ihrer Unvollkommenheit; die Verschiedenheit des
Namens für das höchste Gut führt er als Beispiel für jene an. (Par.
XXVI, 133.)
Durch Übereinkunft wurde deshalb die Grammatik, die unveränderliche
lateinische Sprache adoptiert; (V. E. I, 9.) allein die Volkssprachen
behalten jene Verschiedenheit, und nur die Sprache des Herzens ist es, die
für alle die gleiche ist. (Par. XIV, 88)
Die unendliche Verschiedenheit, der immerwährende
Wandel, den das Menschengeschlecht in jeder Beziehung aufweist, ist mit
der Art der Sprachen um so enger verwachsen, als er offenbar einen
charakterbegründeten Zusammenhang zwischen dem Volk und seiner Sprache
annimmt: er teilt die Völker nach dem Worte ein, das sie für ja haben,
(V. E. I, 8.) charakterisiert Italien als das Land, dove 'l sì si
parla;
nachdem er das römische Italienisch als das Grässlichste bezeichnet hat,
fährt er fort: nec mirum, cum etiam morum habituumque deformitate
prae cunctis videantur foetere.
Jene Verschiedenheit des Menschengeschlechtes gehört
zu den wichtigsten und betontesten Überzeugungen Dantes.
Auf sie gründet er zum großen Teil die Notwendigkeit
seines Weltkaiserreichs, sie selbst auf empirische wie metaphysische
Momente.
Dass jeder Mensch mit einer ganz besonderen Anlage
geboren wird, nur zu einer bestimmten Richtung seiner Tätigkeit befähigt
ist und von dieser nicht ohne den größten Nachteil abweichen darf, das
ist ihm die Grundlage, auf der der Staat sich aufbaut und die ihn
notwendig macht.
Nur aus verschiedenen Teilen kann ein Ganzes
werden, aber es muss es auch, wenn jeder die ihm notwendige Ergänzung
finden soll.
»Gibt es, fragt er, ein größeres Unglück für den Menschen, als
nicht Bürger zu sein? Und kann man dies sein, wenn man nicht je nach der
Verschiedenheit der Anlage verschiedenen Beschäftigungen nachgeht?«
(Par. VIII, 115.)
Die Verschiedenheit der Völker als Ganze hängt wesentlich von ihrer
geographischen Lage ab (er will sogar einmal die Niederträchtigkeit eines
Volkscharakters geradezu auf die sventura del luogo zurückführen,
(Purg.
XIV, 37.) was freilich ebenso gut die schlimme Ortsbeschaffenheit wie etwa
einen auf der Gegend lastenden Fluch bedeuten kann); ihre Charaktere
unterschieden sich so durch aus, dass sogar einige geradezu zum Herrschen,
andre zum Dienen angelegt sind - wie es bei den Individuen gleichfalls der
Fall ist. (Mon. II, 7.)
Der oberste Monarch soll deshalb nur solche Gesetze geben, die dem
Menschengeschlecht als solchem zukommen; Unterkönige müssten dann diese
von ihm empfangen und je nach den verschiedenen Bedürfnissen der
Volksindividualität formulieren; tanquam, fährt er in interessantem
Gleichnis fort, intellectus practicus ad conclusionem operativam recipit
maiorem propositionem ab intellectu speculativo et sub illa particularem
quae proprie sua est, assummit et particulariter ad operationem concludit.
(Mon. I, 16.)
Das Verhältnis gleicht ungefähr dem, das er von der
Sprache aussagt, deren Allgemeinheit, deren Möglichkeit und Form als
Sprache überhaupt, uns von Gott gegeben ist, während die Ausbildung der
einzelnen Sprache uns überlassen bleibt.
Trotz dieses Versöhnungsversuches zwischen dem
Allgemeinen und dem Besonderen schärft er in der Anerkennung der
Individualität der Völker selbst die Waffe, die die Idee seines
Weltkaisertums vernichten muss.
Was indes die Verschiedenheit der Individuen hervorbringt, was den
Menschen eigentlich zum instabilissimum et variabilissimum animal (V.
E. I,
9.) macht, das sucht er nicht in äußern Momenten, sondern allein in der
göttlichen Vorsehung, die jedem bestimmte Anlagen zu bestimmten Zwecken
mitgegeben hat.
Gl' intelletti che muovon queste stelle, haben die
Wurzeln unsrer Tätigkeit verschieden eingerichtet.
Deshalb wird einer als Solon, der andre als Xerxes,
einer als Melchisedek, der andre als Dädalus geboren.
(In diesen Beispielen scheinen die wesentlichen Zweige des höheren
menschlichen Daseins gegeben zu sein: der Weise, der Fürst, der Priester,
der Künstler; man beachte die Feinheit der Reihenfolge!)
Die Natur, die den Sterblichen ist, was das Siegel dem Wachs, übt ihre
Kunst, ohne einen Unterschied zwischen den Häusern zu machen; so kommt
es, dass Esau schon von der Zeugung her sich von Jakob scheidet und
Romulus von einem so niedrigen Vater abstammt, dass man ihn lieber dem
Mars zuschreibt; diese Erkenntnis mag in Verbindung mit seinem
Gerechtigkeitssinne veranlasst haben, dass er in einer Zeit, wo der
politische Hass sich eo ipso immer auf die ganzen Familien erstreckte, es
den Pisanern zum ganz besonderen Vorwurf macht, auch die Söhne Ugolinos
getötet zu haben. (Inf. XXX, 87.) –
»Wenn die Welt auf die Grundlage achten wollte, die die Natur gelegt
hat und ihr folgen, so würde ein vortreffliches Geschlecht entstehen. So
aber zwingt ihr den zum Kloster, der geboren ist, das Schwert zu führen,
und macht einen König aus dem, der zum Geistlichen bestimmt ist: darum
weicht euer Fuß vom rechten Pfade ab.« (Par. VIII, 115)
Von der göttlichen Kraft geht alle Wirkung aus, aber
ihr idealer Stempel kann sich vermöge der Verschiedenheit des Stoffes und
der göttlichen Absicht nicht immer in gleicher Vollendung abdrücken: so
bringt dasselbe Holz verschiedene Früchte, und wir werden mit
verschiedenen Geistesgaben geboren.
Nur das sollen wir erstreben, nur in dem unsre Vollkommenheit suchen,
was dem eignen Stande das Angemessene ist; (Par. XIII, 67.) und
entsprechend meint er, dass jedes Wesen um so liebenswürdiger erscheint,
je mehr es die grade ihm eigentümliche Eigenschaft zeigt! je bärtiger
der Mann, je glatter das Gesicht der Frau etc. (CO. I, 12.) jede Natur
nimmt in der kosmischen Ordnung eine bestimmte Stelle ein, diese ihrem
Urquell näher, jene entfernter; und so bewegen sie sich verschiedenen
Häfen zu, durch das große Meer des Seins, eine jede mit dem Instinkt,
der ihr verliehen ist, um sie zu führen. (Par. I, 109.)
In dieser psychologischen Prädestinationslehre lässt
sich unschwer ein doppelter Trieb erkennen.
Einerseits nämlich spricht sie die unbedingte
Anerkennung der Individualität aus, das Recht der Persönlichkeit und
ihre Pflicht; jeder Zwang, der dem natürlichen Instinkt, dem Zuge
ureigenen Wesens entgegensteht, wird perhorresziert.
Allein wenn dies aufgeklärt und fortschrittlich
heißen könnte, so birgt sich doch andrerseits eine dogmatisch starre,
durchaus antipsychologische Denkweise dahinter.
Denn wir sind dadurch absolut in dem Kreise
festgebannt, zu dem die göttliche Prägekunst uns von vornherein
gestempelt; an eine Stelle, und ganz ausschließlich nur an diese sind wir
gestellt, kaum anders als der Hindu in seine Kaste; die unendliche
Komplikation der psychischen Anlagen, die die Betätigung nach
verschiedenen, oft heterogenen Seiten naturgemäß erfordert, die
Entwicklung, die durch verschiedene, gleichfalls oft entgegengesetzte
Stadien hindurchführt, die Macht der Erziehung und des Willens, die auch
Fähigkeiten umzugestalten und zu empirisch erstrebenswerten Zielen zu
lenken im Stande und im Rechte sind, endlich der Umstand, dass jedem
Geborenen a priori das Unendliche als Wirkungskreis vorliegt, aus dem sich
sein endlicher erst empirisch abscheidet - dies alles wird einfach
ignoriert.
Der göttliche Ratschluss hat eben jedem seine Stelle
angewiesen, von der zu weichen unter allen Umständen Vergehen ist.
So tritt die Härte der mittelalterlichen
Weltanschauung grade da am unerbittlichsten hervor, wo schon die Denkweise
der neuen Zeit sich kundzutun schien.
Die Widersprüche, in welche diese Lehre mit seiner
Bejahung der menschlichen Freiheit gerät, liegen auf der Hand.
Hier will ich nur noch die Ungerechtigkeit hervorheben,
die darin liegt, dass die Anlagen, die uns mitgegeben werden, nicht nur
verschiedene Richtung, sondern auch verschiedenen absoluten Wert haben; so
dass eine Erhebung aus dem Naturgegebenen, die Forderung eines unendlichen
idealen Strebens für alle Seelen ganz außerhalb dieser Lehre liegt.
Freilich ist diese Forderung, die uns, besonders seit
Kant, als die Grundbedingung jedes Strebens, vor allem des sittlichen,
erscheint und nach der jede höchste Tat selbst noch weit hinter ihrem
höchsten Ideal zurückbleibt (wie Dante es für die künstlerischen
anerkennt, s. u.), grade damals aus dem katholischen Gesichtskreis durch
die Lehre von den überflüssigen guten Werken der Heiligen gründlich
entfernt worden.
Trefflich aber stimmte, wie schon hervorgehoben, diese
Prädestinationslehre zu seiner Staatsidee, die auch nicht anders als
durch eine solche Vergewaltigung zu Stande kommen kann; dieses
konstruierte Weltkaiserreich, in dem die durch gleiche Eigenschaften
hervorgerufen Konkurrenz der Einzelnen und der Völker ausgeschlossen sein
müsste, ist nur möglich, wenn jeder Mensch einen ganz bestimmten, von
keinem andern zu erstrebenden Platz einnimmt, wenn eine unendliche
Verschiedenheit und zugleich die Garantie für das Beharren in derselben
gegeben ist.
In Bezug auf jene bemerkt er allerdings, dass alle Menschen, als von
einer Art, sich auf Christus, den Normalmenschen, der gleichsam ihr Maß
und ihre Idee ist, zurückführen lassen, (Mon. III, 2.) dass es in uns,
als Menschen überhaupt, ein Einfaches, das
at¢exc¢hn
Menschliche, gibt, das uns den Maßstab für die gegenseitige Beurteilung
bildet. (V.E. 1, 16.)
Was das letztere, die Dauer und Sicherheit in allem
Menschlichen betrifft, so hat er davon empirisch die negativsten
Ansichten.
Sein tiefdringender Blick erkannte das Schwanken und Wanken des
Menschlichen unter dem Scheine der Stabilität, der es im Augenblicke
umgibt; die Staaten wechseln wie die Individuen und nur der Einzelne
erkennt dies schwer, weil sein Leben im Vergleich zu dem eines Staates so
kurz ist. (Par. XVI, 67.)
Kein vernunftmäßiges Geschehen war je dauerhaft wegen des Gefallens
der Menschen, das, wie der Himmel sich dreht, wechselt; der Brauch der
Sterblichen ist wie das Laub am Zweige: es geht und anderes kommt.(Par.
XXVI, 127.)
Indessen wird dies nicht ausschließlich im pessimistischen Sinne
ausgedeutet, da sein Dualismus, der weder im Himmel noch auf der Erde
recht festen Fuß fassen kann, die Hinfälligkeit des Irdischen, die er
einmal beklagt, ein andres Mal als notwendig für die menschliche Natur
ansieht: der Weltgeist lässt zur Zeit die eitlen Güter von Volk zu Volk,
von Geschlecht zu Geschlecht wechseln, wenn sich auch der Menschengeist
dessen erwehren will - das eine Volk herrscht und das andre sinkt nieder -
diese Wechsel haben keinen Stillstand, Notwendigkeit beschleunigt sie.
(Inf. VII, 79.)
Aber eben weil die Zeit in unaufhaltsamem Flusse ihr Geschehen
vorüberführt, müssen wir sie soviel wie möglich zu benutzen streben;
er selbst war ein viel zu erfüllter und tätiger Geist, als dass ihm das
richtige Ausnutzen der Zeit nicht vom höchsten Wert hätte erscheinen
sollen: Nur einmal, mahnt er, tagt jeder Tag, (Purg. XII, 84.) und je
verständiger der Mensch ist, desto mehr schmerzt ihn der Verlust der
Zeit; (Purg. III, 78.) ja, fast alle unsere Sorgen und Unannehmlichkeiten
sollen daher ihren Ursprung nehmen, dass wir den rechten Gebrauch der Zeit
nicht kennen, (Co. IV, 2.) wenn auch das Benutzen der Zeit nie in Eile, in
Hast ausarten darf, da diese jedem Tun den Anstand (onestade) nimmt.
(Purg. III, 10.)
Das Bewusstsein indes vom Verlaufe der Zeit haben wir nur, wenn der
Geist nicht stark durch Äußeres in Anspruch genommen ist; (Purg. IV, 7.)
schon dies und jene Beziehung aufs Praktische - ganz besonders ist es
Vergil, der Repräsentant der Weltlichkeit, der immer sie zu benutzen
drängt - verleiht ihr gewissermaßen einen subjektiven Charakter, der am
deutlichsten in dem Ausspruch hervortritt, dass die Hand des Himmels weder
langsam noch schnell wirkt, dass es uns aber so erscheint, je nachdem wir
sie mit Hoffnung oder mit Furcht erwarten. (Par. XXII, 16.)
Jene beiden erwähnten Prinzipien: der ewige Wechsel in allem Irdischen
und die Neuschöpfung jeder einzelnen Seele geben die metaphysischen
Grundlagen für seine empirisch gewonnene Überzeugung, dass sich die
menschliche Tüchtigkeit selten vererbt: so wollte es jener, der sie
verleiht, damit man sie von ihm erbitte. (Purg. VII, 121.)
Nicht dem Stamme als solchem, sondern den einzelnen Personen verleiht
Gott den Samen edler Tugend. (CO. IV, 20.)
Dem bloßen Lauf der Natur nach würde allerdings das erzeugte Wesen
immer denselben Weg gehen wie die Erzeuger, wenn nicht die göttliche
Vorsehung eingriffe, die sich ihre Werkzeuge ohne Rücksicht auf ihre
Abstammung wählt. (Par. VIII, 133)
Da muss also selbst der Ahnenstolz, der Ruhm der Herkunft selbst vom
edelsten Blute geringschätzig angesehen werden, und wo er dennoch einen
Wert darauf legt (wie in De Monarchia; und es steht damit im
psychologischen Zusammenhänge, wenn er die Volkssprache für nobilior
erklärt, weil sie die ältere ist (V. E. I, I.)), so ist dies eben nur
sein Dualismus, - möge die Vertretung der verschiedenen Seiten desselben
auch verschiedenen Zeiten angehören - der die Gesichtspunkte des
theologischen Standpunktes mit den Tatsachen weltlicher Anschauung in kein
rechtes und gerechtes Verhältnis zu setzen weiß.
Die edle Abkunft ist ein Mantel, der bald abgetragen wird, wenn man
nicht jeden Tag etwas daransetzt, (Par. XVI, 7.) und voll Reue bekennt
Umberto v. Santafiore: »Das vornehme Blut und die rühmlichen Taten der
Ahnen machten mich so hochmütig, dass ich, unsrer gemeinsamen Mutter
vergessend, jedermann verachtete«. (Purg. XI, 61.)
Mit allen feinen, groben und gröbsten Waffen greift er die an, die es
leugnen, dass ein vil generante einen nobile generato haben könnte; (Co.
IV, 14, 15.) denn das Geschlecht wird nur durch die einzelnen Personen,
die ihm angehören, aber nicht die Personen durch das Geschlecht edel, und
Adel ist da, wo Tugend, nicht Tugend da, wo Adel ist. (Co. IV, 19, 20.)
Und damit stehen seine vielfachen pessimistischen
Ansichten über weltliche Ehre und Ruhm überhaupt in engem Zusammenhang:
»O leerer Ruhm, ruft er, den menschliche Kräfte erwerben, wie kurz
dauert der Höhepunkt deiner Blüte, wenn nicht tiefstehende Zeiten
folgen. So glaubte Cimabue in der Malerei das Feld zu beherrschen, und
jetzt hat Giotto solchen Ruhm, dass er jenen ganz verdunkelt; so raubte
der eine Guido dem andern den Ruhm der Sprache und vielleicht ist der
schon geboren, der beide verdrängen wird.
Der irdische Ruhm ist nichts als ein Hauch des Windes,
bald von hier, bald von dort wehend, und wechselt die Namen, wie er die
Richtungen wechselt.
Wenn dein Körper sich erst im späten Alter von dir
trennt, wirst du dann im Verlauf von tausend Jahren größeren Ruhm haben,
als wenn du in frühester Jugend gestorben wärst? Und doch sind auch
tausend Jahre noch ein kürzerer Zeitraum im Verhältnis zur Ewigkeit, als
ein Augenblick gegenüber der Kreisvollendung des langsamsten Sternes.
Den Namen dessen, der so langsam vor dir hinaufschleicht,
nannte einst ganz Toscana und jetzt wird er kaum noch in Siena erwähnt;
das beherrschte er, als die Kraft der Florentiner vernichtet wurde, die
damals gewaltig vornehm war, wie sie jetzt eine niedere Dirne ist.
Euer Name gleicht der Farbe des Grases, die kommt und
geht, und dieselbe Sonne bleicht sie, die sie hat erstehen lassen.«
(Purg. XI, 91.)
Aber auch hier wieder der, wenn auch gewusste und
gewollte Dualismus: »Jetzt musst du dich aufraffen, sagt Vergil; denn in
den Federn und unter Decken kommt man nicht zum Ruhme: und wer ohne ihn
sein Leben hinbringt, lässt eine Spur von sich auf der Erde zurück, wie
der Rauch in der Luft oder der Schaum im Wasser.« (Inf. XXIV, 46.)
Der Nachruhm auf Erden hat für die Verdammten den größten Wert, er
ist schlechthin das che quì si brama, Brunetto Latini begehrt nichts, als
ihm seinen Tesoro zu empfehlen, nel quale io vivo ancora, (Inf. XV, 119.)
durch das Versprechen, ihren Namen auf der Oberwelt bekannt zu machen,
bewegt er sie oft, sich ihm zu erkennen zu geben.
So ist auch die Erinnerung an den eignen Ruhm die letzte Mahnung, die
er für den Kaiser Albrecht weiß. (Purg. VI, 116.)
Zwar werden jene Worte alle in der Hölle gesprochen, in der sich die
Repräsentanten verderbter Weltlichkeit zusammenfinden, und in der
reineren Sphäre des Fegefeuers sind die Seelen bescheidener, Oderisi
d'Agobbio erkennt willig die Verdienste des Franco Bolognese an, was er
aus Ruhmsucht im Leben nie getan hätte, (Purg. XI, 82.) und Vergil scheut
sich, dem Statius, der ihn feiert, ohne ihn zu erkennen, seinen Namen zu
nennen. (Purg. XXI).
Dass aber jenes weltliche Streben nach Ruhm und Ehre doch nicht der
Sünde als solcher inhäriert, beweisen die tiefsten Höllenkreise, in
denen die verworfensten Sünder von jenem nichts mehr wissen wollen;
wenigstens die Hälfte von Dantes Seele ist von der Berechtigung desselben
durchdrungen, wie sich nicht nur aus den angeführten Stellen, sondern
sogar aus einer des Paradieses ergibt: Es sind dir in diesen Rädern, auf
dem Berge und in dem Abgrund der Schmerzen nur Seelen berühmten Namens
gezeigt worden; denn der Geist des Hörers findet weder Beruhigung noch
Überzeugung in einem Beispiel, dessen Wurzel unbekannt und dunkel ist,
noch überhaupt in einem unscheinbaren Beweisgrunde. (Par. XVII, 136.)
Ganz entsprechend der zwiespältigen Ansicht über den
Ruhmeswert der einzelnen Seele verhalten sich die über die Kraft und
Würde des menschlichen Geistes überhaupt.
Er hat die höchsten Vorstellungen davon, so weit die
Unterordnung unter das göttliche Prinzip keine Schranken setzt; wie oben
treten diese letzteren mehr im Purg. und Par., ersteres mehr im Inf.
hervor.
Cavalcante dei Cavalcanti, der freilich für einen Atheisten galt,
lässt ihn die Hölle per altezza d'ingegno durchwandern. (Inf. X, 58.)
Der Geist weiß die körperlichen Beschwerden zu überwinden, und
andrerseits quälen die Vorstellungen des Geistes mehr als die
körperlichen Schmerzen; (Inf: XXIV, 52; XXX, 64.) aber eben um dieser
Gewalt willen ist der Geist auch die böseste Waffe des Bösen. (Inf.
XXXI, 55.)
So hebt er auch die Wissbegierde des Odysseus hervor,
offenbar mit einer gewissen Anerkennung: Nicht der süße Sohn, nicht die
Pietät gegen den alten Vater, nicht die schuldige Liebe, deren sich
Penelope hätte erfreuen müssen, konnten in mir den heißen Wunsch
besiegen, die Welt kennen zu lernen, die Schwächen und die Stärke des
Menschengeschlechts zu erfahren.
Betrachtet Eure Art: Ihr seid nicht gemacht, wie die Tiere zu leben,
sondern der Tüchtigkeit und dem Wissen nachzugehen. (Inf. XXVI, 94.)
Das Wissen, die philosophische Spekulation ist ihm mit das Höchste und
Beste unter den Zwecken, zu denen die göttliche Güte uns ins Dasein
gerufen hat; (Mon. I, 4.) auch er war von jenem Wissensdrang erfüllt, der
die edelsten Geister des Mittelalters, Anselm von Canterbury an ihrer
Spitze, beseelte - war es doch der ungeduldige Drang nach Erkenntnis, aus
dem Luzifer, sonst der edelste der Engel, von Gott abfiel.
Das theoretische Interesse, die Erkenntniskraft des
Geistes wird ihm in der Rangordnung unsrer Geistesgaben nur noch von der
Willensfreiheit überragt, freilich auch nicht, ohne dass dies
Prävalieren an einigen Stellen zweifelhaft würde.
In der Wissenschaft zeigt sich die äußerste
Vollendung unsrer Seele und ruht ihr äußerstes Glück; von Natur sind
wir dem Streben nach ihr untertan; die Seele verliebt sich förmlich in
die Wahrheit, die Beweise und Auseinandersetzungen nennt er die Augen der
(unter dem Bilde einer Frau vorgestellten) Philosophie, die grade zu in
unser Gemüt eindringen; Philosophie, in ihrer Vollendung, ist die
gegenseitige vollkommene Liebe und Freundschaft der Seele und der
Weisheit.
Und wenn das Studium auch viele Zweifel mit sich
bringt, so verschwinden diese doch vor der Wahrheit wie Nebel vor der
Sonne.
Freilich sind es nicht viele, die sich der Erforschung derselben widmen
können, und er führt viererlei Gründe an, durch die man davon
abgehalten werden kann: körperliche Fehler, Niedrigkeit der Seele, Sorge
für Familie und Staat, la quale convenevolmente a sè tiene degli uomini
il maggior numero, endlich räumliche Entfernung von einem Orte, an dem
man studieren könnte. (Co. I, 1, II, 16, III,12)
Aber diejenigen, die sich nun der Ausbildung ihres Geistes widmen
können, die überhaupt an Intellekt die andern überragen, werden auch in
jeder andern Beziehung, so besonders im politischen Leben, dominieren;
(Mon. I, 4.) er ist durchaus Aristokrat und verachtet tief jene gente
grossa, die ohne das Licht des Wissens im Tierdasein dahinlebt.
Allerdings mag der Bildungs- und Wissensgrad der untergeordneten
Stände damals von einer kaum vorstellbaren Niedrigkeit gewesen sein; sehr
fein bezeichnet er das Unterscheidungsvermögen als das, was den unteren
Volksklassen besonders abgehe, und begründet dies damit, dass sie von
Jugend auf nur einem Gewerbe zugewandt sind und deshalb nicht zu
der vielseitigen Übung kommen können, deren die Ausbildung der
intellektuellen - aber auch der moralischen -Eigenschaften benötigt. (Co.
I, 11.)
Es ist, wie wir uns ausdrücken, die Ausbildung apperzipierender
Kategorien, die jenen fehlen soll; eben diese psychologische Tatsache
schafft auch den Unterschied zwischen den hoch- und den
niedrigstehenden Seelen, dass das Staunen in jenen nicht so lange anhält
als in diesen; (Purg. XXVI, 71.) und es steht mit ihr wenigstens in
Zusammenhang, dass hervorragende Geister nicht durch consuetudines
gefesselt werden, dass nicht sie nach den Gesetzen, sondern die Gesetze
nach ihnen bestimmt werden. (An Cangrande, 2.)
Hier tritt das Theoretische also in engen Zusammenhang
mit dem Moralischen, und es wird an andern Stellen grade zu zum Vehikel
desselben.
So ist das einzige Mittel, um Dante aus der follia des
Lebens, aus der Bedrohtheit durch die Laster, zu retten, dass ihm die
Reiche des jenseitigen gezeigt werden; dass die meisten Menschen
nur die Außenseite der Dinge sehen (weil sie dem Sinne und nicht der
Vernunft nachgehen), ist ihm die Ursache vieler sittlicher Mängel: daher
käme es, dass sie bald gierig, bald gesättigt sind, jetzt erfreut über
ärmliche Genüsse, jetzt betrübt über ärmliche Schmerzen, bald wie
Freunde, bald wie Feinde sich gegenüberstehen; (CO. I, 4.) das Wesen der
Engel wird gelegentlich ins Erkennen gesetzt, (Par. XXIX, 60.) und die
Seligkeit besteht in einem Schauen Gottes, also - ohne den Wortsinn
zu urgieren - in einer theoretischen Tätigkeit.
Auch ist es bezeichnend für sein Interesse am Theoretischen, dass er
da, wo er die Beschränkung der menschlichen Erkenntnisweise hervorhebt,
fortfährt: »Wenn Ihr alles hättet einsehen können, so brauchte Maria
nicht zu gebären«; (Purg. III, 37.) hierin tritt so recht der
Zusammenhang hervor, in dem er das Erleuchtungswerk Christi mit seinem
Erlösungswerk erblickt.
Die Verdammten werden als die bezeichnet, die il ben
dell' intelletto verloren haben; dies kann direkt als Gott gedeutet
werden, indem ihn zu besitzen, zu erkennen, das höchste Gut unsrer
Vernunft ist; oder es kann wörtlich genommen werden, so dass die
vorausgesetzte Gottentfremdung die Verdunklung auch der Vernunft als
solcher mit sich brächte.
Da würde nun also umgekehrt das Moralische ein Vehikel
des Theoretischen sein, aber wiederum zur Erhebung des letzteren.
Das erinnerte übrigens an Plato, dem die Tugend zwar
ein Wissen ist, der aber andrerseits moralische Erhebung für notwendig
findet, um theoretische Irrtümer abzulegen.
So eng verknüpft sich für Dante das Moralische mit dem Theoretischen,
dass er - hierin freilich der echte, starre Dogmatiker - den theoretischen
Gegner förmlich für einen Verbrecher ansieht und ihm gelegentlich statt
mit Worten, mit Messerstichen antworten möchte; (CO. IV, 14.) ist es doch
auch der mal amor der Seelen, der ihnen die via torta als dritta
erscheinen lässt. (Purg. X, 2.)
Ja, einmal sagt er geradezu, die Verständigkeit gehöre eigentlich zu
den moralischen Tugenden, weil sie den Weg zeige, auf dem diese erworben
werden und ohne den sie nicht sein können, (CO. IV, 17.) und für seine
Ethik ruht die eigentliche Willensfreiheit in der virtù che consiglia, in
dem Verstand, der über gut und böse urteilt.
Allein den stolzen Ansichten von menschlichem Wissen und Verstande
steht eine demütige gegenüber; wir sollen uns nur ja auf unsern Geist
nichts einbilden, denn seine Sehkraft krankt und wir sind doch nichts als
missgeborene Würmer, aus denen der englische Schmetterling erst werden
soll; (Purg. X, 121.) und mit all unserm Geist können wir nicht zum
Frieden des Gottesreiches kommen, wenn er nicht zu uns kommt. (Purg. XI,
7.)
Aber die Erkenntnis, die diese Unvollkommenheit unsres
Wissens ergänzen soll, wird nicht unzweideutig bestimmt; ob die
Unzulänglichkeit nur den untergeordneten, durch die Sinnlichkeit und die
schlechthin natürlichen Erkenntniswege vermittelten Teil unsres Wissens
trifft, dagegen für den rationalen, gottgegebnen Teil desselben nicht
gilt - oder ob auch dieser, so lange wir auf Erden weilen, in das
allgemeine Dunkel des irdischen Seins hinabgezogen wird, darüber kommt es
zu keiner dauernden Klarheit.
Nach der Konsequenz seiner theologischen Anschauungsweise, den obigen
Stellen und der vorhin betonten Notwendigkeit der Sinnlichkeit zum
Erkennen müsste das letztere angenommen werden, und er spricht es auch
ganz deutlich aus, dass wir uns als umana gente mit der unvollkommeneren
Erkenntnisweise, der aposteriorischen, begnügen müssen. (Purg. III, 37.)
Aber im Gegensatz dazu sehen wir, dass er im Paradies
die schwierigsten Welträtsel auflöst, wenn es auch unter dem Bilde einer
göttlichen Erleuchtung geschieht, und wenn er dann sagt.
Niemals fühlt sich unser Geist befriedigt, wenn nicht diejenige
Wahrheit ihn erleuchtet, außerhalb deren es nichts Wahres mehr gibt, und
er kann sie erreichen (Par. IV, 124.) - so ist darin doch zugegeben, dass
unser Geist schon hier auf Erden dasjenige erkennen kann, was überhaupt
erkennbar ist.
Das ist überhaupt das Wesen der Scholastik: dass sie
theoretisch die Unvollkommenheit unsres Wissens völlig anerkennt,
tatsächlich aber fest davon durchdrungen ist, dass sie im
unanzweifelbaren Besitz der letzten Wahrheiten sei.
Zweierlei allerdings steht bei Dante und seinen
Gesinnungsgenossen fest: dass die menschliche Vernunft durch die ihrem
fürsichseienden Wesen eigne Kraft nicht im Stande ist, das höchste
Erkennbare zu erkennen, sondern dass es dazu einer besonderen Erleuchtung
von oben her bedarf, die mit jenem Einhauchen des göttlichen Geistes
überhaupt noch nicht gegeben ist, sondern in jedem einzelnen Falle
eintreten muss; der Wissensdurst ist zwar von der Natur gegeben, aber
befriedigt kann er nur auf übernatürliche Weise werden. (Purg. XXI, 1.)
Und ferner, dass die letzten Geheimnisse der Gottheit
auch mit der höchsten Erleuchtung und selbst von den Engeln nicht
verstandesmäßig begriffen werden können.
Dazu gehört vor allem die Dreieinigkeit und die
Verdammung der Heiden, auch wenn diese die größte moralische
Vollkommenheit aufweisen.
Das ist nun die Denkart, die im credo quia absurdum
ihren exactesten Ausdruck fand.
Man vergesse nie, dass der Ton hierbei ausschließlich
auf dem credo liegt, das dadurch in einen Gegensatz zu intellego oder
scio
gestellt werden soll; was vernunftmäßig ist, was den Gesetzen der
Empirie und Logik entspricht, das kann ich wissen, das brauche ich deshalb
nicht bloß zu glauben.
Bei Dante findet sich eine Stelle, die diese Sinnesweise in
merkwürdiger Form ausspricht: Wenn die himmlische Gerechtigkeit in den
Augen der Sterblichen als Ungerechtigkeit erscheint, so ist dies ein
Zeichen ihres Glaubens und nicht schlimmer Ketzerei. (Par. IV, 67.)
Die Stelle kann wohl nur folgenden Sinn haben; je
unverhüllter, je begreiflicher und menschenähnlicher die Eigenschaften
Gottes uns vor Augen treten, desto leichter überzeugen wir uns von ihnen;
wenn eine Gerechtigkeit, wie sie unsern Begriffen nach existieren muss,
uns in seinen Handlungen entgegenträte, so wäre dies ein förmlicher
Beweis dafür, dass er diese Eigenschaft besitzt.
Dadurch würde das aber aus der Sphäre des Glaubens
herausfallen; und das Verdienst des Glaubens an die göttliche
Gerechtigkeit liegt grade darin, dass wir kein festes Wissen um sie
haben, dass wir uns bescheiden, sie nicht erkennen, sondern nur glauben zu
wollen.
Um so tiefer erkennen wir unsre Untertanenstellung zu
Gott, je weniger wir uns einbilden, ihn zu verstehen; dem Geist, den wir
begreifen, könnten wir leichter zu gleichen meinen.
Dass der Gottesglaube überhaupt, seiner Substanz nach,
durch derartige Zweifel erschüttert werden könnte, das kommt den
Scholastikern nicht in den Sinn, und wenn dies nicht der Fall ist, so
zeigt er sich freilich um so stärker, je Schwierigeres und unserm Geiste
Widerstrebenderes ihm zu verdauen gelingt.
Psychologisch ist diese Denkungsart von hohem
Interesse, sowohl durch die scharfe Erkenntnis von den Grenzen unsres
Begreifens wie durch die Art, in der dieses vom Glauben ergänzt werden
soll.
Die tatsächliche Existenz der Objekte dieser
Glaubensgeheimnisse ist die dogmatische Voraussetzung, mit der nun unsre
Erkenntniskraft sich abzufinden hat.
Der Versuch eines verstandesmäßigen Begreifens wird von vornherein
aufgegeben; wenn der ärgste christliche Sünder mit einer letzten
Reueminute die ewige Seligkeit verdienen, der sündeloseste, sittlich
vollkommenste Heide aber zu ewigem Dunkel und quälerischem Sehnen
verurteilt sein soll, so kann dies mit unserm Begriff von Gerechtigkeit
absolut nicht vereint werden, es bleibt ein unlösbarer Widerspruch, ja,
es ist für uns geradezu ein Unsinn, wenn ein Heide, der nie von Christus
hören konnte, als ein »Rebell gegen Gottes Gesetz« angesehen wird.
(Inf. I, 125)
Der scholastische Glaube erstreckt sich also nicht nur
auf Dinge, für die ihm der Beweis fehlt, sondern auch auf solche, deren
Gegenteil ihm beweisbar ist.
Für uns ist jenes der einzige Sinn, in dem wir einen
Glauben zu Recht bestehen lassen können, und darum zeigt sich hier in
größter Schärfe der Unterschied in der Denkart der beiden Zeitalter,
und, entsprechend, in ihrer Psychologie.
Der Begriff des Glaubens muss einen ganz andern Inhalt
gehabt haben als bei uns; dass Vorstellungen wie Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit, deren Vereinigung in dem erwähnten Beispiel gefordert
wird, sich nicht nur logisch, sondern eben dadurch auch psychologisch
ausschließen, daran wird nicht gedacht.
Die Psychologie ist derartig von Dogmen umstrickt, dass
sie die bloßen Worte, deren Inhalt sich gar nicht realisieren
lässt, mit denen sich aber der common sense, da die Kirche sie
aufgestellt hatte, zufrieden gab, in ihre wissenschaftlichen
Überzeugungen hinübernahm.
Freilich, mögen die einzelnen Ringe des Danteschen
Denkens noch so schwach sein, man kann doch wenigstens überall zeigen,
wie sie in einander eingreifen; mag in objektiv psychologischer Hinsicht
richtige Beobachtung und dogmatische Unterschiebung wirr durcheinander
gehen, so ist in subjektiv psychologischer überall ein Zusammenhang zu
erkennen und jeder Gedanke trägt den Stempel eines abgerundeten, wenn
auch in Widersprüchen sich entwickelnden Geistes, der ihn als zu diesem
gehörig erkennen lässt.
Es ist ja nur die absolute Herrschaft Gottes, die ihren
schärfsten Ausdruck darin findet, dass kein
menschlich-verstandesmäßiger Maßstab an seine Handlungen gelegt werden
soll; es ist, wenn auch in ganz objektiver Anwendung, ein Zug von dem
feudalen Geist des Mittelalters in dieser Anschauung: der Herrschende
steht in einem absoluten Gegensatz zum Beherrschten, es bedarf keines
Einsehens in die Motive jenes, sondern einfachen Gehorchens; und in der
Tat kann die theoretische und praktische Überordnung des göttlichen
Geistes über den menschlichen durch nichts schärfer als durch jenes
Beispiel charakterisiert werden.
Ist die ganze Betrachtungsweise einmal so deozentrisch,
so würde mit Gott zu rechten nicht nur ein Frevel, sondern auch ein
Widerspruch, ein Unsinn sein; alle Moral geht von ihm aus, und im Kodex
dieser sind das Beten zu ihm, das Getauftwerden etc. Gesetze, denen
nachgekommen werden muss, wie allen andern ethischen Vorschriften; und wer
sie nicht erfüllt, geht konsequenterweise ebenso der Seligkeit verlustig,
wie wer die andern Pflichten des Menschen nicht erfüllt; Gott gegenüber
gibt es keine Menschenrechte, jene erwähnte »Rebellion«, die uns
unsinnig erscheint, hat von jenem Standpunkt aus vollberechtigten
Wortsinn.
Und dass das Wesen alles Irdischen eine solche Über-
und Unterordnung verlangt, ist das Kardinalprinzip Dantes.
Sein Gott steht nicht anders zu dem Ganzen der Welt,
als sein Kaiser und sein Papst zu den ihnen untergeordneten Seiten
desselben.
Sein Gott trägt, wie das eben bei einem persönlichen Gotte nicht
anders sein kann, einen monarchischen Charakter; das ganze monarchische
Prinzip Dantes erinnert in mancher Beziehung an das von Macchiavell und
noch mehr an das von Hobbes: was der Monarch tut, ist gerecht, weil das
und nur das gerecht ist, was er tut: Cotanto è giusto quanto a lei
(alla
prima volontà ch'è per se buona) consuona. (Par. XIX, 88.)
Aber die Begründung der Macht von Kaiser und Papst ist
eine tiefere, ja, sie ist grade zu eine psychologische.
Die Beurteilung der irdischen Zustände ist nämlich,
wie noch ausgeführt werden wird, bei Dante eine durchaus pessimistische.
Die Welt ist ganz und gar elend und verderbt und würde hinter den
trügerischen Reizen des Irdischen her geradenwegs ins Verderben rennen,
wenn nicht Führer und Zügel sie lenkte; so leicht verführbar sind die
Sterblichen, dass ein guter Anfang nicht die geringste Sicherheit für
gute Weiterentwicklung gibt; deshalb muss es ein Oberhaupt geben, das
wenigstens die Türme der wahren Stadt zu erkennen vermag; (Purg. XVI,
92.) nur weil niemand da ist, der da herrsche, geht das Menschengeschlecht
auf solchen Irrwegen, sagt er nach einer höchst pessimistischen
Schilderung der menschlichen Moral. (Par. XXVII, 127.)
Nur also, um die menschlichen Begierden zu zügeln, ihren sündigen
Trieben einen äußeren Damm entgegenzusetzen, bedarf es eines Kaisers und
eines Papstes. (Mon. III, 4, 15.)
Und zwar darf es nur einen Herrscher auf jedem Gebiet geben, um
die unendlich verschiedenen und divergierenden Richtungen menschlichen
Seins zusammenzuhalten; denn wie der einzelne Mensch die Einheitlichkeit
seines körperlichen wie seines geistigen Wesens suchen muss, wie eben
dieselbe Vereinheitlichung das schönste Ziel für die Familie und die
einzelne Bürgerschaft ist: so muss auch das ganze Menschengeschlecht
dahin streben, sich zu vereinheitlichen, und deshalb muss ein Herrscher
sein, der das Ganze so zusammenhält, wie der Geist im einzelnen Menschen
dessen Kräfte zu einem Zwecke, nämlich der Glückseligkeit,
lenkt. (Mon. I, 7, 17.)
Um aber diesen Endzweck für die Gesamtheit zu erreichen, bedarf es vor
allem des Friedens und dieser weist wieder auf ein Weltreich hin, in dem
es keine Fehden mehr geben kann, (Mon. I, 5.) da der Zweck einer solchen
Gemeinschaft eben nur das Wohl jedes einzelnen sein kann. (Mon. II, 5.)
Denn - hier wird die düstere Dogmatik von hellster, herzerfreuender
Freisinnigkeit überglänzt - nicht sind die Bürger der Konsuln wegen,
noch das Volk des Königs wegen da, sondern umgekehrt, die Konsuln um der
Bürger, der König um des Volkes willen; und wenn deshalb auch Konsul und
König respectu viae die Herren der andern sind, so sind sie doch respectu
termini deren Diener; und insbesondere der oberste Monarch muss ohne
Zweifel als der Diener aller angesehen werden. (Mon. I, 14.)
Hier also, wo es auf die Entwicklung des ihm am meisten
eignen Teiles seines Systems ankommt, weiß er sich zu einer unbefangenen
Schätzung der menschlichen Verhältnisse aufzuschwingen; hier weiß er
rationell und vorurteilslos zu begründen, was der Tatsache nach mit der
ärgsten Dogmatik übereinstimmt - was aber auch, wie ich fest glaube, von
dieser seine Form angenommen hat.
Die Ähnlichkeit mit Macchiavell und mit Hobbes ist gar
nicht zu verkennen; auch bei ihnen sind es nicht loyale oder dogmatische
Vorurteile, aus denen sie ihre Monarchien wollen, sondern der Vorteil des
Ganzen, den sie in der absoluten Herrschaft eines Einzelnen sehen: damit
der Fürst der Diener von allen sein könne, muss er ihr unumschränkter
Herr sein; auch sie entnehmen ihre Gründe der allgemeinen Natur der
Menschheit und gründen ihre Folgerungen gleichfalls auf moralischen
Pessimismus.
Und wenn bei Dante die Form dieses Regiments mit jener
kosmischen Herrschaft Gottes bedenkliche Verwandtschaft zeigt, wenn die
Idee einer notwendigen Herrschaft über die Menschheit in einen
rationell-empirischen und einen dogmatisch-supranaturalistischen Zweig
auseinandergeht: so erkennen wir darin den dualistischen Grundzug der
Danteschen Natur wieder, der sich noch keiner scharfen Grenze zwischen
dem, was er durch die Tatsachen und dem, was er nur durch ein Dogma
rechtfertigen konnte, bewusst war.
Darum ist er auch der psychologisch-pessimistischen Begründung seiner
Monarchie nicht so konsequent nachgegangen, wie jene beiden es getan
haben; er will noch, dass sein Universalreich von der Liebe regiert werde!
(Mon. I, II.)
Und er sagt sogar einmal, dass jeder Mensch von Natur Freund des andern
wäre; (Co. I, 1.) was allerdings gegen den Ausgangspunkt von Hobbes'
Theorie: homo homini lupus, den denkbar schärfsten Gegensatz bildet.
Auch lässt sich aus inneren Gründen unschwer
erkennen, dass derartig optimistische Gesichtspunkte, im Gegensatz zu
seinen empirisch gewonnenen pessimistischen, einen apriorischen und mehr
oberflächlichen Charakter tragen; ich brauche nur daran zu erinnern, in
welcher fast unglaublichen Weise der scholastische Begriffsformalismus
seine Menschenkenntnis in der Annahme übertönt, dass der Monarch, weil
ihm alles gehöre, von jeder Begierde frei sein werde! - Zu seinen sonst
absprechenden Meinungen über den Wert des Lebens und der Lebenden wirken
nun allerdings seine Erfahrungen mit dem düsteren und weltverachtenden
Wesen der Scholastik zusammen.
Die Sterblichen werden einfach als miseri bezeichnet, (Par. XXVIII, 2.)
die Nacht ist schlechthin dasjenige, was die Menschen von ihren Lasten
befreit, (Inf. II, 1.) und es ist ihm bedeutungsvoll, dass jetzt die Rede
so häufig mit: Ach! (heu) anfängt. (V. E. I, 4.)
Das Leben ist ein harter Kriegsdienst, (Par. V, 117.) und es wäre die
höchste Torheit, es nicht gern mit dem himmlischen zu vertauschen; (Par.
XIV, 25.) so bescheiden ist er in seinen Begriffen vom Glück, dass er es
mit der bloßen Zufriedenheit identifiziert, (CO. III, 8.) und die
höchste erreichbare Seligkeit als Frieden bezeichnet. (Par. V, 61.)
Alles Vergnügen, das die Erde uns bieten kann, erscheint uns
mangelhaft; denn keines ist so groß, dass es den Durst nach
Vollkommenheit unsres Wesens stillte. (Co. III, 6.)
Die vergänglichen, vom Glück abhängenden irdischen Güter sind
deshalb wertlos, (Inf. VII, 61.) und töricht ist die Sorge der
Sterblichen darum: Der geht dem Rechte, jener der Medizin, ein dritter dem
Priestertume nach; der eine sucht mit Gewalt und mit Betrug die
Herrschaft, ein zweiter den Raub, der dritte ein bürgerliches Geschäft;
dieser liegt in den Fesseln der Sinnenlust verstrickt, jener huldigt dem
Müßiggange: ich aber, von dem allen los und ledig, hatte mich in den
Himmel erhoben etc. (Par. XI, I)
So ist auch jeder Mensch, so lange er auf Erden weilt, irgendwie
befleckt: durch eine Leidenschaft, einen Leibesfehler, Schicksalsschläge,
Schande der Verwandten. (CO. I, 4.)
Nur den Verdammten erscheint das Erdenleben natürlich als bella und
lieta; wenn aber die Hölle mal mondo und der Himmel mondo pulcro genannt
wird, so ist dagegen das Irdische mondo fallace, gleichsam die schlechtere
Mitte zwischen beiden und zu ersterem gravitierend.
Aber dieser allgemeine Pessimismus gründet sich durchaus auf einen
ethischen; das Elend der Welt wird durch die Sündhaftigkeit des
Menschengeschlechts hervorgebracht, unsre Lasten von unsern Lastern. (Inf.
XIX, 104. Par. XIII, 108.)
Wir haben eben nur die Kraft gehabt, zu sündigen; die Kraft, die
entsprechende Sühne zu leisten, geht uns ab; (Par. VII, 97.) die Sünde
geschieht mit einem Male, zum Guten aber wachsen die Kräfte nur
allmählich, (Par. XVIII, 58.) ja, das Leben wird einmal grade zu durch
posse peccar umschrieben. (Purg. XI, 90.)
Zwar blüht wohl der gute Wille im Menschen, aber der ewige Regen der
cupidigia verdirbt seine Früchte; (Par. XVII, 121.)
So ist die Sucht nach Reichtum, und dieser selbst nur ein Fluch für
die Menschheit; denn immer verspricht er Befriedigung, wenn er nur erst
eine gewisse Stufe erreicht hätte, und gewährt sie nie, und lockt immer
weiter, statt erfrischender Sättigung Fieberdurst erzeugend.
Freilich steigt auch im allgemeinen das menschliche
Wünschen mit seiner Befriedigung immer höher.
Und der Grund davon ist der: das letzte Ziel alles Wünschens ist Gott,
gleichsam die Basis der Pyramide unsrer Wünsche, bei der wir von der
Spitze anfangen, so dass wir fortschreitend immer größte Gebiete
umfassen müssen; denn wir finden in keinem einzelnen Dinge ganz das, was
wir suchen, und suchen daher immer mehr und weiter - so glaubt der Pilger
in jedem nächsten Hause die Herberge zu entdecken; so ist das Ziel der
Wünsche des Knaben erst ein Apfel, dann ein Vogel, dann ein schönes
Gewand, ein Pferd, ein Mädchen, ein wenig Reichtum, dann viel Reichtum
usf. Und dieser letztere wird fast immer auf ungerechte und unverständige
Weise erworben. (CO. IV, 11, 12.)–
Zwar mag man noch einen gewissen Optimismus in der Bestimmung sehen,
dass die Kreise der Verdammten mit der zunehmenden Schwere des Verbrechens
an Umfang abnehmen, und in der Äußerung: Contra miglior voler, voler mal
pugna. (Purg. XX, I.)
Um so schwerer wiegt aber die Einleitung des Gedichtes, wenn sie
wirklich, wie nicht zu bezweifeln, den allgemeinen Zustand von Welt und
Leben darstellen soll, das fortwährende Umdrohtsein von den Sünden, die
durch die drei Tiere repräsentiert werden und von denen vernichtet zu
werden man nur durch ein besonderes himmlisches Eingreifen bewahrt werden
kann; und schon das örtliche Verhältnis zeigt einen verhängnisvollen
Zusammenhang: ganz nahe der Hölle scheint das selbst schon höllenhafte
Leben (poco è piú morte! (Inf. I, 7.)) zu liegen.
Und wie jede Enttäuschung auf Grund einer Erwartung,
also jeder solche Pessimismus auf Grund eines moralischen Idealismus
entsteht, so ist ihm, wie schon erwähnt, Christus, der absolut reine,
gleichsam der »Mensch an sich«, auf den sich alle, als ihr Maß und ihre
Idee, zurückführen lassen.
Mit Vorliebe richtet er seine moralischen
Verdammungsurteile gegen ganze Städte und Völker.
Die Deutschen sind ihm schlechthin gefräßig, (Inf. XVII, 21.) die
Franzosen eitel, (Inf. XXIX, 123.) die Italiener ganz und gar verderbt;
(Purg. VII.) von den Städten ist es natürlich Florenz, dessen
Charaktereigenschaften er in den schwärzesten Farben malt, auf dessen
ingrato popolo maligno er alle Entrüstung über sittliche Verkommenheit
häuft.
Die Bolognesen charakterisiert ihr Geiz, (Inf. XXVIII, 63.) die
Lucchesen ihre Gaunerei, (Inf. XXI, 41) das Volk von Siena seine noch die
französische übertreffende vanitä; Pistoja, Pisa und Genua sind gar so
verderbt, dass der Dichter ihnen vollkommene Vernichtung wünscht. (Inf.
XXV, 10, XXXII, 79) –
Er überschaute mit fast völkerpsychologisch zu nennendem Blick die
Eigenschaften nationaler und politischer Vereinigungen und ihre
Bedingungen.
Er weiß, dass es das Notwendigste für den Einzelnen ist, Glied einer
Gesamtheit, Bürger eines organisierten Staates zu sein, (Par. VIII, 115.)
wenn er sich auch nicht verbirgt, dass das einzelne Staatswesen so
untergehen muss, wie ein persönliches, s. o.
Und doch dürfen - hier
bricht ganz der moderne Geist durch - trotz jener Notwendigkeit, Bürger
zu sein, die gerechten Forderungen der individuellen Seele darunter nicht
leiden; trotz der heißesten Liebe zu Florenz entsagt er, in jenem
unvergleichlichen Briefe an den Florentiner Freund, der Rückkehr dorthin,
die ihm unter schmählichen Bedingungen angeboten war: bleibt ihm doch
überall der Anblick der Gestirne und seine Studien!
Ja, in erhabenem
Stolz, der freilich dem tiefsten, aber resignierten Schmerz über seine
Vaterstadt entsprießt, sagt er: dass ihm und seinesgleichen die Welt das
Vaterland wäre, wie den Fischen das Meer. (V. E. I, 44.)
Eine tiefe Wehmut durchzieht seine Ansichten über die öffentlichen
Zustände, aufs schmerzlichste empfindet er ihre allmähliche Depravation,
(Par. XV, 97.) zu der er einen wesentlichen Faktor in der Übervölkerung
der Städte sieht, die ihnen ebenso verderblich sei, wie dem Körper die
Überladung mit Speisen; besonders aber gibt er diesem Pessimismus in
jener großen Allegorie der Weltgeschichte Ausdruck: er schaut diese unter
dem Bilde eines Greises an, der sich von Osten nach Westen richtet, damit
die Richtung des Stromlaufes der Geschichte andeutend; seine einzelnen
Glieder weisen auf die verschiedenen Zeitalter, der Kopf ist von feinem
Golde, Brust und Arme von reinem Silber, und der Körper bis zu den
Hüften von Kupfer; von da an ist alles Eisen, bis auf den rechten Fuß,
der von Ton ist - und grade auf diesen stützt er sich besonders -
offenbar ist dies der gegenwärtige Zustand, in dem sich die
Weltgeschichte grade befindet und der einen nahen Einsturz befürchten
lässt.
Außerdem aber geht vom Hals an eine Spalte durch den ganzen Körper,
die nur den Kopf (das goldne Zeitalter) frei lässt; durch sie rinnen
Tränen herab, die der Körper ausströmt und die dann die Höllenflüsse
bilden (Inf. XIV, 103.) Tränen also sind das hervorgehobenste Elaborat
des Weltlaufes, von Urzeiten her.
Freilich geht mit solcher ruhigen, historisch-psychologischen Erwägung
die Tendenz seines Dogmas gelegentlich durch: das römische Volk, meint
er, habe die Welt in den reinsten, selbstlosesten Absichten, nur auf das
allgemeine Menschenwohl bedacht, unterworfen! (Mon. II, 5.)
In das Gebiet politisch-psychologischer Erkenntnisse
gehören noch die mehrfach erwähnten Ähnlichkeitsbeziehungen der
Einzelseele zur Gesamtheit, insbesondere die Forderung, den Staat zur
Einheit seiner Elemente zu führen, wie es für die Seele nötig ist, ihre
verschiedenen Kräfte möglichst zu vereinheitlichen, ferner die
Erkenntnis, dass die Ordnung der Bestandteile seines Weltreiches mit der
der psychischen Kräfte zu vergleichen sei und beide einer höchsten,
unumschränkten einheitlichen Herrschaft bedürfen, dass die Charaktere
von Gesamtheiten so gut wie die von Einzelnen ihre ganz bestimmten,
ausgeprägten Eigenschaften besitzen, die sie zu gleichfalls bestimmten
Funktionen im Kosmos, und nur zu diesen, befähigten, dass einzelne zum
Herrschen, andre zum Dienen geboren sind, usw.
In diesem Zusammenhänge sei noch bemerkt, dass, wie er
die einzelne Seele schon beinahe als Spiegel einer Volksseele erkennt, so
die Geschichte der Stadt Rom ihm als Spiegel der gesamten Weltgeschichte,
wohl in Bezug auf ihre Hebungen und Senkungen, ihr Aufblühen und ihre
Depravation, erscheint. (Inf. XIV, 105.)
Die hauptsächlichste Beziehung indessen, die er
zwischen der Organisation der Menschenseele und der der Gesamtheit
stiftet, besteht in seinem Prinzip der zwei Gewalten; nicht nur ein
Herrscher überhaupt muss dasein, der der Menschheit das ist, was ein
durchgängiges Prinzip der dadurch vereinheitlichten Seele, sondern wie es
zweierlei Naturen im Menschen gibt, so soll es auch für jede derselben
einen Beherrscher geben, von der absoluten Trennung beider veranlasst und
sie äußerlich veranschaulichend.
In der Tat steht und fällt die Notwendigkeit eines
Papstes und eines Kaisers im Danteschen Sinne, von denen jener das innere,
dieser das äußere Gebiet des menschlichen Seins beherrschte, mit der
Notwendigkeit, im Anthropologischen jenen absoluten Dualismus anzunehmen.
Denn der Mensch soll aus zwei Naturen bestehen, einer
natürlichen, sinnlichen, und einer von Gott ihm verliehenen, rationalen,
und jede soll einen von der andern ganz divergierenden Weg gehen und
deshalb des besonderen Führers bedürfen.
Zwar wird zugegeben, dass anfänglich die göttlichen Triebe sich in
nichts von den natürlichen unterscheiden: wie die Getreidehalme, die sich
beim Auskeimen auch ganz ähnlich sehen, später aber sich in ganz
verschiedener Weise entwickeln; und dass der Selbsterhaltungstrieb beiden
Seiten unseres Wesens gemein wäre. (CO. IV, 22.)
Im Übrigen aber dirimieren sie sich in Bezug auf ihren
Ursprung, wie schon gesagt, auf ihre Ziele, nämlich die irdische und die
himmlische Glückseligkeit, und ihre Wege, das tätige und das
beschauliche Leben.
Die Irrtümer, an denen diese Lehre krankt, sind schon
oben angedeutet worden.
Konsequenterweise müsste die vita civile, die den
Gegensatz zur vita contemplativa bildet und dem Kaiser unterstehen soll,
ganz und gar nur sinnlicher Natur sein -während es doch nicht der
Erwähnung braucht, dass es auch für diese der höchsten Funktionen des
Intellekts bedarf, was auch Dante gewiss nicht in Abrede stellen möchte.
Soll die Koordination und gegenseitige Unabhängigkeit
von Kaisertum und Papsttum eine so vollkommene sein, wie Dante wünscht,
sollen beide wirklich von Gott velut a puncto bifurcate sein, (An die
Fürsten und Völker Italiens, 5.) so müssten die beiden Seelenvermögen
- der Ausdruck sei der Kürze halber gestattet - auf die sie sich stützt,
gleichfalls voneinander unabhängig und von gleicher Wichtigkeit für
unser Leben sein; dies ist aber nach ihm durchaus nicht der Fall, sondern
das sinnliche ist aufs entschiedenste dem rationalen untergeordnet, ja, es
ist an sich schlechthin tierisch, und empfängt seine Qualität als menschliche
Eigenschaft erst durch das Hinzutreten jenes, von Gott eingehauchten;
er erkennt diese Superiorität auch an, wenn er sagt: Alles ist entweder
durch Natur oder Geist; indirekt aber alles durch letzteren, da auch die
Natur opus intelligentiae ist, (An Cangrande, 21.) und wenn ihm die
tätige und die beschauliche Seite unserer Natur beide zum Glück führen,
er aber zusetzt: jenes ist gut, dieses aber das beste; (Co. IV, 17.) und
noch stärker in dem Ausspruch: der Mensch hat zwei perfezioni; la prima
lo fa essere, la seconda lo fa essere buono. (Co. I, 13.)
So hoch also, der Funktion nach, dieser Seelenteil
über jenem, so hoch das religiöse, ja, eigentlich das jenseitige Leben
über dem weltlichen - ebenso hoch müsste der Papst über dem Kaiser
stehen.
Der fundamentale Irrtum des Systems liegt eben, neben
der absoluten und genetischen Trennung der Seelenvermögen, in der
Konfundierung des Geistigen mit dem Geistlichen; wenn der Geist von Gott
kommt, so gehört er damit in den Bann der religiösen Autorität, die
geforderte Koordination entbehrt der notwendigen Grundlage und der
Dualismus muss in spiritualistischen Monismus hinüber fallen - wie ja
überhaupt jeder Theismus, wenn man Ernst mit ihm macht, in Pantheismus
übergeht; kann man doch keinen deutlicheren Beweis für jene Behauptungen
verlangen, als er in der Vorstellung Dantes liegt, dass erst die Sehnsucht
nach Gott jedes Ding zu dem macht, was es ist. (Par. XX, 77.)
Aber wenn man selbst der Auffassung nachgeht, dass das
Rationale, seiner Substanz nach zwar von Gott ausgehend, doch in seinen
Funktionen sich dirimierte, einerseits auf die irdischen Dinge,
andrerseits auf die göttlichen sich richtete: so schwebt es doch immer
noch zwischen Himmel und Erde, zu göttlicher Natur, um den Tatsachen, zu
irdischer, um seinem prätendierten Ursprung nicht zu widersprechen.
Man bedenke nur die komplizierten und
widerspruchsvollen Folgen, die sich aus dieser Trennung für die
Unsterblichkeit ergeben müssen.
Der scharfe dualistische Zug, der diese Trennung der
beiden Prinzipien des Seins zuwege bringt, spricht sich auch in Dantes
Tendenz aus, die Anthropomorphisierung des göttlichen Wesens abzuwehren.
Obwohl er z. B. die Liebe fortwährend als das betont, was den
unbewegten Beweger bewegt, so rückt er doch, wie weiterhin nachgewiesen
werden wird, diese Liebe mit entschiedener Absicht aus dem Psychologischen
ins Metaphysische; ebenso erhält der Begriff der giustizia, die dem
göttlichen Geiste zugeschrieben wird, etwas mystisch-metaphysisches, das
den darin liegenden Anthropomorphismus wesentlich abschwächt; so wird ihr
Wesen als viva giustizia, (Par. VI, 121.) als giustizia sempiterna, (Par.
XIX, 58.) mit dem Gottes selber identifiziert, während sie andrerseits
wieder als Dienerin des höchsten Herrn genannt wird; (Inf. XXIX, 55.) ihr
Begriff bekommt auch das Umfassende, über das Anthropologische
Hinausgehende, wie, allerdings in viel höherem Maße, der des amore.
An andern Stellen ist er direkt bemüht, die Vermenschlichung der
göttlichen Qualitäten abzuwehren: Der Himmelsherrscher wird von heißer
Liebe und lebendiger Hoffnung überwältigt, die den göttlichen Willen
besiegen; aber nicht, wie Mensch dem Menschen überlegen ist, sondern sie
besiegen ihn, weil er besiegt sein will, und, überwältigt, durch seine
Güte überwältigt. (Par. XX, 94.)
Gänzlich frei von der Eigenschaft des Neides, lässt die göttliche
Güte ihre ewigen Wirkungen von sich ausgehen, was unmittelbar ihr
entstammt, ist den Naturgesetzen nicht unterworfen; die menschliche Natur
ist (durch die Sünde) dissimile al sommo bene. (Par. VII, 64.)
Oft wird hervorgehoben, wie das Wort Gottes unendlich allem überlegen
ist, was es hervorgebracht hat, so dass auch die menschliche, ja, die
englische Natur nur ein armseliges Gefäß ist für jenes Gut, das
unendlich ist, und nur sich selbst zum Maße dienen kann. (Par. XIX, 40.)
Die Stelle ist schon angeführt, in der er die menschliche Gestalt
Gottes, unter der ihn die Überlieferung darstellt, ausschließlich von
der Schwäche des menschlichen Vorstellungsvermögens verursacht sein
lässt.
Wo er Gott die Wohnung im Himmel anweist, fügt er gleich hinzu: aber
nicht aus (örtlicher) Beschränkung, sondern aus der größeren Liebe,
die du zu deinen ersten oberen Werken hast. (Par. XI, 1.)
Es ist durchaus Nichts damit in Widerspruch stehendes,
wenn die Stelle Par. II, 127-44 die Tendenz verfolgt, die Organisation der
Sternhimmel durch die göttliche Kraft vermittels der Analogie mit der
Menschenseele und ihren Äußerungen zu begreifen.
Beide Glieder der Vergleichung unterliegen
gleichmäßig dem metaphysischen Prinzip von Stoff und Form, und die
Menschenseele wird mehr dadurch erhoben, als das Göttliche erniedrigt.
Es knüpft sich hier eine Gedankenreihe an, die ich
doch wenigstens skizzieren will.
Ich habe den Eindruck, als wenn es insbesondere die
menschlichen Gefühle wären, die Dante bemüht ist von der
Vorstellung Gottes entfernt zu halten, die eigentlichen psychologischen
Eigenschaften spricht er ihm ab; und hierin scheint mir ein bedeutendes
Symptom für die innere Umwandlung zu liegen, die mit dem Christentum seit
seiner ersten Zeit her vorgegangen war.
Denn grade die psychologischen Attribute waren es, die
den Christengott den alt-heidnischen Göttern gegenüber
charakterisierten.
Das Altertum, mit dem durchschnittlich
sanguinisch-cholerischen Temperament seiner Völker, hatte die Attribute
seiner Götter wesentlich in Äußerlichem gefunden: das Göttliche an
ihnen bezog sich auf Tätigkeitsformen, als deren Vollbringer oder
Beschützer sie aufgefasst wurden; mehr was sie tun, als was sie sind,
bezeichnet ihr Wesen und ist Gegenstand der Verehrung.
Das Christentum, dessen Charakter ein mehr
melancholischer war (es war eben die Religion der Mühseligen und
Beladenen), fasste auch das göttliche Prinzip als mehr nach innen gewandt
und stattete es mehr mit spezifisch-psychologischen Eigenschaften aus.
Wie Wert und Wesen der Religiosität für den Christen
darin lag, dass sein Herz zu Gott sprach, so sprach er eben auch zum Herzen
seines Gottes; und in der Persönlichkeit Christi dokumentieren sich
diese rein menschlichen Gefühle, die Gott imputiert wurden, am
deutlichsten.
Je mehr diese Kirche nun aber an Ausdehnung und an
Macht gewann, desto mehr erhob sich die Gottesidee aus der Stellung in den
Herzen zu einer über den Herzen, und an die Stelle des unmittelbar
persönlichen Verhältnisses zu Gott, das durch die Identität des
psychologischen Inhaltes erleichtert wurde, trat die Vermittlung durch die
Priesterschaft.
Darum sehe ich in jener Bemühung Dantes, die
psychologischen Qualitäten Gottes ins Metaphysische, ganz und gar
Übermenschliche zu rücken, diese der Hierarchie günstige Tendenz, die
ihm aber als solche durchaus nicht bewusst, sondern ihm einfach als
Tradition infundiert war. -
Wo sonst in der christlichen Lehre psychologische Momente liegen, die
als solche für sie charakteristisch sind, hat er sie sich aufs innigste
angeeignet; so die Vorstellung, dass die Seligkeit des Paradieses in einem
Schauen Gottes besteht. (z. B. Par. XXVIII, 109.)
Fast jede andre Religion setzt die Seligkeit in
entschieden mehr physische Momente, die christliche sucht sie in einer
Funktion des Sinnes, der dem rohen common sense zufolge die geringste
körperliche Vermittlung braucht, wie sich schon aus dem vielfachen
Vikarieren von direkt auf ihn bezüglichen Ausdrücken für Geistiges
(vision, chiaro, etc.) ergibt.
Man hielt damals allgemein auch in der Wissenschaft das
Gesicht für den einzigen Sinn, auf den das Licht ohne irgend eine
sonstige Beimischung von Materie wirke.
In dieser Hinsicht strebt er, über seine Zeit hinweg,
wieder den reinsten christlichen Vorstellungen zu, da jene bereits bei
einer höchst oberflächlichen Versinnlichung der Freuden des Paradieses
angekommen war, wenn sie sie auch hauptsächlich an Gesicht und Gehör
knüpfte. -
Auch ist es immer ein Zeichen psychologischer Gesinnung, dass er auf
den Seelenzustand des Sünders das bedeutendste Gewicht gegenüber den
Gnadenmitteln der Kirche legt; Guido von Montefeltre wird durch das
Versprechen des Papstes auf Absolution, mit dem er ihm seinen schlimmen
Ratschlag entlockte, nicht erlöst: »denn absolvieren kann man nur den,
der bereut; es ist aber unmöglich, zu gleicher Zeit die böse Tat zu
wollen und zu bereuen«; (Inf. XVII, 118.) und andrerseits ist der
Bannfluch nicht im Stande, die ewige Verdammung herbeizuführen, wenn der
Sünder nur zuletzt noch innerlich bereut, (Purg. III, 133, V, 107.) und
ebenderselbe Zug spricht aus der schuldlösenden Kraft der Scham über ein
begangenes Unrecht (Purg. V, 20, Inf. XXX, 142.) - der er überhaupt den
höchsten Wert für das sittliche Leben zuschreibt (CO. IV, 25.) -, und
aus dem Grundsatz, dass jemand, der nicht religiös ist, sich nicht mit
äußern Verpflichtungen entschuldigen könne; denn zur Religiosität
bedürfe es nicht des Ordensgewandes, da Gott non vuole religioso di noi
se non il cuore; (CO. IV, 28.) endlich aus dem Werte, den er dem Bekenntnisse
der Schuld beilegt.
II. Ethische Bestimmungen
Wir treten mit diesen Sätzen auf das Gebiet der
ethischen Bestimmungen über.
Das Grundprinzip derselben ist die Bejahung der
menschlichen Freiheit; in eine Erörterung der bloßen Tatsache, in einen
ausführlichen Streit mit der entgegengesetzten Meinung lässt er sich
nicht ein; auch würde diese Diskussion über die metaphysischste aller
Fragen keinen Bezug zu unserer Aufgabe haben; aber wie nun diese gesetzte
Freiheit sich in der Entwicklung des Seelenlebens dokumentiert, wie sie
sich mit den übrigen Bestimmungen des Systems verträgt - das sind
Fragen, auf die wir psychologische Antworten suchen.
Zunächst sei erwähnt, dass die Willensfreiheit uns angeboren und das
größte Geschenk ist, das Gott in seiner schöpferischen Freigebigkeit
uns verliehen, am meisten seiner Güte entsprechend, am meisten von ihm
selbst geschätzt. (Par. V, 19.)
Mit dieser bedeutsamen und einzigen Stellung der
Willensfreiheit, die seinem tief moralischen Sinne entspringt, steht die
Bestimmung in Zusammenhang, dass die allerersten Willensakte, l'affetto
de'primi appetibili, noch nicht dem freien Willen entsprießen, noch nicht
der sittlichen Zurechnung unterliegen.
Und zwar sind hiermit einerseits die ersten kindlichen
Triebe, andrerseits die Keime, gleichsam die ersten Differentiale aller
Willensakte überhaupt gemeint; das Entstehen der Neigung ist rein
naturgesetzlich, wir können nichts dafür, dass etwas unser Begehren
reizt; dies ist eine bloß psychologische Tatsache.
Die Freiheit und mit ihr die Verantwortlichkeit liegen
nun darin, dass wir die ersten, unfreiwilligen Impulse unterdrücken oder
ihnen nachgeben können; di necessitate Surga ogni amor - Di ritenerlo è
in voi la potestate; dies ritenere kann den doppelten Sinn, von
beibehalten und von zurückhalten, verhindern, haben, und ich vermute,
dass der zweideutige Ausdruck mit Absicht gewählt ist.
Die Kraft nun, die jenes zu Stande bringt, die die Schwelle der
Zustimmung (zu einer entstandenen Neigung) bewachen soll, wird als virtù
che consigilia bezeichnet. (Purg. XVIII, 55.)
Es ist also der Verstand, der über gut und böse urteilt und dem dann
der Wille folgt: das liberum arbitrium ist das liberum de voluntate
iudicium; das iudicium ist aber ein gewisses Mittleres zwischen der
Apprehension und der Begehrung des Gegenstandes, und die Freiheit bedeutet
eigentlich die Unabhängigkeit des iudicium vom appetitus.
(Mon. I, 14.)
(Die Apprehension schließt an dieser Stelle jene erste Neigung mit
ein.)
In diesen Zusammenhang gehört, dass für die willensfreien Wesen
gerade das hinreichend bezeichnend ist, dass sie »intelligenti« sind,
und dass alles Wollen ursprünglich auf der Sehnsucht nach dem göttlichen
Licht beruht, das durch alles hindurchscheint, und, bei schlimmem Wollen,
nur mal conosciuto wird. (Par. V, 10, 23.)
Wenn nun aber nach dieser Vorstellungsweise nur das als
gut Erkannte begehrt wird - so ist für die Freiheit des Willens kein
rechter Platz in dieser Entwicklung vorhanden.
Die Vorstellung nimmt ihren Weg durch das erste Aufsteigen, die damit
verbundene unwillkürliche Neigung, die Beurteilung über ihr Gut und
Böse und das daraus hervorgehende Annehmen oder Ablehnen hindurch - aber
der eigentliche springende Punkt, wo der freie Wille einsetzt, ist nicht
klar; dem Gefühl davon mag die Betonung des Wertes der Gewohnheit für
das sittliche Handeln entsprießen: die gute Gewöhnung macht
gewissermaßen den Willensentschluss für den einzelnen Fall
überflüssig. (Purg. XVI, 77. CO. IV, I8)
Allein die Schuld liegt vielleicht daran, dass in einer
psychologischen Darstellung der freie Wille kaum unterzubringen ist; sein
Begriff ist so dunkel, steht so außerhalb alles Greifbaren und
Begreifbaren, dass man in der Tat, wo es sich um eine Erklärung des
psychischen Geschehens handelt, nichts mit ihm anzufangen weiß; wir
müssen uns schließlich auch bei Dante mit der bloßen Versicherung
begnügen, dass er da sei, und seine ganzen Auseinandersetzungen darüber
können doch nicht - und wollen vielleicht auch nicht - den mystischen
Charakter zerstreuen, den die Willensfreiheit schon durch ihren Ursprung
direkt aus Gott trägt.
Jedenfalls steht das fest, dass der Himmel unsre Handlungen einleiten
soll (iniziare); »zwar sage ich nicht, alle; aber gesetzt auch, ich sagte
es, so ist euch doch das Licht der Erkenntnis des Guten und Bösen
verliehen.« (Purg. XVI, 73.)
Hier tritt das Schwankende der ganzen Lehre recht hervor; während er
fest daran glaubt, dass Gott uns zum Guten den Anstoß gibt, (Par. I, 127)
ist es ihm doch bedenklich, dass auch die schlechten Handlungen
ursprünglich von ihm ausgehen sollen, wenn er auch zugeben muss, dass es
geradezu schlecht angelegte Naturen gibt. (CO. IV, 22.)
Er sucht sich zunächst mit Gleichnissen zu behelfen:
was nicht aus der natürlichen Wurzel wächst, könne immer noch
aufgepfropft werden, der beste Stempel bringe auch nicht immer den besten
Abdruck hervor, wenn das Wachs nicht gut sei, etc.
Allein er sieht sich doch zu der Konsequenz getrieben,
dass das Wollen eigentlich nie schlecht sein kann, sondern nur der
Gegenstand, auf den es sich vermöge der Urteilskraft richtet.
Hier liegt nun offenbar ein Verkennen davon vor, dass,
um den Gegenstand des Wollens zu bestimmen, es doch auch eines
Willensaktes bedarf (ein Bedenken, das sich auch gegen die Einleitung
unsrer Handlungen durch Gott richtet; denn auch das ritenere, das Hindern
oder Fortsetzen derselben, ist doch eine Willenstat, die also wieder auf
Gott statt auf unsere Freiheit zurückgeht); zweitens aber ist, wie für
den Psychologen nicht weiter ausgeführt zu werden braucht, eine derartige
Trennung von Inhalt und Form des Willens, in der Dante von seiner
Metaphysik abhängig ist, völlig unstatthaft.
Die Einschiebung immer neuer Glieder in den Prozess des
Willens schiebt die Frage immer nur eine Instanz weiter.
Allerlei andre Schwierigkeiten mischen sich noch in
diese; so der moralische Pessimismus Dantes, der der Seele die Kraft
abspricht, sich selbständig dem Guten zuzuwenden, sondern Gesetz und
Herrscher (die gewissermaßen als überirdisch gefasst werden) für nötig
hält, um sie zu zügeln und zu führen; ferner der Einfluss der Gestirne,
mit dem die naturgegebene Komplexion identifiziert wird; dieser bildet mit
der eingreifenden göttlichen Gnade und dem freien Willen die Faktoren des
menschlichen Schicksals.
Die beiden ersteren vermögen indes nichts, als gleichsam ein gutes
Erdreich zu schaffen; wird das dann nicht noch (vom Willen) gut
kultiviert, so verwildert es um so mehr, bringt um so giftigere Frucht
hervor, je mehr Kraft ihm innewohnt. (Purg. XXX, 109.)
Endlich, muss auch die menschliche Freiheit den höchsten göttlichen
Zwecken dienstbar sein, und indem wir uns einbilden, absolut unabhängig,
ja sogar dem Willen Gottes entgegen zu handeln, sind wir gerade nur Mittel
zu seinen Zwecken; qui divinae voluntati reluctatus est et sciens et
volens, eidem militet nesciens atque nolens. (An die Florentiner; an die
Fürsten und Völker Italiens.)
Die größte Schwierigkeit aber, die die Willensfreiheit im Danteschen
System findet, ruht in dem Dogma von der Notwendigkeit der Taufe zur
Seligkeit, das schon oben auseinandergesetzt wurde, hier aber, im
Zusammenhänge der ethischen Bestimmungen, noch einmal erwähnt werden
muss; denn je größeren Wert er auf die Willensfreiheit legt, je
deutlicher er es ausspricht, dass über das Nicht-Können und das
Nicht-Wissen der Mensch nicht getadelt werden könne, sondern einzig und
allein über das Nicht-Wollen (CO. I, 2.) - desto mehr müsste man
erwarten, dass Lohn und Strafe allein vom Moralischen abhängen.
Man kann dies nicht in schärferer Form darstellen, als er selbst es
tut: »Ein Mensch wird am Ufer des Indus geboren, wo niemand ist, der ihm
von Christus redete oder läse oder schriebe; aber all sein Wollen und
Handeln ist gut, soweit menschliches Urteil sieht, und sündenlos in
Lebenswandel und Worten; nun stirbt er ohne Taufe und ohne Glauben; was
ist's nun mit der Gerechtigkeit, die ihn verdammt, und ist es seine
Schuld, wenn er nicht glaubt?« (Par. XIX, 70.)
Und in der Tat, er wird zwar nicht zu einer Strafe
verdammt, aber keine Belohnung wartet im jenseits seiner, der
ausgezeichnetste, weiseste, nützlichste Mensch findet nur ein graues,
freud- und leidloses Schattendasein, während christliche Kinder, noch
bevor sie zu irgend einer Willenstat herangereift, die ewige Seligkeit
genießen.
An den frühesten Zeiten genügte zum Heile (für die
Kinder) die Unschuld und der Glaube der Eltern; als nun die erste Zeit
erfüllet ward, mussten die Knaben noch durch die Beschneidung den
Flügeln der Unschuld Kraft verleihen.
Aber seit die Zeit der Gnade gekommen ist, wird solche Unschuld ohne
vollkommene christliche Taufe unten festgehalten.« (Par. XXXII.)
Es ist schon auseinandergesetzt worden, welche Stellung diese Divergenz
des himmlischen Verfahrens von unsern Gerechtigkeitsbegriffen einnimmt,
eine Divergenz, die um so krasser wird, je klarer sich Dante selbst über
sie ist, je mehr er es betont, dass die ratio humana per se jene
Verdammung der Heiden nicht als gerecht anerkennen kann. (Mon. II, 8.)
Hier führt das Dogma am weitesten über die
psychologische Denkweise hinweg; denn wie diese im Theoretischen sich
bemüht, das Vorstellungsleben ausschließlich aus seinen immanenten
Eigenschaften und einfachsten Prozessen heraus zu verstehen, so kann sie
auch im Ethischen - und in diesem ganz besonders - nur dasjenige
anerkennen, was sich tatsächlich als ethischer Begriff, meinetwegen als
Ideal, in unsrer Seele findet; sie wird deshalb nie eine Verbindung von
Begriffen, wie die vorliegende zugeben, die sich eben faktisch nicht
zusammendenken lassen.
Es muss übrigens anerkennend - freilich auch den darin enthaltenen
Dualismus anerkennend - hervorgehoben werden, dass Dante, als er im Limbus
den Zustand der großen Heiden erfährt, von lebhaftem Schmerze über ihr
Schicksal ergriffen wird. (Inf. IV, 43.)
Aber auch nach der entgegengesetzten Seite bewährt
sich derselbe Grundzug des Dogmas.
Wie es der inkonstitutionellen Bestimmung Gottes
anheimgegeben ist, die trefflichsten Menschen mit ewigen, unverdienten
Sehnsuchtsqualen zu peinigen, so reicht auch das Verdienst des
ausgezeichnetsten Christen nicht aus, den höchsten Grad himmlischer
Seligkeit zu erwerben.
Es hängt noch immer von dem guten Willen und der Gnade Gottes ab, mit
wie viel Seligkeit er die einzelnen Seelen begaben will, das Schauen Gottes
ist so groß, als sie »über eigenes Verdienst hinaus noch Gnade
empfangen«. (Par. XIV, 41, XXVIII, 112.)
So wird also der Grundsatz, nach dem der Zustand der
Seele im jenseits durchaus dem im Diesseits entsprechen müsste, mehr als
einmal ad maiorem Dei gloriam gebogen und gebrochen.
In diesen Zusammenhang der ethischen Bestimmungen gehören diejenigen
über die Gelübde. (Par. V.)
Das Gelübde ist die freiwillige Aufopferung des freien
Willens, und zwar in Bezug auf irgend einen Gegenstand.
Diese zuerst bestimmte Materie des Gelübdes kann nun
durch eine andre ersetzt werden, das Verdienst vor Gott bleibt dasselbe,
ob der ursprüngliche Gegenstand oder ein andrer, nur dass er im Werte
nicht unter jenem stehen darf, ihm dargebracht wird.
Das Wesentliche und Verdienstliche am Gelübde ist also der Wille (ganz
entsprechend war die Sünde auch nicht das Essen vom Baum der Erkenntnis
an sich, sondern der sich darin dokumentierende böse Wille (Par. XXVI,
115.)), und zwar das Aufgeben seiner selbst, der Wille, in Bezug auf ein
bestimmtes Objekt nicht mehr frei wollen zu wollen, gleichsam seine
Selbstverneinung.
Dabei hat das Objekt, als bestimmtes, nur quantitativen
Wert, insofern es nur anzeigt, wie umfassend jener Willensakt ist.
Man möchte hier beinahe schon einen Hauch von Kants
formaler Ethik spüren, wo auch der Wille zunächst von jedem äußern
Objekt losgelöst wird, um dann sein eigenes Objekt zu werden.
Es ist nicht nur das triviale: voluisse sat est, das
hier gepredigt wird, sondern gerade die Begründung dieses Satzes ist es,
um die es sich hier handelt: der Wille ist in der Tat das Wesentliche beim
Gelübde, aber nicht nur, weil er das Darbringende, sondern weil er
zugleich das Dargebrachte ist.
Wäre das Verständnis des Gelübdes mit seiner Formel:
ich will diese und jene bestimmte Tat vollbringen, erschöpft, so würde
der Wert der realen Tat gegenüber dem Willensakt als gleich hoher Faktor
erscheinen können.
Liegt aber das Wesen des Gelübdes darin, dass man sich
des Rechtes begibt, in einem bestimmten Falle von seinem freien Willen
Gebrauch zu machen (die selbstgeschaffene Unmöglichkeit, etwas anderes zu
tun, fällt äußerlich mit der Notwendigkeit, dies Bestimmte zu tun, mit
dem Inhalt des Gelübdes, zusammen), so ist das, was man aufopfert,
wirklich der Wille, die Möglichkeit, anders zu wollen, und deshalb
unterliegen die Gegenstände des Gelübdes nur gewissermaßen
quantitativen Unterschieden, weil es nach dieser Deduktion eigentlich viel
mehr auf das Ausgeschlossene, als auf das Eingeschlossene ankommt.
Der psychologische, der echt moralische Wert des
Gelübdes tritt erst in dieser Betrachtung hervor, nach der es eine
Rückgabe des köstlichsten göttlichen Geschenkes, des freien Willens, an
Gott ist, und nach der allein der Wechsel der Gegenstände des Gelübdes
als erlaubt verstanden werden kann.
Dieser hohe Wert des metaphysisch freien Willens findet
sein Seitenstück in dem der empirischen Freiheit, in dem Hass gegen die
Tyrannei und die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen.
In tiefster Entrüstung klagt er über die Tyrannien in Italien (Purg.
VI, 124.) und Vergil sagt von ihm: Libertà va cercando ch'è si cara Come
sa chi per lei vita rifiuta (Purg. I, 71.) - und zwar sagt er es zu Cato,
der seine ganze bedeutende Stellung im Gedichte nur seinem
Freiheitsstreben verdankt, in dem er sein Leben opferte und als dessen
edelster Repräsentant er damals aufgefasst wurde.
Allein diese Freiheit ist durchaus das Gegenteil der
Gesetzlosigkeit, die er für das Schädlichste und Schändlichste hält;
die wahre, höchste Freiheit besteht vielmehr darin, den Gesetzen gern zu
gehorchen.
Ja, indem die Gesetze eigentlich der Natur des Menschen innewohnen,
durchaus zu ihr gehören, so folgen wir ja nur unsrer eigensten Natur, d.
h. sind nur dann wirklich frei, wenn wir gesetzlich handeln. (An die
Florentiner.)
Auch hier wieder der leise Anklang an Kantische Ethik.
Im Hinblick auf die enge Beziehung, die die
Willensfreiheit zu dem substantiellen Ich hat, die nicht nur dessen
Würde, sondern sogar seine Persönlichkeit ausmacht, durch die es sich
als selbstbewusst aus der Kette natürlicher Kausalverknüpfung heraushebt
- soll hier gleich der Wert betont werden, den Dante auf die Festigkeit
und unentwegte Einheitlichkeit des Charakters legt.
Die Bedeutung dieser Eigenschaft hat er sich zu vollem
Bewusstsein gebracht und hebt sie an sich selbst nicht weniger hervor, als
an all seinen Personen, an denen er sie findet.
Auf die Prophezeiung des Brunetto Latini antwortet er: Das mögest Du
nur wissen, dass, wenn mein Gewissen (das er einmal »die gute
Geleitschaft« nennt, »die mit dem Schilde eines reinen Bewusstseins uns
unversehrt erhält« (Inf. XXVIII, 115.) rein ist, ich auf jedes Geschick,
sei es welches es sei, vorbereitet bin.
Meinen Ohren sind solche Prophezeiungen nicht neu; lass nur das
Schicksal sein Rad schwingen, wie es ihm gefällt, und den Landmann seine
Hacke (d. h. jenes hat keine größere Bedeutung für mich als dieses).
(Inf. XV, 91).
Folge mir und lass sie reden, sagt ihm Vergil, stehe wie ein fester
Turm, der vor dem Stürmen der Winde sein Haupt nicht beugt; denn der
Mensch, in dem immer Gedanke über Gedanke aufschießt, wird zu keinem
Endziel gelangen, weil die Energie des einen die des andern aufhebt.
(Purg. V, 13.)
Auf das Einheitliche, energisch auf einen Punkt
Gerichtete im Wesen des Mannes legte er den höchsten Wert, und hat ihn
selbst bewährt; das »intero« Sein, ganz und gar Einer, darauf kommt es
ihm an; und so hat er sich offenbar sehr treffend selbst charakterisiert,
wenn er der Sapia im Fegefeuer sagt, er fürchte nach seinem Tode kaum die
Strafe des Neides, wohl aber die des Hochmutes zu erleiden. (Purg. XIII,
133)
Auch durch Cacciaguida lässt er sein einsames, charaktervolles
Fürsichbleiben hervorheben, und er selbst bestätigt seine furchtlose
Wahrheitsliebe. (Par. XVII, 64, 118.)
Das stolze Bewusstsein, recht zu handeln, erhebt uns noch im
unverschuldeten Elend (Par. VI, 140.) und selbst an dem verworfensten
Sünder, Brutus, erkennt er offenbar mit einem gewissen Respekt die
Charakterfestigkeit an. (Inf. XXXIV, 66.)
Er stellt aber auch an die Stärke des moralischen
Charakters die höchsten Anforderungen; die Nonnen, die gewaltsam aus dem
Kloster entführt und vermählt worden sind, sind doch nicht ganz
schuldlos, sowie sie nicht den ersten, von unmittelbarem Zwange freien
Moment benutzten, um ins Kloster zurückzufliehen; wirklich energischer
Wille - der allerdings nur selten ist - ist gar nicht zu beugen, sondern
gleicht dem Feuer, das, tausendmal niedergehalten, tausendmal wieder in
die Höhe schlägt; und die Charaktere des heil. Laurentius und Mucius
Scaevola stellt er als Beispiele auf. (Par. IV, 73.)
Wie er die kleinen, energielosen Charaktere verachtet, die dem Erfolge
nachlaufen (Purg. VI, 1) - deren ungeheure Anzahl er aber besonders betont
(Inf. III, 55.) -, so auch die in engem Gesichtskreis dahinlebende Menge,
die ihm mehr ein Tier- als ein Menschendasein zu führen scheint, und die
charakterlos wie Schafe alles das tun, was ihnen einer vormacht. (Z. B.
Co. I, 2)
Aber er weiß andrerseits auch, dass schließlich die eigne Schätzung
nie die richtige sein kann, weil Eigenliebe - obgleich sie der
Ausgangspunkt jeder andern Liebe ist (CO. III, 1.) - uns immer verblendet,
dass jeder, wie ein betrügerischer Kaufmann, seine Tugenden mit der
kleinen und seine Fehler mit der großen Elle misst; (CO. I, 2.) Selbstlob
aber ist das Unpassendste und Tadelnswerteste was es gibt (V. N. 29.)
(freilich ein Ausspruch der Jugendzeit!).
Beiläufig bemerkt, ist es in der Tat wunderbar, dass dieser sich
derart in sich abschließende, aristokratisch stolze Geist, dessen
Verachtung der niedrig stehenden Seelen allenthalben durchbricht, der
gelegentlich den Wunsch, nicht allzuvielen verständlich zu sein,
ausspricht, (V. N. 19.) kurze Zeit nach seinem Tode eine Popularität
genießt, die ihn in Petrarcas Augen sehr herabsetzt: Dante würde von
Walkern, Schenkwirten und Fleischern gefeiert, während sein, Petrarcas,
Streben einer solchen Volkstümlichkeit entbehre, wozu er sich Glück
wünsche. (Ep. Fam. ed. Fracassetti XXI, 15.) –
So weiß er auch, dass es sich der echten Vornehmheit nicht ziemt, auf
niederes Gezänk hinzuhören, und wie er es einmal tut, ergreift ihn
nachher solche Scham darüber, dass Vergil ordentlich Mühe hat, ihn zu
beruhigen; (Inf. XXX, 130.) und er betont das Würdevolle der Handlungen,
das durch Eilfertigkeit verloren geht, (Purg. III, 10.) die Ruhe des
vornehmen Geistes, den Schreck und Staunen nie lange zu beherrschen
vermögen. (Purg. XXVI, 71.)
Das starke Bewusstsein seiner selbst setzt sich auch
bei ihm, wie es zu geschehen pflegt, ins Theoretische fort; so ist z. B.
die ganze Vita Nuova eine Auseinanderlegung der Momente der Liebe, wie sie
nur eine hochgradige Selbstbeobachtung zu Stande bringen kann.
Bei all der erwähnten Strenge und dem sogar von ihm
selbst hervorgehobenen Hochmut seines Charakters, ist ihm aber doch das
Wesen der Gutmütigkeit, der Weichherzigkeit so gar nicht fremd.
Eine edle Seele, meint er, suche keine Vorwände, sondern mache den
Willen des andern zu dem ihrigen, sobald er sich nur kundgetan; (Purg.
XXXIII, 130 ) auf eine geziemende Bitte muss man nicht antworten, sondern
sie erfüllen, (Inf. XXIV, 76.) ja, es ist schon ein Zeichen von Roheit,
wenn man die Not sieht, überhaupt nur noch auf die Bitte zu warten.
(Purg. XVII, 59.)
Er weiß, welch wohltätige Wirkung das bloße Mitleid schon für ein
krankes Gemüt hat, (V.N. 15, 28, 29.) und meint, der Anblick von
Karyatiden, die schwere Dächer in gebückter Stellung tragen, müsse in
jedem Beschauer wirklichen Mitleidsschmerz hervorrufen. (Purg. X, 130.)
Es liegt auch eine feine, schonende Empfindung darin, dass er Vergil
gegenüber, wie er über den Herabstieg Christi zum Limbus etwas erfahren
will, das Faktum nicht geradezu beim Namen nennt, sondern nur andeutet.
(Inf. IV, 49.)
Derselbe weiche Zug spricht sich in dem Abscheu aus, den er gegen den
Krieg hegt und der bei ihm gewiss nicht, wie in vielen Fällen, ein
direktes oder indirektes Resultat von Feigheit ist; nur wenn jede
mögliche Vermittlung durch Vernunft und Güte vereitelt ist, soll der
Zweikampf der Einzelnen und der Völker eintreten, (Mon II, 10) und er
beklagt es, dass das Menschengeschlecht sein Herz auf Güter setzt, deren
Art es mit sich bringt, dass man sie nur allein genießen, die andern
davon ausschließen muss. (Purg. XIV, 86.)
Auch von dem Begriffe der pietà gibt er eine feine und in die Tiefen
des psychologischen Zusammenhanges der Gefühle hinabsteigende Erklärung:
Non è pietà quella che crede la volgare gente cioè dolersi dell' altrui
male; anzi è questo un suo speziale affetto, che si chiama misericordia,
ed è passione. Ma pietade non è passione, anzi una nobile disposizione
d' animo, apparecchiata a ricevere amore, misericordia e altre caritative
passioni. (Co. II.2.)
Als weitere Einschränkung jenes Prinzips unnahbaren
Stolzes seien die Vorschriften und Beispiele der Lebensklugheit erwähnt,
die sich bei ihm nicht allzuselten finden.
So sagt er: der Wahrheit, die den Anschein der Lüge hat, muss der
Mensch soviel wie möglich seine Lippen verschließen; denn wir empfinden
darüber Beschämung, ohne es doch zu verdienen. (Inf. XVI, 124.)
Wenn auch das Ethische der Bemerkung zweifelhaft sein
mag, so ist doch das Psychologische sehr richtig beobachtet: in der Tat
haben wir beim Erzählen einer Geschichte, die wir als andern unglaublich
annehmen müssen, ein leises, unbehagliches Gefühl, das sich wohl wird
auf eine Empfindung der Scham zurückführen lassen, indem die -
gewissermaßen -Form der Unwahrheit durch Apperzeption die Empfindung
abgeschwächt aufsteigen lässt, die das Aussprechen einer wirklichen
Unwahrheit mit sich bringt.
Freilich könnte man das »fa vergogna« auch in Rücksicht auf die
Hörer verstehen und übersetzen: »macht ihm Schande«; wo dann die
Konnivenz der ganzen Vorschrift eine noch deutlichere sein würde; so
spricht auch eine gewisse nachgiebige Lebensweisheit aus der Anwendung des
Sprichwortes: Nella chiesa co' santi e in taverna co' ghiottoni. (Inf.
XXII, 14.)
Ferner berührt es wunderlich, wie er, um seine Leidenschaft für
Beatrice zu dissimulieren, andern Frauen in einer Weise nachläuft, die -
selbst mit Berücksichtigung des platonischen Charakters derartiger
Verhältnisse - sie geradezu kompromittieren oder wenigstens Illusionen in
ihnen erregen musste, die Enttäuschungen und Schmerzen nach sich ziehen
konnten; und er erzählt diese Rücksichtslosigkeit mit einer Naivität,
die recht den Abstand des damaligen von dem heutigen Gefühlsleben zeigt.
(V. N. 5, 9, 10.)
Dasselbe findet bei folgender Überlegung statt: jeder
Mensch ist irgendwie befleckt: durch eine Leidenschaft, einen
Leibesfehler, Schicksalsschläge, Schande der Verwandten.
Dies alles lässt ihn persönlich in ungünstigerem Lichte erscheinen,
tritt aber nur im persönlichen Verkehr hervor, und deshalb muss
ein sonst bedeutender Mann diesen möglichst beschränken; (CO. I, 4.) in
etwas andrer Form lautet derselbe Grundgedanke: Man muss die Fehler, die
man hat, seinem Freunde im Geheimen erzählen; nun ist aber der beste
Freund jedes Menschen -er selbst; also darf er nur in der Kammer seiner
Gedanken sich selbst tadeln und seine Fehler beweinen, aber nicht vor
andern. (Co. I, 2.)
Damit steht nun freilich seine lebhafte Empfindung für Freundschaft im
Widerspruch, und seine Erklärung derselben, dass die Freunde gleichsam
Teile eines einzigen Ganzen sind, weil sie nur ein Wollen und ein
Nicht-Wollen haben. (Co. I, 6.)
Auch das ist eine wunderliche Kondescendenz zu den Umständen, dass
Vergil dem Antäus in förmlich höfischer Weise schmeichelt, um eine
Gefälligkeit von ihm zu erlangen, (Inf. XXXI, 115.) dass er das Andenken
an Martia benutzt, wenn er von Cato den Einlass zum Berge der Läuterung
erbittet, wofür er freilich von jenem gebührend zurechtgewiesen wird;
möglich, dass diese Taktik grade für ihn als den Repräsentanten des
Weltlichen, Verstandesmäßigen charakteristisch sein soll.
Es würde aber auch der heutigen Empfindung von Noblesse widerstreben,
dass Dante selbst den Bocca degli Abati geradezu misshandelt, um seinen
Namen von ihm herauszupressen, (Inf. XXXII, 103.) während er es an andrer
Stelle - hier wieder den Dualismus seines Wesens aufzeigend - mit
weichster Empfindung bereut, wo er unwissentlich einem Sünder Schmerz
bereitet hat. (Inf. XIII, 51.)
Wir gehen in unsrer Besprechung des die Ethik
betreffenden Teiles der Psychologie Dantes zu der Darlegung seiner
Vorstellungen von den menschlichen Sünden über.
Bekanntlich liegt hier einer der schwierigsten, aber
interessantesten Punkte der Dante-Erklärung vor; es handelt sich um die
Frage, in welchem Verhältnis die den Seelen im jenseits auferlegten
Strafen und Bußen zu ihren diesseitigen Sünden stehen.
Ist nämlich, wie Dante selbst schreibt, das Subjekt des ganzen Werkes
der Mensch, wie er auf Grund der Willensfreiheit, je nach Verdienst oder
Schuld der belohnenden oder strafenden Gerechtigkeit unterliegt, (An
Cangrande, II.) und ließe sich die Proportion zwischen Tat und Vergeltung
erkennen, die er seinen Beschreibungen der letzteren zu Grunde gelegt hat,
so ist klar, dass sich aus diesen wichtige Erkenntnisse seiner Ansichten
vom psychologischen Wesen der menschlichen Handlungen ergeben müssten.
Zunächst ist hier die Frage aufgeworfen: welchen Grad
von Realität hat Dante mit seiner Vorstellung der jenseitigen Reiche
verbunden? Sind die Schicksale der Schatten in ihnen, die er beschreibt,
nur eine Allegorie ihrer diesseitigen Zustände, ist die Form jener Vision
nur ein Schleier, der, gehoben, einem das wahre Wesen des sittlichen Seins
zeigen soll?
Oder hat er die Vorstellung, dass eine wenn auch nicht ganz
gleiche, so doch ähnliche und namentlich nach den gleichen Prinzipien
eingerichtete Hölle existiere?
Es ist gleich zu bemerken, dass beide
Ansichten sich nicht ausschließen; er kann sehr wohl, wie es behauptet
und sehr geistreich durchgeführt worden ist, sich das Jenseitige Leben
als eine geradlinige Fortsetzung und Entwicklung des diesseitigen gedacht
haben, in dem nur die trügerischen Hüllen desselben abgestreift sind und
die Sünde sich in ihrer ganzen Scheußlichkeit dokumentiert, in dem ihre
scheinbaren Freuden als das erkannt werden, was sie wirklich sind,
nämlich als innere Qualen - jener Sirene gleich, die Dantes Traumgesicht
erschaut, (Purg. XIX, 7.) von der nur die Gewänder gerissen zu werden
brauchen, um erkennen zu lassen, dass ihr Leib verfault und vereitert.
Die vielen Beziehungen, die sich zwischen der inneren
Qualität jeder Sünde und der ihr entsprechenden Strafe auffinden lassen,
machen diese Auffassung zu einer höchst ansprechenden.
Dennoch ist es mir unmöglich, sie zu teilen; so tief
und großartig der Gedanke ist, dass der Sünder schon in diesem Leben
keine freudige Frucht, sondern, in seinem Innersten, nur ratlose Pein,
verzehrende Qual erntet, so dass auch die Hölle nichts andres zu sein
braucht, als die Fortsetzung, sozusagen naturgemäße Weiterentwicklung
und Verewigung dieses Zustandes - so kann ich ihn nicht als psychologisch
wahr anerkennen.
Oft ist es zwar der Fall, dass die immanenten
Bedingungen der Sünde und besonders das Gewissen den Sünder um den
erhofften Genuss betrügen, aber in unendlich vielen Fällen verhält es
sich tatsächlich nicht so.
Dante selbst muss zu viele Beispiele des
triumphierenden Unrechts erlebt, zu oft die wenigstens zeitweisen
wirklichen Befriedigungen der Sünde gesehen haben, um ohne weiteres die
Strafempfindung mit ihr verknüpfen zu wollen.
Man denke doch nur an den tempo felice, den Francesca und Paolo
in ihrer sündigen Liebe genossen, daran, dass der Schlemmer Ciacco sein
jenseitiges Leben als vita serena bezeichnet, (Inf. VI, 51.) und an das
stolze und erhobene Bewusstsein, das den Odysseus auf seiner frevelhaften,
die von Gott gesteckten Grenzen überschreitenden Fahrt erfüllt. (Inf.
XXVI.)
Man kann demnach aus der Art der Höllenstrafe keinen
direkten Schluss auf die subjektive Empfindung ziehen, von der Dante etwa
die Sünde begleitet glaubte.
Auch würde bei einer solchen bloßen Fortsetzung des
schon auf der Erde innegehabten Zustandes der Begriff der gerade für die
Hölle charakteristischen Giustizia nicht recht prägnant sein.
Ich möchte lieber, anstatt einer einfachen Fortsetzung
der Empfindung, im allgemeinen ein Verhältnis annehmen, das man als ein
direktes Umsetzen der Tat in Empfindung bezeichnen kann, die Höllenstrafe
ist das durch das Medium der Empfindung hindurchgehende Spiegelbild der
Tat; sie ist die Tat selbst, aber aus dem Handeln in das Leiden
übersetzt.
Nicht die Empfindung, die sich in der Brust des
Sünders mit der Sünde verbindet, sondern deren eignes äußerliches und
psychologisches Wesen erkennen wir, wenn wir die höllischen Qualen
betrachten.
Sehr richtig ist es allerdings, dass der Sturmwind, in
dem die sündhaft Liebenden umgetrieben werden, ein Bild ihrer
Leidenschaft ist; allein auf Erden empfinden sie noch nicht den Schmerz
davon, sondern erst in der Hölle, die sie mit dem straft, womit sie
gesündigt haben; was sie freiwillig und zu ihrer Lust getan haben, das
müssen sie nun unfreiwillig und zu ihrer Pein leiden.
Um noch einige Beispiele anzuführen: die Heuchler
müssen in drückend schweren, bleiernen Kapuzen, die von außen
blendendes Gold zeigen, dahinschleichen - das demutsvolle freiwillige
Aufnehmen von Lasten, dem sie sich doch nur zum Zwecke, angesehen und
gepriesen zu werden, auf Erden unterzogen, müssen sie also hier
fortsetzen - aber jetzt ist es zur schmerzlichsten Empfindung geworden.
Wenn diejenigen, die unschuldiges Blut vergossen haben,
in einem Blutstrom gesotten werden, so bedeutet diese Strafe auch nichts
als die zur Empfindung gewordene Tat; denn sie haben sich eben schon auf
Erden in Blut gebadet.
Offenbar tritt dieses Verhältnis noch bei den Geizigen und den
Verschwendern hervor, die unter Lasten dahinkeuchen, bei den Zweiflern an
der Unsterblichkeit, die in glühenden Särgen stecken, bei den
Selbstmördern, die ihre Gestalt eingebüßt haben und dafür in Bäume
verwandelt sind, den in Kotgruben befindlichen Schmeichlern, den
Wahrsagern mit umgedrehtem Kopfe, den Dieben, die sich gegenseitig ihre
Gestalt stehlen, den in einem Eissee eingefrorenen Verrätern; und wenn
Vergil dem Kapaneus, der sich in wildem Trotz gegen die Gottheit
aufgelehnt hatte, zuruft: »Dadurch, dass dein Trotz sich nicht demütigt,
bist du am meisten bestraft«. (Inf. XIV, 63.)
So liegt auch hier die Höllenstrafe darin, dass die
Tat (hier eine gedankliche) des diesseitigen Lebens im Jenseitigen
fortgesetzt wird, aber nicht mehr als Tat, sondern als Schmerzempfindung.
Dieser Strafgrundsatz würde einigermaßen an die Talion erinnern
(così s'osserva in me lo contrappasso! (Inf. XXVIII, 142.)) , aber einen
viel mehr verinnerlichten, tiefer psychologischen Charakter tragen.
Allein ich verhehle mir nicht, dass dieser
Erklärungsversuch eben nur bei einer größem Anzahl von Höllenstrafen
zwanglos gelingt und dass es so wenig von diesem wie von irgend einem
andern Standpunkt aus bis jetzt möglich ist, eine vollständige Kongruenz
der Sünden und der Strafen ohne Künstelei darzulegen.
Und obgleich eine tiefer dringende Forschung ein immer
engeres, beziehungsvolleres Verhältnis zwischen ihnen erkennen muss (wenn
auch stets nur mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit), so bin
ich doch vorderhand der Meinung, dass dieses Verhältnis nicht nach einem
durchgehenden Schema gestaltet ist; ich kann die Verwandtschaft der Strafe
der Kuppler, von Teufeln gegeißelt zu werden, mit der der Fälscher, die
an Wassersucht zu leiden haben, nicht auffinden.
Wir werden also nicht darauf verzichten, immer tiefere
Beziehungen zwischen Sünden und Strafen zu entdecken, wir müssen aber
wahrscheinlich für immer ein absolut einheitliches Prinzip für diese
Beziehungen verneinen.
Für diesen Standpunkt ergibt es sich leicht, welchen
Grad von Realität Dante seiner Hölle zugeschrieben hat; lässt sich
nicht gleichsam die Tonart auffinden, in die sie nur transponiert zu
werden braucht, um mit der diesseitigen Welt zu konsonieren, so ist klar,
dass sie nicht ganz und gar nur eine Allegorie dieser sein kann.
Damit ist aber nicht geleugnet, dass sich in jeder
Zelle des Inferno die unmittelbare Rücksicht auf das Diesseits
ausspricht.
Die Hölle, in der unbestimmten Gestaltung, die die
Kirche ihr gegeben hatte, bloß als Vergeltungsort der Sünden, hat ihm
gewiss Realität gehabt; und nun benutzt er diese Vorstellung zur
Darlegung seiner Ansichten und Tendenzen, die sich natürlich nur auf das
Diesseits beziehen, in gar keiner andern Weise, als etwa Goethe die
Faustsage benutzt hat.
Wo und in welcher Weise immer sich jene Absichten
innerhalb der vorgesetzten Form am deutlichsten und eindringlichsten
vorbringen ließen, da hat er es getan, ohne sich durchgehendes an ein
identisches Gleichungsverhältnis zu binden.
Ich sehe keinen Grund, noch besondere metaphysische
Beziehungen hier hineinzugeheimnissen, wo doch wahrhaftig genügender Wert
und psychologische Tiefe gefunden wird, wenn man empirisch den
Zusammenhängen nachgeht, die sich zwischen jeder einzelnen Sünde und
ihrer Strafe auffinden lassen.
Für diese aber kann ich ganz und gar auf den
vorzüglichen Aufsatz von Scartazzim im 4. Bande des Dante-Jahrbuchs, p.
273-354 verweisen, zu dem sich in dieser Hinsicht kaum etwas hinzufügen
lässt.
Viel einfacher stellt sich die Frage für das
Purgatorium.
Denn wenn, wie Dante selbst erklärt, der Zweck seines ganzen Gedichtes
ist, die Menschen in diesem Leben aus dem Zustande des Elends zu erheben,
und zu dem Zustande des Glückes zu führen (An Cangrande, 15.) und wenn
dieser, wie schon erwähnt, durch die Schilderung des Schicksals erreicht
werden soll, das der Mensch seinen Taten gemäß jenseits des Lebens zu
erwarten hat - so sieht man leicht, dass die Höllenstrafen in ihrer
unversöhnten Krassheit viel kräftiger in dieser Hinsicht wirken müssen.
Auch liegt schon darum auf ihnen mehr Gewicht als auf
den Strafen des Purgatorio, weil sie Selbstzweck sind, während das
Fegefeuer nur einen vorübergehenden Zustand bedeutet, stets von dem
Gedanken an die folgende Seligkeit getragen.
Schon deshalb sind die Höllenqualen viel raffinierter,
viel detaillierter geschildert und nehmen einen viel breiteren Raum ein
als jene.
Außerdem aber ist das Strafprinzip ein total
verschiedenes.
In der Hölle kommt es nur auf die objektive
Gerechtigkeit an, die Sünde, als begangene Tat, wird ohne weitere
Rücksicht und nur um der Gerechtigkeit willen am Täter geahndet; im
Purgatorio dagegen kommt es auf die Besserung des Sünders an; die Sünde
ist gleichsam ein Schaum auf dem Gewissen, der erst durch allmähliche
Bußübung aufgelöst werden kann, so dass das Bewusstsein nichts Trübes
mehr in ihm findet und dadurch zur Aufnahme der Seligkeit reif ist. (Purg.
VIII, 88.)
Es ist also gleichfalls Gerechtigkeit, die hier geübt wird, aber zum
Zwecke der Besserung der Seele, eine Gerechtigkeit, die etwas wieder gut
machen kann, während sie in der Hölle das nicht kann - giustizia e
speranza machen die Fegefeuerqualen leichter. (Purg. XIX, 76.)
Es wird demnach nur ein Äquivalent der Sünde gefordert werden, die
Seele muss entweder das tun, was sie auf Erden sündigerweise nicht getan
hat, oder es wird dieselbe Reinigung ihrer dadurch erreicht, dass das
Wesen der Sünde symbolisch an ihr dargestellt wird; denn es kommt hier
auf das rein Psychische an, nur desiri ed altri affetti bilden das
Schicksal der Seele im Fegefeuer. (Purg. XXV, 106.)
Darum liegen die Stolzen unter schwere Steine gebückt,
den Neidischen sind die Augen mit einem Draht verschlossen, die
Zornmütigen sind in dickem Qualm (der das Auflodern der Leidenschaft
unmöglich macht, indem er jedes Objekt verbirgt, oder auch das
Befangensein der blinder Wut ergebenen Seele darstellen soll), die
Lässigen in Eile, die Geizigen liegen gefesselt auf der Erde, an die sie
diesseits alle ihre Wünsche geheftet haben, die Schlemmer werden von
Hunger und Durst geplagt, die Wollüstigen gehen durch ein Flammenmeer -
sei es, dass dies das Wesen ihrer Leidenschaft symbolisieren soll, sei es,
dass es ein Wiedergutmachen derselben bedeuten soll, da sie auf Erden ihre
Glut in sündhafter Weise haben nach außen verlodern lassen, ihr
ungeziemende Linderung verschafft und sie deshalb jetzt in um so
stärkerer Weise ertragen müssen.
Psychologisch ist diese Vorstellungsweise als Ganzes viel interessanter
als die Höllenstrafen; diese nur gewaltsame äußere Schmerzzufügungen,
die Fegefeuerqual eine freiwillig und freudig aufgenommene Buße. (Purg.
XXIII, 72.)
Denn der Moment aufrichtiger Reue über die Sünde, der
durchaus vom freien Willen abhängt, ist der erste und entscheidende
Schritt, zum Fegefeuer, und also zum Himmel zugelassen zu werden; deshalb
muss, je länger dieser verzögert worden ist, die Seele desto länger
harren, ehe sie zur Läuterung zugelassen wird. (Purg. IV, 127.)
Wie die Strafen in der Hölle mehr äußerer Natur
sind, so gelten sie auch mehr der äußeren Tat; ob die Seelen dort
bereuen oder nicht, ist gleichgültig.
Dagegen werden im Fegefeuer die Sünden ausschließlich
auf die seelische Depravation hin angesehen, aus der sie hervorgehen, die
Sünde erscheint nur als eine Last auf der Seele, die allmählich
abgetragen werden muss.
Darum fühlt diese es auch ganz von selbst, wenn sie
entsündigt ist, zu höherem Kreise aufsteigen kann, bis sie endlich zum
Stande paradiesischer Unschuld gelangt, von dem sie auch ausgegangen ist
und von dem aus sie nun, nachdem sie Fall und Erhebung durchgemacht, sich
zum Himmel aufschwingt.
Viel mehr als in der Hölle kann man im Fegefeuer die
Strafe nur als Symbol eines Seelenzustandes ansehen, weil eben hier auch
ein solcher das Endziel der ganzen hier geübten Gerechtigkeit ist,
während dort diese letztere Selbstzweck ist.
Wenn man nun auch im Fegefeuer nur eine Allegorie des
menschlichen Ringens nach Besserung und Aufschwung gesehen hat, so steht
dies freilich nicht in solchem Widerspruch mit den Tatsachen, wie die
entsprechende Annahme bei der Hölle, aber es ist auch nicht so
tiefsinnig; es ist nur natürlich, dass die bereuende Seele auch schon auf
Erden unter Schmerzen und Entsagen ihre Sünden gut zu machen sucht.
Den dargelegten Unterschieden gemäß gestalten sich
nicht nur die Einteilungen der Sünder in Hölle und Fegefeuer in
verschiedener Weise, sondern es werden auch für jedes dieser Reiche ganz
verschiedene Theorien der Sünden aufgestellt.
Die schlimmsten Sünder werden in der Hölle folgendermaßen
klassifiziert: (Inf. XI, 22.) jede boshafte, dem Himmel verhasste
Gesinnung findet ihr Endziel in einer Ungerechtigkeit, und schädigt
entweder durch Gewalt oder durch List.
Da nun aber List das dem Menschen besonders eignende
Übel ist, so ist sie Gott besonders missfällig.
Die Gewalt kann man gegen drei Personen wenden: gegen
Gott, gegen sich selbst und gegen den Nächsten - d. h. entweder gegen
diese selbst oder gegen das, was ihnen angehört.
Die Missetäter gegen den Nächsten sind Mörder,
Räuber, Brandstifter etc. Die Gewalttaten gegen sich selbst bestehen im
Selbstmord und der Verschwendung.
Gegen die Gottheit endlich kann man einen Gewaltakt
begehen, indem man sie im Herzen leugnet und lästert, und indem man die
Natur und ihre Güte verschmäht; zu den letzteren, die gegen die Natur
handeln, gehören die Sodomiten und die Wucherer; da die Natur von Gott,
das Menschenwerk aber von der Natur ausgeht und der Wucherer beiden
entgegenhandelt - in dem er nicht auf einfach naturgemäße Weise und nicht
zum Vorteil der Menschheit sein Gewerbe treibt - so versündigt er sich
direkt gegen Gott.
Was nun den Frevel durch List betrifft, so kann man ihn
gegen solche begehen, die einem besonderes Vertrauen schenken und gegen
solche, wo dies nicht der Fall ist; letzterer durchschneidet nur das
Liebesband, das die Natur geschaffen, und zwar durch Heuchelei,
Schmeichelei, Hexenkünste, Fälschung, Diebstahl, Ämterverkauf,
Kuppelei, Betrug und ähnlich schmutzige Dinge.
Im andern Falle aber wird außer der natürlichen Liebe
auch die persönliche vergessen, durch die Treu und Glauben unter
Einzelnen möglich ist; deshalb werden im äußersten Punkte der Hölle
die Verräter ewig zermartert.
Wir fügen gleich die Einteilung der Laster, wie sie im Fegefeuer
gegeben wird, hinzu: (Purg. XVII, 103.) Die Liebe (in
weiterer Bedeutung, s. u.) ist der Samen jeder Tugend und jeder Handlung,
welche Strafe verdient.
Da nun Liebe sich nie von dem Wohle des eignen Subjekts
abwenden kann, so sind alle Dinge vor dem Selbsthass sicher.
Und da kein Wesen von dem ersten aller getrennt und
ganz auf sich allein beruhend gedacht werden kann, so kann es keinen Trieb
geben, dieses zu hassen.
Also kann das Übel, das man erstrebt, nur das des
Nächsten sein; und zwar entsteht dieser Trieb auf dreierlei Weisen im
Busen: Mancher hofft durch die Unterdrückung des Nächsten selbst
emporzukommen und wünscht nur deshalb jenen von seiner Höhe
herabzustürzen (Hochmut).
Ein anderer fürchtet, Macht, Gunst, Ehre und Ruhm zu
verlieren, wenn ein anderer sich darin erhebt und dies ist ihm so
unangenehm, dass er das Gegenteil davon wünscht (Neid).
Ein dritter endlich ist durch erlittenes Unrecht so
aufgebracht, dass er nach Rache lechzt und daher seinem Nächsten Übles
sinnt (Zorn).
Eine weitere Klasse von Sündern besteht aus denen,
welche zwar ein Gut, aber auf die falsche Weise suchen.
Erstens nämlich ist dies der Fall, wenn die Erkenntnis
oder der Erwerb der wahren und höchsten Güter auf lässige, träge Art
gesucht wird, und zweitens, wenn die Seele zu sehr sich Gütern hingibt,
die das wahre Glück nicht enthalten: dem Geld, der Schlemmerei, der
Wollust.
Den ersten und entscheidenden Unterschied zwischen den
beiden Systematisierungen zeigen ihre Ausgangspunkte: in der Hölle kommt
es auf il fine d'ogni malizia, auf das Ziel und den Gipfelpunkt der
bösen Gesinnung, d. h. auf die Tat, auf das wirklich geschehene Unrecht
an; das Fegefeuer dagegen geht von dem amor aus, der die sementa
der Handlungen ist, also von der bloßen Gesinnung.
In der Hölle ist das Prinzip ein objektiv ethisches,
die Strafen gelten sozusagen der Sünde, aber nicht der Person, weil diese
dort ganz gleichgültig ist; darum spricht Dante öfters für Personen,
deren einzelne Sünden sie in die tiefsten Höllenkreise bannen, seine
hohe Verehrung aus.
Minos, der die Höllenstrafen bestimmt, ist eben nur
ein conoscitor delle peccata, er bestraft die Person für die
einzelne Sünde, während es im Purgatorio auf die Reinigung der ganzen
Persönlichkeit ankommt; das Prinzip in diesem ist ein psychologisches,
infolgedessen nicht sowohl die reale Tat, als die Gesinnung, aus der sie
hervorgegangen ist, bestraft wird.
Täuscht mich mein Gefühl nicht, so haben ihm bei dem
ersteren Systeme die Tatsünden vorgelegen, und dann hat er ein
Einteilungsprinzip für sie geschaffen, während bei dem zweiten das
psychische Motiv (der guten und bösen Neigung) das Vorgängige war, aus
dem dann erst die möglichen Depravationen der Seele und daraus
resultierende Tatsünden in mehr logischer Weise abgeleitet werden.
Aus diesem Vorwiegen des Äußerlich-Tatsächlichen im
ersten, des Psychologisch-Logischen im zweiten Falle, ist es zu verstehen,
dass in jenem besonders die Einteilung, in diesem der Inhalt zu wünschen
übrig lassen.
Die psychologische Unvollständigkeit und Gezwungenheit
beider Schemata bedarf keiner weiteren Ausführung; über die Beseitigung
einzelner auffallender Widersprüche unter ihnen s. den Aufsatz v. Witte,
Dantes Sündensystem, in seinen Dante-Forschungen.
Es zeigt sich aber besonders bei diesem Sündensystem,
wenn es im Zusammenhänge mit dem Ganzen von Dantes metaphysischem Systeme
angesehen wird, jener Dualismus wieder, der logischer Weise in Monismus
fallen müsste.
Es ist nicht einzusehen, wie amor überhaupt etwas Böses sein kann
nach folgender Stelle: - das ewige Licht, dessen Anblick allein immer
Liebe entzündet - wenn andre Dinge eure Liebe erregen, so ist es nur eine
unvollkommen erkannte Spur jenes, die durch sie hindurchleuchtet. (Par. V,
8.)
So wenig Plato in ähnlichem Falle die Materie und das
Böse begreiflich machen, so wenig Spinoza irgend eine Differenzierung
innerhalb seiner Substanz deduzieren kann, eben sowenig gelingt es Dante,
neben seinem Gotte, der mit absoluter Macht und Güte ausgestattet
ist, einem bösen Moralprinzipe einen zweifellosen Platz zu verschaffen.
Jedes über der Welt stehende absolute Prinzip, mag es
nun physischer oder ethischer Art sein, enthält eben einen Widerspruch,
weil das Absolute nichts sich gegenüber haben und also mit dem, was ihm
nach der Voraussetzung unter- oder nebengeordnet ist, konsequenterweise
nur Eins sein kann.
Fasst man diesen Tatbestand, zugleich aber Dantes
Charakterisierungen der einzelnen Sünden und Sünder ins Auge, so will es
weder gelingen, die Sünde in seinem Sinne als etwas Positives noch als
etwas Negatives folgerichtig durchzuführen.
Über einzelne Sünden seien noch folgende Bemerkungen
gestattet.
Das Böse, das dem Nächsten aus purer Bosheit, aus
Schadenfreude zugefügt wird, findet keine Stelle in dem System; aber an
andrer Stelle weiß er - was dem sehr nahe steht - dass schon die bloße
Gleichheit unter schlechten Menschen Ursache des Neides wird. (CO. I, 4.)
Übrigens findet er den Neid ganz besonders an den Höfen der Fürsten,
er nennt ihn die Hure, die niemals von den Wohnungen der Fürsten die
buhlerischen Augen abwandte, das Verderben der Allgemeinheit. (Inf. XIII,
64)
- Der Sodomie sind besonders geistig hochstehende
Personen verfallen; die übrige Größe der Persönlichkeit leidet in
seinen Augen unter diesem Laster durchaus nicht.
Der Geiz dagegen korrumpiert die Persönlichkeit in
sehr hohem Grade und er schreibt ihn ganz besonders der Geistlichkeit zu.
»Eure Habsucht ruiniert die Welt, indem sie die Guten niedertritt und
die Schlechten erhebt«; (Inf. XIX, 104.) die blinde Gier verzaubert die
Menschen; und dabei richtet sie sich nur auf die falschen Gegenstände und
lässt, wen sie befällt, dem Kinde gleichen, das vor Hunger umkommt und
die Amme fortjagt.
- Vom Geryon, dem Sinnbilde des Betruges, gibt er
folgende geistvolle symbolische Schilderung: Das wilde Tier mit dem
spitzen Schwanz, das Berge übersteigt und Mauern und Waffen bricht und
die ganze Welt zum Ekel macht - trug das Gesicht eines ehrlichen Mannes,
einen so freundlichen Anschein hatte es, der ganze Rumpf aber war von
einer Schlange.
Zwei Pfoten hatte es, bis zu den Armhöhlen behaart,
der Rücken, die Brust, die Seiten mit Knoten und Ringen besetzt.
Nie machten Tartaren und Türken Gewebe mit bunterem Zettel und
Einschlag, noch begann Arachne ein solches Gespinst. (Inf. XVII, 1)
Wenden wir uns nun dem zu, was wir aus Dante für die
psychologische Erkenntnis der Gefühle gewinnen können.
Da fällt uns zunächst auf, dass es die schmerzlichen
sind, über die er die ergreifendsten, aus der tiefsten Wahrheit
geschöpften Bemerkungen macht.
Die durchdringendste psychologische Versenkung in das Wesen des Leidens
spricht aus den berühmten Worten der Francesca von Rimini und der
Erzählung Ugolinos, (Inf. V, 88-138, XXXIII, 37-75.) die ganz gelesen
werden müssen, damit man einen Einblick in die Shakespeare ähnliche
Kraft habe, mit der er seine Erfahrungen von den Abgründen des Schmerzes
zu objektiveren weiß.
Auch an andrer Stelle noch wendet er jene Erfahrung an, dass kein
größerer Schmerz ist, als sich im Elend der Zeit des Glückes zu
erinnern: der Fälscher Adam von Brescia, der, von Krankheit geplagt, nach
einem Tropfen Wasser schmachtet, klagt: Die Bächlein, die von den grünen
Hügeln des Casentin zum Arno hinabquellen, in ihren kühlen, lockern
Betten, sie stehen mir in Einem fort vor Augen und ihr Bild quält mich
weit mehr, als das Übel, das mein Gesicht abzehrt. (Inf. XXX, 64.)
Viel schattenhafter dagegen und allgemeiner gehalten
sind seine Schilderungen des Glückes. -
Er weiß es auch, dass die Empfindungsfähigkeit ihrer
Quantität nach von der Natur verschieden ausgeteilt ist, (Purg. XV, 33.)
und dass ein Wesen, je vollendeter es ist, um so tiefer das Gute wie das
Leid fühlt. (Inf. VI, 107.)
Auch die Beobachtung hat er gemacht, dass die Abendstunden ganz
besonders wehmütige, schmerzlich sehnsüchtige Gefühle aufsteigen
lassen; (Purg. VIII, 1.) dass, wenn ein Unglücklicher sich bemitleidet
sieht, er um so eher zu klagen, zu weinen beginnt - als wenn er, fügt er
hinzu, mit sich selbst Mitleid hätte. (V.N. 36.)
Und er kennt die Erleichterung, die Tränen und Klagen dem Schmerze
gewähren, und wie dieser erhöht wird, wenn jene versagt sind (Inf.
XXXIII, 112.) oder wenn die innere verbissene Wut sie unterdrückt; (Inf.
XIV, 63.) umgekehrt bedarf es einer großen Energie (virtú), um die
Affekte nicht laut werden zu lassen. (CO. III, 8.)
Es ist natürlich, dass er besonders oft hervorhob, wie sehr das
Äußern der Affekte den Geist erleichtert - erscheint ihm doch
überhaupt, offenbar aus demselben psychologischen Grunde, das Sprechen in
homine humanius als das Hören! (V. E. I, 5.) - da er selbst die Gefühle
eines lebhaften cholerischen Temperamentes in starker und unverhohlener
Weise nach außen dokumentiert, an die Naivität der Gefühlsausbrüche in
der Antike erinnernd, womit indes die erwähnte innere Ruhe und
Gesetztheit der vornehmen Natur recht gut zusammen bestehen kann.
Io, che pur di mia natura Trasmutabile son per tutte guise, (Par. V,
98.) sagt er von sich selbst; nur in der Vita Nuova schämt er sich, wie
es so frühem Alter natürlich ist, die heftigen Ausbrüche seiner
Leidenschaft belauschen zu lassen, wenn er auch in ihr seine Canzonen
singt per isfogar la mente. (V.N. 45.)
Seine furchtbare Angst, als ihn Geryon nach Malebolge hinabträgt,
gesteht er ganz offen; (Inf. XVII, 106.) auch sein fast übermäßiges
Schamgefühl (Inf. XXX, 133.) ist bei der Erwähnung der
leidenschaftlichen und leidenschaftlich geäußerten Affekte zu nennen,
das Mitleid bringt ihn sehr oft zum Weinen, einmal bewegt es ihn sogar so,
dass er wie tot hinfällt, (Inf. V, 140.) und die gebeugte Stellung, die
ein Nachdenkender einnimmt, artet bei ihm gleich in die Figur eines halben
Brückenbogens aus; (Purg. XIX, 40.) und so ist es auch sein eignes
tatkräftiges und tatenfreudiges Naturell, das ihm die Strafe der
Lässigen so furchtbar erscheinen lässt, die endlos umgetrieben werden,
ohne Lohn und ohne Schmerzen, vom Himmel wie von der Hölle
zurückgewiesen, so dass er selbst die Qualen der letzteren als diesem
trostlosen Dasein beneidenswert empfindet. –
So unmittelbar wie das Weinen, ist ihm aber, wenigstens theoretisch,
auch das Lachen, das er als corruscazione della dilettazione dell' anima
definiert; (CO. III, 8.) beides soll bei naiveren Naturen vom Willen ganz
unabhängig sein; (Purg. XII, 106.) doch werden im Paradiese offenbar ganz
verschiedene Affekte lächelnd ausgedrückt; (z. B. XVI, 14 und XVII, 36.)
es dient aber hier mehr zum transzendenten Symbol, ähnlich dem Leuchten
und der Liebe.
Überhaupt zeigt sich die Seele am deutlichsten in den Augen und am
Munde, wo die drei Naturen des Menschen (die vegetierende, empfindende und
vernünftige) gleichsam Gerichtsbarkeit haben. (CO. III, 8.)
Endlich ist es die Musik, in der die Empfindung ebenso ausströmt, wie
sie umgekehrt sie zu schmerzlichen oder freudigen Schwingungen zu wecken,
(Purg. XXIII, 2.) aber auch ihren allzuheftigen Sturm zu sänftigen weiß.
So groß stellt er sich ihre Gewalt vor, als ob sie die
Lebensgeister von ihren Funktionen ab und zu sich zieht; wenn die Seele
sie hört, kehrt sie ganz in sich ein und die Kraft jener Lebensgeister
eilt gleichsam dem Hörorgan zu, das den Ton aufnimmt; (CO. II, 14.) und
im Fegefeuer hört er einen Gesang, con sì dolci note Che fece nie a me
uscir di mente. (Purg. VIII, 14.)
Besonders schön aber spricht er die Wirkung der Musik,
alle Leiden und Leidenschaften zu beruhigen, zu seinem Freund, dem Sänger
Casella aus, den er im Fegefeuer wiederfindet, in Worten, die schon durch
ihren Klang jenen wunderbar sanften und sänftigenden Charakter der Musik,
den er im Tiefsten empfand, ausdrücken: Se nuova legge non ti toglie
Memoria o uso all' amoroso canto Che mi solea quietar tutte mie voglie, Di
ciò ti piaccia consolare alquanto L'anima mia che con la sua persona
Venendo qui è affannata tanto.
Amor, che nella mente mi ragiona Cominciò egli allor si dolcemente
Che la dolcezza ancor dentro mi suona. (Purg. II, 160.)
Wir haben hier und sonst schon das Gefühl berührt,
das nach Extension wie nach Intension unter denen obenan steht, die
wesentlich bewegende Räder in dem psychologischen Apparat des Gedichtes
bilden: die Liebe.
Der Begriff des amore ist aber bei Dante ein viel
weiterer als der der Liebe, er umfasst alles das, was wir Trieb, und zum
großen Teil auch das, was wir Willen nennen.
Der psychische Zustand, in dem uns irgend etwas in
irgend einer Hinsicht begehrenswert erscheint, wird als amare bezeichnet;
darum wird dieser Begriff in die Erörterung der Willensfreiheit und in
die der Laster mit hineingebracht, indem er über alles Physische und
Metaphysische verallgemeinert wird.
Die allgemeine Definition der Liebe findet sich an
folgender Stelle: »Der Geist, der zum Lieben bereit geschaffen ist, neigt
sich leicht jedem Gegenstande zu, der gefällt, sobald dies Gefallen ihn
zur Tätigkeit anregt. Ein realer Gegenstand wirkt auf Eure (menschliche)
Auffassungskraft und das so gewirkte Bild wird innerlich verarbeitet, so
dass der Geist darauf aufmerksam wird. Und wenn er nun, nach außen hin,
zu dem (realen) Urbild (jenes geistigen Bildes) sich wendet, so ist diese
Hinwendung Liebe.
Und wie das Feuer, seiner natürlichen Art und
Bestimmung gemäß, in die Höhe strebt, weil es dort am längsten
existieren kann: so ergreift eine Leidenschaft, die geistige Bewegung ist,
den Geist, und er ruht nicht, bis er sich des geliebten Gegenstandes
erfreut.« (Purg. XVIII, 19.)
Es liegt auf der Hand, dass diese Erklärung, die mit
der vorhin gegebenen des Willens übereinkommt, so wenig wie diese ein
eigentlich psychologisches oder auch nur metaphysisches Verständnis ihres
Objektes schafft; es wird nur ausgeführt, dass Liebe die Hinneigung zu
einem Objekte ist, dessen Vorstellung eben sie entzündet hat - also
wesentlich ein idem per idem.
Was die Liebe hervorruft, ist das als gut Erkannte; die
Stärke unserer Liebe steht im Verhältnis der Fülle des Guten in jedem
Dinge. (Par. XXVI, 28.)
Und diese Anschauung führt auf eine andre,
metaphysisch interessantere Bestimmung der Liebe: in allem Irdischen und
besonders in der menschlichen Seele, ist ein Strahl des göttlichen
Wesens, durch dazwischentretende Momente mehr oder weniger modifiziert;
nach der Vereinigung mit jenem Urquell unseres Wesens strebt unsere Seele
also natürlicherweise, per lo suo essere fortificare.
Und da nun in den Vollkommenheiten der menschlichen Natur das
Göttliche sich ausspricht, so streben wir natürlich nach der Vereinigung
mit andern um so mehr, als je vollkommener wir sie erkennen, und diese
Vereinigung nennen wir Liebe. (CO. III, 2.)
Hier spricht sich deutlich, auf metaphysischem Grunde, der universelle
Charakter der Liebe aus, ohne die, wie er ausdrücklich sagt, weder
Schöpfer, noch Geschöpf jemals war, (Purg. XVII, 91.) der noch stärker,
aber freilich die Bestimmtheit des Begriffes noch mehr verwischend, in
folgender Betrachtung hervortritt: jedes Wesen hat eine ihm entsprechende
natürliche Liebe: die Elemente zu ihren besonderen Örtern (die Erde nach
ihrem Mittelpunkt, das Feuer nach oben), die zuerst zusammengesetzten, wie
Metalle, wachsen an dem Orte ihrer Entstehung, die Pflanzen noch
offenbarer, die Tiere haben Liebe zu den Menschen und untereinander, die
Menschen zu den vollkommenen und würdigen Dingen; da der Mensch per la
sua nobilità etwas von der Natur all jener Dinge besitzt, so kann er alle
diese amori haben und hat sie.
Denn als einfacher Körper strebt er nach unten, als
zusammengesetzter liebt er den Ort seiner Geburt (Antäus!), der
Pflanzenseele gemäß hat er Neigung zu gewissen Speisen, nicht sowohl
wegen ihres Wohlgeschmacks, als wegen ihrer Nahrhaftigkeit; nach seiner
sinnlichen Tiernatur liebt der Mensch secondo la sensibile apparenza; und
diese Liebe bedarf ganz besonders des Zügels per la sua soperchievole
operazione nel diletto massimamente della vista e del tatto.
E per la quinta e ultima natura, cioè vera umana, e,
meglio dicendo, angelica, cioè razionale, ha l'uomo amore alla verità e
alla virtù; e da questo amore nasce la vera e perfetta amistà. (CO. Ill,
3.)
Im Ganzen aber sind es doch nur zwei spezifisch
verschiedene Arten der Liebe, die er betont: die natürliche Liebe, die
mit den oben erwähnten unwillkürlichen Willensimpulsen zusammenfällt,
und der amore d'animo, der aus freiem Willensentschluss hervorgeht.
Inhaltlich ist kein Unterschied zwischen beiden, und eben darum fallen
sie doch nicht mit den oben zitierten Unterschieden der amori der niederen
und der höheren Natur des Menschen zusammen, obgleich es
konsequenterweise so sein müsste; dagegen stimmt eine weitere Bezeichnung
jener Unterscheidung mit ihr überein: die Natur hätte ein Liebesband
zwischen den Menschen gestiftet, und dann käme noch ein anderes dazu, di
che la fede spezial si cria; (Inf. XI, 61.) und doch ist offenbar nur
dieses letzte das, was wir Liebe nennen.
Aber auch die edelste Liebe muss nach der einen
Herleitung den Zustand des Naturale durchmachen, während sie nach der
andern spezifisch von ihm getrennt ist.
Die unglückselige Scheidung zwischen Natürlichem und
Geistigem, die neben der Versicherung absoluter Einheitlichkeit der Seele
bei Dante besteht, muss derartige Unklarheiten zuwege bringen.
Daneben steht ein im strengeren Sinne metaphysischer Gebrauch des
Wortes: wie sich die Liebe als Triebkraft der Seele überhaupt enthüllt -
richtet sich doch nach dem Gesange der Liebe der Tanz auch der andern
theologischen Tugenden (Purg. XIX, 128.) - so soll sie auch der bewegende
Trieb für den Makrokosmos sein, wie es schon in den obigen fünffachen
Bedeutungen des Begriffes vorbereitet ist.
Es liegt hier, psychologisch betrachtet, ein ähnlicher
transzendenter Prozess vor wie der, in dem Schopenhauer den Willen zum
Weltprinzip macht.
Liebe bewegt die himmlischen Intelligenzen, durch Liebe regiert Gott
die Welt, ja, Gott ist die Liebe selbst? (Par. XXXIII, 145 u.o.)
Und wie Gott alle Dinge liebt und sie dadurch in ihrem Sein erhält, so
liebt ihn auch jede Kreatur, in dem Maße, in dem sie ihn erkennt? (Par.
XXVI, 28.)
Die Liebe ist das Erste und das Letzte, den Bau der
Welt zusammenhaltend.
Doch erwähnt er auch, und offenbar nicht missbilligend, der Ansicht
des Empedokles, dass die Liebe das Universum in das Chaos zu wandeln
vermöge. (Inf. XII, 40.)
Und das steht gar nicht im Widerspruch mit den andern
Wirkungen der Liebe, wenn man sie nur in dem von Dante intendierten
allgemeinen Sinne fasst, als Kraft überhaupt, als das allgemein bewegende
Prinzip, von dem die Fülle der verschiedensten Aktionen ausgehen kann.
Nichts und niemand ist von ihr ausgenommen, in ihr ist jedes Subjekt
auch Objekt, jedes Objekt auch Subjekt - sogar die Philosophie wird als
ein gegenseitiges Liebesverhältnis der Seele und der Weisheit angesehen.
(CO. III, 12.)
Diese Gegenseitigkeit schon im Metaphysischen der Liebe
führt uns zu einem weiteren Punkt hinüber, in dem wir sie betrachten
müssen: zu der Liebe im gewöhnlichen Sinne, von Mensch zu Mensch, und
insbesondere zwischen Mann und Weib.
Auch sie beruht ihm durchaus auf Gegenseitigkeit, fast wie in der
physischen Welt Stoß und Gegenstoß sich bedingen, wird, seiner
psychologischen Erfahrung nach, Liebe von Liebe hervorgebracht; Amor
erlässt keinem, der geliebt wird, das Lieben. (Inf. V, 103.)
»Ich sah einen von ihnen vorwärts eilen, erzählt er einmal, um mich
zu umarmen, mit solcher Leidenschaft, dass er mich bewog, das Gleiche zu
tun.« (Purg. II, 76.)
Die durch tugendhafte Vorzüge entflammte Liebe
entflammt auch stets den andern, sobald ihre Flamme nur äußerlich
erscheint. (Purg. XXII, 10.)
Ich kann mich der Überzeugung nicht verschließen,
dass der im Vergleich mit der heutigen entschieden sinnlichere Charakter
der damaligen geschlechtlichen Liebe solche Reziprozität sehr erleichtert
habe.
Das Romantische der modernen Liebe beruht wesentlich
darauf, dass sie auf beiden Seiten ein Spontanes, aus dem
Unbewussten Hervorgehendes ist.
Und nun vergleiche man damit Boccaccio, selbst wo er
nicht geradezu Karikaturen der Unsittlichkeit entwirft; wie
verhältnismäßig selten, dass ein voneinander unabhängiges Verlieben
des Helden und der Heldin der Geschichte eintritt, die Liebe entsteht nur
in dem einen, aber fast immer gelingt es ihm, sie auch in dem andern zu
entzünden; so dass in der Tat die psychischen Verhältnisse so gelegen zu
haben scheinen, dass Dante mit tatsächlicher Berechtigung sagen konnte:
Amor ch'a nullo amato amar perdona.
Es liegt auf der Hand, dass Liebe, die nur auf das
Sinnliche gerichtet ist, leichter Erwiderung findet, weil es zur
sinnlichen Befriedigung eben nur zweier Personen verschiedenen Geschlechts
bedarf, während zu gegenseitiger geistiger Sympathie sehr komplizierte
und also viel seltenere Bedingungen nötig sind.
Jene sentimentale, hyperspirituelle Liebe zu einer
Beatrice, einer Laura - sozusagen Leidenschaften ohne Pedal - die doch
übrigens entschieden sinnliche Verhältnisse der Dichter, sogar
gleichzeitige, nicht verhinderte, ist nur die natürliche Reaktion auf den
erwähnten derbsinnlichen Charakter, das dualistische Umschlagen ins
entgegengesetzte Extrem, das notwendig war, bevor in den folgenden Zeiten
die Idee harmonischer Gleichberechtigung beider Faktoren, des Sinnlichen
und des Geistigen, gefasst werden konnte; und nach dem letzten Satze, den
wir oben aus CO. III, 3 zitierten, erkennt er die Liebe zu Beatrice
eigentlich nur als Freundschaft an. –
Wie wir gesehen haben, dass die mystische Vorstellung
der Abspiegelung der Gedanken in Gott eine materialistische Ader enthält,
so wirft auch jener sinnliche Charakter der Liebe seinen Schatten in die
abstraktesten Auseinandersetzungen über sie: denn immer geht die Liebe
auf ein Habenwollen, ihr Ziel wird als ein Besitzen, als etwas Praktisches
dargestellt - die potentia concupiscibilis ist die sedes amoris (An Cino
von Pistoja.) - der Geist soll nicht ruhen, bis er sich des geliebten
Gegenstandes erfreut; darum ist die Liebe, wie Dante sie kannte und
erkannte, trotz aller Resignation und Vergeistigung seiner Neigung zu
Beatrice, unendlich weit von jenem höchsten Begriff der Liebe entfernt,
der in den Worten ausgesprochen ist: »Wenn ich dich liebe, was geht's
dich an?«
Allerdings wird hiermit die moralische Differenz der Völker
und Zeiten auf ein sehr heikles, der historischen Forschung kaum exakt
zugängliches Gebiet verfolgt - allein zu einer Andeutung wenigstens
darüber scheint mir die Berechtigung vorzuliegen.
Ebenso über einen zweiten Gegensatz der Zeitseelen,
der sich an diese Empfindung, nach der Liebe stets Liebe erzeugt,
anschließt; wie interessant nämlich, damit den Ausspruch Heines zu
vergleichen: »Wenn man von mir geliebt sein will, muss man mich en
canaille behandeln.« Wie gesund und rein erscheint die Dantesche
Reziprozität der Liebe einer solchen unnatürlich überreizten, innerlich
vergifteten Gefühlsweise gegenüber! Aber es ist wesentlich derselbe
psychologische Zug, der, der Empfindung früherer Zeiten entgegen, den
modernen Menschen in die wildeste Alpennatur zieht, dahin am liebsten, wo
sie am unwegsamsten, gleichsam am zurückstoßendsten ist.
Nichtsdestoweniger sind viele Züge in Dantes erotischer
Autobiographie, die uns überraschend modern anmuten; er ist sich sogar
des Problematischen einer solchen Leidenschaft vollkommen bewusst, die ihn
zu Beatrice hindrängt und ihn doch bei ihrem Anblick mit den größten
Qualen erfüllt? (V. N. 16.)
Mit derselben unwiderstehlichen Gewalt, mit der die
Liebe gleichsam das Herz der Welt pulsieren lässt, herrscht sie auch in
der Welt des Herzens.
Die Liebe zu Beatrice war es, der Dante seine Erhebung über die
volgare schiera verdanken Will, (Inf. II, 104.) über das Leben hinaus
bewährt sie sich, und ihre Kraft hält die noch als Schatten zusammen,
die sie im Leben vereinte; (Inf. V, 103.) das Geheimnis der Poesie liegt
darin, dass man so schreibt, wie Liebe es einem eingibt und nur wenn man
sich streng an sie hält, kann man das Höchste in der Dichtkunst
erreichen; (Purg. XXIV, 52.) sie hat solche Gewalt, dass alles
Feindselige, das er gegen irgend jemanden im Herzen trägt, bei dem
Anblick seiner Geliebten daraus entschwindet, dass er jedem vergibt, der
ihn nur je gekränkt. (V. N. II)
Bei ihm, bekennt er, folgte die Liebe dem Anblick, wie der Donner dem
Blitz, verjagte alle übrigen Gedanken und machte ihn zum willenlosen
Geschöpfe seiner Leidenschaft. (An Moroello Malaspina.)
Damit harmoniert freilich ein andrer Ausspruch nicht: dass nämlich
Liebe nicht plötzlich entsteht und ihren Höhepunkt erreicht, sondern
einiger Zeit und Nahrung von Gedanken bedarf; (CO. II, 2.) ja sogar in der
V. N. heißt es, dass Amor ihn beherrscht per la virtù che gli dava la
mia imaginazione.
Das ist eben einer jener Widersprüche, die seine
Psychologie öfters darbietet, die aber grade oft Zeugnis für die
vielfache und vorurteilsfreie Beobachtung ablegen, mit der er das Leben
ansah, das eben in der Tat vielfach widersprechende, scheinbar Gegenteile
erweisende Erscheinungen aufzeigt.
Jenes Moment der Gewohnheit in der Liebe benutzt er übrigens zu einer
Erklärung des Rechtes der Erstgeburt, die von dem echtesten
psychologischen Geiste getragen ist: weil man nämlich die innigste
Verbindung mit dem einzugehen pflegt, das einmal als Einziges seiner Art
in der Vorstellung ist, so ist das erste Kind am engsten mit dem
Vorstellungskreise des Vaters verbunden, steht ihm am nächsten und ist
deshalb das am meisten geliebte; und dem gemäß entstand die Gewohnheit
der Völker, grade das erste Kind zum Erben der Güter einzusetzen. (CO.
I, 12.)
Indessen gibt er selbst eine äußerst scholastische,
auf metaphysische Theorien gebaute Erklärung, als ihn Cino von Pistoja
anfragt, ob die Seele von einem Gegenstande der Leidenschaft zu einem
andern übergehen könne.
Theoretisch begreift er die Treulosigkeit sehr gut, das
verhindert ihn aber nicht, wenngleich er für Francesca von Rimini nur
Mitleid hat, gegen die Treulosigkeit und Unsittlichkeit der Frauen die
härtesten Worte zu sprechen.
Nur kurz dauere das Liebesfeuer in einer Frau, wenn es nicht immer
sinnlich erregt gehalten wird, se l'occhio o'l tatto spesso nol raccende;
(Purg. VIII, 76.) er ist empört über die schamlosen Trachten der Weiber
seiner Zeit und verheißt ihnen die härteste Bestrafung. (Purg. XXIII,
94.)
Aber wie von der ethischen, so denkt er auch von der Intellektuellen
Anlage der Frauen sehr gering; zuerst, meint er, wird wohl Adam und nicht
Eva im Paradiese gesprochen haben, da nicht anzunehmen ist, dass etwas so
Vortreffliches, wie die Sprache ist, von einer Frau ausgegangen sei. (V.
E. I, 4.)
Die gewöhnliche untergeordnete Volkssprache charakterisiert er als
die, welche auch die mulierculae sprächen. (An Cangrande, 10.)
Auch sagt er einmal, er wolle zu Frauen sprechen, aber nicht zu all und
jeder, sondern nur zu edlen, und nicht zu solchen, die eben nichts als
Frauen wären. (V. N. 19.)
Zum Schluss noch einige Anführungen über mehr isolierte Gebiete.
In seinen Ansichten über die Tierseele kann sich ein gewisser
Widerspruch nicht verleugnen; theoretisch schließt er alles Sittliche und
Vernünftige von ihr aus, da ihr die Willensfreiheit vollkommen abgehe;
andrerseits aber bemerkt er, dass es in der geistigen Ordnung der Dinge so
wenig einen Sprung gebe, als in der natürlichen, dass ein allmählicher
Übergang von der englischen Natur durch die menschliche hindurch zur
tierischen stattfände, wenn auch allgemeine Stufen anerkannt werden
müssten. (CO. III, 7.)
Und ferner hat er ein zu feines dichterisches Auge, einen zu
liebreichen Sinn für das Schöne und Idyllische, um nicht auch in der
Tierseele die Anfänge sittlichen Lebens, rein menschliche Empfindungen zu
bemerken: »Wie ein Vogel, der in seinem lieben Laube die Nacht hindurch
auf dem Nest der teuren jungen ruht, der Zeit voraneilt auf
hervorstehendem Zweige und mit heißer Begier die Sonne erwartet,
unverwandt zuschauend, ob der Himmel sich röte, damit er seine Geliebten
wieder erblicken und Speise für sie suchen könne, wobei er die ärgsten
Mühen gern auf sich nimmt: so stand meine Herrin da, etc.« (Par. XXIII,
I.)
Ferner folgende Stelle, in der wieder der Ton der Sprache zur
Darstellung der Empfindung wichtig ist: Qual lodoletta che 'n aere si
spazia Prima cantando, e poi tace contenta Dell' ultima dolcezza che la
sazia: Tal mi sembiò l'immago della 'mprenta Dell' eterno piacere. (Par.
XX, 73.)
Es ist übrigens für den Unterschied der Zeiten nicht ohne
Wichtigkeit, dass seine Hölle keinen Platz für Tierquäler hat. -
Auch
den Charakter der Pflanze weiß er zu beobachten und zum Symbol für
Psychisches zu machen; so ist, nach Wittes Deutung, »die geschmeidige,
den Schlägen der Welle sich hingebende Binse, die das Ufer des
Fegefeuerberges umkränzt, (Purg. I, 103.) ein unverkennbares Symbol
demütiger Buße.« Und feinsinnig vergleicht er das Aufatmen nach einer
Angst mit dem Aufrichten und Aufgehen der Blumen, die vor nächtlichem
Reif sich gebeugt und geschlossen haben und morgens, wenn der Sonnenschein
sie streift, wieder die Köpfchen heben. (Inf. II, 127.)
Ist doch die Menschenseele nach seiner Metaphysik in der ersten Zeit
ihrer embryonalen Entwicklung eine Pflanzenseele, nur mit dem
Unterschiede, dass jene sich weiter entwickelt, während diese schon am
Ziele ist. (Purg. XXV, 52.)
Andrerseits aber dient ihm das tierische Dasein als
Allegorie und als Symbol der schlimmsten Eigenschaften menschlicher
Seelen.
Da seiner Metaphysik zufolge die Menschenseele nichts
ist als die Tierseele, unter Hinzusetzung des rationellen Teiles, so muss
sie, wenn dieser ihr edelster Teil durch moralische oder intellektuelle
Schlechtigkeit depraviert wird, wieder auf den Zustand jener herabsinken.
Aber weil es eben die Pflicht des Menschen ist, jene
höchste Gottesgabe sich zu bewahren, so ist die vita bestiale nicht mehr
der Unschuldszustand der Tiere, sondern die Bezeichnung eines positiv
lasterhaften und verabscheuungswürdigen Daseins.
Die Tiere haben keine Willensfreiheit, weil ihre Urteilskraft immer von
ihrer Begierde bestimmt wird; (Mon. I, 14. Co. II, 8.) geschieht dies nun
auch beim Menschen, so ist er also bloß von den Begierden des Tieres
beherrscht und so kann es sein, dass die einzelnen Tiere geradezu zu
Sinnbildern einzelner Laster werden, wie es sehr vielfach in der D. C.
vorkommt.
In der Unfreiheit des Schlechten ist der Wille
freiwillig aufgehoben; es ist interessant, dies mit der obigen
Auseinandersetzung über die Gelübde zusammenzuhalten.
Seine Ansichten über Kunst, obgleich nur gelegentlich berührt, sind
doch nicht ohne psychologisches Interesse.
Die Schönheit eines Gegenstandes soll darin beruhen, dass seine Teile
sich geziemend entsprechen; denn die Harmonie derselben bereitet uns ein
angenehmes Gefühl (piacimento) und darum nennen wir jenen schön. (CO. I,
5.)
Der Standpunkt ist ebenso hier ein ganz
subjektiv-psychologischer, wie da, wo er den ganzen Zweck seines Gedichtes
darein setzt, die Menschen aus dem Zustand des Elends zu dem der
Glückseligkeit zu führen (s.o.).
Für den Standpunkt des Künstlers treffen wir auf eine größere Zahl
von Klagen über die Schwierigkeit des künstlerischen Verfahrens und auf
ein klares Bewusstsein von dessen Grenzen: jeder Künstler müsse hinter
seinem letzten Ideal (ultimo suo) zurückbleiben! (Par. XXX, 31.)
Wir haben schon oben ausgeführt, wie scharf er die
Unzulänglichkeit der Sprache für den Ausdruck der höchsten
künstlerischen Intentionen empfindet.
Und ebenso weiß er - was freilich nur für seine Zeit gilt, die erst
auf dem Wege zum Höchsten war -, dass im Laufe aufsteigender
Kulturentwicklung der Ruhm jedes Künstlers sehr bald von einem Späteren
überflügelt wird, dass nur das Nachfolgen barbarischer Zeiten ihn auf
der Höhe der Berühmtheit stehen bleiben lässt. (Purg. XI, 91.)
Ein feines künstlerisches Verständnis spricht
besonders aus der Schilderung der Marmorreliefs, die er im Purgatorio (X
und XII) findet.
So bewundernswert sollen sie sein, dass nicht nur
Polyklet, sondern sogar die Natur davor hätte beschämt zurücktreten
müssen.
Der Einfluss Giottos vielleicht lässt ihn in der
Naturwahrheit, in der Klarheit und Energie des Ausdrucks die höchste
Vollendung des Kunstwerkes suchen: man hätte schwören mögen, dass jene
Figuren leben und sprechen, so deutlich ist, was sie sagen, in ihren
Mienen ausgedrückt, wie das Siegel im Wachs erscheint.
Der Gesang, der Opferrauch kommt ihm so realistisch
vor, dass immer zwei Sinne darüber in Streit geraten: das Ohr sagt: sie
singen nicht, aber das Auge: ja, sie singen doch, und ebenso zwischen Nase
und Augen.
Die Beschreibung der Personen und Szenen ist zwar von
der größten Anschaulichkeit und doch durchaus so, dass man nicht
vergisst, dass es eben die Beschreibung nicht einer Wirklichkeit, sondern
eines Kunstwerkes ist, und gibt Zeugnis, dass er über die Gesetze der
Kunst, das in ihr Mögliche und Mächtige, nachgedacht hat; er versichert
zwar oft genug, dass diese Bilder genau wie die Wirklichkeit selbst
erschienen wären, aber man merkt doch deutlich, dass nicht der rohe
Realismus, sondern eben nur soweit er künstlerisch ist, das ist, was ihn
entzückt.
Was das Wesen der Dichtkunst betrifft, und die Art, wie
man das Höchste in ihr erlangen kann, so gibt er zwei Wege dazu an, auf
denen beiden er selbst gegangen ist und die so recht wieder den Dualismus
seiner Natur und seiner Zeit charakterisieren.
Zum Vollendetsten in der Poesie, meint er nämlich, gelange man durch
unmittelbare Hingebung an die Empfindung; auf die Frage, wie es ihm
möglich sei, so Süßes zu singen, wie es kein Dichter vor ihm erreicht
habe, antwortet er: lo mi son un che quando Amor mi spira, noto ed in quel
modo Che detta dentro vo significando; seine Feder ginge unmittelbar
diretro al dittator. (Purg. XXIV, 52.)
An andern Stellen aber tritt der Scholastiker hervor,
der von dem Werte der unmittelbaren Genialität für die Poesie nichts
weiß, für den das Verstandesmäßige ihr eigentliches Wesen erschöpft.
Zwar, wer nur Einfaches singen will, möge nur ruhig einen Trunk aus
dem Helikon tun und in die Saiten greifen; wer aber eine Canzone singen
will, bedarf der Kunst und der Gelehrsamkeit, und stütze sich ja nicht
auf das solum ingenium. (V. E. II, 4.)
So gibt er auch in der V. N. von den
Entstehungsursachen seiner Gedichte, im Convito von ihren Inhalten rein
verstandesmäßige Erklärungen.
Jede poetische Licenz, meint er, jeder bildliche
Ausdruck, müsse so gehalten sein, dass man darunter einen
verstandesmäßigen Sinn finden könne. (V. N. 25.)
So hat er, wenn auch nicht zu gleicher Zeit, die
verschiedenen Seiten seiner dichterischen Individualität mit richtiger
Selbstbeobachtung ausgesprochen; und wir können diesen Fall vielleicht
als typisch für eine Psychologie ansehen, die, als Theorie, aufs engste
mit den tatsächlichen psychischen Verhältnissen ihres Autors verwachsen
ist und den Grundzug ihres Wesens durchaus mit dem seinigen teilt: jenen
Dualismus, in dem die divergenten geistigen Strömungen seiner Zeit, in
seiner kraftvollen und genialen Persönlichkeit gleichsam sich schneidend
und kulminierend, zu einem systematischen Bewusstsein zusammengefasst
wurden, ehe sie sich für immer trennten.
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