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Georg Simmel: Venedig
ex: Das Kunstwart. Halbmonatsschau über Dichtung, Theater, Musik, bildende und angewandte Künste, hrsg. Von Ferdinand Avenarius, 20. Jg., 2. Juniheft 1907, S.299-303,
(München)
Jenseits alles
Naturalismus, der der Kunst das Gesetz der ihr äußeren Dinge auferlegt,
steht eine Wahrheitsforderung über ihr: ein Anspruch, den das Kunstwerk
zu erfüllen hat, obgleich er nur aus ihm selbst quillt.
Ruht ein mächtiges Gebälk
auf Säulen, denen wir solche Leistung nicht zutrauen, geben uns die
pathetischen Worte eines Gedichts Anweisung auf eine Leidenschaft und
Tiefe, von denen uns dennoch das Ganze nicht überzeugt, so fühlen wir
den Mangel einer Wahrheit, einer Übereinstimmung des Kunstwerkes mit
seiner eigenen Idee.
Noch einmal aber steht es
vor der Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, weil es einem
Gesamtzusammenhang des Seins zugehört.
Auf schwer enträtselbare
Weise malt sich hinter jedes Kunstwerk das Wollen und Fühlen einer
bestimmten Seele, eine bestimmte Auffassung von Welt und Leben - aber
keineswegs immer so, dass das Werk der treue und angemessene Ausdruck
jener tieferen, allgemeineren Wirklichkeit ist, die es uns dennoch ihm
anzufühlen veranlasst.
Sondern, merkwürdig genug, manches Kunstwerk gibt uns unmittelbare
Anweisung auf eine innere und metaphysische Welt, die sich in ihm ausdrücken
sollte, tatsächlich aber nicht ausdrückt.
Da mögen nun die Teile
untereinander harmonisch und vollkommen sein: das Ganze treibt aus einer
Wurzel, zu der es nicht gehört, und je vollendeter es in sich ist, desto
radikaler ist die Lüge, wenn es sich in den Zusammenhang eines inneren
Lebens, einer Weltanschauung, einer religiösen Überzeugung einstellt,
die es in seinem tiefsten Sein dementiert.
An solchen Wahrheiten und
solchen Lügen haben die verschiedenen Künste in verschiedenen Maßen
teil.
An die Baukunst, von der hier die Rede sein soll, kann kein Naturalismus
die Wahrheitsforderung im Sinn der Formgleichheit mit einem äußerlich
Gegebenen stellen; um so ersichtlicher beansprucht sie die innere
Wahrheit: dass die tragenden Kräfte den Lasten genügen, dass die
Ornamente den Platz finden, in dem sie ihre innere Bewegtheit ausleben können,
dass nicht Einzelheiten d ein Stile untreu werden, in dem das Ganze sich
bietet.
Geheimnisvoller aber ist
die Harmonie oder der Widerspruch, in dem das Bauwerk mit der seelischen
Bedeutung oder dem Lebenssinne steht, der mit ihm verbunden ist, aus ihm
aufleuchtet - aber nur wie eine Forderung, die es zwar selbst stellt, aber
doch nicht immer selbst erfüllt.
Vielleicht liegt hier der
tiefste Unterschied zwischen der Architektur von Venedig und der von
Florenz.
Bei den Palästen von
Florenz, von ganz Toskana, empfinden wir die Außenseite als den genauen
Ausdruck ihres inneren Sinnes: trotzig, burgmäßig, ernste oder
prunkvolle Entfaltung einer wie in jedem Steine fühlbaren Macht, jeder
die Darstellung einer selbstgewissen, selbstverantwortlichen Persönlichkeit.
Die venezianischen Paläste
dagegen sind ein preziöses Spiel, schon durch ihre Gleichmäßigkeit die
individuellen Charaktere ihrer Menschen maskierend, ein Schleier, dessen
Falten nur den Gesetzen seiner eignen Schönheit folgen und das Leben
hinter ihm nur dadurch verraten, dass sie es verhüllen.
Jedes innerlich wahre
Kunstwerk, so phantastisch und subjektiv es sei, spricht irgend eine Art
und Weise aus, auf die das Leben möglich ist.
Fährt man aber den Canal
Grande entlang, so weiß man: wie das Leben auch sei - so jedenfalls kann
es nicht sein.
Hier, am Markusplatz, auf
der Piazzetta, empfindet man einen eisernen Machtwillen, eine finstre
Leidenschaft, die wie das Ding an sich hinter dieser heitern Erscheinung
stehen: aber die Erscheinung lebt wie in ostentativer Abtrennung vom Sein,
die Außenseite erhält von ihrer Innenseite keinerlei Direktive und
Nahrung, sie gehorcht nicht dem Gesetze einer übergreifenden seelischen
Wirklichkeit, sondern dem einer Kunst, das jenes gerade zu dementieren
bestimmt scheint.
Indem aber hinter der
Kunst, so vollendet sie in sich sei, der Lebenssinn verschwunden ist oder
in entgegengesetzter Richtung läuft, wird sie zur Künstlichkeit.
Florenz wirkt wie ein Werk
der Kunst, weil sein Bildcharakter mit einem zwar historisch
verschwundenen, aber ideell ihm getreu einwohnenden Leben verbunden ist.
Venedig aber ist die künstliche
Stadt.
Florenz kann nie zur bloßen
Maske Werden, weil seine Erscheinung die unverstellte Sprache eines
wirklichen Lebens war; hier aber, wo all das Heitere und Helle, das
Leichte und Freie, nur einem finstern, gewalttätigen, unerbittlich zweckmäßigen
Leben zur Fassade diente, da hat dessen Untergang nur ein entseeltes Bühnenbild,
nur die lügenhafte Schönheit der Maske übriggelassen.
Alle Menschen in Venedig
gehen wie über die Bühne: in ihrer Geschäftigkeit, mit der nichts
geschafft wird, oder mit ihrer leeren Träumerei tauchen sie fortwährend
um eine Ecke herum auf und verschwinden sogleich hinter einer andern und
haben dabei immer etwas wie Schauspieler, die rechts und links von der
Szene nichts sind, das Spiel geht nur dort vor und ist ohne Ursache in der
Realität des Vorher, ohne Wirkung in der Realität des Nachher.
Mit der Einheit, durch die
ein Kunstwerk jedes seiner Elemente seinem Gesamtsinn untertan macht,
ergreift hier der Oberflächencharakter das Bild der Menschen.
Wie sie gehen und stehen,
kaufen und verkaufen, betrachten und reden - alles das erscheint uns,
sobald uns da Sein dieser Stadt, das in der Ablösung des Scheins vom Sein
besteht, einmal in seinem Bann hat, als etwas nur Zweidimensionales, wie
aufgeklebt auf das Wirkliche und Definitive ihres Wesens.
Aber als habe sich dieses Wesen darunter verzehrt, ist alles Tun ein
Davor, das kein Dahinter hat, eine Seite einer Gleichung, deren andre
ausgelöscht ist.
Selbst die Brücke verliert
hier ihre verlebendigende Kraft.
Sie leistet sonst das Unvergleichliche, die Spannung und die Versöhnung
zwischen den Raumpunkten wie mit einem Schlage zu bewirken, zwischen ihnen
sich bewegend, ihre Getrenntheit und ihre Venbundenheit als eines und
dasselbe fühlbar zu machen.
Diese Doppelfunktion aber,
die der bloß malerischen Erscheinung der Brücke eine tiefer bedeutsame
Lebendigkeit unterlegt, ist hier verblasst, die Gassen gleiten wie
absatzlos über die unzähligen Brücken hinweg, so hoch sich der Brückenbogen
spannt, er ist nur wie ein Aufatmen der Gasse, das ihren kontinuierlichen
Gang nicht unterbricht.
Und ganz ebenso gleiten die
Jahreszeiten durch diese Stadt, ohne dass der Wandel vom Winter zum Frühling,
vom Sommer zum Herbst ihr Bild merklich änderten.
Sonst spüren wir doch an
der blühenden und welkenden Vegetation eine Wurzel, die an den wechseln
den Reaktionen auf den Wechsel der Zeiten ihre Lebendigkeit erweist.
Venedig aber ist dem von
innen her fremd, das Grün seiner spärlichen Gärten, das irgendwo in
Stein oder in Luft zu wurzeln oder nicht zu wurzeln scheint, ist dem
Wechsel wie entzogen.
Als hätten alle Dinge alle
Schönheit, die sie hergeben können, an ihre Oberfläche gesammelt und
sich dann von ihr zurückgezogen, so dass sie nun wie erstarrt diese Schönheit
hütet, die die Lebendigkeit und Entwicklung des wirklichen Seins nicht
mehr mitmacht.
Es gibt wahrscheinlich
keine Stadt, deren Leben sich so ganz und gar in einem Tempo vollzieht.
Keinerlei Zugtiere oder
Fahrzeuge reißen das verfolgende Auge in wechselnde Schnelligkeiten mit,
die Gondeln haben durchaus das Tempo und den Rhythmus gehender Menschen.
Und dies ist die
eigentliche Ursache des »traumhaften« Charakters von Venedig, den man
von je empfunden hat.
Die Wirklichkeit schreckt
uns immerzu auf; die Seele, sich selbst oder einem beharrenden Einfluss überlassen,
würde in einem gewissen Gleichstand verbleiben, und erst der Wechsel
ihrer Empfindungen weist sie auf ein äußeres Dasein, das diese
Unterbrechungen ihrer Ruhelage verursacht.
Deshalb werden wir von
dauernd gleichmäßigen Eindrücken hypnotisiert, ein Rhythmus, dem wir
unterbrechungslos ausgesetzt sind, bringt uns in den Dämmerzustand des
Unwirklichen.
Die Monotonie aller
venezianischen Rhythmen versagt uns die Aufrüttlungen und Anstöße,
deren es für das Gefühl der vollen Wirklichkeit bedarf, und nähert uns
dem Traum, in dem uns der Schein der Dinge umgibt, ohne die Dinge selbst.
Ihrer eignen Gesetzlichkeit
nach erzeugt die Seele, in dem Rhythmus dieser Stadt befangen, in sich die
gleiche Stimmung, die ihr ästhetisches Bild in der Form der Objektivität
bietet: als atmeten nur noch die obersten, bloß spiegelnden, bloß genießenden
Schichten der Seele, während ihre volle Wirklichkeit wie in einem lässigen
Traum abseits steht.
Aber indem nun diese, von
den Substanzen und Bewegtheiten des wahren Lebens gelösten Inhalte hier
dennoch unser Leben ausmachen, bekommt dieses von innen her teil an der Lüge
von Venedig.
Denn dies ist das Tragische
an Venedig, wodurch es zum Symbol einer ganz einzigen Ordnung unsrer
Formen der Weltauffassung wird: dass die Oberfläche, die ihr Grund
verlassen hat, der Schein, in dem kein Sein mehr lebt, sich dennoch als
ein Vollständiges und Substantielles gibt, als der Inhalt eines wirklich
zu erlebenden Lebens.
Florenz gibt uns die
Ahnung, dass dieselben Kräfte, die seinen Boden geformt und seine Blumen
und Bäume emporgetrieben haben, auf dem Umwege über die Hand des Künstlers
auch Orcagnas Paradies und Botticellis Frühling, die Fassade von S.
Miniato und Glottos Kampanile erzeugt haben.
Darum mag das seelische
Leben, das zwischen jenem dunkeln Urgrund und diesen Kristallformen des
Geistes vermittelte, längst verschwunden sein und mag nur einen ästhetischen
Schein übriggelassen haben - er ist dennoch keine Lüge, weil in ihm das
Sein mitschwebt, das ihm seinen richtigen Platz anweist.
Nur wo ein Schein, dem
niemals ein Sein entsprochen hat und dem selbst das ihm entgegengerichtete
weggestorben ist - nur wo dieser ein Leben und eine Ganzheit zu bieten
vorgibt, da ist er die Lügt schlechthin, und die Zweideutigkeit des
Lebens ist zu ihm wie zu ihrem Körper zusammengeronnen.
Zweideutig ist der
Charakter dieser Plätze, die mit ihrer Wagenlosigkeit, ihrer engen,
symmetrischen Umschlossenheit den Anschein von Zimmern annehmen,
zweideutig in den engen Gassen das unausweichliche Sich-Zusammendrängen
und Sich-Berühren der Menschen, das den Schein einer Vertrautheit und »Gemütlichkeit«
diesem Leben gibt, dem jede Spur von Gemüt fehlt; zweideutig das
Doppelleben der Stadt, einmal als der Zusammenhang der Gassen, das andre
Mal als der Zusammenhang der Kanäle, so dass sie weder dem Lande noch dem
Wasser angehört - sondern jedes erscheint als das proteische Gewand"
hinter dem jedes Mal das andre als der eigentliche Körper lockt;
zweideutig sind die kleinen, dunkeln Kanäle, deren, Wasser sich so
unruhig regt und strömt - aber ohne dass eine Richtung erkennbar wäre,
in der es fließt, das sich immerzu bewegt, aber sich nirgends hinbewegt.
Dass unser Leben eigentlich
nur ein Vordergrund ist, hinter dem als das einzig Sichere der Tod steht -
dies ist der letzte Grund davon, da das Leben, wie Schopenhauer sagt, »durchweg
zweideutig« ist; denn wenn der Schein nicht aus einer Wurzel wächst,
deren Säfte ihn in einer Richtung halten, so ist er der Deutung jeder
Willkür preisgegeben.
Nur der Kunst ist es in
ihren glücklichsten Augenblicken verliehen, in den Schein ein Sein
aufzunehmen und dieses zugleich mit sich selbst zu bieten.
Und darum ist die Kunst
erst vollendet und jenseits der Künstlichkeit, wenn sie mehr ist als
Kunst.
So ist Florenz, das der
Seele die herrlich eindeutige Sicherheit einer Heimat gibt.
Venedig aber hat die
zweideutige Schönheit des Abenteuers, das wurzellos im Leben schwimmt,
wie eine losgerissene Blüte im Meere, und dass es die klassische Stadt
der Aventure war und blieb, ist nur die Versinnlichung vom letzten
Schicksal seines Gesamtbildes, unsrer Seele keine Heimat, sondern nur ein
Abenteuer sein zu dürfen.
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