Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
presents: Georg Simmel Online

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Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe 
8. Teil

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ex: Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Duncker & Humblot Verlag, Berlin 1908 (1. Auflage). S. 375-459.
Entgegen der Stabilität und substanziellen Festigkeit, die gewisse Kreise als Bedingung ihrer Selbsterhaltung ausbilden, bedürfen andre gerade der größten Geschmeidigkeit und Auswechselbarkeit der soziologischen Formen; z. B. solche, die ihre Existenz innerhalb (> 448) eines größeren entweder nur geduldet oder gar nur per nefas führen. 

Nur durch die vollkommenste Elastizität kann eine solche Gesellschaft die Festigkeit des Zusammenhanges mit der fortwährenden Defensive und Offensive vereinigen. 

Sie muss sozusagen in jedes Loch schlüpfen, sich je nach den Umständen ausdehnen und zusammenziehen können, muss wie ein Körper in flüssigem Aggregatzustand jede Form annehmen, die sich ihr bietet. 

So müssen Gauner- und Verschwörerbanden die Fähigkeit erwerben, sich sofort zu teilen und in getrennten Gruppen zu agieren; sich bedingungslos bald dem, bald jenem Führer unterzuordnen, bald in direktem, bald in indirektem Kontakt doch immer den gleichen Gemeingeist zu bewahren; nach jeder Zersprengung sich sofort in irgendeiner gerade möglichen Form von neuem zu organisieren usw. 

Dadurch gelangen sie zu jener Selbsterhaltung, infolge deren die Zigeuner von sich zu sagen pflegen: es wäre unnütz, sie zu hängen, da sie doch nie stürben. 

Ähnliches hat man von den Juden behauptet. 

Die Stärke ihres sozialen Zusammenhanges, das praktisch so wirksame Solidaritätsgefühl zwischen ihnen, der eigentümliche, wenn auch oft nachlassende Abschluss gegen alle Nichtjuden - dieses soziologische Band habe seit der Emanzipation wohl seine konfessionelle Färbung verloren, habe diese aber nur gegen die kapitalistische ausgetauscht. 

Eben deshalb sei »die unsichtbare Organisation« der Juden eine unüberwindliche" »denn sobald der Hass gegen das Judentum diesem zuerst die Macht der Presse, dann jene des Kapitals entringen, endlich dessen Gleichberechtigung aufheben sollte, gehe nicht der jüdische Gesellschaftsverband unter, sondern er würde nur seiner gesellschaftspolitischen Organisation beraubt, erstarke aber wieder in seiner ursprünglichen konfessionellen Verbandsgestalt. Dieses gesellschaftspolitische Spiel habe sich örtlich schon wiederholt und könne sich auch im allgemeinen wiederholen.« 

Ja, man könnte die Variabilität des einzelnen Juden, seine merkwürdige Fähigkeit, sich in die mannigfaltigsten Aufgaben hineinzufinden und sein Wesen den wechselndsten Lebensbedingungen anzupassen - man könnte dies als eine Abspiegelung der soziologischen Gruppenform in der Form des Individuums bezeichnen. 

Ganz unmittelbar ist gerade die Elastizität der Juden in sozialökonomischen Beziehungen als ein Träger ihrer Resistenz bezeichnet worden. 

Der bessere englische Arbeiter ist von dem Lohn, der ihm für seinen Standard nötig scheint, überhaupt nicht abzudrängen: er streikt oder tut lieber unqualifizierte Arbeit oder sucht irgend Verdienst andrer Art, als dass er für seine Facharbeit einen Lohn unterhalb des einmal fixierten Standards annimmt. 

Der Jude aber nimmt lieber den geringsten Lohn, als dass er überhaupt nicht arbeitet, und kennt dafür nicht die ruhige Zufriedenheit mit einem erreichten Standard, sondern strebt unermüdlich darüber hinaus: kein Minimum ist ihm zu gering, kein Maximum genug. 

Diese Schwingungsweite, die sich aus dem individuellen Leben ersichtlich in das der Gruppe fortsetzt, ist für den Juden ebenso das Mittel der Selbsterhaltung, wie in dem Beispiel des englischen Arbeiters gerade die Starrheit und Unverrückbarkeit. 

Gleichviel nun, ob die zuerst angeführte (> 449) Behauptung über die Geschichte des Judentums inhaltlich zutreffend ist oder nicht, für uns ist jedenfalls ihre Voraussetzung belehrend - dass die Selbsterhaltung einer sozialen Einheit gerade durch den Wechsel ihrer Erscheinungsform oder ihres materialen Grundes geschehen könne, dass ihre Beständigkeit gerade in ihrer Bildsamkeit beruhe. 

Diese beiden Wege der sozialen Selbsterhaltung treten durch ihre Beziehungen zu weiteren soziologischen Hauptbegriffen in besonders charakteristische Entgegengesetztheit.  

Wenn nämlich die Erhaltung der Gruppe sehr eng damit verbunden ist, dass eine bestimmte Schicht in ihrer Existenz und Eigenart erhalten werde - die höchste, die breiteste, die mittlere - ' so fordern die beiden ersten Fälle mehr Starrheit der sozialen Lebensform, der letztere mehr Elastizität derselben. 

Aristokratien werden, wie ich bereits hervorhob, im allgemeinen konservativ sein. 

Denn, wenn sie wirklich sind, was der Name besagt: die Herrschaft der Besten - so sind sie der adäquateste Ausdruck für die tatsächliche Ungleichheit zwischen den Menschen. 

In diesem Fall - von dem ich nicht untersuche, ob er sich nicht etwa immer nur sehr partiell realisiert - fehlt der Stachel für umwälzende Bewegungen: die Unangemessenheit zwischen den inneren Qualifikationen der Personen und ihrer sozialen Lage - der Ausgangspunkt ebenso für die größten Leistungen und Tapferkeiten der Menschheit, wie für ihre unsinnigste Unterriehmungen. 

Diesen günstigsten Fall der Aristokratie also einmal gesetzt, wird ein genaues Beharren ihres gesamten Bestandes an Bestimmungen und Inhalten für ihre allgemeine Erhaltung erforderlich sein, weil jede experimentierende Verschiebung jene feine und seltene Proportionalität zwischen Qualifikation und Position entweder in Wirklichkeit oder für das Gefühl der Betroffenen bedrohen und damit den Anreiz zu einer prinzipiellen Umgestaltung geben würde. 

Die wesentliche Veranlassung zu einer solchen aber wird in einer Aristokratie doch die sein, dass jene absolute Gerechtigkeit der Herrschaftsverhältnisse kaum je besteht, dass vielmehr die Herrschaft der Wenigen über die Vielen sich auf ganz andren Fundamenten als dem einer idealen Angemessenheit dieses Verhältnisses zu erheben pflegt. 

Unter diesen Umständen werden die Herrschenden das äußerste Interesse haben, keine Veranlassung zu unruhigen und neuern den Bewegungen zu geben, weil jede derselben die berechtigten oder vermeintlichen Ansprüche der Beherrschten anregen würde. 

Es läge daher die Gefahr vor - und das ist für unseren Gedankengang das entscheidende - dass nicht nur die Personen getauscht, sondern die ganze Verfassung geändert würde.  

Sobald Gebilde sehr ängstlich auf Selbsterhaltung bedacht sind und diese insbesondere nur durch eine latente oder aktuelle Defensive durchführen können, vermeiden sie fortschrittliche Entwicklung. 

Denn in den Perioden von Entwicklung verbraucht ein Wesen seine Kräfte nach innen und hat keine für die Verteidigung frei. 

Für jede Entwicklung ist ihr Gelingen, ihren inneren wie ihren äußeren Chancen nach, etwas Problematisches, und deshalb wird auch der, dem es nicht so viel darauf ankommt, wie er existiert, als dass er (> 450) existiert, keinen Entwicklungstrieb ausbilden. 

Es steht damit in fundamentaler Beziehung, dass in Aristokratien in der Regel das Alter die führende Stellung hat, wie in Demokratien die Jugend. 

Das Alter aber hat eine physiologisch begründete Neigung zum Konservativismus, es kann sich nur noch »konservieren« und darf es nur in Fällen von exzeptionellem Kräftevorrat noch auf die Gefahren immer weiterschreitender Entwicklung ankommen lassen. 

Und noch von andrer Seite her wird, wo das Alter der praktischen Ehrfurcht und Machtstellung genießt, Konservativismus herrschen: die Jungen, auf deren Kosten jetzt das Alter seine Privilegien hat - z. B. schon die in Aristokratien häufige höhere Altersgrenze für die Besetzung von Ämtern - dürfen nur unter gleichgebliebenen Verhältnissen hoffen, auch einmal in diese einzurücken. 

Aus solchen Zusammenhängen heraus wird die aristokratische Verfassungsform sich am besten durch möglichste Unbeweglichkeit ihres status erhalten; und dies gilt keineswegs nur für politische Gruppen, sondern für kirchliche, für Zweckvereine, für familiäre und gesellige Gruppierungen, die der aristokratischen Formung zugänglich sind. 

Überall wird, sobald diese sich einmal hergestellt hat, ein strenger Konservativismus nicht nur für den momentanen, personalen Bestand der Herrschaft, sondern auch für ihre formale, prinzipielle Erhaltung das günstigste sein. - 

Gerade die Geschichte der reformatorischen Bewegungen in aristokratischen Verfassungen macht dies oft klar genug. 

Die Anpassung an neu entstehende soziale Kräfte oder Ideale, wie sie durch Milderung der Ausbeutung oder Unterwerfung, gesetzliche Festlegung der Vorrechte statt willkürlicher Auslegung, Hebung der Rechte und der Güteranteile der niederen Schichten geschieht - diese Anpassung pflegt, soweit sie freiwillig konzediert wird, ihren Endzweck nicht in dem zu haben, was dadurch geändert werden soll, sondern umgekehrt in dem, was dadurch erhalten werden soll. 

Die Herabsetzung der aristokratischen Prärogativen ist die conditio sine qua non, um das aristokratische Regime überhaupt zu retten. 

Hat man aber die Bewegung erst soweit vorschreiten lassen, so sind diese Konzessionen meistens nicht mehr genügend. jede Reform pflegt neue reformbedürftige Punkte zu enthüllen, und die Bewegung, welche zur Erhaltung der bestehenden Ordnung eingeleitet war, führt wie auf einer schiefen Ebene entweder zu einem Umsturz derselben, oder, wenn die neu aufgewachsenen Ansprüche sich nicht durchsetzen können, zu einer radikalen Reaktion, die auch die schon eingeräumten Änderungen rückgängig macht. 

Diese Gefahr, welche bei jeder Modifikation und Biegsamkeit einer aristokratischen Verfassung besteht: dass die zu ihrer Erhaltung geschehene Konzession durch ihr eigenes Schwergewicht zu einer totalen Umwälzung führt - lässt für die Sozialform der Aristokratie den Konservativismus à outrance und die in der unbedingten Starrheit und Unnachgiebigkeit bestehende Verteidigungsform als die günstigste erscheinen.  

Wo die Form der Gruppe nicht durch das Überragen einer numerisch kleinen Schicht, sondern durch die breiteste Schicht und deren Autonomie bestimmt ist, wird ihre Selbsterhaltung gleichfalls (> 451) durch Stabilität und unbewegte Festigkeit begünstigt werden. 

Hierauf wirkt zunächst die Tatsache hin, dass die breite Masse, insoweit sie als dauernde Trägerin einer gesellschaftlichen Einheit funktioniert, sehr starren und unbeweglichen Sinnes ist. 

Sie unterscheidet sich darin aufs schärfste von der aktuell zusammenbefindlichen Menge, die in ihren Stimmungen und Entschlüssen von äußerster Labilität ist und auf die flüchtigsten Impulse hin von einem Extrem des Verhaltens in das andre umschlägt. 

Wo die Masse nicht unmittelbar sinnlich erregt wird und durch die gegenseitig ausgeübten Stimulierungen und Suggestionen ein nervöses Schwanken, eine Entwurzelung der festen Direktiven eintritt, die die Masse jedem aktuellen Impuls preisgibt, wo vielmehr ihr tieferer und dauernder Charakter wirksam wird - da folgt sie gleichsam dem Trägheitsgesetz: sie ändert ihren Zustand von Ruhe oder Bewegung nicht von selbst, sondern nur durch das Einwirken neuer, positiver Kräfte. 

Deshalb gehen ebenso Bewegungen, die von großen Massen getragen und sich selbst überlassen sind, konsequent bis an ihr Extrem, wie andrerseits das einmal erlangte Gleichgewicht des Zustandes nicht leicht, soweit es auf die Masse ankommt, verlassen wird. 

Es entspricht dem zweckmäßigen Instinkt der Masse, dem Wechsel der Umstände und Anregungen gegenüber ihr Selbst durch substanzielle Festigkeit und Unnachgiebigkeit ihrer Form, statt durch schmiegsame Anpassung und rasch eingestellten Wechsel ihres Verhaltens zu bewahren. 

Es kommt für die politischen Verfassungen als wesentlich dazu, dass die Begründung ihrer sozialen Form auf die breiteste und gleichberechtigte Schicht sich meistenteils bei Ackerbauvölkern findet: der altrömische Bauernstand, die altgermanische Gemeinde der Vollfreien. 

Hier ist durch den Inhalt der, gesellschaftlichen Interessen das Verhalten ihrer Formen präjudiziert. 

Der Ackerbauer ist a priori konservativ. sein Betrieb verlangt lange Fristen, dauernde Einrichtungen, zähe Stetigkeit. 

Die Unberechenbarkeit der Wettergunst, von der er abhängt, weist ihn auf einen gewissen Fatalismus hin, der sich den äußeren Gewalten gegenüber mehr durch Aushalten als durch Ausweichen zeigt; seine Technik kann den Wechsel der Konjunkturen überhaupt nicht durch so schnelle qualitative Modifikationen beantworten, wie es der Industrielle und der Handelsmann imstande ist. 

Dazu kommt, dass der Ackerbauer vor allem Ruhe in seinem Staat haben möchte und dass es ihm - was die Politiker der verschiedenen Zeiten gewusst und benutzt haben - demgegenüber weniger darauf ankommt, welche Form dieser Staat hat. 

Die technischen Bedingungen also schaffen hier den Gruppen, deren Formerhaltung mit der einer breitesten ackerbauenden Schicht zusammenfällt, die Disposition, diese Erhaltung durch Festigkeit und Zähigkeit, nicht aber durch Labilität ihrer Lebensprozesse zu gewinnen.  

Ganz anders steht es da, wo der Mittelstand die Führung übernommen hat und die soziale Form der Gruppe mit seiner Erhaltung steht und fällt. 

Der Mittelstand allein hat eine obere und eine untere Grenze, und zwar derart, dass er fortwährend sowohl von dein oberen wie von dem unteren Stand Individuen aufnimmt und an beide solche (> 452) abgibt. 

Es ist ihm also der Charakter der Fluktuierung aufgeprägt, und die Zweckmäßigkeit seines Verhaltens wird deshalb großenteils eine Zweckmäßigkeit von Anpassungen, Variierungen, Nachgiebigkeiten sein, durch welche die nun einmal unvermeidliche Bewegung des Ganzen wenigstens so gelenkt bzw. ihr so begegnet wird, dass die. wesentliche Form und Kraft in allem Wechsel der Zustände erhalten bleibt. 

Man kann die soziologische Form einer Gruppe, die durch die Breite und das Vorherrschen eines Mittelstandes charakterisiert wird, als die der Kontinuität bezeichnen; eine solche besteht weder bei einer wirklichen, durchgehenden, also nicht abgestuften Gleichheit der Individuen, noch bei einem Bestand der Gruppe aus einer oberen und einer unvermittelt davon geschiedenen unteren Schicht. 

Der Mittelstand bringt zu diesen beiden tatsächlich ein ganz neues soziologisches Element hinzu, er ist nicht nur ein drittes zu den vorhandenen zweien, das sich zu jedem von diesen ungefähr und nur in quantitativer Abschattung so verhielte, wie sie beide untereinander. 

Das Neue ist vielmehr das Hervorgehobene, dass er selbst eine obere und eine untere Grenze hat, dass an diesen fortwährender Austausch mit den beiden andern Schichten stattfindet und durch diese ununterbrochene Fluktuation eine Grenzverwischung und kontinuierliche Übergänge erzeugt werden. 

Denn eine wirkliche Kontinuität des sozialen Lebens entsteht nicht dadurch, dass die Individuen in Positionen mit noch so kleinen Abständen übereinander gebaut werden - dies würde noch immer eine diskontinuierliche Struktur ergeben -, sondern nur so, dass die einzelnen Individuen durch höhere und tiefere Positionen zirkulieren: erst hierdurch wird der Abstand der Schichten in eine wirkliche Ununterbrochenheit übergeführt. 

Im Schicksal der Individuen muss sich erst die obere und die untere Situation begegnen können, damit das soziologische Bild eine wirkliche Vermittlung zwischen oben und unten zeige. 

Und dies eben und nicht nur ein einfaches Dazwischenstehen bringt der Mittelstand zuwege. 

Es bedarf geringer Überlegung, um einzusehen, dass diese Allmählichkeit der Abstufung auch für die Grade innerhalb des Mittelstandes selbst gelten muss. 

Die Kontinuität der Lagen in bezug auf Ansehen, Besitz, Tätigkeit, Bildung usw. liegt nicht nur in der Kleinheit der Unterschiede, welche sie, in eine objektive Skala eingeordnet, aufweisen, sondern. in der Häufigkeit des Wechsels, der eine und dieselbe Person durch eine Mehrheit solcher Lagen führt und so gleichsam fortwährende und variierende Personalunionen der objektiv verschiedenen Lagen herbeiführt. 

Unter diesen Umständen wird das soziale Gesamtbild den Charakter der Elastizität tragen: der dominierende Mittelstand verleiht ihm eine leichte Verschiebbarkeit der Elemente, so dass die Selbsterhaltung der Gruppe durch den Wechsel äußere. oder innerer Umstände und Angriffe hindurch sich nicht sowohl durch Festigkeit und Starrheit in der Kohäsion ihrer Elemente, als durch leichte Nachgiebigkeit und schnelle Umformung vollziehen wird. 

Die bloße Tatsache der Differenziertheit einer Gesellschaft gibt ihren Individuen eine größere Bewegungsfreiheit, ohne dass damit die soziale Selbsterhaltung bedroht wäre. 

Den intoleranten (> 453) Konservativismus der athenischen Majorität, dem Sokrates zum Opfer fiel, hat man damit begründet, dass die Gleichartigkeit der Bevölkerung jede Erschütterung besonders gefährlich machte. 

Bei einer größeren Anzahl mannigfaltiger, über- und untergeordneter Schichten mag sich irgendeine problematische, ja selbst umstürzlerische Idee in vielen Köpfen verbreiten - es gibt so viele hemmende Mächte, zwischen einer solchen Bewegung und der Entscheidung der Gesamtheit oder der maßgebenden Faktoren liegen Instanzen von so mannigfaltigen Tendenzen, dass die Erschütterung nicht so bald das Ganze ergreift. 

Wo aber weder solche unmittelbare Mannigfaltigkeit noch eine arbeitsteilige Beamtenschaft vorhanden ist, da pflanzt sich eine irgendwo ansetzende Erschütterung leicht in das Ganze fort. 

Deshalb wird diesem der Instinkt der Selbsterhaltung zur Unterdrückung von Bewegungen und Agitationen Einzelner raten, die auch nur die Chance sozialer Gefahren enthalten. 

Den formal gleichen Zusammenhang zeigt von andrer Seite her eine Entwicklung innerhalb des frühen Christentums. 

Die ersten Gemeinden bewahrten den Geist ihrer Gemeinschaft in einer außerordentlichen Strenge und Reinheit, die kein Kompromiss mit sittlich Unzulänglichen oder in den Verfolgungen einmal Abgefallenen kannte; dieser Stabilität des Gesamtlebens entsprach eine vollkommen gleichmäßige Beschaffenheit der Mitglieder in sittlicher und religiöser Beziehung. 

Allein die vielfachen Abfälle in der Zeit der Verfolgungen zwangen die Kirche schließlich doch, von der Unbedingtheit ihrer Forderungen abzulassen und einer ganzen Skala mehr oder weniger vollkommener Persönlichkeiten die Mitgliedschaft einzuräumen. 

Die innere Differenzierung aber bedeutete zugleich eine wachsende Elastizität und Nachgiebigkeit der Kirche als ganzer; diese neue Technik ihrer Selbsterhaltung, mit der sie schließlich den wechselvollen Verhältnissen zu allen möglichen Lebensmächten genügen lernte, schloss sich an jenes Durchbrechen ihrer inneren Gleichartigkeit an, an die Toleranz, mit der sie ihren Elementen eine unbegrenzte Mannigfaltigkeit von Wertstufen einzunehmen gestattete. 

Es ist interessant, dass die Zeitlosigkeit des kirchlichen Prinzips sich technisch ebenso wohl in unabbiegbarer Starrheit wie in grenzenloser Biegsamkeit realisiert. 

Die Selbsterhaltung der Kirche steht gleichsam in so abstrakter Höhe, dass sie sich ganz unpräjudiziert des einen wie des andern Mittels bedienen kann. 

Ganz allgemein kann man zeigen, dass eine Gruppe mit sehr vielen, in enger Skala übereinander gebauten Positionen den Charakter entschiedener Labilität und Variabilität tragen muss, wenn nicht die größten Unzuträglichkeiten und Brüche resultieren sollen. 

Bei einer großen Mannigfaltigkeit möglicher Lagen ist es nämlich von vornherein sehr viel unwahrscheinlicher, dass jeder gleich an der richtigen Stelle steht, als bei einem Ständewesen, das jeden in eine große, viele Spielarten umfassende Gruppe einstellt. 

Wo eine Gruppe nur wenige, scharf geschiedene Lebenslagen enthält, da sind die Individuen in der Regel von vornherein für ihren Kreis gezüchtet. 

Solche Verfassungen können die Übereinstimmung zwischen den Dispositionen und der Lage des Einzelnen dadurch (> 454) hervorbringen, dass die einzelnen Kreise relativ große und ihre Forderungen und Chancen hinreichend weite sind, um den durch Vererbung, Erziehung, Beispiel bestimmten Individuen im allgemeinen einen passenden Platz zu gewähren. 

Die ständische Verfassung weist so gleichsam eine prästabilierte oder durch Züchtung hergestellte Harmonie zwischen den Qualitäten oder Dispositionen des Individuums und seiner Stellung im sozialen Ganzen auf. 

Wo aber die scharf begrenzten Stände dank der Existenz eines breiten Mittelstandes in eine große Anzahl abgestufter Situationen auseinander gegangen sind, da können die genannten Kräfte den Einzelnen nicht mit Sicherheit zu der Stellung prädisponieren, in die er hineingehört; die Ordnung also, in die dort das Individuum gleich harmonisch gestimmt eintrat, muss hier gleichsam a posteriori, empirisch erreicht werden: der Einzelne muss die Möglichkeit haben, aus einer ungeeigneten Stellung in eine geeignete überzugehen. 

In diesem Fall also fordert die Selbsterhaltung der Gruppenform eine leichte Verschiebbarkeit der Gruppe, ein stetes Korrigieren, eine Auswechselbarkeit der Stellungen, ebenso aber auch eine Bildsamkeit dieser letzteren selbst, so dass besondere Individuen auch besondere Positionen finden können. 

So bedarf eine Gruppe mit vorherrschendem Mittelstand eines völlig andern Verhaltens, um sich in ihrem Selbst zu erhalten, als eine Gruppe mit aristokratischer Führung oder ohne Stufenbildung überhaupt. 

Freilich kann die Beweglichkeit, die das Dominieren der mittleren Erscheinungen einer Gruppe verleiht, sich auch bis zu destruktivem Charakter steigern. - 

Denn derselbe Formtypus: dass die gleichzeitige Nähe und Entferntheit, die die mittleren oder gemischten Elemente den mehr polaren gegenüber besitzen, zur Opposition anregt, ist offenbar in der Tatsache wirksam, dass die Kinder aus gemischten Ehen oft die gefährlichsten Gegner der Aristokratie sind. 

Aus dem Altertum ist die Bemerkung überliefert, dass Tyrannen, die die Adelsherrschaften stürzten, größtenteils unebenbürtige Adelssprösslinge waren. 

So sind im südlichen Amerika unvergleichlich viel weniger Aufstände von Negern und Indianern, als von Mestizen und Mulatten angezettelt, und so sind die Kinder aus jüdisch-christlichen Ehen oft besonders scharfe Kritiker sowohl der jüdischen wie der germanischen Lebensordnungen. 

Es kommt aber folgendes hinzu. Was die Labilität und Variabilität der Gruppenform im Nacheinander ist, das ist die Arbeitsteilung im Nebeneinander. 

Handelt es sich bei jener darum, dass die Gruppe als Ganzes sich den verschiedenen, nacheinander auftretenden Lebensbedingungen vermittels entsprechender Modifikation ihrer Form anpasse, so bei der Arbeitsteilung darum, dass sie für die verschiedenen gleichzeitig vorhandenen Erfordernisse die ihnen korrespondierenden Verschiedenheiten ihrer einzelnen Mitglieder herausbilde. 

Die ganze Vielfältigkeit und Abstufung in Berufen und Stellungen, die wir oben hervorhoben, ist offenbar nur durch Arbeitsteilung möglich; und entsprechend ist diese, wie ihr Gegenstück, die Variabilität der sozialen Lebensform, ein Charakteristikum des Mittelstandes und seiner Vorherrschaft. 

Weder die Aristokratie noch der Bauernstand der Vollfreien tendiert zu erheblicherer Arbeitsteilung (> 455). 

Die Aristokratie nicht, weil jede Arbeitsteilung solche Abstufungen des Ranges mit sich bringt, die dem Standesbewusstsein und seiner Einheit widersprechen; der Bauernstand nicht, weil seine Technik sie gar nicht verlangt oder gestattet. 

Nun aber ist das Eigentümliche, dass Variabilität und Arbeitsteilung, so sehr sie sachlich -und in ihren Trägern zusammenhängen, in bezug auf die Selbsterhaltung der Gruppe manchmal direkt einander entgegengesetzt wirken. 

Das ergibt sich einerseits schon aus der vorhin betonten Tatsache, dass eine Vielheit und langsame Abgestuftheit von Positionen - die eben aus der Arbeitsteilung hervorgeht, - zu allerhand Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten führt, wenn nicht eine leichte Beweglichkeit und Verschiebbarkeit innerhalb der sozialen Elemente dazu kommt. 

Diese wirkt den Gefahren entgegen, die aus der weitgetriebenen Arbeitsteilung stammen: der Zersplitterung, der Einseitigkeit, der Diskrepanz zwischen den Anlagen und der Stellung des Einzelnen. 

Von der andern Seite her stellt sich das Ergänzungsverhältnis von Arbeitsteilung und Variabilität in bezug auf die Erhaltung der Gruppen so dar. 

Es wird viele Fälle geben, in denen die Labilität der mittleren Schichten eine Unsicherheit, Unbestimmtheit, Entwurzelung erzeugt. 

Das wird nun durch die Arbeitsteilung paralysiert, indem sie die Elemente der Gruppe außerordentlich eng aneinander kettet. 

Kleine Gruppen von Naturvölkern, so zentralistisch sie organisiert sein mögen, splittern doch leicht auseinander, weil schließlich jede beliebige Abteilung von ihnen gleich bestandsfähig ist; jeder kann dasselbe, was der andere kann, und so sind sie zwar wegen der Schwierigkeiten ihrer Lebensfristung in äußerer Beziehung aufeinander angewiesen, allein eine besondere Qualifikation der sich Zusammenschließenden kommt dabei nicht in Frage, und sie können sich ganz beliebig zusammentun. 

Der Zusammenhalt einer großen Kulturgruppe dagegen beruht auf ihrer Arbeitsteilung. 

Einer ist in ihr unbedingt des Andern benötigt, das Auseinanderbrechen der Gruppe würde jeden Einzelnen ganz hilflos lassen. 

So wirkt die Arbeitsteilung mit ihrer Aneinanderkettung der Einzelnen der Variabilität entgegen, wenn diese der Erhaltung der Gruppe schädlich werden will. 

Das wird schon im kleineren Kreise bemerkbar sein. 

Eine Ansiedlergruppe wird im ganzen sehr biegsam und variabel sein; sie wird sich bald zentralistisch, bald sehr freiheitlich gestalten, je nachdem sie etwa von außen bedrängt wird oder Spielraum hat; sie wird die Führung je nach den wechselnden Interessen oft wechselnden Personen überlassen; sie wird bald im Anschluss an andre Gruppen, bald in möglichstem Abschluss und Autonomie ihr Heil suchen müssen. 

Diese Variationen ihrer soziologischen Form werden zwar im einzelnen Falle immer ihrer Selbsterhaltung dienen; im ganzen aber werden sie doch zu Konflikten, Unsicherheiten, Absplitterungen Veranlassung geben. 

Dem aber tritt eine ausgebildete Arbeitsteilung unter ihnen kräftig entgegen, indem sie einerseits das Individuum auf die Gruppe anweist, andrerseits dieser ein erhöhtes Interesse gibt, den Einzelnen festzuhalten. -  

Die leichte Veränderlichkeit des Gruppenlebens, seine Geneigtheit (>456) zu Verschiebungen formaler und personaler Art war in allen bisher betrachteten Fällen eine Anpassung an die Not des Lebens - ein Biegen, um nicht zu brechen, erforderlich, sobald nicht die substanzielle Festigkeit vorhanden ist, an der überhaupt jede destruktive Kraft abprallt. 

Durch ihre Variabilität beantwortet die Gruppe den Wechsel der Umstände und gleicht ihn so aus, dass das Resultat der Bestand ihres Selbst ist. 

Nun aber kann man fragen, ob solche Veränderlichkeit, solches Hindurchgehen durch wechselnde und oft entgegengesetzte Zustände wirklich nur als Reaktion auf den Wechsel äußerer Bedingungen der Erhaltung der Gruppe dient, ob nicht etwa auch ihr innerstes Existenzprinzip die gleiche Anforderung stellt. 

Ganz abgesehen davon, welche äußeren oder inneren Veranlassungen die Variierungen ihres Verhaltens hervorrufen - ist nicht vielleicht die Kraft und Gesundheit ihrer Lebensprozesse, als Entwicklung rein innerlicher Energien, an einen gewissen Wechsel Ihrer Aktivität, eine Verschiebung ihrer Interessen, ein häufigeres Umbilden ihrer Form gebunden? 

Von dem Individuum wissen wir, dass es zu seiner Erhaltung wechselnder Reize bedarf, dass es die Kraft und die Einheit seiner Existenz nicht durch mechanische Immer-Gleichheit äußerer und innerer Bedingtheit und Tätigkeit bewahrt, sondern dass es gleichsam von innen heraus darauf angelegt ist, seine Einheit im Wechsel nicht nur von Handeln und Leiden, sondern auch im Wechsel innerhalb jedes von diesen zu bewähren. 

So ist es nicht unmöglich, dass das zusammenhaltende Band der Gruppe abwechselnde Anregungen braucht, um im Bewusstsein und in Kraft zu bleiben. 

Ein Hinweis auf ein solches Verhalten der Dinge liegt von vornherein in gewissen Erscheinungen, die eine enge Verschmelzung zwischen der sozialen Einheit überhaupt und einem bestimmten Inhalt oder Ausgestaltung ihrer darbieten. 

Eine derartige Verschmelzung tritt nämlich begreiflicherweise dann ein, wenn ein inhaltlich oder sonst bestimmter Zustand sehr lange unverändert besteht, und es ist Gefahr, dass er, durch irgendein äußeres Ereignis schließlich doch umgewälzt, die soziale Einheit selbst in seinen Sturz hineinzieht - gerade wie religiöse Vorstellungen oft mit moralischen Gefühlen durch lange Wechselbeziehung eng verwachsen sind und kraft dieser Assoziation, wenn sie durch Aufklärung beseitigt werden, die sittlichen Normen mit entwurzeln können. 

So zerfällt eine bisher reiche Familie oft in sich, wenn sie verarmt, aber auch manche arme, wenn sie plötzlich reich wird. 

So entstehen in einem bisher immer freien Staat die schlimmsten inneren Parteiungen und Zerrissenheiten, wenn er seine Freiheit verliert (ich erinnere an Athen nach der mazedonischen Zeit), aber ebenso auch in einem bisher despotisch regierten, sobald er plötzlich frei wird, was die Geschichte der Revolutionen oft genug beweist. 

Es scheint, als ob eine gewisse Wandelbarkeit in den Bestimmungen oder Formungen der Gruppe sie dagegen schützte, ihre innere Einheit mit einer bestimmten solchen gleichsam starr zu verbinden; geschieht dies letztere, so ist mit einer dennoch eintretenden Wandlung gleich der tiefste Lebensnerv der sozialen Einheit mitbedroht. 

Hiergegen scheint jener häufigere (> 457) Wandel als eine Art Impfung zu dienen, die Verbindungen zwischen den wesentlichsten und den weniger vitalen Bestimmungen bleiben lockerer und die Erschütterung der letzteren ist eine geringere Gefahr für die Erhaltung der Gruppeneinheit überhaupt.  

Wir sind leicht geneigt, den Frieden, die Interessenharmonie, die Eintracht für das Wesen der sozialen Selbsterhaltung anzusehen, jede Gegnerschaft aber als eine Störung der Einheit, um deren Konservierung es sich handelt, und als das fruchtlose Aufbrauchen von Kräften, welche zum positiven Aufbau des Gruppenorganismus verwandt werden könnten. 

Dennoch scheinen die anderen Meinungen richtiger zu sein, welche einen gewissen Rhythmus zwischen Frieden und Kampf für die erhaltendere Lebensform erklären und zwar gleichsam nach zwei Dimensionen hin: sowohl der Kampf der Gruppe als ganzer gegen äußere Feinde in seiner Alternierung mit friedlichen Epochen, wie der Kampf der Konkurrenten, der Parteien, der entgegengesetzten Tendenzen jeder Art neben den Tatsachen der Gemeinsamkeit und der Eintracht; jenes eine Alternierung zwischen harmonischen und kontradiktorischen Erscheinungen im Nacheinander, dieses im Nebeneinander. 

Das Motiv für beides ist im letzten Grunde eines und dasselbe, realisiert sich aber auf verschiedenen Wegen. 

Der Kampf gegen eine Macht, die außerhalb der Gruppe steht, bringt dieser ihre Einheit und die Notwendigkeit, sie unerschüttert zu bewahren, zu eindringlichstem Bewusstsein. 

Es ist eine Tatsache von der größten soziologischen Bedeutung, eine der wenigen, die fast ohne Ausnahme von Gruppenbildungen jeder Art gelten: dass die gemeinsame Gegnerschaft gegen einen Dritten unter allen Umständen zusammenschließend wirkt, und zwar mit sehr viel größerer Sicherheit so wirkt, als die gemeinsame freundliche Beziehung zu einem Dritten. 

Es gibt wohl kaum eine Gruppe - familiärer, kirchlicher, ökonomischer, politischer oder welcher Art immer - die dieses Kittes ganz entbehren könnte. 

Es scheint, als ob für uns Menschen, deren ganzes geistiges Wesen auf die Unterschiedsempfindlichkeit gebaut ist, immer ein Trennungsgefühl neben dem Einheitsgefühl bestehen müsste, um dieses letztere merkbar und wirksam zu machen. 

Nun aber kann dieser Prozess, wie erwähnt, sich auch innerhalb der Gruppe selbst vollziehen. Aversionen und Antagonismen von Gruppenelementen untereinander können die trotzdem vorhandene Einheit des Ganzen zu schärfster Wirksamkeit bringen; indem sie die sozialen Verbindungsfäden allerdings gleichsam verkürzen, spannen sie sie eben, und machen sie dadurch fühlbarer; freilich ist dies auch der Weg dazu, sie reißen zu lassen; allein bis dahin werden jene Gegenbewegungen, die ja nur auf Grund einer fundamentalen Zusammengehörigkeit und Beziehungsenge möglich sind, diese letzteren zu einem kräftigeren Funktionieren bringen, gleichviel, ob das auch mit um so schärferem Bewusstsein davon begleitet ist oder nicht. 

So haben Angriffe und Vergewaltigungen unter den Mitgliedern der Gemeinschaft den Erlas von Gesetzen zur Folge, die ihnen wehren sollen, und die, obgleich sie sich nur auf dem Grunde des feindseligen Egoismus Einzelner erheben, dennoch der Gesamtheit (> 458) ihre Zusammengehörigkeit, Solidarität, Interesseneinheit zum Bewusstsein und Ausdruck bringen. 

So ist die wirtschaftliche Konkurrenz eine äußerst enge Wechselbeziehung, die die Konkurrenten und die Abnehmer näher aneinander bringt, jene von diesen und auch voneinander abhängiger macht, als wenn die Konkurrenz von vornherein ausgeschlossen wäre. 

So führt vor allem der Wunsch, der Gegnerschaft vorzubeugen und ihre Konsequenzen zu mildern, zu Vereinheitlichungen (z. B. industriellen und politischen Kartellen), zu allerhand Usancen des wirtschaftlichen und sonstigen Verkehrs, die, obgleich nur auf dem Grunde eines wirklichen oder möglichen Antagonismus erwachsen, dem Zusammenhalt des Ganzen doch positive Förderung bringen. 

Es lag einem besonderen Kapitel dieses Buches ob, die Soziologie des Kampfes zu erörtern, dessen Kraft für die Selbsterhaltung der Gesellschaft deshalb hier nur ihrer allgemeinen Tatsächlichkeit nach anzudeuten war. Gegnerschaft und Kampf sind in ihrer Bedeutung für die Selbsterhaltung der Gruppe das charakteristischste Beispiel für den Wert, den die Variabilität des Gruppenlebens, der Wechsel seiner Betätigungsformen für diesen Zweck besitzen. 

Denn so wenig der Antagonismus überhaupt je ganz und überall ausstirbt, so sehr liegt es doch in seiner Natur, immer nur einen räumlich und zeitlich begrenzten Abschnitt zwischen den Geltungsbereichen zusammenschließender und einheitlich harmonisierender Kräfte zu bilden. 

Seinem eigenen Wesen nach stellt er einen jener Abwechslungsreize dar, nach denen das Einheitsprinzip der Gesellschaft offenbar aus ihren innersten Lebensbedürfnissen heraus verlangt; vielleicht deshalb verlangt, weil hier wie überall das Bleibende sich nur am Wechselnden herauszustellen und zu bewusster Kraft zu kommen vermag. 

Die soziale Einheit ist die Form oder das Kontinuitätsmoment oder wie man es sonst bezeichnen mag, das sich als das Feste in allem Wechsel ihrer eigenen speziellen Ausgestaltung, ihrer Inhalte, ihrer Beziehungen zu den materialen Interessen und Erfahrungen erweist und um so mehr erweist, je lebendiger der Wechsel eben dieser letzteren ist. 

Die Vertiefung, Festigkeit und Einheit z. B. der ehelichen Verbindung ist sicher ceteris paribus eine Funktion der Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit der Schicksale, deren Erleben sich von der formalen Unveränderlichkeit der ehelichen Gemeinsamkeit abhebt. 

Es ist das Wesen des Menschlichen, dass die Lebensbedingung seiner einzelnen Momente die Existenz ihres Gegensatzes ist. 

Die Mannigfaltigkeit der Formungen, der Wechsel der Inhalte ist für die Selbsterhaltung der Gruppe nicht nur in dem Maße der Unterschiedsempfindungen wesentlich, die die Einheit jener sich von den darüberhingleitenden Veränderlichkeiten abheben lassen; sondern vor allem, weil diese, Einheit immer als die identische wiederkehrt, während die Formungen, Interessen, Schicksale, von denen unser Bewusstsein sie trennt, jedes Mal andre sind. 

Sie gewinnt dadurch allen Unterbrechungen gegenüber diejenige Chance der Festigkeit und Wirksamkeit, die die Wahrheit gegenüber dem Irrtum besitzt. 

So wenig die Wahrheit an und für sich im einzelnen Falle einen Vorsprung oder mystische Kraft des Sich-Durchsetzens (> 459) vor dem Irrtum besitzt, so ist ihr schließlicher Sieg doch daraufhin wahrscheinlich, dass sie nur eine ist, während der Irrungen über denselben Gegenstand unzählige sind. 

Es ist deshalb von vornherein anzunehmen, dass sie im Gewoge der Meinungen öfter wiederkehrt, zwar nicht als der Irrtum überhaupt, aber doch als jeder bestimmte Irrtum. 

So hat die Einheit der sozialen Gruppe die Chance, sich gegenüber allen Unterbrechungen und Schwankungen zu erhalten, zu stärken und zu vertiefen, weil diese immer verschiedener Art sind, sie aber bei ihrem jedesmaligen Auftauchen immer als dieselbe wiederkehrt. 

Vermöge dieser Lage der Dinge können die oben hervorgehobenen günstigen Erfolge der sozialen Variabilität für die Erhaltung der Gruppe bestehen bleiben, ohne dass die Tatsache des Wechsels überhaupt dem Einheitsprinzip eine ernstliche Konkurrenz zu machen brauchte.  

Georg Simmel: Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe, 8. Teil

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Editorial:

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