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3. Teil | ||||
Endlich nenne ich neben den Typen des Arbeiters und des Kaufmanns einen dritten als Beispiel für die Herauslösung einer gleichsam abstrakteren Gruppe, deren allgemein begriffliche Qualitäten bisher mit den besonderen Bestimmungen ihrer Elemente fest verschmolzen waren, während diese Elemente jetzt den Schnittpunkt des neu entstandenen Kreises mit den Beziehungen, die er als singulärer noch zurückgelassen hat, bezeichnen. Ich meine die soziologische Evolution, die der Begriff der »Frau« neuerdings erfahren hat und die eine Anzahl sonst nicht leicht beobachtbarer formaler Komplikationen aufweist. In der soziologischen Lage der individuellen Frau bestand bisher etwas. sehr Eigentümliches; gerade nämlich das Allgemeinste, das sie mit allen andern unter einen weitesten Begriff einstellt. dass sie eine Frau ist und damit den diesem Geschlechte eigenen Funktionen dient - gerade dieser Umstand entzog sie der eigentlichen Genossenschaftsbildung, der praktischen Solidarität mit den andern Frauen, weil gerade er sie in die Grenzen des Hauses bannte, zu der Hingabe an ganz singuläre Personen veranlasste, das Hinausgreifen über die durch Ehe, Familie, Geselligkeit, allenfalls durch Wohltätigkeit und Religion gegebenen Beziehungskreise unterband. Der Parallelismus unter den Frauen, in ihrem Sein und Tun, hat einen so beschaffnen Inhalt, dass er die genossenschaftliche Ausnutzung der Gleichheit hindert, weil er die völlige Okkupiertheit einer jeden in einem eigenen gerade die andre koordinierte Frau ausschließenden Kreise bedeutet. Ihre allgemeine Qualifikation als Frau ist dadurch a priori determiniert, in den Interessenkreis ihres Hauses organisch einzuwachsen, im äußersten soziologischen Gegensatz etwa zum Händler, in dessen (>336) individueller Tätigkeit, wie wir sahen, das Formal-Allgemeine sich gegen das Inhaltlich-Spezielle schon wie von selbst heraushebt. Es scheint, als ob in sehr primitiven ethnologischen Verhältnissen die Dissoziation der Frauen eine geringere wäre und sie den Männern gegenüber manchmal wie eine geschlossene Partei auftreten. Wahrscheinlich ist in diesen Fällen die Frau noch nicht so wie in entwickelteren Epochen gänzlich von den häuslichen Interessen eingesogen, bei aller Tyrannisierung durch den Mann führen doch die einfacheren und undifferenzierteren Verhältnisse von Familie und Haus sie nicht so weit von dem Allgemeinen, mit allen Frauen Geteilten ab und schmelzen sie nicht in eine so spezielle Bindungssphäre ein, wie das kultiviertere Haus sie darstellt. Dass nun die letztere sich in der Gegenwart hinreichend gelöst hat, um die »Frauenfrage«: eine allgemeine Angelegenheit der Frauen als einer Totalität entstehen und zu allerhand Aktionen, Zustandsänderungen, Gemeinsamkeitsbildungen führen zu lassen das zeigt ein soziologisch sehr charakteristisches Phänomen. Jene Isolierung der Frauen gegeneinander durch die Hineinbauung einer jeden in einen ganz individuellen Interessenkreis ruht auf der völligen Differenz der Frauen gegen den Mann. An Ausbildung des Geistes und der Aktivität, an Persönlichkeitsbehauptung und Beziehung zur Umwelt erscheint im ganzen der Mann durch den Lauf unserer Kultur als das höhere Wesen, und jenseits der Rangfrage erscheinen beide Geschlechter so wesensverschieden, dass sie nur zu gegenseitiger Ergänzung bestimmt sein können, die weibliche Existenz hat ihren Sinn ausschließlich in dem, was der Mann nicht sein und tun will oder kann; der Lebenssinn jener bezieht sich also nicht auf eine Beziehung zu Gleichen, sondern zu Ungleichen, und in dieser eben gehen sie so gut wie restlos auf. Indem nun in der neuesten Zeit die Frauen eine Ausgleichung in allen jenen Hinsichten ins Auge fassten und in gelegentlichen Ansätzen erreichten: in der persönlichen Stellung und der ökonomischen Selbständigkeit, in der geistigen Bildung und dem Persönlichkeitsbewusstsein, in der gesellschaftlichen Freiheit und der Rolle im öffentlichen Leben - stellen sie sich nun gerade den Männern gegenüber; eine parteimäßige Differenz gegen die Männer, die die Interessensolidarität der Frauen untereinander betont, meldet sich in dem Augenblick, in dem - als Ursache oder als Wirkung davon - jene prinzipielle Andersheit des Seins und des Tuns, des Rechts und der Interessen den Männern gegenüber sich mindert; bei den Karikaturen der Bewegung, den Frauen, die in ihrem ganzen Wesen und Auftreten die völlige Maskulinität erstreben, findet sich gerade oft der leidenschaftlichste Antagonismus gegen die Männer. Diese Konstellation ist leicht begreiflich. In dem Maße der Ausgleichung von Stellung, Wert, Qualitäten mit dem, zu dem man bisher entweder im Verhältnis des tieferen oder wenigstens des schlechthin andern und deshalb auf ihn angewiesenen Wesens stand, muss sich die Selbständigkeit ihm gegenüber entwickeln. Diese partielle Freiheit aber lässt ersichtlich dasjenige stärker sichtbar und wirksam werden, was jenem Wesen mit andern gemeinsam ist und was (>337) bisher vor der Enge der Unterordnungs- oder Ergänzungsbeziehung nicht zustande kam. So liegt hier ein außerordentlich reiner Fall für die Bildung eines höheren, durch einen Allgemeinbegriff zusammengeschlossenen Kreises vor, der sich aus den engeren Kreisen, die bisher jedes Element in eine singuläre Beziehung bannten, herausdifferenziert. Daran darf auch nicht irre machen, dass die proletarische und die bürgerliche Frauenbewegung sich in völlig entgegengesetzten praktischen Richtungen bewegen. Der Proletarierin hat die industrielle Entwicklung ökonomisch-soziale Freiheit gegeben - so kümmerlich es auch mit ihrer individuellen bestellt sei. Das Mädchen geht in die Fabrik, in einem Alter, das noch durchaus der engeren Atmosphäre des Elternhauses bedürfte; die verheiratete Frau wird durch die Arbeit außer dem Hause den Pflichten gegen dieses, gegen Mann und Kinder, entzogen. Die Frau ist hier also tatsächlich aus der singulären Bindung gelöst, in der sie ganz und gar von der Unterordnung unter den Mann oder von der völligen Betätigungsverschiedenheit gegen ihn bestimmt war. Diese soziologische Tatsache bleibt ganz unberührt davon, dass sie unerwünscht und verderblich ist, und dass die Sehnsucht der Proletarierin auf Einschränkung jener »Freiheit« geht, auf die Möglichkeit, wieder in höherem Masse Familienwesen, Frau und Mutter zu sein. Innerhalb der bürgerlichen Schicht hat die gleiche wirtschaftliche Entwicklung unzählige hauswirtschaftliche Tätigkeiten, sowohl bloße Funktionen wie produktive Herstellungen, dem Hause entzogen und damit einer ungeheuren Anzahl von Frauen die ausreichende Bewährung ihrer Kräfte abgeschnitten - während sie aber doch in der Hauptsache in den Rahmen des Hauses eingespannt geblieben sind. Die Sehnsucht dieser geht also auf Freiheit zu ökonomischer oder sonstiger Betätigung, sie fühlen sich innerlich von dem Sonderkreise des Hauses gelöst, wie die Proletarierin es äußerlich ist. Aus dieser Verschiedenheit der Schicht, in der die Lösung vollbracht ist, folgt die Verschiedenheit der praktischen Bestrebungen: die eine Klasse der Frauen will in das Haus zurück, die andre aus dem Hause heraus. Allein, abgesehen davon, dass diese Verschiedenheit doch auch Gleichheiten Raum gibt: die Frauenfrage nach der Seite des Eherechts, des Vermögensrechts, der Gewalt über die Kinder usw. geht beide Klassen gleichmäßig an - so bleibt das Wesentliche bestehen, dass in der einen wie in der andern Form die soziologische Singularisierung der Frau, die Folge ihrer Einschmelzung in das Haus, durch die moderne Industrialisierung zur Auflösung drängt. Mag das in der Form des Zuviel oder in der des Zuwenig geschehen, in beiden Fällen rückt die gewonnene wie die erstrebte Selbständigkeit den Akzent auf die Tatsache, dass die Frau eben eine Frau ist, die mit anderen Frauen praktische Lagen und Bedürfnisse teilt. Der Allgemeinbegriff der Frau verliert mit der Lösung der völligen Sonderokkupation durch das Haus seinen rein abstrakten Charakter und wird zum Leitbegriff einer zusammengehörigen Gruppe, die sich nun schon im Kleinen durch rein weibliche Unterstützungsvereine, Verbände zur Erreichung von Rechten der Frauen, weibliche Studentenvereinigungen, Frauenkongresse, Agitation der Frauen für (>338) politische und soziale Interessen offenbart. Entsprechend der außerordentlichen Enge der historisch vorliegenden Bindungen des Begriffes Frau an die speziellen Lebensinhalte der Individuen - die sehr viel größer ist als entsprechend in dem Fall des Arbeiters und des Händlers - kann niemand heute schon sagen, welches die eigentliche Richtung und Grenze der Bewegung ist; aber es ist erreicht, dass sehr viele einzelne Frauen sich schon im Schnittpunkt der Gruppierungen stehend fühlen, die sie einerseits mit den Personen und Inhalten ihres persönlichen Lebens, andrerseits mit den Frauen überhaupt verbinden. Bewirkt die Differenzierung hier die Herausgliederung des superordinierten Kreises aus dem individuelleren, in dem er vorher nur latent lag, so hat sie nun, zweitens, auch mehr koordinierte Kreise voneinander zu lösen. Die Zunft z. B. übte eine Aufsicht über die ganze Persönlichkeit in dem Sinne, dass das Interesse des Handwerks deren ganzes Tun zu regulieren hatte. Der in die Lehrlingsschaft bei einem Meister Aufgenommene wurde dadurch zugleich ein Mitglied seiner Familie usw.; kurz, die fachmässige Beschäftigung zentralisierte das ganze Leben, das politische und das Herzensleben oft mit eingeschlossen, in der energischsten Weise. Von den Momenten, die zur Auflösung dieser Verschmelzungen führten, kommt hier das in der Arbeitsteilung liegende in Betracht. In jedem Menschen, dessen mannigfaltige Lebensinhalte von einem Interessenkreise aus gelenkt werden, wird ceteris paribus die Kraft dieses letzteren in demselben Maße abnehmen, als er in sich an Umfang verliert. Die Enge des Bewusstseins bewirkt, dass eine vielgliedrige Beschäftigung, eine Mannigfaltigkeit zu ihr gehöriger Vorstellungen, auch die übrige Vorstellungswelt in ihren Bann zieht. Sachliche Beziehungen zwischen dieser und jener brauchen dabei gar nicht zu bestehen; durch die Notwendigkeit, bei einer nicht arbeitsgeteilten Beschäftigung die Vorstellungen relativ schnell zu wechseln, wird - mit der symbolischen Ausdrucksweise, an die man bei komplizierteren psychologischen Problemen gebunden ist - ein solches Maß von psychischer Energie verbraucht, dass die Bebauung andrer Interessen darunter leidet, und nun die so geschwächten um so eher in assoziative oder sonstige Abhängigkeit von jenem zentralen Vorstellungskreise geraten. Wie ein Mensch, den eine große Leidenschaft erfüllt, auch das Entfernteste, jeder inhaltlichen Berührung mit jener Entbehrende, das durch sein Bewusstsein geht, mit ihr in irgendwelche Verbindung setzt, wie sein ganzes Seelenleben von ihr aus sein Licht und seine Schatten empfängt, - so wird eine entsprechende seelische Zentralisierung durch jeden Beruf bewirkt werden, der für die sonstigen Lebensbeziehungen nur ein relativ geringes Quantum von Bewusstsein übrig lässt. Hier liegt eine der wichtigsten inneren Folgen der Arbeitsteilung; sie gründet sich auf die erwähnte psychologische Tatsache, dass in einer gegebenen Zeit, alles übrige gleichgesetzt, um so mehr Vorstellungskraft aufgewandt wird, je häufiger das Bewusstsein von einer Vorstellung zur andern wechseln muss. Dieser Wechsel der Vorstellungen hat die gleiche Folge, wie in dem Falle der Leidenschaft ihre Intensität. Deshalb (>339) wird eine nicht arbeitsgeteilte Beschäftigung, wiederum alles übrige gleichgesetzt, eher als eine sehr spezialisierte zu einer zentralen, alles übrige in sich einsaugenden Stellung in dem Lebenslaufe eines Menschen kommen, und zwar insbesondere in Perioden, in denen es in den übrigen Lebensbeziehungen noch an der Buntheit und den wechselvollen Anregungen der modernen Zeit fehlte. Dazu kommt, dass die einseitigen Beschäftigungen mehr mechanischer Natur zu sein pflegen und deshalb, wo sie nicht etwa durch völlige Absorbierung von Kraft und Zeit die seelische Energie als ganze atrophisch machen, andern Beziehungen, mit ihrem Wert und ihrer Selbständigkeit, mehr Raum im Bewusstsein gestatten. Diese koordinierende Sonderung der Interessen, die vorher in ein zentrales eingeschmolzen waren, wird auch noch durch eine andre Folge der Arbeitsteilung gefördert, die mit der oben besprochenen Lösung des höheren Sozialbegriffs aus den spezieller bestimmten Kreisen heraus zusammenhängt. Assoziationen zwischen zentralen und peripheren Vorstehungen und Interessenkreisen, die sich aus bloß psychologischen und historischen Ursachen gebildet haben, werden meist so lange für sachlich notwendig gehalten, bis die Erfahrung uns Persönlichkeiten zeigt, die eben das selbe Zentrum bei ganz andrer Peripherie oder eine gleiche Peripherie bei andrem Zentrum aufweisen. Wenn also die Berufsangehörigkeit die übrigen Lebensinteressen von sich abhängig machte, so musste sich diese Abhängigkeit mit der Zunahme der Beschäftigungszweige lockern, weil, trotz der Verschiedenheit dieser, vielerlei Gleichheiten in allen übrigen Interessen an den Tag traten. Für die inneren und die äußeren Verhältnisse der Menschen wird diese Entwicklungsform höchst bedeutsam. Ein bestimmtes Element in uns ist an ein andres gebunden, das einen allgemeinen, mit vieler andern geteilten Charakter in einer speziellen Ausgestaltung darstellt; und die Bindung ergreift dieses zweite ursprünglich in dem ungebrochenen Zusammen seines Allgemeinen und seiner Sonderart. Nun tritt ein Lösungsprozess so auf: das erste Element verbindet sich anderswo mit einem dritten, das zwar das Allgemeine des: zweiten, aber in einer ganz andern Besonderung darbietet. Diese Erfahrung kann zwei ganz entgegengesetzte Folgen haben, abhängig davon, wie in dein Individuum die beiden Bestandteile des zweiten Elementes verschmolzen sind. Ist dies in sehr enger Art der Fall, so wird die Verbindung der Elemente, von der wir ausgingen, überhaupt zerrissen. Dies wird z. B. häufig bei der Anknüpfung des sittlichen Lebens an das religiöse eintreten. Für den einzelnen Menschen ist seine Religion in der Regel die Religion, eine andre kommt für ihn überhaupt nicht in Betracht. Hat er seine Moral auf die speziellen Vorstellungen dieser Religion gegründet und macht dann die überzeugende Erfahrung, dass eine ebenso beschaffene, ebenso echte und wertvolle Sittlichkeit bei andern Individuen aus völlig andern religiösen Ideen abgeleitet ist, so wird er wohl nur in seltenen Fällen schließen: also ist die Moral nur mit der religiösen Stimmung überhaupt, mit dem, was allen Religionen gemeinsam ist, verknüpft. Er wird vielmehr eher den weitgehenden Schluss ziehen: also hat (> 340) Moral überhaupt nichts mit Religion zu tun; er wird daraus die Autonomie der Moral gewinnen, nicht etwa das logisch mindestens ebenso Gerechtfertigte, sie mit dem zurückbehaltenen Allgemeinen der Religion zu verknüpfen. Anders liegt es z. B., wo ein Mensch sein Gefühl erfüllter Pflicht nur aus einem Altruismus gewinnt, der bei ihm dauernd mit schmerzhafter Überwindung des Ich, mit asketischer Selbstquälerei verbunden ist. Sieht er nun an andren Menschen, dass dieselbe Ruhe und Befriedigtheit des Gewissens auch aus einem leicht und frei geübten Altruismus, einem heiter selbstverständlichen Leben für Andre quillt, so wird er nicht so leicht schließen, dass jene gesuchte innere Ruhe und das Gefühl, etwas wert zu sein, überhaupt mit der Hingabe an das Du nichts zu tun hätte; sondern nur, dass die spezielle, asketische Ausgestaltung des Altruismus dazu nicht erfordert ist, dass dieser auch in einer ganz andern Form und Farbe, wenn nur sein Allgemeines bewahrt bleibt, den gleichen Erfolg hat. Die vorhin fragliche Lösung des Berufsinteresses von den übrigen Interessen des Lebens vermittels der Vielfältigkeit der Berufe wird ein gewisses mittleres, in dem Haupterfolg aber dem ersteren Falle sich zuneigendes Phänomen sein. Dass ein Mensch überhaupt einen Beruf hat, wird mit der Gesamtheit seines Lebens immer verknüpft bleiben, dieses ganz Formal-Allgemeine wird immer als ein Zentrum wirken, das viele andre Punkte des Lebensumfanges nach sich orientiert. Dies aber bleibt selbst eine formale, funktionelle Leistung des Berufes und verträgt sich mit der steigenden Lockerung jeglichen Berufsinhaltes von dem eigentlich persönlichen Leben. Die wachsende Differenzierung der Berufe musste dem Individuum zeigen, wie die ganz gleiche Richtung anderweitiger Lebensinhalte mit differenten Berufen verknüpft sein kann und also von seinem Beruf in erheblicherem Maße unabhängig sein muss. Und zu derselben Folge führt die gleichfalls mit der Kulturbewegung vorschreitende Differenzierung jener andern Lebensinhalte. Die Verschiedenheit des Berufs bei Gleichheit der übrigen Interessen und die Verschiedenheit dieser bei Gleichheit des Berufs musste in gleicher Weise zu der psychologischen und realen Loslösung des einen vom andern führen. Sehen wir auf den Fortschritt von der Differenzierung und Zusammenfassung nach äußerlichen schematischen Gesichtspunkten zu der nach sachlicher Zusammengehörigkeit, so zeigt sich dazu eine entschiedene Analogie auf theoretischem Gebiet: man glaubte früher durch das Zusammenfassen größerer Gruppen der Lebewesen nach den Symptomen äußerer Verwandtschaft die hauptsächlichen Aufgaben des Erkennens jenen gegenüber lösen zu können; aber zu tieferer und richtigerer Einsicht gelangte man doch erst dadurch, dass man an scheinbar sehr verschiedenen Wesen, die man unter entsprechend verschiedene Artbegriffe gebracht hatte, morphologische und physiologische Gleichheiten entdeckte und so zu Gesetzen des organischen Lebens kam, die an weit voneinander abstehenden Punkten der Reihe der organischen Wesen realisiert waren und deren Erkenntnis eine Vereinheitlichung dessen zuwege brachte, was man früher äußerlichen Kriterien (> 341) nach in Artbegriffe von völlig selbständiger Genesis verteilt hatte. Auch hier bezeichnet die Vereinigung des sachlich Homogenen aus heterogenen Kreisen die höhere Entwicklungsstufe. Ein um ein neues rationelles Zentrum an Stelle eines mehr mechanisch-äußerlichen aufwachsender Kreis braucht sein Material nicht immer aus verschiedenen Gebilden zusammenzuholen, d. h. er braucht nicht immer die Schaffung neuer Gruppen zu bedeuten. Es kommt vielmehr vor, dass der genau gleiche Kreis sich von der einen zu der andern Form umbildet, dass an der schon bestehenden Synthese ein höherer, organischerer Begriff den roheren und zufälligeren aus seiner wurzelmässigen, zusammenhaltenden Funktion verdrängt. Diesem Schema folgt etwa die Entwicklung, die im 12. Jahrhundert in Rouen und andern nordfranzösischen Städten an den sogenannten iurati commurniae zu verfolgen ist. Diese bildeten eine durch gegenseitigem Eid verpflichtete Genossenschaft, die wohl im wesentlichen, aber nicht ganz und nicht prinzipiell mit der Bürgerschaft überhaupt zusammenfiel. Denn wir hören in den Verfassungen der Genossenschaft von Einwohnern, die sich gegen die iurati vergehen, auch von solchen, die fälschlich zu dienen zu gehören vorgeben. Nun aber weiter, - wer Jahr und Tag in der Stadt gewohnt hat, so bestimmte das Gesetz, soll die communia beschwören, und wer aus dieser austreten will, soll auch den Stadtbezirk verlassen. Diese Kommune erstarkte allenthalben so, dass sie schließlich die gesamte Einwohnerschaft, nicht immer ganz freiwillig, in sich einzog. Hier ist also zunächst ein rein lokales, relativ zufälliges Zusammenleben der Stadtbewohner als solcher gegeben. Dies aber wird allmählich durchwachsen von einer gewollten, auf ein Prinzip gegründeten, zweckgelenkten Vereinigung, bis der ganze Komplex, ohne in seinem Material und der Tatsache seiner Zusammengehörigkeit wesentlich modifiziert zu sein, der Träger dieser neuen, höheren Einungsart ist. Der rationale, von einer einheitlichen Idee aus organisierte Kreis durchschneidet nicht den primitiveren, wenn man will: natürlicheren, sondern ist nur die sozusagen weihevollere, geistigere Form, in der der letztere sich wie von neuem zusammenfindet. In weitestem inhaltlichem Abstand wiederholt sich diese formale Evolution an dem Bindungsverhältnis zwischen Kolonien und ihrem Mutterland. Die europäischen Kolonisationen, seit Columbus und Vasco de Gama, litten daran, dass Gebiete, die dem Mutterlande ganz fern lagen und so gut wie keinen Vorteil aus der Zugehörigkeit zu ihm zogen, dennoch auf Grund dieser tributpflichtig waren und von jenem als bloßes Eigentumsobjekt betrachtet wurden. Dieser sachlich ungerechtfertigte Verbindungsmodus führte zum Abfall der meisten Kolonien. Erst als der Gedanke entstand, den Greater Britain verkörpert: dass die Kolonie eine bloße Provinz des Mutterlandes ist, die mit jeder innerhalb desselben gelegenen Provinz gleichberechtigt ist, fiel der Grund des Abfalles fort. Denn die Verbindungsweise ist jetzt aus einer rohäußerlichen Anschweißung zu einer dem höheren Sinn der Zugehörigkeit gemäßen geworden, deren Einheit nicht mehr eine starre, sondern eine elastische ist, die Selbstverwaltung der Kolonie (>342) ist die relative Selbständigkeit des Gliedes an einem organischen Körper. Statt des Nebeneinander der schematischen und der rationalen Synthese, zu dem in den früheren Beispielen der Schnitt der neuen durch die alte führte, liegt hier die gleiche Formverschiedenheit in einem Nacheinander vor. Wenn so der Sieg des rational sachlichen Prinzips über das oberflächlich schematische mit dem allgemeinen Kulturfortschritt Hand in Hand geht, so kann dieser Zusammenhang, da er kein apriorischer ist, doch unter Umständen durchreisen. Die Solidarität der Familie erscheint zwar gegenüber der Verbindung nach sachlichen Gesichtspunkten als ein mechanisch äußerliches Prinzip, andrerseits dennoch als ein sachlich begründetes, wenn man es gegenüber einer rein numerischen Einteilung betrachtet, wie sie die Zehntschaften und Hundertschaften im alten Peru, in China und in einem großen Teile des älteren Europa zeigen. Während die sozialpolitische Einheitlichkeit der Familie und ihre Haftbarkeit als Ganzes für jedes Mitglied einen guten Sinn hat und um so rationeller erscheint, je mehr man die Wirkungen der Vererbung einsehen lernt, entbehrt die Zusammenschweißung einer stets gleichen Zahl von Männern zu einer - in bezug auf Gliederung, Militärpflicht, Besteuerung, kriminelle Verantwortung usw. - als Einheit behandelten Gruppe ganz einer rationalen Wurzel, und trotzdem tritt sie, wo wir sie verfolgen können, als Ersatz des Sippschaftsprinzipes auf und dient einer höheren Kulturstufe. Die Rechtfertigung auch für sie liegt nicht in dem terminus a quo - in Hinsicht dieses übertrifft das Familienprinzip als Differenzierungs- und Integrierungsgrund jedes andre -, sondern im terminus ad quem; dem höheren, staatlichen Zweck ist diese, gerade wegen ihres schematischen Charakters leicht überschaubare und leicht zu organisierende Einteilung offenbar günstiger als jene ältere. Die Heeresordnungen alter Zeiten waren größtenteils auf das Prinzip der clan- oder familienhaften Einteilung gebaut. Die Griechen der heroischen Zeit fochten nach Phylen und Phratrien, die Germanen nach Stämmen und Geschlechtern, die alten Schotten nach Clanen, deren jeder bei größeren gemeinsamen Unternehmungen an besonderen Abzeichen kenntlich war. Gewiss hatte diese organische Struktur viel Zweckmäßiges: eine große Fähigkeit des Zusammenhaltens der einzelnen Abteilung, eine Anspornung des Ehrgeizes, eine gewisse Entlastung des Oberbefehls von der Sorge für den Einzelnen und für die Verfassung jedes Kadres. Allein diese Vorteile wurden damit bezahlt, dass häufig alte Vorurteile und Streitigkeiten der Clans gegeneinander aufflammten und die Einheit der Gesamtbewegung lähmten; dass überhaupt die einzelnen Abteilungen -untereinander in demselben Maße der organischen Verbindung und Zusammengehaltenheit entbehrten, in dem jede in sich diese Eigenschaften besaß. Das Ganze war also doch aus seinen Elementen unorganisch geformt, trotzdem oder weil diese Elemente in sich es waren. Und der mechanische Aufbau späterer Heere, der nach keinerlei innerer Beziehung unter den Elementen der Abteilung fragt, ist, vom Standpunkt des Ganzen aus gesehen, innerlich viel organischer, wenn (> 343) man unter diesem Begriff die einheitlich-zweckmäßige Regulierung jedes kleinsten Teiles durch eine einheitliche Idee, die wechselseitige Bestimmung zwischen jedem Element und jedem andern versteht. Diese neuere Ordnung ergreift unmittelbar das Individuum, und indem ihre Einteilungen und Gruppierungen alle jene andern rücksichtslos durchqueren, zerstört sie organische Verbindungen zugunsten eines Mechanismus, fördert aber in unvergleichlich höherer Weise den Zweck, aus dem jene in primärem Sinne organischere Gestaltung ihren Wert bezog. Es kommt hier der überhaupt erst für vorgeschrittenere Zeiten wesentliche Begriff der Technik zu Worte. Gegenüber der umwegloseren, einheitlich-instinktiveren Lebensverfassung primitiver Epochen gelingt es jenen, geistigere Ziele mit mechanischeren Mitteln zu erreichen. Auch in den Prinzipien parlamentarischer Wahl, in der Art, wie die für sie eingerichteten Wahlkreise die vorgefundenen Gruppierungen durchschneiden, tritt diese Entwicklung hervor. Die Klassenvertretungen, - wie z. B. die Generalstaaten unter Philipp dem Schönen die Vertreter von Klerus, Adel, Städten waren - erscheinen zunächst als das Natürliche und Organische gegenüber der rein äußerlichen Einteilung der Wahlkörperschaften - wie die niederländischen Generalstaaten unter Philipp II. lokale Vertreter der einzelnen Provinzen waren. Die räumliche Eingrenzung schließt so mannigfaltige, oft unversöhnliche Interessen ein, dass ein einheitlicher Willensausdruck durch einen einzelnen Vertreter und seine Abstimmung ausgeschlossen ist; der Interessenvertretung aber, rationeller als dies mechanisch-äußerliche Prinzip, scheint gerade dies zu gelingen. In Wirklichkeit liegt der Fall genau wie bei der Heereseinteilung. Die einzelnen Gruppen - der Interessenkomplex mit seinem Vertreter - sind im letzteren Falle organischer konstruiert, aber sie stehen unorganischer nebeneinander. Der lokale Wahlmodus ist zwar mechanischer, aber die ausschließlich örtliche Wahl braucht auch nicht Vertretung des ausschließlich örtlichen Interesses zu bedeuten, sondern sie gerade ist die Technik für den organischen Zusammenhang des Ganzen, indem der einzelne Abgeordnete prinzipiell das ganze Land vertritt. Die eintretende Parteitrennung nach politischen Tendenzen bedeutet dann, ihrer Idee nach, nur die Verschiedenheit der Überzeugungen, mit welchen Mitteln das Wohl des Ganzen, auf das allein es ankommt, zu erreichen sei. Die Standes-, bzw. Interessenvertretung durchschneidet also, mit der logischen Kraft eines höheren Begriffes, die Äußerlichkeit örtlicher Grenzen und täuscht durch diesen partiellen Rationalismus darüber, dass die lokal-mechanische Einteilung die Technik für die viel höhere organische Synthese des Ganzen darbietet. Dies ist ein prinzipielles, den soziologischen Fall einschließendes Entwicklungsschema der Kultur: dass sinnvolle, tief bedeutsam Einrichtungen und Verhaltungsweisen von solchen verdrängt werden, die an und für sich völlig mechanisch, äußerlich, geistlos erscheinen; nur der höhere, über jene frühere Stufe hinausliegende Zweck gibt ihrem Zusammenwirken oder ihrem späteren Resultat eine geistige Bedeutung, die jedes einzelne Element für sich entbehren (> 344) muss; diesen Charakter trägt der moderne Soldat gegenüber dem Ritter des Mittelalters, die Maschinenarbeit gegenüber der Handarbeit, die neuzeitliche Uniformität und Nivellierung so vieler Lebensbeziehungen, die früher der freien individuellen Selbstgestaltung überlassen waren; jetzt ist einerseits das Getriebe zu groß und zu kompliziert, um in jedem seiner Elemente sozusagen einen ganzen Gedanken zum Ausdruck zu bringen; jedes dieser kann vielmehr nur einen mechanischen und für sich bedeutungslosen Charakter haben und erst als Glied eines Ganzen seinen Teil zur Realisierung eines Gedankens beitragen. Andrerseits wirkt vielfach eine Differenzierung, die das geistige Element der Tätigkeit herauslöst, so dass das Mechanische und das Geistige gesonderte Existenz erhalten, wie z. B. die Arbeiterin an der Stickmaschine eine viel geistlosere Tätigkeit übt, als die Stickerin, während der Geist dieser Tätigkeit sozusagen an die Maschine übergegangen ist, sich in ihr objektiviert hat. So können soziale Einrichtungen, Abstufungen, Zusammenschlüsse mechanischer und äußerlicher werden und doch dem Kulturfortschritt, der inneren Einheit eines Ganzen dienen, wenn ein höherer Sozialzweck auftaucht, dem sie sich einfach unterzuordnen haben und der nicht mehr gestattet, dass sie für sich den Geist und Sinn bewahren, mit dem ein früherer Zustand die teleologische Reihe abschloss; und so erklärt sich jener Übergang des Sippschaftsprinzips für die soziale Einteilung zum Zehntschaftsprinzip, obgleich dieses tatsächlich als eine Vereinigung des sachlich Heterogenen, entgegen der natürlichen Homogenität der Familie, erscheint.
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| Editorial: |
Prof.
Hans Geser |
Markus
Roth |
Nora Zapata |