Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
presents: Georg Simmel Online

       Sociology in Switzerland

Georg Simmel Online           


Der Streit

4. Teil

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ex: Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Duncker & Humblot Verlag, Berlin 1908 (1. Auflage). Kapitel IV, S. 186-255. 

Endlich, die unterste Stufe dieser Skala, die am wenigsten akute Form, bilden die nur in der gemeinsamen Stimmung bestehenden Vereinigungen.

Man weiß, dass man insoweit zusammengehört, als man eine gleichartige Aversion oder ein gleichartiges praktisches Interesse gegen einen Dritten hat, aber ohne dass dies zu einer gemeinsamen Kampfaktion zu führen brauchte.

Auch hier scheiden sich zwei Typen.

Der Großbetrieb, der Massen von Arbeitern wenigen Unternehmern gegenüberstellt, hat ersichtlich nicht nur einzelne, real wirksame Vereinigungen jener zum Kampf um die Arbeitsbedingungen zuwege gebracht, sondern die ganz allgemeine Stimmung, dass alle Lohnarbeiter irgendwie zusammengehören, weil sie alle in dem prinzipiell gleichen Kampfe gegen das Unternehmertum stehen.

Diese Stimmung kristallisiert gewiss an einzelnen Punkten zu einzelnen Aktionen der politischen Parteibildung oder des Lohnkampfes.

Allein als ganze kann sie ihrem Wesen nach nicht praktisch werden, sie bleibt die Stimmung einer abstrakten Zusammengehörigkeit durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen einen abstrakten Feind.

Ist hier das Gefühl von Einheit abstrakt, aber dauernd, so in dem zweiten Fall konkret aber flüchtig; dieser liegt z. B. vor, wenn einander sonst fremde, aber der gleichen höheren Bildungs- und Empfindungssphäre angehörige Persönlichkeiten sich in einem geselligen Kreise, in einem Eisenbahnwagen oder ähnlichen, mit Personen von rohem und vulgärem Benehmen zusammenfinden.

Ohne dass es zu irgendeinem Eklat kommt, ohne dass ein Wort oder Blick gewechselt wird, fühlen jene sich als Partei, zusammengehalten durch die gemeinsame Aversion gegen die, wenigstens im ideellen Sinne aggressive Pöbelhaftigkeit der andern.

Mit ihrem äußerst zarten und sensitiven Charakter, bei gleichzeitiger Unzweideutigkeit, schließt diese Vergemeinsamung den Stufenbau derjenigen ab, zu denen völlig fremde Elemente durch die Gemeinsamkeit eines Antagonismus veranlasst werden.

Wo die synthetische Kraft gemeinsamer Gegnerschaft nicht nach der Zahl der Interessenpunkte, sondern nach der Dauer und der Intensität der Vereinigung in Frage steht, wirkt es besonders günstig, wenn statt des aktuellen Kampfes die dauernde Bedrohung durch einen Feind vorliegt.

Von der ersten Zeit des achäischen Bundes, um 270, wird hervorgehoben: Achaia sei von Feinden umgeben gewesen, die aber alle im Augenblick anderes zu tun hatten, als es anzugreifen; und eine solche Periode von Gefahr, die immer drohte, aber sich immer hinausschob, sei besonders geeignet gewesen, (>244) das Gefühl der Vereinigtet zu stärken.

Dies ist ein Fall des eigenartigen Typus: dass eine gewisse Distanz zwischen den zu vereinigenden Elementen einerseits und dem Punkt und Interesse, das sie vereinigt, andrerseits, eine besonders günstige Konstellation für die Verbindung ist, insbesondere wo es sich um ausgedehnte Kreise handelt.

Dies gilt für religiöse Verhältnisse: gegenüber den Stammes- und nationalen Gottheiten hat der weltumfassende Gott des Christentums einen unendlichen Abstand von den Gläubigen, es fehlen ihm ganz die mit der Sonderart des Einzelnen verwandtschaftlichen Züge; dafür kann er aber auch die heterogensten Völker und Persönlichkeiten zu einer unvergleichlichen religiösen Gemeinsamkeit zusammenfassen.

Ferner: die Kleidung charakterisiert immer bestimmte soziale Schichten als zusammengehörig; und nun scheint sie diese soziale Funktion oft am besten zu erfüllen, wenn sie von außen kommt.

Sich zu kleiden, wie man in Paris geht, bedeutet eine enge und exklusive Gemeinsamkeit einer gewissen Gesellschaftsschicht in andern Ländern; schon der Prophet Zephanja spricht von den Vornehmen, die als solche ausländische Kleider tragen.

Die sehr mannigfaltigen Bedeutungen, die das Symbol der »Entfernung« deckt, haben vielerlei psychologische Verwandtschaft; fast immer z. B. scheint ein Vorstellungsinhalt, dessen Gegenstand als irgendwie »entfernt« vorgestellt wird, unpersönlicher zu wirken.

Die individuelle Reaktion, die aus der unmittelbaren Nähe und Berührung folgt, ist damit weniger zugespitzt, trägt weniger unmittelbar subjektiven Charakter und kann deshalb für eine größere Zahl von Individuen die gleiche sein.

Wie der Allgemeinbegriff, der eine Anzahl von Einzelwesen umfassen soll, um so abstrakter ist, d. h. sich um so weiter von jedem einzelnen dieser letzteren entfernt, je mehr und je unter sich verschiedenere es sind, so scheint auch ein sozialer Vereinigungspunkt, der von den zu vereinigenden Elementen einen weiteren Abstand hat - und zwar sowohl im räumlichen wie im übertragenen Sinne, - spezifisch zusammenschließende und umfassende Wirkungen zu üben.

Solche Vereinheitlichung durch eine Gefahr, die aber mehr chronischen als akuten Charakter hat, durch einen nicht ausgefochtenen, aber immer latenten Kampf, wird da am wirksamsten sein, wo eine dauerndere Vereinigung von irgendwie auseinanderstrebenden Elementen in Frage steht.

So verhielt es sich mit dem achäischen Bund, den ich schon anführte, so bemerkt Montesquieu: während Ruhe und Vertrauen den Ruhm und die Sicherheit der Monarchie bilde, hatte eine Republik es nötig, irgend jemanden zu fürchten.

Offenbar liegt hier das Gefühl für die behauptete Konstellation zugrunde: die Monarchie als solche sorgt schon für den Zusammenhalt etwaiger antagonistischer Elemente; wo diese aber niemanden über sich haben, der sie zur Einheit zwingt, sondern relative Souveränität besitzen, da werden sie leicht auseinanderbrechen, wenn dicht eine von allen geteilte Gefahr sie zusammenzwingt - eine Gefahr, die ersichtlich nicht als einmaliger Kampf, sondern gerade nur als dauernde Bedrohung mit einem solchen vorhalten und ein Dauergebilde gewährleisten kann. (>245)

Während dies mehr eine Frage des Grades ist, bedarf der prinzipielle Zusammenhang der Kollektivität mit der Feindseligkeit etwa noch folgenden Zusatzes.

Streitbare Unternehmungen neigen viel mehr als friedliche dazu, von ihrem Entstehungspunkte aus eine möglichst große Zahl von Elementen, die sonst auseinanderliegen und von sich aus das Unternehmen nicht begonnen hätten, zur Kooperation heranzuziehen.

Bei friedlichen Aktionen pflegt man sich im Ganzen auf die auch sonst Näherstehenden zu beschränken; aber zum »Bundesgenossen« - dessen an sich indifferenten Begriff der Sprachgebrauch schon kriegerisch gefärbt hat - nimmt man oft genug Elemente, mit denen man kaum etwas gemeinsam hat, ja, haben möchte.

Dazu wirkt erstens, dass der Krieg, und nicht nur der politische, oft einen Notfall darstellt, in dem man bei der Heranholung von Hilfskräften nicht wählerisch sein kann; zweitens, dass der Gegenstand der Aktion außerhalb der Gebiete oder sonstigen unmittelbaren Interessenperipherien der Bundesgenossen liegt, so dass sie nach vollendetem Kampfe wieder in die frühere Distanz zurücktreten können; drittens, dass der Gewinn durch Kampf zwar ein gefährlicher, aber günstigenfalls ein besonders rascher und intensiver zu sein pflegt, und deshalb auf gewisse Naturelle eine formale Attraktion ausübt, die friedliche Unternehmungen erst durch ihren besonderen Inhalt bewirken müssen; viertens, dass der Kampf das eigentlich Persönliche an den Kämpfenden zurücktreten lässt und dadurch die Vereinigung auch sonst ganz heterogener Elemente gestattet.

Daran schließt sich endlich das Motiv, dass Feindseligkeiten sich leicht gegenseitig anregen.

Schon innerhalb einer und derselben Gruppe kommen, wenn sie gegen eine andre Fehde führt, noch alle möglichen latenten oder halb vergessenen Feindseligkeiten ihrer Individuen gegen solche der andren zum Ausbruch.

Und so pflegt der Krieg zwischen zwei Gruppen in einer dritten alle Böswilligkeiten und Ressentiments gegen eine von jenen wachzurufen, die von sich aus zu keinem Ausbruch geführt hätten, jetzt aber, wo eine andre gleichsam den Weg gebahnt hat, zum Anschluss an deren Aktion veranlassen.

Es ist ganz in diesem Sinne, dass, besonders in früheren Zeiten, die zusammenschließenden Verhältnisse von Völkerschaften als ganzen nur kriegerische waren, während die übrigen, wie Handelsverkehr, Gastfreundschaft, Konnubium, doch nur Beziehungen von Individuen betrafen, die die Ausmachung zwischen den Volkseinheiten wohl ermöglichte, aber nicht von sich aus ins Werk setzte.

Wenn eine historische Entwicklung sich in fortlaufendem rhythmischem Wechsel je zweier Perioden vollzieht, die eine mit der andern gleichberechtigt und nur im Verhältnis und Gegensatz zu ihr den eigenen Sinn gewinnend - so wiederholt das einheitliche Bild, das wir uns von solchem Vorgang formen, selten seine objektive Ebenmäßigkeit und das beharrende Niveau, auf dem seine Elemente einander ablösen.

Fast unvermeidlich vielmehr geben wir ihrem Wechsel eine Art teleologischen Akzentes, so dass das eine immer als der Ausgangspunkt, das sachlich Primäre gilt, aus dem das andre
(–>246) sich entwickelt, während der Wiederübergang von diesem zu jenem als eine Rückbildung erscheint.

Es sei also z. B. der Weltprozess ein ewiger Wechsel von qualitativer Gleichmäßigkeit vereinter Stoffmassen und differenzierter Zerstreutheit eben derselben, und wir mögen überzeugt sein, dass immer aus dem einen das andre und dann wieder aus dem andren das eine hervorgeht; aber, wie unsere Begriffskategorien nun einmal funktionieren, halten wir doch den Zustand der Undifferenziertheit für den ersten, d. h. unser Erklärungsbedürfnis fordert viel mehr, die Mannigfaltigkeit aus der Einheit, als umgekehrt herzuleiten, obgleich es objektiv vielleicht richtiger wäre, keine von beiden als die erste, sondern einen unendlichen Rhythmus anzunehmen, in dem wir bei keiner errechneten Stufe halt zu machen, sondern sie stets aus einer früheren, entgegengesetzten, herzuleiten haben.

Ähnlich steht es mit den Prinzipien der Ruhe und Bewegung.

So sehr sie im Ganzen wie in den einzelnen Reihen des Daseins einander endlos ablösen, so pflegt man doch den Zustand der Ruhe als den ursprünglichen oder auch als den definitiven zu empfinden, der sozusagen für sich keiner Herleitung bedürfe.

Indem wir also ein Periodenpaar zusammen betrachten, scheint immer die eine entweder die erklärende oder die zu reduzierende zu sein, und erst in dieser Rangordnung glauben wir den Sinn ihres Wechselspieles zu fassen: mit ihrem bloßen Sich-Ablösen, wie die Erscheinung es zeigt und das von sich aus kein Element als das primäre und keines als das sekundäre designiert, beruhigen wir uns nicht.

Der Mensch ist eben zu sehr ein Unterschieds- und Wertungs- und Zweckwesen, als dass er nicht den ununterbrochenen Fluss alternierender Perioden durch derartige Akzente gliedern und sie nach der Form gleichsam des Herrschens und Dienens, oder der Vorbereitung und Erfüllung, oder des Zwischenzustandes und Definitivums deuten sollte.

Und so verhält sich Kampf und Frieden.

Im Nacheinander wie im Nebeneinander des gesellschaftlichen Lebens verschlingen sie sich derartig, dass sich in jedem Friedenszustand die Bedingungen für den künftigen Kampf, in jedem Kampf die für den künftigen Frieden herausbilden; verfolgt man die sozialen Entwicklungsreihen unter dieser Kategorie rückwärts, so kann man nirgends haltmachen, in der geschichtlichen Wirklichkeit weisen beide Zustände ununterbrochen auf einander hin.

Dennoch empfinden wir in diese Reihe einen inneren Unterschied ihrer Glieder hinein: der Kampf erscheint als das Vorläufige, dessen Zweck in dem Frieden und seinen Inhalten liegt.

Während der Rhythmus dieser Elemente, objektiv betrachtet, völlig auf einem Niveau gleichwertig verläuft, bildet unser Wertgefühl gleichsam jambische Perioden daraus, mit dem Krieg als Thesis und dem Frieden als Arsis.

So muss, in der ältesten Verfassung Roms, der König die Bürgerschaft erst um ihre Zustimmung befragen, wenn er einen Krieg beginnen will; aber dieser Zustimmung bedarf es nicht, - sie wird also als selbstverständlich vorausgesetzt - wenn es sich um den Friedensschluss handelt.

Schon dies legt nahe, dass der Übergang vom Kampf zum Frieden ein wesentlicheres Problem bieten wird als der umgekehrte.

Der letztere bedarf eigentlich keiner (–>247) gesonderten Betrachtung; denn die Situationen innerhalb des Friedens, aus denen der offene Kampf hervorgeht, sind selbst schon Kampf in diffuser, unmerklicher oder latenter Form.

Denn, wenn z. B. die ökonomische Blüte der nordamerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkriege, die sie vermöge ihrer Sklavenwirtschaft vor den Nordstaaten voraus hatten, auch der Grund dieses Krieges war, so steht dies, solange sich noch kein Antagonismus daraus erhebt, sondern es nur immanente Zustände des einen und des andren Gebietes sind, überhaupt jenseits der spezifischen Frage von Krieg und Frieden.

In dem Augenblick aber, in dem die zum Kriege führende Färbung dazutrat, war eben diese selbst schon eine Anhäufung von Antagonismen: gehässige Gesinnung, Zeitungspolemiken, Reibereien zwischen Privatpersonen und an den Grenzen, gegenseitige moralische Verdächtigungen auf Gebieten außerhalb des zentralen Gegensatzpunktes.

Das Ende des Friedens also wird nicht durch eine besondere soziologische Situation bezeichnet, sondern aus irgendwelchen sachlichen Verhältnissen innerhalb des Friedens entwickelt sich unmittelbar der Antagonismus, wenn auch nicht gleich in seiner deutlichsten oder stärksten Form.

Anders aber in der umgekehrten Folge: der Frieden setzt sich nicht ebenso unmittelbar an den Streit an, die Streitbeendigung ist eine besondere Vornahme, die weder in die eine noch in die andre Kategorie gehört, wie eine Brücke anderen Wesens ist, wie jedes der Ufer, die sie verbindet.

Die Soziologie des Kampfes fordert deshalb, mindestens als Anhang, eine Analyse der Formen, in denen ein Kampf sich beendet, und die einige besondere, unter keinen andren Umständen beobachtete Wechselwirkungen darbieten.

Es gibt wohl keine Seele, der der formale Reiz des Kampfes und der des Friedens ganz versagt wäre, und weil eben jeder von beiden in irgendeinem Maße besteht, erwächst über ihrem Reize der neue des Wechsels zwischen beiden.

Nur welchen Rhythmus dieses Wechsels die einzelne Natur fordert, welchen Teil seiner sie als Hebung und welchen als Senkung empfindet, ob sie ihn mit eigener Initiative hervorruft oder von den Entwicklungen des Schicksals erwartet - nur dies unterscheidet ihre Individualität.

Das erste Motiv der Streitbeendigung, das Friedensbedürfnis - ist deshalb etwas viel Inhaltvolleres, als die bloße Ermüdung am Kampf, es ist jene Rhythmik, die uns jetzt nach dem Frieden verlangen lässt, als nach einem ganz konkreten Zustand, der keineswegs nur das Ausbleiben des Streites bedeutet.

Nur muss man die Rhythmik nicht ganz mechanisch verstehen.

Man hat freilich gesagt, dass intime Verhältnisse, wie Liebe und Freundschaft, gelegentlicher Zerwürfnisse bedürften, um sich an dem Gegensatz gegen die erlittene Entzweiung erst ihres ganzen Glückes wieder bewusst zu werden; oder um die Enge der Beziehung, die nun einmal für das Individuum etwas Zwanghaftes, Einschließendes hat, durch eine Entfernung zu unterbrechen, die ihren Druck unfühlbar macht.

Es werden nicht die tiefsten Verhältnisse sein, die eines solchen Turnus bedürfen; er wird eher roheren Naturen eigen sein, die nach groben Unterschiedsreizen verlangen und deren Augenblicksleben das Umschlagen in (–>248) die Gegensätzlichkeiten begünstigt: es ist der Typus des: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich - der die Entzweiung um der Erhaltung des Verhältnisses willen fordert.

Das ganz innige und verfeinerte Verhältnis wird ohne antagonistisches Intervall auskommen und wird seinen Gegensatzreiz an der umgebenden Welt finden, an den Dissonanzen und Feindseligkeiten des sonstigen Daseins, die für das Bewusstsein seines Burgfriedens den genügenden Hintergrund liefern. –

Zu den indirekten Motiven des Friedenswunsches aber, von jenen wohl zu unterscheiden, gehört einerseits die Erschöpfung der Kräfte, die das Friedensbedürfnis ohne weiteres neben die fortbestehende Kampflust setzen kann, andrerseits die Ableitung des Interesses von dem Streit durch ein höheres für einen andren Gegenstand.

Das letztere erzeugt mancherlei moralische Heucheleien und Selbsttäuschungen: man gibt vor oder glaubt, aus idealem Interesse am Frieden die Streitaxt zu begraben, während in Wirklichkeit nur der Gegenstand des Kämpfens sein Interesse verloren hat und man seine Kräfte für anderweitiges Handeln frei bekommen möchte.

Während in tiefgegründeten Verhältnissen das Ende des Streites dadurch erfolgt, dass ihre unablenkbare Grundströmung wieder an die Oberfläche gelangt und die Gegenbewegungen an dieser glättet, kommen ganz neue Nuancen auf, wo der Wegfall des Streitobjekts den Antagonismus beendet.

Jeder Konflikt, der nicht absolut unpersönlicher Art ist, macht sich die verfügbaren Kräfte des Individuums dienstbar, er wirkt wie ein Kristallisationspunkt, um den herum sich diese in größerer oder geringerer Entfernung anordnen - die Form der Kern- und der Hilfstruppen innerlich wiederholend -, und gibt damit dem ganzen Komplex der Persönlichkeit, sobald sie kämpft, eine eigenartige Struktur.

Wenn nun der Konflikt auf eine der gewöhnlichen Arten beendet ist, - durch Sieg und Niederlage, durch Versöhnung, durch Kompromiss - so bildet diese seelische Struktur sich wieder in die des Friedenszustandes zurück, der zentrale Punkt teilt seinen Übergang aus Erregtheit in Beruhigung den einbezogenen Energien mit.

Statt dieses organisch, wenn auch unendlich mannigfaltig verlaufenden Prozesses des inneren Ausklingens der Streitbewegung, tritt aber oft ein ganz irrationeller und turbulenter ein, wenn das Streitobjekt plötzlich wegfällt, so dass die ganze Bewegung noch sozusagen ins Leere schwingt; dies geschieht insbesondere, weil unser Gefühl konservativer ist als unser Verstand, und so die Erregung jenes keineswegs in demselben Augenblick zur Ruhe kommt, in dem der Verstand ihre Veranlassung als hinfällig erkennt.

Allenthalben entsteht Verwirrung und Schädigung, wenn seelischen Bewegungen, die um eines bestimmten Inhaltes willen entstanden sind, dieser plötzlich geraubt wird, so dass sie sich nicht mehr naturgemäß weiterentwickeln und ausleben können, sondern haltlos an sich selbst zehren oder nach einem sinnlosen Ersatzobjekt greifen.

Wenn also, während der Streit im Gange ist, Zufälle oder höhere Gewalt ihm das Ziel entführen Nebenbuhlerschaft, deren umworbener Gegenstand sich für einen Dritten entscheidet, Streit um eine Beute, die während dessen von einem andern geraubt wird, theoretische Kontroversen, deren Problem (–>249) eine überlegene Intelligenz plötzlich so löst, dass beide streitende Behauptungen sich als irrig zeigen - so findet oft noch ein leeres Weiterstreiten, eine unfruchtbare gegenseitige Anschuldigung, ein Wiederaufleben früherer, längst begrabener Differenzen statt; dies ist das Weiterschwingen der Streitbewegungen, die sich in irgendeiner, unter diesen Umständen ganz sinnlosen und tumultuarischen Art austoben müssen, ehe sie zur Ruhe kommen.

Am bezeichnendsten tritt dies vielleicht in den Fällen ein, wo der Streitgegenstand von beiden Parteien als illusorisch, des Streites nicht wert, erkannt wird.

Hier lässt die Beschämung über den Irrtum oft den Kampf noch lange fortsetzen, mit einem ganz wurzellosen und mühsamen Kraftaufwand, aber mit um so größerer Erbitterung Gegen den Gegner, der uns zu dieser Donquichotterie nötigt.

Die einfachste und radikalste Art, vom Kampf zum Frieden zu kommen, ist der Sieg - eine ganz einzigartige Erscheinung des Lebens, von der es zwar unzählige individuelle Gestalten und Maße gibt, die aber mit nichts anders Benanntem, was sonst zwischen Menschen vorgehen kann, eine Ähnlichkeit besitzt.

Von den vielen Spielarten des Sieges, die dem ihm folgenden Frieden eine besondere Farbe geben, erwähne ich nur denjenigen, der nicht ausschließlich durch das Übergewicht der einen Partei, sondern, mindestens teilweise, durch Resignation der andern herbeigeführt wird.

Dieses Kleinbeigeben, sich für besiegt Erklären oder den Sieg des andern über sich Ergehen-Lassen, ohne dass schon alle Widerstandskräfte und Möglichkeiten erschöpft wären, ist ein nicht immer einfaches Phänomen.

Es kann dazu eine gewisse asketische Tendenz wirken, die Lust an der Selbstdemütigung und dem Sichpreisgeben, nicht stark genug, um sich von vornherein kampflos auszuliefern, aber hervortretend, sobald die Stimmung des Besiegten die Seele zu ergreifen beginnt, oder sogar an dem Gegensatz zu der eben noch lebendigen Kampf Stimmung ihren sublimsten Reiz findend.

Zu dem gleichen Entschluss drängt ferner das Gefühl, dass es vornehmer ist, sich zu ergeben, als sich bis zuletzt an die unwahrscheinliche Chance einer Wendung der Dinge zu klammern; diese Chance hinzuwerfen und um diesen Preis dem zu entgehen, dass einem die eigene Niederlage in ihrer ganzen Unvermeidlichkeit bis ins letzte demonstriert wird - dies hat etwas von dem großen und edlen Stil der Menschen, die nicht nur ihrer Stärke, sondern auch ihrer Schwächen gewiss sind, ohne sich ihrer jedes Mal erst fühlbar versichern zu müssen.

Endlich: in dieser Freiwilligkeit des Sich-besiegt Erklärens liegt noch ein letzter Machtbeweis des Subjekts, dieses letzte wenigstens hat es noch gekonnt, ja, es hat damit eigentlich dem Sieger noch etwas geschenkt.

Darum lässt sich in personalen Konflikten manchmal beobachten, dass das Nachgeben der einen Partei, bevor die andre noch wirklich von sich aus ihre Sache durchgesetzt hat, von dieser als eine Art Beleidigung empfunden wird als wäre sie eigentlich die schwächere, der man aber aus irgendwelchen Gründen nachgibt, ohne es nötig zu haben.1)

Zu der Streitbeendung durch den Sieg steht die durch das Kompromiss in vollem Gegensatz.

Es ist eine der charakteristischsten Einteilungsarten der Kämpfe, ob sie ihrem Wesen nach einem Kompromiss zugängig sind oder nicht.

Dies entscheidet sich keineswegs nur an der Frage, ob ihr Preis eine unteilbare Einheit bildet oder zwischen den Parteien geteilt werden kann. Gewissen Gegenständen gegenüber steht das Kompromiss durch Teilung außer Frage: zwischen Nebenbuhlern um die Gunst einer Frau, zwischen Reflektanten um ein und dasselbe unzerlegbare käufliche Objekt, auch bei Kämpfen, deren Motiv Hass und Rache sind.

Dennoch sind dem Kompromiss auch Kämpfe um unzerlegbare Gegenstände zugängig, wenn diese nämlich vertretbar sind; so dass der eigentliche Kampfpreis zwar nur dem Einen zufallen kann, dieser aber den Andern für seine Nachgiebigkeit durch einen andern Wert entschädigt.

Ob Güter in dieser Weise fungibel sind, hängt natürlich nicht von irgendeiner objektiven Gleichwertigkeit unter ihnen ab, sondern von der Geneigtheit der Parteien, den Antagonismus durch Überlassung und Entschädigung zu beenden.

Diese Chance bewegt sich zwischen den Fällen bloßen Eigensinns, in denen die rationellste und reichlichste Entschädigung, für die die Partei sonst den Kampfgegenstand gern preisgäbe, nur darum zurückgewiesen wird, weil sie eben vom Gegner geboten wird, - und den andern, in denen die Partei zuerst durch die Individualität des Kampfpreises angezogen scheint, und ihn dann doch gutwillig der andern überlässt, entschädigt durch ein Objekt, dessen Fähigkeit, jenes zu ersetzen, jedem Dritten oft völlig rätselhaft bleibt.

Im ganzen ist das Kompromiss, namentlich das durch die Fungibilität bewirkte, so sehr es für uns zu der alltäglichen und selbstverständlichen Lebenstechnik gehört, eine der größten Erfindungen der Menschheit.

Es ist der Impuls des Naturmenschen wie des Kindes, ohne weiteres nach jedem gefallenden Gegenstande zu greifen, gleichviel ob er sich bereits in fremdem Besitz befindet.

Der Raub ist - neben dem Geschenk - die nächstliegende Form des Besitzwechsels, und ein solcher geht deshalb in primitiven Verhältnissen selten ohne Kampf ab.

Dass dieser nun vermieden werden kann, indem man dem Besitzer des ersehnten Gegenstandes einen andern, aus dem eigenen Besitz, anbietet und damit die Gesamtaufwendung schließlich doch zu einer geringeren macht, als wenn man (–>251) den Kampf fortsetzt oder beginnt - das einzusehen ist der Anfang aller kultivierten Wirtschaft, alles höheren Güterverkehrs.

Aller Tausch um Dinge ist ein Kompromiss - und freilich ist dies die Armut der Dinge gegenüber dem bloß Seelischen, dass ihr Austausch immer Weggeben und Verzicht voraussetzt, wahrend Liebe und alle Inhalte des Geistes getauscht werden können, ohne dass das Reicherwerden mit einem Ärmerwerden bezahlt werden muss.

Wenn von gewissen Sozialzuständen berichtet wird, dass es zwar als ritterlich gilt, zu rauben und um den Raub zu kämpfen, der Tausch und Kauf aber als würdelos und gemein, so wirkt dazu der Kompromisscharakter des Tausches, die Einräumung und Verzichtleistung, die ihn zum Gegenpol alles Kampfes und Sieges macht.

Jeder Tausch setzt voraus, dass Wertungen und Interessen einen objektiven Charakter angenommen haben.

Das Entscheidende ist nun nicht mehr die bloße subjektive Leidenschaft des Begehrens, der nur der Kampf entspricht, sondern der von beiden Interessenten anerkannte Wert des Objekts, der, sachlich umgeändert, durch verschiedene Objekte ausdrückbar ist.

Der Verzicht auf den bewerteten Gegenstand, weil man das in ihm enthaltene Wertquantum in andrer Form erhält, ist das in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, entgegengesetzte Interessen anders als durch Kampf zum Austrag zu bringen - das aber sicher eine lange historische Entwicklung forderte, weil es eine psychologische Lösung des allgemeinen Wertgefühles von dem einzelnen Gegenstand, der zuerst mit ihm verschmolzen ist, voraussetzt, eine Erhebung über das Befangensein in dem unmittelbaren Begehren.

Das Kompromiss durch Vertretbarkeit - von dem der Tausch ein Sonderfall ist - bedeutet die prinzipielle wenngleich nur sehr partiell realisierte Möglichkeit, den Kampf zu vermeiden oder ihm ein Ende zu setzen, bevor die bloße Kraft der Subjekte ihn entschieden hat.

Von dem objektiven Charakter, den die Streitbeendigung durch das Kompromiss trägt, hebt sich die Versöhnung als ein rein subjektiver Modus ab.

Ich meine hier nicht die Versöhnung, die die Folge eines Kompromisses oder einer sonstigen Beilegung des Streites ist, sondern die Ursache dieser letzteren.

Die Versöhnlichkeit ist eine primäre Stimmung, die, ganz jenseits objektiver Gründe, den Kampf ebenso zu beenden sucht, wie die Streitlust, nicht weniger ohne sachliche Veranlassung, ihn unterhält.

In den unzähligen Fällen, wo der Streit anders beendet wird, als es in der unbarmherzigsten Konsequenz der Machtverhältnisse liegt, ist sicher diese ganz elementare und irrationale Versöhnlichkeitstendenz im Spiele - die etwas ganz andres ist als Schwäche oder Gutmütigkeit, soziale Moral oder Nächstenliebe.

Sie fällt nicht einmal mit der Friedfertigkeit zusammen.

Denn diese vermeidet den Kampf von vornherein oder führt den aufgezwungenen mit der dauernden Unterströmung des Friedensbedürfnisses - während die Versöhnlichkeit in ihrer vollen Eigenart oft gerade nach der vollen Hingabe an den Kampf auftritt.

Am ehesten scheint ihre psychisch-soziologische Eigenart mit der des Verzeihens verwandt, das ja auch keineswegs eine Laxheit der Reaktion, eine mangelnde Kraft des Antagonismus (–>252) voraussetzt, sondern ganz rein erst nach dem im Tiefsten empfundenen Unrecht und dem leidenschaftlichen Kampfe aufleuchtet.

Darum liegt in der Versöhnung wie in der Verzeihung etwas Irrationales, etwas wie ein Dementi dessen, was man eben noch selbst war.

Dieser geheimnisvolle Rhythmus der Seele, der die Vorgänge dieses Typus gerade allein durch die ihm widersprechenden bedingt sein lässt, verrät sich vielleicht am stärksten in der Verzeihung: denn sie ist doch wohl der einzige Gefühlsvorgang, den wir ohne weiteres als dem Willen untertan voraussetzen - da sonst die Bitte um Verzeihung sinnlos wäre.

Eine Bitte kann uns nur zu etwas bewegen, worüber der Wille Macht hat.

Dass ich den besiegten Feind schone, dass ich auf jede Rache an meinem Beleidiger verzichte, das kann begreiflicherweise, da es von meinem Willen abhängt, auf eine Bitte hin geschehen; dass ich jenen aber verzeihe, d. h. dass das Gefühl des Antagonismus, des Hasses, der Trennung einem andern Gefühl Platz mache - darüber scheint der bloße Entschluss so wenig verfügen zu können, wie über Gefühle überhaupt.

In Wirklichkeit aber liegt es anders, und es sind nur sehr seltene Fälle, in denen wir selbst beim besten Willen nicht verzeihen können.

Es liegt im Verzeihen, wenn man es bis in den letzten Grund durchzufühlen sucht, etwas rational nicht recht Begreifliches, und an diesem Charakter hat in gewissem Maße auch die Versöhnung teil, weshalb denn beide soziologische Vorgänge sich bedeutsam in die Mystik der Religion übertragen; sie können das, weil sie schon als soziologische ein mystisch religiöses Element enthalten.

Nun gibt das »versöhnte« Verhältnis in seinem Unterschiede gegen das nie gebrochene ein besonderes Problem auf.

Hier ist nicht von den früher berührten die Rede, deren innerer Rhythmus überhaupt zwischen Zerwürfnis und Versöhnung pendelt; sondern von denen, die einen wirklichen Bruch erlitten haben und nach diesem wie auf einer neuen Basis wieder zusammengegangen sind.

Durch wenige Charakterzüge werden Verhältnisse so bezeichnet, wie dadurch: ob sie in diesem Falle in ihrer Intensität gesteigert oder herabgesetzt sind.

Wenigstens ist dies die Alternative für alle tieferen und sensibleren Naturen; wo ein Verhältnis, nachdem es einen radikalen Bruch erfahren hat, nachher in genau derselben Weise wieder auflebt, als wenn nichts geschehen wäre, kann man im allgemeinen entweder frivolere oder grobkörnigere Sinnesart voraussetzen.

Der zu zweit genannte Fall ist der am wenigsten komplizierte: dass eine einmal geschehene Entzweiung sich nie mehr ganz überwinden lässt, auch nicht durch den ehrlichsten Willen der Parteien, ist ohne weiteres begreiflich; wobei durchaus kein Rest des Streitobjekts als solchen zurückgeblieben, keinerlei Unversöhnlichkeit vorhanden zu sein braucht, sondern die bloße Tatsache, dass überhaupt ein Bruch einmal da war, entscheidet.

Zu diesem Erfolg wirkt bei engen Verhältnissen, die einmal bis zu äußerer Entzweiung gekommen sind, oft dies mit: man hat gesehen, dass man überhaupt ohne einander auskommen kann, dass das Leben, wenn auch vielleicht nicht sehr heiter, eben doch weiterging.

Dies setzt nicht bloß den Wert des Verhältnisses herab, sondern der Einzelne wirft sich (–>253) gerade dies, nachdem die Einheit wieder hergestellt ist, leicht als eine Art Verrat und Untreue vor, die gar nicht wieder gut zu machen ist und die in das wieder aufwachsende Verhältnis eine Mutlosigkeit und ein Misstrauen seiner Individuen gegen das eigene Gefühl verwebt.

Freilich läuft hier oft eine Selbsttäuschung unter.

Die überraschende, relative Leichtigkeit, mit der man manchmal das Auseinandergehen eines nahen Verhältnisses erträgt, entstammt der Erregung, die wir noch von der Katastrophe mitbringen.

Diese hat alle möglichen Energien in uns lebendig gemacht, deren Schwung uns noch eine Weile weiterträgt und aufrecht hält.

Wie aber auch der Tod eines geliebten Menschen nicht in der ersten Stunde seine ganze Furchtbarkeit entfaltet, weil erst die weiterrollende Zeit alle die Situationen herbeibringt, in denen er sonst ein Element war, die wir nun wie mit einem herausgerissenen Gliede zu durchleben haben und die kein erster Augenblick zusammenfassend vorwegnehmen konnte - so löst sich eine wertvolle Beziehung sozusagen nicht in dem ersten Moment des Auseinandergehens, in dem vielmehr die Gründe ihrer Lösung unser Bewusstsein beherrschen; sondern wir spüren den Verlust für alle einzelnen Stunden erst von Fall zu Fall, und deshalb wird ihm oft erst nach langer Zeit unser Gefühl ganz gerecht, das ihn im ersten Moment mit einem gewissen Gleichmut zu ertragen schien.

Auch aus diesem Grunde ist die Versöhnung mancher Verhältnisse in dem Maße tiefer und leidenschaftlicher, in dem der Bruch schon eine längere Zeit bestanden hat.

Aus eben demselben aber ist überhaupt begreiflich, dass das Tempo der Versöhnung, des »Vergebens und Vergessens«, von großer Bedeutung für die strukturelle Weiterentwicklung des Verhältnisses ist, dass jene Beendigungen des Streites ihn nicht wirklich aufheben, wenn nicht seine latenten Energien zuvor irgendeine Aktualisierung gefunden haben: erst in dem offeneren oder wenigstens bewussteren Zustande werden sie von der Versöhnungstendenz wirklich durchdrungen.

Wie man nicht zu schnell lernen darf, wenn das Gelernte uns bleiben soll, so darf man auch nicht zu schnell vergessen, wenn das Vergessen seine soziologische Bedeutung ganz entfalten soll.

Dass umgekehrt das Intensitätsmaß des versöhnten Verhältnisses über das des ungebrochenen hinauswächst, hat mancherlei Ursachen.

Hauptsächlich wird dadurch ein Hintergrund geschaffen, von dem alle Werte und alle Selbsterhaltungen der Vereinigung sich bewusster und klarer abheben.

Dazu bringt die Diskretion, mit der man jede Berührung des Vergangenen umgeht, eine neue Zartheit, ja, eine neue unausgesprochene Gemeinsamkeit in das Verhältnis.

Denn allenthalben kann das gemeinsame Vermeiden eines allzu empfindlichen Punktes eine ebenso große Intimität und Sich-Verstehen bedeuten, wie die Ungeniertheit, die jeden Gegenstand des individuellen Innenlebens zu einem Gegenstand der positiven Gemeinsamkeit macht; und endlich: die Intensität des Wunsches, das wieder auflebende Verhältnis vor jedem Schatten zu bewahren, entstammt nicht nur den erfahrenen Leiden des Bruches, sondern vor allem dem Bewusstsein, dass der zweite Bruch nicht mehr geheilt (–>254) werden könnte, wie es der erste konnte.

Denn dies würde in unzähligen Fällen und wenigstens unter sensitiven Menschen, das ganze Verhältnis zu einer Karikatur machen.

Es kann wohl auch in dem tiefstgegründeten Verhältnis zu einem tragischen Bruch und zu einer Versöhnung kommen; aber dies gehört zu den Ereignissen, die so nur einmal stattfinden dürfen und deren Wiederholung ihnen alle Würde und Ernsthaftigkeit raubt.

Denn hat einmal die erste Wiederholung stattgefunden, so spricht nichts gegen eine zweite und dritte, die die ganzen Erschütterungen des Vorganges banalisieren und zu einem frivolen Spiel herabziehen würden.

Vielleicht ist dieses Gefühl, dass ein nochmaliger Bruch der definitive wäre ein Gefühl, zu dem es vor dem ersten kaum eine Analogie gibt für feinere Naturen das stärkste Band, durch das das versöhnte Verhältnis sich von dem nie gebrochenen unterscheidet.

Gerade wegen der tieferen Bedeutung, die das Maß der Versöhnlichkeit nach dem Streit, nach einseitig oder gegenseitig zugefügten Leiden, für die Entwicklung der Verhältnisse zwischen den Menschen hat, nimmt ihr negatives Extrem, die Unversöhnlichkeit, an dieser Bedeutung teil.

Auch sie kann, wie die Versöhnlichkeit, eine formale Stimmung der Seele sein, die freilich einer äußeren Situation zu ihrer Aktualisierung bedarf, dann aber ganz spontan und nicht nur als Folge anderweitiger, vermittelnder Emotionen eintritt.

Beide Tendenzen gehören zu den polaren Grundelementen, deren Mischungen alle Verhältnisse zwischen den Menschen bestimmen.

Man hört gelegentlich aussprechen: wer nicht vergessen könnte, könnte auch nicht vergeben bzw. sich nicht vollständig versöhnen.

Dies würde ersichtlich die fürchterlichste Unversöhnlichkeit bedeuten, denn es macht die Versöhnung davon abhängig, dass jede Veranlassung zu ihrem Gegenteil aus dem Bewusstsein verschwunden ist; auch wäre sie, wie alle auf dem Vergessen beruhenden Vorgänge, in der steten Gefahr der Widerrufung.

Wenn die ganze Meinung einen Sinn haben soll, so läuft er in der umgekehrten Richtung: wo die Versöhntheit als primäre Tatsache besteht, wird sie die Ursache sein, dass der Zwist und das Leiden, das einem der andre bereitet hat, nicht mehr ins Bewusstsein aufsteigen.

Entsprechend besteht nun auch die eigentliche Unversöhnlichkeit keineswegs darin, dass das Bewusstsein nicht über die vergangenen Konflikte hinwegkommt; dies ist vielmehr erst eine Folgeerscheinung.

Die Unversöhnlichkeit bedeutet, dass die Seele durch den Kampf eine Modifikation ihres Seins erlitten hat, die nicht mehr rückgängig zu machen ist, die insofern nicht einer vernarbbaren Wunde, sondern einem verlorenen Gliede vergleichbar ist.

Dies ist die tragischste Unversöhnlichkeit: weder ein Groll noch ein Vorbehalt oder geheimer Trotz braucht in der Seele zurückzubleiben und eine positive Schranke zwischen die eine und die andre zu legen; es ist nur durch den durchgekämpften Konflikt etwas in ihr getötet worden, das nicht wieder zu beleben ist, auch nicht durch die eigene leidenschaftliche Bemühung darum; hier liegt ein Punkt, an dem die Ohnmacht des Willens gegenüber dem tatsächlichen Sein des Menschen grell hervortritt - im stärksten psychologischen Gegensatz zu
(–>255) dem vorhin berührten Typus des Verzeihens.

Während dies die Unversöhnlichkeitsforrn sehr einheitlicher und nicht gerade leicht beweglicher Naturen ist, findet sich bei innerlich stark differenzierten eine andere: das Bild und die Nachwirkung des Konfliktes und alles dessen, was man dem andern vorzuwerfen hatte, bleibt im Bewusstsein bestehen und kann nicht verschmerzt werden.

Aber um dies herum wächst nun doch die unverminderte Liebe und Anhänglichkeit, indem jene Erinnerungen und Resignationen nicht als Abzug wirken, sondern wie organische Bestandteile in das Bild des andern eingefügt sind, den wir nun sozusagen inklusive dieser Passiva in der Bilanz unsres Gesamtverhältnisses zu ihm lieben -- wie wir doch einen Menschen auch mit all seinen Fehlern lieben, die wir vielleicht fortwünschen, aber nicht aus ihm fortdenken können.

Die Bitternis des Kampfes, die Punkte, an denen die Persönlichkeit des andern versagt hat, die einen dauernden Verzicht oder eine immer erneute Irritation in das Verhältnis bringen - all dies ist unvergessen und eigentlich unversöhnt.

Allein es ist sozusagen lokalisiert, als ein Faktor in die ganze Beziehung aufgenommen, deren zentrale Intensität darunter nicht zu leiden braucht.

Es liegt auf der Hand, dass diese beiden Erscheinungen von Unversöhnlichkeit, die sich von den gewöhnlich so genannten ersichtlich unterscheiden, doch die ganze Skala auch dieser einschließen: die eine lässt den Erfolg des Konfliktes, von dessen einzelnen Inhalten völlig gelöst, gerade in das Zentrum der Seele sinken, er gestaltet die Persönlichkeit, soweit sie sich auf die andre bezieht, in ihrer tiefsten Schicht um.

In der andern, umgekehrt, wird die psychologische Hinterlassenschaft des Streites gleichsam isoliert, bleibt ein Einzelelement, das in das Bild des andern aufgenommen werden kann, um dann von dem Gesamtverhältnis zu ihm mitumfasst zu werden.

Zwischen jenem schlimmsten und diesem leichtesten Fall von Unversöhnlichkeit liegt offenbar die ganze Mannigfaltigkeit der Maße, mit denen die Unversöhnlichkeit den Frieden noch in den Schatten des Kampfes stellt.

Anmerkung

1)Dies gehört in das Formgebiet der Beziehungen, in denen ein Entgegenkommen ein Zunahetreten ist. Es gibt genug Fälle von Höflichkeiten, die Beleidigungen (–>250)  sind, Geschenke, die demütigen, mitleidige Teilnahme, die als freche Zudringlichkeit wirkt oder das Leiden ihres Opfers vermehrt, Wohltaten, bei denen die erzwungene Dankbarkeit oder die von ihnen gestiftete Beziehung peinlicher ist, als die durch sie behobene Entbehrung.

Dass solche soziologische Konstellationen möglich sind, geht auf die häufige und tiefe Diskrepanz zurück, die zwischen dem objektiv ausdrückbaren, als Sonderbegriff gefassten Inhalt eines Zustandes oder Verhaltens auf der einen Seite und seiner individuellen Verwirklichung andrerseits besteht, die er als bloßes Element eines reich komplizierten Gesamtlebens erfährt.

Dies ist die Formel der Unterschiede: ob man die Krankheit behandelt oder den Kranken, ob man die Missetat bestraft oder den Missetäter, ob der Lehrer ein Bildungsmaterial überliefert oder den Schüler bildet.

So also ist manches objektiv, seinem begrifflichen Inhalt nach, eine Wohltat, während es als individuell erlebte Wirklichkeit das Gegenteil davon sein kann. (zurück)

Georg Simmel: Der Streit, 4. Teil

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Editorial:

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