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3. Teil | |||||
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Eine Konstellation indes von äußerster soziologischer Wichtigkeit mangelt jeglicher Gruppierung zu zweien, während sie jeder mehrzahligen prinzipiell offen steht: die Abwälzung von Pflichten und Verantwortungen auf das unpersönliche Gebilde die das soziale Leben so häufig, und nicht zu seinem Vorteil, charakterisiert. Und zwar nach zwei Seiten hin. Jede Gesamtheit, die mehr ist als ein bloßes Nebeneinander gegebener Individuen, hat eine Unbestimmtheit ihrer Grenzen und ihrer Macht, die leicht dazu verlockt, allerhand Leistungen von ihr zu erwarten, die eigentlich dem einzelnen Mitgliede oblägen; man schiebt sie auf die Gesellschaft, wie man sie oft in der psychologisch gleichen Tendenz auf die eigne Zukunft schiebt, deren nebelhafte Möglichkeiten für alles den Raum geben oder durch wie von selbst zuwachsende Kräfte alles das besorgen werden, was der Augenblick nicht gern auf sich nehmen möchte. Der in den grade fraglichen Beziehungen durchsichtigen, aber eben deshalb auch klar begrenzten Macht des Individuums (-> 67) steht die immer etwas mystische Kraft der Gesamtheit gegenüber, von der man deshalb leicht nicht nur das erwartet, was das Individuum nicht leisten kann, sondern auch das, was es nicht leisten möchte; und zwar mit dem Gefühl des vollen Legitimiertseins zu dieser Abschiebung. Einer der besten Kenner Nordamerikas schiebt einen grossen Teil der Unzulänglichkeiten und Hemmungen, unter denen dort die Staatsmaschine arbeitet, auf den Glauben an die Macht der öffentlichen Meinung. Der Einzelne verließe sich darauf, dass die Gesamtheit schon das Rechte erkennen und tun werde, und verliert damit leicht die individuelle Initiative für öffentliche Interessen. Dies steigert sich begreiflich zu der positiven Erscheinung, die ebenderselbe Autor so beschreibt: The longer public opinion has ruled, the more absolute is the authority of the majority likely to become, the less likely are energetic minorities to arise, the more are politicians likely to occupy themselves, not in forming opinion, but in discovering and hastening to obey it. Ebenso gefährlich aber wie nach der Seite des Unterlassenes wird dem Einzelnen die Zugehörigkeit zu einer Gesamtheit auch nach der Seite des Tuns. Hier handelt es sich nicht nur um die Steigerung der Impulsivität und die Ausschaltung moralischer Hemmungen, wie sie an dem Einzelnen in einer Menschenmenge hervortreten und zu den Massenverbrechen führen, bei denen sogar die juristische Verantwortlichkeit der Teilnehmer strittig ist; sondern darum, dass das wahre oder das vorgebliche Interesse einer Gemeinschaft den Einzelnen zu Handlungen berechtigt oder verpflichtet, für die er als Einzelner die Verantwortung nicht tragen möchte. Wirtschaftliche Vereinigungen stellen Forderungen von so schamlosem Egoismus, Amtskollegien geben so schreiende Missbräuche zu, Korporationen politischer wie wissenschaftlicher Art üben so empörende Unterdrückungen individueller Rechtewie es dem Einzelnen, wenn er als Person sie verantworten sollte, doch unmöglich wäre oder wenigstens ein Erröten abzwingen würde. Als Korporationsmitglied aber übt er alles dies mit dem besten Gewissen, weil er als solches anonym ist und sich von der Gesamtheit gedeckt, ja sozusagen verdeckt fühlt und mindestens formal ihr Interesse zu vertreten meint. Es gibt wenig Fälle, in denen die Distanz der gesellschaftlichen Einheit von den Elementen, die sie bilden, so stark, ja fast in die Karikatur ausartend, fühlbar und wirksam wird. Diese Herabsetzung der praktischen Persönlichkeitswerte, die die Einbeziehung in eine Gruppe oft für das Individuum mit sich bringt, musste angedeutet werden, um durch ihren Ausschluss die Zweiergruppe zu charakterisieren. Indem hier jedes Element nur ein andres individuelles neben sich hat, nicht aber eine Mehrzahl, die eventuell eine höhere Einheit bildet, ist die Abhängigkeit des Ganzen von ihm und dadurch seine Mitverantwortlichkeit für alle Kollektivaktionen völlig klargestellt. Es kann freilich, wie es oft genug vorkommt, Verantwortungen auf den Genossen abschieben, aber dieser wird sie viel unmittelbarer und entschiedener von sich abweisen können, als es häufig ein anonymes Ganzes kann, dem es an der Energie des persönlichen Interesses oder an der für solche (-> 68) Fälle legitimierten Vertretung fehlt. Und ebenso wenig, wie der eine von zweien sich wegen dessen, was er tut, hinter der Gruppe verstecken kann, so wenig kann er sich wegen dessen, was er unterlässt, auf sie verlassen. Die Kräfte, mit denen die Gruppe das Individuum zwar sehr unbestimmt und sehr partiell, aber doch sehr fühlbar überragt, können hier die individuelle Unzulänglichkeit nicht ebenso wie bei größeren Verbindungen ergänzen, denn so vielfach auch zwei vereinigte Individuen mehr leisten als zwei vereinzelte so ist doch das Bezeichnende für diesen Fall, dass eben jeder wirklich etwas leisten muss, und dass, wenn er dies versagt, nur der andre, aber keine überindividuelle Kraft mehr übrig bleibt -- wie es doch schon bei einer Dreierverbindung der Fall ist. Die Wichtigkeit dieser Bestimmung liegt aber keineswegs nur im Negativen, in dem, was sie ausschließt; von ihr stammt vielmehr auch eine enge und besondere Tönung der Verbindung von zweien. Gerade, dass jeder weiß, er könne sich eben nur auf den andren und niemanden sonst verlassen, gibt ihnenz. B. der Ehe, der Freundschaft, aber auch mehr äußerlichen Verbindungen bis zur politischen von zwei Gruppen eine besondere Weihe, jedes Element ist in ihnen in bezug auf sein soziologisches und das von diesem abhängige sonstige Schicksal viel häufiger vor ein Alles oder Nichts gestellt, als in weiteren Assoziationen. Am einfachsten zeichnet sich diese eigen artige Enge an dem Gegensatz gegen die Verbindungen zu dreien. Bei einer solchen wirkt nämlich jedes einzelne Element als Zwischeninstanz der beiden andren und zeigt die Doppelfunktion einer solchen: sowohl zu verbinden wie zu trennen. Wo drei Elemente A, B, C eine Gemeinschaft bilden, kommt zu der unmittelbaren Beziehung, die z. B. zwischen A und B besteht, die mittelbare hinzu, die sie durch ihr gemeinsames Verhältnis zu C gewinnen. Dies ist eine formal soziologische Bereicherung, außer durch die gerade und kürzeste Linie werden hier je zwei Elemente auch noch durch eine gebrochene verbunden, Punkte, an denen jene keine unmittelbare Berührung finden können, werden durch das dritte Element, das jedem eine andre Seite zukehrt und diese doch in der Einheit seiner Persönlichkeit zusammenschließt, in Wechselwirkung gesetzt, Entzweiungen, die die Beteiligten nicht von sich allein aus wieder einrenken können, werden durch den dritten oder durch ihr Bewusstsein in einem umschließenden Ganzen zurechtgebracht. Allein die direkte Verbindung wird durch die indirekte nicht nur gestärkt! sondern auch gestört. Es gibt kein noch so inniges Verhältnis zwischen dreien, in dem nicht jeder einzelne gelegentlich von den beiden andren als Eindringling empfunden würde, und sei es auch nur durch sein Teilhaben an gewissen Stimmungen, die ihre Konzentriertheit und schamhafte Zartheit nur bei dem unabgelenkten Blick von Auge in Auge entfalten können; jedes sensitive Verbundensein von zweien wird dadurch irritiert, dass es einen Zuschauer hat. Auch kann man bemerken, wie außerordentlich schwer und selten drei Menschen etwa bei einem Museumsbesuch oder vor einer Landschaft in eine wirklich einheitliche Stimmung kommen, die sich unter zweien relativ leicht herstellt. A und B können das ihnen gemeinsame (-> 69) m betonen und störungslos empfinden, weil das n, das A nicht mit B teilt, und das x das B nicht mit A teilt, ohne weiteres als individuelle Reserve und wie in einem andern Stockwerk liegend gefühlt wird. Tritt nun aber ein C hinzu, dem mit A das n und mit B das x gemeinsam ist, so ist selbst bei diesem, für die Einheit des Ganzen noch günstigsten Schema doch die Einheitlichkeit der Stimmung prinzipiell unterbunden. Während zwei wirklich eine Partei sein können bzw. ganz jenseits der Parteifrage stehen, pflegen in feinsten Zusammenhängen drei sogleich drei Parteien - zu je zweien - zu bilden und damit das einheitliche Verhältnis des je einen zu dem je andern aufzuheben. Die soziologische Struktur der Verbindung zu zweien wird dadurch bezeichnet, dass beides fehlt: sowohl die verstärkte Verknüpfung durch den dritten bzw. durch einen über beide hinausgreifenden sozialen Rahmen, als auch die Störung und Ablenkung der reinen und unmittelbaren Gegenseitigkeit. Aber in manchen Fällen wird gerade jener Mangel das Verhältnis intensiver und stärker machen; denn in dem Gefühl, ausschließlich aufeinander angewiesen zu sein und zusammenhaltende Kräfte, die nicht die unmittelbare Wechselwirkung entfaltete, von nirgends woher erhoffen zu können, werden manche sonst unentwickelte und aus abgelegeneren psychischen Reservoiren stammende Kräfte der Gemeinschaft lebendig werden, und manche Störungen und Gefährdungen, zu denen man sich im Zutrauen zu dem dritten und einer Gesamtheit verleiten ließe, ängstlicher vermieden werden. Diese Enge, zu der die Verhältnisse zwischen zwei Menschen neigen, ist der Grund, aus dem gerade sie den hauptsächlichen Sitz der Eifersucht bilden. Nur eine andre Wendung der gleichen soziologischen Grundkonstellation liegt in der Beobachtung, dass Verhältnisse zu zweien, Zusammensetzung eines Ganzen aus nur zwei Teilnehmern, eine größere Individualisiertheit eines jeden von diesen voraussetzen, als ceteris paribussolche von vielen Elementen. Hier ist das Wesentliche,
dass es in einer Vereinigung von zweien keine Majorität gibt, die den Einzelnen überstimmen kann, und zu der schon bei Hinzutritt eines dritten Gelegenheit gegeben ist. Wobei freilich zwei oft verwechselte Begriffe auseinander zuhalten sind: die entschiedene und die starke Individualität. Es gibt Personen und Kollektivgebilde, die von der äußersten Individualisiertheit sind, aber nicht die Kraft haben, diese Eigenart gegenüber Unterdrückungen oder nivellierenden Kräften zu bewahren; wogegen die starke Persönlichkeit ihre Formung gerade an Gegensätzen, im Kampf um ihre Besonderheit und gegenüber allen Verführungen zu Abschleifung und Mischung zu festigen pflegt. Jene erstere, die bloss qualitative Individualität, wird Vereinigungen scheuen, in denen sie sich einer eventuellen Majorität gegenüber befindet; sie ist dagegen zu den mannigfachen Verbindungen zu zweien wie prädestiniert, weil sie (-> 70) sowohl durch ihre Differenziertheit wie durch ihre Angreifbarkeit auf die Ergänzung durch ein andres angewiesen ist. Der andre Typus, die mehr intensive Individualität, wird sich dagegen lieber einer Mehrzahl gegenüber sehen, an deren quantitativem Übergewicht sie ihr dynamisches bewähren kann. Schon sozusagen technische Gründe werden diese Vorliebe rechtfertigen: das Dreikonsulat Napoleons war ihm entschieden bequemer, als eine Zweiheit gewesen wäre; denn nun brauchte er nur den einen Kollegen für sich zu gewinnen (was der stärksten Natur unter dreien sehr leicht gelingen wird), um den andren, d. h. also tatsächlich die beiden andren, in der legalsten Form zu dominieren. Im ganzen aber wird man sagen können, dass die Verbindung zu zweien den mehrzahligen gegenüber eine relativ erheblichere Individualität der Teilnehmer einerseits begünstigt, andrerseits voraussetzt, dass hier die Niederhaltung der Eigenart durch die soziale Eingliederung in ein Durchschnittsniveau fehlt. Wenn es deshalb wahr ist dass die Frauen das unindividuellere Geschlecht sind, dass die Differenzierungen der einzelnen sich weniger vom Gattungstypus entfernen, als es durchschnittlich bei Männern der Fall ist so wäre daraus die weitere sehr verbreitete Meinung verständlich, dass sie der Freundschaft im allgemeinen weniger zugängig sind als Männer. Denn die Freundschaft ist ein ganz und gar auf die Individualitäten der Elemente gestelltes Verhältnis, vielleicht noch mehr als die Ehe, die durch ihre traditionellen Formen, ihre sozialen Festgelegtheiten und ihre realen Interessen vieles Überindividuelle, von der Besonderheit der Persönlichkeiten Unabhängige, einschließt. Die fundamentale Differenzierung, auf der die Ehe beruht, ist an sich ja noch keine individuelle, sondern eine gattungsmässige; die Freundschaft aber ruht auf einer rein persönlichen, und darum ist es begreiflich, dass auf der Stufe niederer Persönlichkeitsentwicklung überhaupt wirkliche und dauernde Freundschaften selten sind, und dass andrerseits die moderne, hoch differenzierte Frau eine auffallend gesteigerte Fähigkeit und Neigung zu Freundschaftsverhältnissen zeigt und zwar ebenso mit Männern wie mit Frauen. Die ganz individuelle Differenzierung hat hier das Übergewicht über die gattungsmässige erlangt, und wir sehen so die Korrelation sich herstellen zwischen der zugespitztesten Individualisierung und einem Verhältnis, das auf dieser Stufe absolut auf die Zweizahl beschränkt ist; was natürlich nicht ausschließt, dass dieselbe Person gleichzeitig in verschiedenen Freundschaftsverhältnissen stehen kann. Dass Verhältnisse zu zweien überhaupt als solche spezifische Züge haben, zeigt nicht nur die Tatsache, dass der Zutritt eines dritten sie ganz abändert, sondern mehr noch die vielfach beobachtete: dass die weitere Ausdehnung auf vier oder mehrere das Wesen der Vereinigung keineswegs noch entsprechend weiter modifiziert. So hat z. B. eine Ehe mit einem Kind einen völlig anderen Charakter als eine kinderlose, während sie sich gegen eine Ehe mit zwei oder mehr Kindern lange nicht mehr so bedeutsam unterscheidet. Freilich ist die Differenz ihres inneren Wesens, die das zweite Kind (-> 71) zuwege bringt, wieder viel erheblicher als die aus dem dritten sich ergebende. Aber dies folgt doch auch der genannten Norm; denn eine Ehe mit einem Kind ist in vielfacher Beziehung ein Verhältnis mit zwei Gliedern: die Eltern als Einheit auf der einen, das Kind auf der andern Seite. Das zweite Kind ist hier tatsächlich nicht nur ein viertes, sondern, soziologisch betrachtet, gleichzeitig auch ein drittes Glied einer Beziehung, das die eigentümlichen Wirkungen eines solchen übt; denn innerhalb der Familie bilden, sobald das eigentliche Kindesalter vorüber ist, viel häufiger die Eltern eine Wirkungseinheit' als die Gesamtheit der Kinder es tut. - Auch auf dem Gebiet der Eheformen ist der entscheidende Unterschied der, ob überhaupt Monogamie herrscht, oder der Mann noch eine zweite Frau hat. Ist das letztere der Fall, so ist die dritte oder zwanzigste Frau für die Struktur der Ehe relativ ohne Bedeutung. Innerhalb der damit gezogenen Grenze ist freilich auch hier der Schritt zur zweiten Frau mindestens nach einer Richtung hin folgenreicher als der zu einer noch größeren Zahl. Denn gerade die Zweizahl der Frauen kann im Leben des Mannes zu den schärfsten Konflikten und tiefsten Störungen Veranlassung geben, die sich bei jeder höheren überhaupt nicht erheben. Denn mit dieser setzt eine so gründliche Deklassierung und Entindividualisierung der Frauen ein, eine so entschiedene Reduktion der Beziehung auf ihre sinnliche Seite (da jede geistigere auch immer individuellerer Natur ist)dass es im allgemeinen zu jenen tieferen Erschütterungen für den Mann nicht kommen wird, die gerade und nur aus einem Doppelverhältnis fließen können. Das gleiche Grundmotiv kehrt in der Behauptung Voltaires über die politische Nützlichkeit der religiösen Anarchie wieder: zwei rivalisierende Sekten innerhalb eines Staates erzeugten unvermeidlich Unruhen und Schwierigkeiten, wie sie durch zweihundert niemals entstehen könnten. Die Bedeutung, die der Dualismus des einen Elementes in einer mehrgliedrigen Verbindung besitzt, ist natürlich nicht weniger spezifisch und eingreifend, wenn sie statt der Störung gerade der Sicherung des Gesamtverhältnisses dient. So ist behauptet worden, dass die Kollegialität der zwei römischen Konsuln vielleicht monarchischen Gelüsten noch zweckmäßiger entgegengewirkt habe, als das System der neun höchsten Beamten in Athen. Es ist die gleiche Gespanntheit des Dualismus, die nur bald destruktiv, bald erhaltend wirkt, je nach den sonstigen Umständen der Gesamtassoziation; das Wesentliche ist hier, dass diese letztere einen ganz anderen soziologischen Charakter erhält, sobald die fragliche Leistung entweder durch eine Einzelperson oder von einer Mehr-als-zwei-Zahl ausgeübt wird. In demselben Sinne wie die römischen Konsuln sind führende Kollegien oft aus zwei Mitgliedern zusammengesetzt: die beiden Könige der Spartaner, deren fortwährende Uneinigkeiten ausdrücklich als Sicherung des Staatswesens hervorgehoben werden die beiden obersten Kriegsführer des Irokesenbundes, die zwei Stadtpfleger des mittelalterlichen Augsburg, wo das Streben nach einem einheitlichen Bürgermeisteramt unter schwerer Strafe stand. Die eigentümlichen Gereiztheiten (-> 72) zwischen den dualistischen Elementen einer größeren Struktur erhalten die von ihnen getragene Funktion auf dem status quo, während in den angeführten Beispielen das Zusammenschmelzen zur Einheit eine individuelle Übergewalt, die Ausdehnung zur Vielheit dagegen eine oligarchische Clique leicht hätte entstehen lassen. Zu dem Typus nun, der die Zweizahl der Elemente überhaupt als so entscheidend zeigte,
dass die weitere numerische Steigerung ihn nicht erheblich abändert, erwähne ich noch zwei sehr singuläre, aber dennoch als soziologische Typen höchst wichtige Tatsachen. Ein dritter und vierter Bundesgenosse würde gar keine wesentliche Änderung mehr hervorbringen, nachdem die prinzipielle einmal geschehen ist. Die menschlichen Lebensinhalte unterscheiden sich sehr erheblich danach, ob der erste Schritt der schwerste und entscheidende ist, und alle späteren ihm gegenüber sekundäre Wichtigkeit haben oder ob er für sich noch nichts bedeutet und erst seine Fortsetzungen und Gesteigertheiten die Wendungen realisieren, auf die er nur hindeutet. Die Zahlverhältnisse der Vergesellschaftung geben, wie sich später immer mehr zeigen wird, für beide Formen reichliche Beispiele. Für einen Staat, dessen Vereinsamung mit dem Verlust seines politischen Prestiges in Wechselwirkung steht, ist die Tatsache einer Alliance überhaupt das Entscheidende, während vielleicht bestimmte wirtschaftliche oder militärische Vorteile sich erst erzielen lassen, wenn ein Kreis von Verbindungen vorliegt, von denen auch nicht eine fehlen darf, wenn nicht der Erfolg ausbleiben soll. Zwischen diesen beiden Typen liegt dann ersichtlich derjenige, in dem der bestimmte Charakter und Erfolg der Verbindung pro rata der Anzahl der Elemente eintritt, wie in der Regel bei der Vereinigung großer Massen. Der zweite Typus umfasst die Erfahrung, dass Befehls- und Assistenzverhältnisse ihren Charakter prinzipiell ändern, wenn statt eines Dienstboten, Hilfskraft oder sonst Subordinierten deren zwei verwandt werden. Hausfrauen ziehen es manchmalganz von der Frage des Aufwands abgesehenvor, sich mit einem Dienstboten zu behelfen, wegen der besonderen Schwierigkeiten, die deren Mehrzahl mit sich bringt. Der einzelne wird aus dem natürlichen Anlehnungsbedürfnis heraus sich der personalen Sphäre und dem Interessenkreise der Herrschaft anzunähern und einzugliedern streben; ebendasselbe aber wird ihn bewegen, mit einem eventuellen zweiten Partei gegen die Herrschaft zu bilden, denn nun hat jeder von beiden einen Rückhalt am andern, das Standesgefühl mit seiner latenten oder bewussteren Opposition gegen die Herrschaft wird erst an zweien wirksam werden, weil es als das ihnen Gemeinsame hervortritt. Kurz, die soziologische Situation zwischen dem Über- und dem Untergeordneten ist absolut geändert, sobald das dritte Element hinzukommt; statt der Solidarität liegt nun vielmehr die Parteibildung nahe, statt der Betonung dessen, was den Dienenden mit dem Herrschenden verbindet, vielmehr die des Trennenden, (-> 73) weil die Gemeinsamkeiten nun auf der Seite des Kameraden gesucht und natürlich gerade in dem gefunden werden, was den Gegensatz beider gegen den gemeinsamen Übergeordneten ausmacht. Auch bleibt die Umsetzung der numerischen Differenz in eine qualitative nicht weniger fundamental, wenn sie für das herrschende Element der Assoziation die umgekehrte Folge zeigt: man hat es mehr in der Hand, zwei als einen Untergebenen in der wünschenswerten Distanz zu halten, und besitzt an ihrer Eifersucht und Konkurrenz ein Werkzeug, den einzelnen niederzuhalten und fügsam zu machen, für das es einem gegenüber gar kein Äquivalent gibt. Im formal gleichen Sinne sagt ein altes Sprichwort: »Wer ein Kind hat, ist sein Sklave, wer mehr hat, ist ihr Herr«. In jedem Fall hebt sich die Verbindung zu dreien von der zu zweien als ein völlig neues Gebilde ab, die letztere dadurch charakterisierend, dass die erstere sich nur rückwärts gegen sie, nicht aber vorwärts gegen die auf vier und mehr Elemente gesteigerten Verbindungen spezifisch unterscheidet. Im Übergange zu den besonderen Formungen der Dreizahl von Elementen ist die Verschiedenheit der Gruppencharaktere hervorzuheben, die ihre Teilung in zwei oder in drei hauptsächliche Parteien erzeugt. Erregte Zeiten pflegen das ganze öffentliche Leben unter das Motto: wer nicht für mich ist, der ist gegen michzu stellen. Die Folge muss eine Aufteilung der Elemente in zwei Parteien sein. Alle Interessen, Überzeugungen, Impulse, die uns überhaupt in ein positives oder negatives Verhältnis zu anderen setzen, unterscheiden sich danach, inwieweit jener Grundsatz für sie gilt, und lassen sich in eine Reihe gliedern, anhebend von dem radikalen Ausschluss aller Vermittelungen und Unparteilichkeiten bis zu der Toleranz für den entgegengesetzten Standpunkt als einen ebenfalls berechtigten und bis zu einer ganzen Skala von mehr oder weniger mit dem eigenen übereinstimmenden Standpunkten. Jeder Entschluss, der zu dem engeren und weiteren uns umgebenden Kreise eine Beziehung hat, der uns eine Stellung in diesem bestimmt, der eine innere oder äußere Kooperation, ein Wohlwollen oder ein blosses Gewährenlassen, ein Sichherausheben oder eine Gefährdung einschliesst - jeder solche Entschluss hat eine bestimmte Stufe auf jener Skala inne; jeder legt eine ideelle Linie um uns, die jeden anderen entweder mit Entschiedenheit ein- oder ausschließt, oder Lücken hat, an denen die Frage des Ein- oder Ausschlusses nicht gestellt wird, oder die so geführt ist, dass sie eine bloße Berührung oder ein bloß teilweises Einbeziehen und teilweises Draussenlassen ermöglicht. Ob und mit welcher Entschiedenheit die Frage des: für mich oder wider mich? erhoben wird, darüber entscheidet keineswegs nur die logische Strenge ihres Inhaltes, ja nicht einmal die Leidenschaft, mit der die Seele auf diesem Inhalte besteht, sondern ebenso auch das Verhältnis des Fragenden zu seinem sozialen Kreise. Je enger und solidarischer dieses ist, je weniger das Subjekt mit anderen als ganz gleich gestimmten Genossen koexistieren kann, und je mehr ein ideeller Anspruch die Gesamtheit aller letzteren als eine Einheit zusammenfasstum so kompromißloser (-> 74) wird ein jeder vor die Frage des Für oder Wider gestellt werden. Der Radikalismus, mit dem Jesus diese Entscheidung formuliert, ruht auf einem unendlich starken Gefühl der einheitlichen Zusammengehörigkeit aller derer, an die seine Botschaft gekommen ist. dass es dieser gegenüber nicht nur ein bloßes Annehmen oder Ablehnen, sondern sogar nur ein Annehmen oder Bekämpfen gibt das ist der stärkste Ausdruck für die unbedingte Einheit der Dazugehörigen und das unbedingte Draussenbleiben der nicht dazu Gehörigen: der Krampf, das Wider-mich-sein, ist immer noch eine entschiedene Beziehung, verkündet noch eine stärkere innerliche, wenngleich pervers gewordene Einheit, als das indifferente Danebenstehen und das vermittelnde Halb-und-halb-tum. Dieses soziologische Grundgefühl also wird zu einer Zerlegung des ganzen Komplexes von Elementen in zwei Parteien treiben. Wo dagegen jenes leidenschaftliche Umfassungsgefühl dem Ganzen gegenüber fehlt, das jeden in ein positives Verhältnisder Annahme oder der Bekämpfungzu der auftretenden Idee oder Forderung zwingt; wo jede Teilgruppe sich im wesentlichen mit ihrer Existenz als Teilgruppe begnügt, ohne im Ernst die Forderung auf Einschluss der Gesamtheit zu stellenda ist der Boden für eine Mehrheit von Parteibildungen gegeben, für Toleranz, für Mittelparteien, für eine Skala allmählich abgestufter Änderungen. Dass Epochen, wo die grossen Massen in Bewegung gesetzt sind, den Dualismus der Parteien nahe legen, den Indifferentismus ausschließen und den Einfluss der Mittelparteien herabsetzenwird aus dem Radikalismus verständlich, der uns vorhin als der Charakter der Massenbewegungen erschien. Die Einfachheit der Ideen, von denen diese gelenkt werden, drängt auf ein entschiedenes Ja oder Nein.1) Diese radikale Entschiedenheit in den Bewegungen der Masse verhindert durchaus nicht ihr totales Umschlagen von einem ihrer Extreme in das andre; ja, es ist nicht schwer zu begreifen, dass dies sogar auf ganz unverhältnismäßige Geringfügigkeiten hin geschieht. Irgendeine Veranlassung X, die der Stimmung a entspricht, treffe eine zusammenbefindliche Masse. In dieser befinden sich eine Anzahl Individuen oder auch nur ein einziges, dessen Temperament und natürliche Leidenschaftlichkeit nach a zu neigen. Dieses wird von X in lebhafte Erregung versetzt, es ist Wasser auf seine Mühle und es übernimmt begreiflich die Führung in der durch X schon in irgendeinem Maße nach a hin disponierten Masse, die ihm in seiner durch das Temperament die Veranlassung exaggerierenden Stimmung folgt, wahrend die Individuen, die von Natur zur Stimmung b, dem Gegenteil von a, disponiert sind, angesichts von X den Mundhalten (->75). Tritt nun irgendein Y ein, das b rechtfertigt, so müssen jene ersteren schweigen, und das Spiel wiederholt sich nach der Richtung von b hin mit derselben Übertreibung; sie stammt eben daher, dass in jeder Masse Individuen vorhanden sind, deren Naturell zu extremer Ausbildung der je angeregten Stimmung neigt, und dass diese, als die momentan stärksten und eindrucksvollsten, die Masse in der Richtung ihrer Stimmung mit sich reißen, während die entgegengesetzt disponierten sich während dieser Bewegung, die ihnen und dem Ganzen keine Anregung nach ihrer Richtung gibt, passiv verhalten. Ganz prinzipiell ausgedrückt, ist es die Veranlassung des formalen und seinen Inhalt leicht wechselnden Radikalismus der Masse, dass sich aus ihren nach verschiedenen Richtungen hin disponierten Elementen nicht eine Resultante, eine mittlere Linie ergibt, sondern dass ein momentanes Übergewicht der einen Richtung die Vertreter der andren auch gleich gänzlich zum Schweigen zu bringen pflegt, statt dass sie die Massenaktion proportional mitbestimmen; so dass für jede jeweilig zu Worte gekommene Richtung gar keine Hemmung, ihr Extrem zu erreichen, besteht. Den fundamentalen praktischen Problemen gegenüber gibt es in der Regel nur zwei einfache Standpunkte, während es der gemischten und also vermittelnden unzählige geben mag. Ebenso wird überhaupt jede lebhafte Bewegung innerhalb einer Gruppevon der familiären durch alle Interessengemeinschaften hindurch bis zur politischen zu deren Sonderung in einen reinlichen Dualismus disponieren. Das erhöhte Tempo in der Abwicklung von Interessen, in dem Durchlaufen von Entwicklungsstadien drängt immer auf entschiedenere Entscheidungen und Scheidungen. Alle Vermittlungen brauchen Zeit und Muße; ruhige und stagnierende Epochen in denen die Lebensfragen nicht aufgerührt werden, sondern unter der Regelmäßigkeit der Tagesinteressen überdeckt bleiben, lassen leicht unmerkliche Übergänge entstehen und geben einem Indifferentismus der Persönlichkeiten Raum, die eine lebhaftere Strömung in den Gegensatz der Hauptparteien hineinreissen müsste. Der typische Unterschied der soziologischen Konstellation bleibt dabei immer der der zwei oder der drei Hauptparteien. In die Funktion des Dritten, zwischen zwei Extremen zu vermitteln, können sich mehrere in abgestuften Graden teilen; hier liegt sozusagen nur eine Verbreiterung oder auch Verfeinerung in der technischen Ausgestaltung des Prinzips vor. Dieses selbst, der die Konfiguration innerlich entscheidende Umschlag, realisiert sich immer schon durch den Hinzutritt der dritten Partei. Die Rolle, die der Dritte spielt, und die Konfigurationen, die sich zwischen drei sozialen Elementen ergeben, sind hiermit schon großenteils angedeutet. Die Zwei stellte, wie die erste Synthese und Vereinheitlichung, so auch die erste Scheidung und Antithese dar; das Auftreten des Dritten bedeutet Übergang, Versöhnung, Verlassen des absoluten Gegensatzesfreilich gelegentlich auch die Stiftung eines solchen. Die Dreizahl als solche scheint mir dreierlei typische Gruppierungsformen zu ergeben, die einerseits bei zwei Elementen nicht möglich sind, andrerseits bei einer
Mehr-als-drei-Zahl (-> 76) entweder gleichfalls ausgeschlossen sind oder sich nur quantitativ erweitern, ohne ihren Formtypus zu ändern.
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| Editorial: |
Prof.
Hans Geser |
Markus
Roth |
Nora Zapata |