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Die Erweiterung der
Gruppe und die Ausbildung der Individualität |
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Es gibt natürlich genug soziologische Konstellationen, in denen sich der Wert der Individualität und das Bedürfnis nach ihr ausschliesslich auf den einzelnen Menschen zuspitzt, wo sich gegen diesen jeglicher Komplex Mehrerer unter allen Umständen als die prinzipiell andre Instanz abhebt. Andrerseits aber zeigte sich doch (> 538) schon, dass der Sinn und Trieb der Individualität nicht immer an den Grenzen der Einzelpersönlichkeit Halt macht, dass er etwas Allgemeineres, Formaleres ist, das auch eine Gruppe als ganze, den Einzelnen gerade als deren Element ergreifen kann, sobald nur etwas Umfassenderes, Gegensätzliches da ist, an dem das - jetzt relativ individuelle -Kollektivgebilde sein bewusstes Fürsichsein, seinen Einzigkeits- oder Unteilbarkeitscharakter gewinnen kann. Daraus erklären sich Erscheinungen, die der hier behaupteten Korrelation zu widersprechen scheinen, wie die folgende aus der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die anti-föderalistische Partei, die sich zuerst Republikaner, dann Whigs, dann Demokraten nannte, hat die Selbständigkeit und Souveränität der Staaten auf Kosten der Zentralisierung und des nationalen Regimentes verteidigt immer aber mit Berufung auf das Prinzip der individuellen Freiheit, der Nichteinmischung des Ganzen in die Angelegenheiten des Einzelnen. Zu einem Widerspruch gegen die Beziehung der individuellen Freiheit gerade zu dem relativ grossen Kreise ist dabei keine Gelegenheit, weil das Individualitätsgefühl hier den engeren, viele Einzelne einschliessenden Kreis mit durchdrungen hat, dieser letztere also hier dieselbe soziologische Funktion übt, wie sonst das Einzelindividuum. Die Grenze zwischen den Sphären, die der Individualitätstrieb erfüllt und denen, die er als seinen Gegensatz fordert ' ist deshalb prinzipiell gar nicht festzulegen, weil er sich von dem Persönlichkeitspunkt her auf eine unbestimmte Zahl konzentrischer Gebilde um die Persönlichkeit herum erstrecken kann; seine Stärke zeigt sich einmal darin, dass irgendeine von ihm erfüllte Sphäre die ihr benachbarte sofort als gegensätzlich und antiindividualistisch bestimmt, ein andermal gerade darin, dass das Unterschiedsbedürfnis nicht so schnell eintritt und auch diese Nachbarsphäre noch individualistisch gefärbt wird. Die politische Gesinnung der Italiener z. B. ist im ganzen ein Regionalismus: jede Provinz, oft genug jede Stadt ist auf ihre Eigenheiten und Freiheiten ausserordentlich eifersüchtig, oft unter völligem Gegensatz gegen andre und völliger Ignorierung vom Wert und Recht des Ganzen. Danach müsste unsere allgemeine Formel scheinbar schliessen lassen, dass die Elemente innerhalb dieser einzelnen individualisierten Abteilungen untereinander kollektivistisch, zur Egalisierung gestimmt wären. Dies ist aber keineswegs der Fall; sondern die Familien unter sich sind dann wieder die Individuen unter sich sind von äusserstem Selbständigkeits- und Unterscheidungsdrang. Hier wie in dem amerikanischen Fall sind die drei Schichten unserer Korrelation: die Einzelindividuen, kleinere Kreise aus diesen, eine grosse, alle umfassende Gruppe - allerdings gegeben. Allein zu jener charakteristischen Beziehung zwischen der ersten und der dritten Schicht, unter gemeinsamem Gegensatz gegen die zweite, liegt keine Veranlassung vor, weil diese zweite für das praktische Bewusstsein unter den Aspekt der ersten gerückt ist; das Individualitätsgefühl hat hier gleichsam das Mass des Individuums überschritten und hat jene soziale Seite der (> 539) Einzelnen mitergriffen, die sich in der Regel als der Gegensatz zu ihrer individuellen konstituiert. Dass nun im Allgemeinen in jenem dreigliedrigen Aufbau das erste und das dritte Glied aufeinander hinweisen und eine gemeinsame Antithese - in den allerverschiedensten Bedeutungen dieses Wortes - gegen das mittlere bilden, offenbart sich, nicht weniger als in den objektiven Verhältnissen, an den Beziehungen der Subjekte zu jenen Instanzen. Eine persönlich leidenschaftliche Hingabe des einzelnen Menschen pflegt den engsten und den weitesten Kreisen zu gelten, nicht aber den mittleren. Wer sich für seine Familie auf opfert, wird es vielleicht auch für sein Vaterland tun, vielleicht auch für eine ganz allgemeine Idee wie »die Menschheit« und die an ihren Begriff geknüpften Forderungen, vielleicht auch, in den Zeiten, als »die Stadt« den weitesten praktischen Lebenskreis ausmachte, für seine Stadt und ihre Ehre. Für Zwischengebilde aber wird er es schwerlich tun, weder für seine Provinz, noch für einen Zweckverband; für einen Menschen oder für die ganz wenigen, die einen Familienkreis bilden, und dann wieder für unübersehbar Viele mag es geschehen - für einhundert Menschen aber bringt sich kaum jemand zum Opfer. Die psychologische Bedeutung der rein räumlichen »Nähe und Ferne;« korrespondiert durchaus dem übertragenen Sinne ihrer, wenn sie gerade die ganz »Nahen« und die ganz »Fernen« unter eine praktisch einheitliche Kategorie rückt. Es knüpft sich das innigste Herzensinteresse einerseits an denjenigen, den wir fortwährend vor Augen haben, mit dem unser tägliches Leben verbunden ist, andrerseits an den, von dem uns weite, unüberbrückbare Entfernung mit eben so grosser Erregung wie Unbefriedigung der Sehnsucht scheidet, während eine verhältnismässige Kühle, ein geringeres Erregen des Bewusstseins demjenigen zukommen wird, der uns zwar nicht ganz nahe, aber doch auch nicht unerreichbar fern ist. Die genau gleiche Form wird durch die von einem ausgezeichneten Kenner Nordamerikas bemerkte Tatsache erfüllt, dass dort die county geringe Bedeutung habe: it is too large for the personal interest of the citizens: that goes to the township. It is too small to have traditions which command the respect or touch the affections of its inhabitants: these belong to the state. Diese »Berührung der Extreme« gilt ebenso unter negativem Vorzeichen. Die indische Kaste ist endogam; aber innerhalb ihrer gibt es wieder einen ganz engen Kreis, in dem die Heirat verboten ist. So gilt die Heiratsmöglichkeit hier - und sonst noch sehr häufig, ja, in gewissem Sinne vielleicht durchgehend, mindestens für die Praxis der Eheschliessungen - nur für den engeren Kreis: sowohl der weiteste wie der allerengste ist ausgeschlossen. Und nun zeigt sich dieser Modus der Korrelation wieder ebenso in dem historischen Nacheinander: die Kraft und der Umfang, mit der die Zunft ehemals das Individuum ergriff, gilt jetzt überhaupt nicht mehr diesem Typus von Kreisen, sondern einerseits dem engeren Kreis der Familie, andrerseits dem weiteren des Staates. Dass die relativ individuellste und die relativ weiteste Gestaltung sich so aufeinander beziehen, gleichsam über den Kopf der mittleren (> 540) hinweg - das ist die an diesem Punkt erreichte Fundierung der im Vorhergehenden wie im Folgenden hervortretenden Tatsache, dass der grosse Kreis die individuelle Freiheit begünstigt, der kleinere sie einschränkt. Der Begriff der individuellen Freiheit deckt hier vielerlei, durch die Mannigfaltigkeit unsrer Interessenprovinzen differenzierte Bedeutungen, etwa von der Freiheit der Gattenwahl bis zu der Freiheit wirtschaftlicher Initiative. Ich führe gerade für diese beiden je ein Beispiel an. In den Zeiten strenger gruppenmässiger Scheidungen nach Clanen, Familien, Berufs- und Geburtsständen, Kasten usw. pflegt, den vorgeschrittenen oder liberalen Zuständen gegenüber, nur ein relativ enger Kreis zur Verfügung zu stehen, in dem der Mann oder die Frau heiraten kann. So weit wir aber diese Verhältnisse übersehen und nach gewissen Analogien der Gegenwart beurteilen können, war die Wahl von den Individuen aus durchaus nicht diffizil, der geringeren Differenziertheit der Personen und der ehelichen Verhältnisse entsprach es, dass der einzelne Mann sich bei äusserlicher Passlichkeit ohne erheblich spezifische, innere Direktiven und Exklusivitäten von beiden Seiten fast mit jedem Mädchen des betreffenden Kreises zusammentun konnte. Diesen Zustand hat nun die gewachsene Kultur nach zwei Seiten hin verschoben. Der Kreis möglicher Gattenwahl ist ausserordentlich erweitert durch die Mischung der Stände, die Beseitigung religiöser Schranken, die Herabsetzung der elterlichen Autorität, die freiere Beweglichkeit im lokalen wie im sozialen Sinne usw. Dafür aber ist die individuelle Selektion eine sehr viel strengere, Tatsache und Recht der ganz persönlichen Neigung, das Bewusstsein, dass unter allen Menschen diese zwei für einander und nur für einander »bestimmt« sind - dies ist zu einer, noch für den Bürgerstand des 18. Jahrhunderts, unerhörten Entwicklung gekommen. Ein tieferer Sinn der Freiheit kommt hier auf: individuelle Freiheit heisst Freiheit, die durch die Individualität beschränkt ist. Dem Einzelnen erwächst aus der Einzigkeit seines Wesens eine entsprechende Einzigkeit dessen, was ihn ergänzen und erlösen kann, eine Eindeutigkeit der Bedürfnisse, deren Korrelat es ist, dass ein möglichst grosser Kreis möglicher Wahlobjekte zur Verfügung, stehe; denn je individueller die Wünsche und inneren Notwendigkeiten sind, desto unwahrscheinlicher, dass sie in einem eng umgrenzten Gebiet ihre Befriedigung finden. In dem früheren Zustand umgekehrt bestand eine viel geringere Beschränkung durch die Festgelegtheit der Persönlichkeiten: der Einzelne war von sich aus sehr viel freier, zu welcher Wahl er schreiten wollte, weil an Stelle zwingender Differenziertheit eine ungefähre Äquivalenz aller in Betracht kommenden Gegenstände der Wahl bestand; der Kreis dieser Gegenstände brauchte deshalb kein erheblich umfänglicher zu sein. So legte der relativ unentwickelte Zustand zwar dem Individuum eine soziale Einengung auf, mit der sich aber die negative Freiheit der Undifferenziertheit verband, das durch die blosse Gleichwertigkeit der Gegenstände gegebene liberum arbitrium; in den höheren Verhältnissen dagegen sind die sozialen Möglichkeiten sehr erweitert, aber sie beschränken sich durch jenen positiven Sinn (> 541) der Freiheit, durch den jede Wahl der eindeutig determinierte Ausdruck der unverwechselbaren Persönlichkeitsart ist oder wenigstens der Idee nach sein soll. Und nun in dem allgemeinen gesellschaftlichen Sinn der Freiheit: der Feudalismus stellte lauter enge Kreise her, die Individuum an Individuum banden und eines durch die Verpflichtung gegen das andre beschränkten. Deshalb war innerhalb des Feudalsystems weder Raum für nationalen Enthusiasmus oder öffentlichen Geist, noch für individuelle Unternehmungslust und private Energie; dieselben Bindungen, die es nicht zu den höchsten geistigen Einheitsgebilden sozialer Art kommen liessen, verhinderten nach unten hin die Betätigung der individuellen Freiheit. Gerade darum aber bleibt es eine durchaus treffende und tiefe Begriffsbestimmung, wenn in der Feudalzeit der »freie« Mann derjenige ist, der unter Landrecht, d. h. unter dem Recht des weitesten Kreises steht; gebunden, unfrei ist derjenige, der einem Feudalverband angehört, d. h. sein Recht aus diesem engeren Kreise, unter Ausschluss von jenem weiteren, zieht. Wenn die Freiheit nun auch in die Extreme schwingt und, wie ich oben andeutete, die grösste Gruppe den extremen Bildungen und Verbildungen des Individualismus, der misanthropischen Vereinzelung, den barocken und launenhaften Lebensformen, der krassen Selbstsucht grösseren Spielraum gewährt, so ist dies doch nur die Folge davon, dass die weitere Gruppe geringere Ansprüche an uns stellt, sich weniger um den Einzelnen kümmert und deshalb das volle Auswachsen auch der perversesten Triebe weniger hindert als die engere. Die Grösse des Kreises trägt hier negative Schuld, und es handelt sich sozusagen mehr um Entwicklungen ausserhalb als innerhalb der Gruppe, zu welch' ersteren die grössere ihren Mitgliedern mehr Möglichkeit gibt als die kleinere. Die Bedeutung der Individualität überhaupt geht nach zwei Seiten auseinander; die eine ist die oben hervorgehobene, die Freiheit, die Selbstverantwortlichkeit, die dem Menschen in weiten und bewegten sozialen Umgebungen zukommt, während die kleinere Gruppe im doppelten Sinn die »enge« ist - nicht nur nach ihrem Umfange, sondern nach der Beengung, die sie dem Individuum antut, der Kontrolle, die sie über dieses ausübt, dem geringen Radius der Chancen und der Bewegtheiten, die sie ihm gestattet. Die andre Bedeutung der Individualität aber ist die qualitative: dass der einzelne Mensch sich von den andern einzelnen unterscheide, dass sein Sein und sein Tun nach Form oder Inhalt oder beiden nur ihm allein zukomme, und dass dieses Anderssein einen positiven Sinn und Wert für sein Leben besitze. Die Ausgestaltungen, die das Prinzip oder das Ideal des Individualismus in der Neuzeit erfahren hat, unterscheiden sich nach der Akzentuierung jener ersten oder dieser zweiten Bedeutung seiner. Das 18. Jahrhundert erstrebte im ganzen die Individualität in der Form der Freiheit, der Ungebundenheit der persönlichen Kräfte durch Bevormundungen irgendwelcher Art, ständische oder kirchliche, politische oder wirtschaftliche. Dabei aber galt die Voraussetzung, dass die aller historisch-sozialen Fesselungen entledigten Individuen sich im wesentlichen als einander gleich zeigen würden, dass »der Mensch schlechthin«, mit (> 542) aller Güte und Vollkommenheit seiner Natur, in jeder Persönlichkeit enthalten sei und nur von jenen verzerrenden und ablenkenden Bindungen befreit zu werden brauchte. Dass der Mensch, sobald er nur Freiheit hat, sie benutzt, um sich zu differenzieren, um zu herrschen oder versklavt zu werden, besser oder schlechter als die andern zu sein, kurzum die ganze Verschiedenheit der individuellen Kräfte zu entfalten - das entging jenem Individualismus, für den »Freiheit und Gleichheit« zwei sich friedlich vertragende, ja, einander fordernde Werte waren. Es ist aber ersichtlich, wie mit ihm die Sprengung aller engen und beengenden Einungen verknüpft war teilweise als seine historisch-reale Wirkung, teilweise mindestens als Sehnsucht und Forderung. In der französischen Revolution wurde doch sogar den Arbeitern untersagt, Verbindungen zwecks Erlangung besserer Arbeitsbedingungen einzugehen, weil eine solche Verbindung die Freiheit des einzelnen Mitgliedes beschränke! Dieser Individualismus hat deshalb eine durchaus »weltbürgerliche« Gesinnung zum Korrelat, selbst der nationale Zusammenschluss tritt hinter der Idee der »Menschheit« zurück, an Stelle der Partikularrechte der Stände und Kreise steht prinzipiell das Recht des Individuums, das bezeichnenderweise das »Menschenrecht« heisst, also dasjenige, das der Zugehörigkeit zu dem weitesten überhaupt denkbaren Kreise entquillt. - Den andern Sinn der Individualität, dessen oben angedeuteten Widerspruch gegen diesen das 18. Jahrhundert im ganzen nicht gesehen hat, hat das 19. ausgebildet, theoretisch vorzüglich in der Romantik, praktisch in dem Dominieren der Arbeitsteilung. Dass der Einzelne eine Stelle einnimmt und einnehmen soll, die er und kein andrer ausfüllen kann; dass diese sozusagen in der Organisation des Ganzen auf ihn wartet und dass er suchen soll, bis er sie findet; dass mit dieser Unverwechselbarkeit des Seins und dieser zugespitzten Differenziertheit der Leistung der personale wie der soziale, der psychologische wie der metaphysische Sinn der menschlichen Existenz erfüllt werde - das ist eine Idealbildung des Individualismus, die offenbar mit jener Idee des »allgemeinen Menschen«, der in jedem vorhandenen ,gleichmässigen Menschennatur, die nur der Freiheit zu ihrer Herausstellung bedürfe, gar nichts zu tun hat, ja ihr grundsätzlich widerspricht: dort liegt der Wertakzent auf dem, was den Menschen gemeinsam ist, hier auf dem, was sie unterscheidet. Allein gerade in bezug auf die Korrelation, die ich jetzt zu erweisen suche, kommen sie überein. Die Vergrösserung des Kreises, der jener erste Begriff der Individualität entsprach, begünstigt auch das Aufkommen des zweiten. Obgleich er nicht auf das Ganze der Menschheit hinsieht, obgleich er statt der Atomisierung der Gesellschaft in gleichartige und schlechthin nur »freie« Individuen vielmehr die Einzelnen wegen ihrer arbeitsteiligen Besonderheiten sich gegenseitig ergänzen und einander bedürfen lässt, obgleich er historisch statt der freien Weltbürgerschaft den Nationalismus und einen gewissen Liberalismus begünstigt, so ist doch auch er an eine relativ erhebliche Grösse der Gruppe gebunden, in der er entstehen und bestehen kann. Wie unmittelbar die blosse Erweiterung des Wirtschaftskreises, (> 543) die Vermehrung der Bevölkerung, die räumliche Unbeschränktheit der Konkurrenz zur Spezialisierung der Leistungen drängt, braucht nur erwähnt zu werden. Mit der geistigen Differenzierung ist es nicht anders, und zwar hier insbesondere, weil diese durch das Zusammenkommen latenter geistiger Anlagen mit objektiv vorliegenden geistigen Produkten zu entstehen pflegen. Die unmittelbare Wechselwirkung der Subjekte oder die rein innerliche Energie des Menschen bringt selten alles heraus, was er an geistiger Besonderheit besitzt, vielmehr scheint dazu ein gewisser Umfang dessen, was man den objektiven Geist nennt, zu gehören: die Traditionen und die in tausend Formen niedergeschlagenen Erfahrungen der Gattung, die Kunst und das Wissen, die in ergreifbaren Gestalten vorliegen, der ganze Bildungsstoff, den die geschichtliche Gruppe als etwas Uebersubjektives und doch prinzipiell jedem Zugängiges besitzt. Es ist das Eigentümliche dieses allgemein sich darbietenden, in objektiven Gebilden kristallisierten Geistes, dass er gerade das Material und die Anregung gibt, die besondere, persönliche Geistesart auszubilden: es ist das Wesen der »Bildung«, dass unsre rein persönliche Anlage sich bald als Form jenes objektiv-geistig gegebenen Inhaltes, bald als Inhalt einer objektiv-geistig gegebenen Form verwirklicht; nur in dieser Synthese gewinnt unser geistiges Leben seine volle Eigenheit und Personalität, nur in ihr verkörpert sich fühlbar sein Unverwechselbares und ganz Individuelles. Dies ist der Zusammenhang, der die geistigen Differenzierungen an die Grösse des Kreises heftet, aus dem uns der objektive Geist kommt; dieser Kreis kann der real-soziale sein, er mag mehr abstrakter, literarischer, historischer Art sein - immer wird mit seinem Umfang die Chance steigen, gerade an seinen Darbietungen, so objektiv und allgemein sie seien, die Besonderheit, die Einzigkeit, das Fürsichsein unsres inneren Lebens und seine intellektuelle, ästhetische, praktische Produktivität zu entwickeln. - Der Individualismus der Gleichheit, der nur dann nicht von vornherein eine contradictio in adjecto ist, wenn man unter Individualismus die Selbständigkeit und von keiner engeren sozialen Bindung eingeschränkte Freiheit versteht, und der Individualismus der Ungleichheit, der die Konsequenz jener Freiheit auf der Basis der unendlichen Mannigfaltigkeit menschlicher Anlagen zieht und sie dadurch mit der Gleichheit unverträglich macht - diese beiden Formen des Individualismus in ihrer fundamentalen Gegensätzlichkeit finden sich in dem einen Punkte zusammen: dass eine jede die Möglichkeit ihrer Entwicklung in dem Masse findet, in dem der Kreis um das lndividuum ihr durch seine quantitative Erweiterung dazu den Raum, die Anregung und den Stoff gewährt. Ich komme nun auf den oben angedeuteten Zusammenhang zurück: zwischen starker Ausbildung und Wertschätzung der Individualität und kosmopolitischer, das nächste soziale Milieu des Individuums gleichsam überspringender Gesinnung - und erinnere zunächst an die Lehre der Stoiker. Während der politisch-soziale Zusammenhang, in dem der Einzelne steht, noch bei Aristoteles den Quellpunkt der ethischen Bestimmungen bildet, heftet sich das (> 544) stoische Interesse, was das Praktische betrifft, eigentlich nur an die Einzelperson, und die Heraufbildung des Individuums zu dem Ideale, welches das System vorschrieb, wurde so ausschliesslich zur Ägide der stoischen Praxis, dass der Zusammenhang der Individuen untereinander nur als Mittel zu jenem idealen individualistischen Zweck erscheint. Aber dieser freilich wird seinem Inhalt nach von der Idee einer allgemeinen, durch alles Einzelne hindurchgehenden Vernunft bestimmt. Und an dieser Vernunft, deren Realisierung im Individuum das stoische Ideal bildet, hat jeder Mensch teil; sie schlingt, über alle Schranken der Nationalität und der sozialen Abgrenzung hinweg, ein Band der Gleichheit und Brüderlichkeit um alles, was Mensch heisst. Und so hat denn der Individualismus der Stoiker ihren Kosmopolitismus zum Komplement; die Sprengung der engeren sozialen Bande, in jener Epoche nicht weniger durch die politischen Verhältnisse wie durch theoretische Überlegung begünstigt, schob den Schwerpunkt des ethischen Interesses einerseits nach dem Individuum hin, andrerseits nach jenem weitesten Kreise, dem jedes menschliche Individuum als solches angehört. Die historische Wirklichkeit ist diesem Schema in unzähligen Abwandlungen gefolgt. Wenn der mittelalterliche Ritter mit seiner Lebensrichtung auf das ganz Individuelle der Bewährung und Geltung einen entschieden kosmopolitischen Zug verband, wenn sein Auf-sich-selbst-Gestelltsein den Formen Raum gab, die eine europäische Ritterschaft über alle nationalen Grenzen hinweg schufen - so waren mit dieser Formel auch die Richtungen bezeichnet, die im alten deutschen Kaiserreich überhaupt lebendig wurden und es schliesslich auflösten. Denn es ging zugrunde, einerseits durch den Partikularismus seiner Bestandteile, andrerseits durch die bindenden Beziehungen zu den übrigen Bestandteilen der gesamteuropäischen Politik, durch Zusammenziehung und Ausdehnung, die das nationale Zwischengebilde zersprengten. Jener Partikularismus war eben schon an und für sich durch die gleiche, wenn auch in eine andre Dimension erstreckte Konstellation hervorgerufen. Wo nämlich schon differenzierte oder auf Differenzierung angelegte Elemente in eine umfassende Einheit zusammengezwungen werden, da ist gerade oft gesteigerte Unverträglichkeit, stärkere gegenseitige Repulsion die Folge davon; der grosse gemeinsame Rahmen, der doch einerseits Differenzierung fordert, um als solcher bestehen zu können, bewirkt andrerseits eine gegenseitige Reibung der Elemente, eine Geltendmachung der Gegensätze, die ohne dies Aneinanderdrücken innerhalb der Einheit nicht entstanden wäre. Die Vereinheitlichung in einem grossen Gemeinsamen ist das, wenngleich vorübergehende Mittel zur Individualisierung und ihrem Bewusstwerden. So hat gerade die weltherrschaftliche Politik des mittelalterlichen Kaisertums den Partikularismus der Völker, Stämme und Fürsten erst entfesselt, ja ins Leben gerufen; die beabsichtigte und teilweise durchgeführte Zusammenfassung in einem grossen Ganzen hat dasjenige, was sie freilich dann zu sprengen berufen war: die Individualität der Teile - erst erschaffen, gesteigert, bewusst gemacht. In anschaulicherer Gestaltung ist die Kultur der italienischen (> 545) Renaissance dieser Norm gefolgt. Sie bildete einerseits die vollkommene Individualität aus, andrerseits die weit über die Grenzen der engeren sozialen Umgebung hinausgehende Gesinnung und Gesittung; dies spricht sich direkt z. B. im Worte Dantes aus, dass - bei all seiner leidenschaftlichen Liebe zu Florenz - ihm und Seinesgleichen die Welt das Vaterland sei, wie das Meer den Fischen; indirekt und gleichsam a posteriori beweist es sich dadurch, dass die Lebensformen, die die italienische Renaissance schuf, von der ganzen gebildeten Welt angenommen worden sind, und zwar gerade, weil sie der Individualität, welcher Art sie auch immer sei, einen vorher ungeahnten Spielraum gaben. Als Symptom dieser Entwicklung nenne ich nur die Geringschätzung des Adels in dieser Epoche. Der Adel ist nur so lange von eigentlicher Bedeutung, als er einen sozialen Kreis bezeichnet, der, in sich eng zusammengehörend, sich um so energischer von der Masse aller andern, und zwar nach unten und nach oben abhebt; seinen Wert zu leugnen, bedeutet das Durchbrechen beider Kennzeichen, bedeutet einerseits die Erkenntnis vom Werte der Persönlichkeit, gleichviel welchem Geburtskreise sie angehört, andrerseits eine Nivellierung gegenüber denjenigen, über die man sich sonst erhoben hat. Beides findet sich in der Literatur der Renaissance vorbehaltlos ausgesprochen. |
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ex: Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Duncker & Humblot Verlag, Berlin 1908 (1. Auflage). S. 527-573. |
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| Editorial: |
Prof.
Hans Geser |
Markus
Roth |
Nora Zapata |