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Georg Simmel:
ZUM PROBLEM DES NATURALISMUS
ex: Georg Simmel: Fragmente und Aufsätze aus dem Nachlass und
Veröffentlichungen der letzten Jahre. Herausgegeben und mit einem Vorwort
von Dr. Gertrud Kantorowicz. München: Drei Masken Verlag, 1923, S.
267-304.
Begriff und Ausübung des modernen Naturalismus kam in den
60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts auf und interpretierte uns seinen
tiefsten Sinn dadurch, dass in den gleichen Kreisen und mit der gleichen
Intention das Schlagwort l'art pour Part entstand.
Dieses ist ein Kampfwort, gerichtet gegen die Kunst, die
sich als Mittel zur Vorführung einer Anekdote, einer Sentimentalität, einer
Tendenz, einer literarischen Idee darbot: die Kunst sei ihr eigner Endzweck,
sie habe innere Gesetze, und nur diesen, aber nicht irgendeinem ihr äußeren
Gesetz hätten ihre Formungen zu gehorchen.
Dieses Prinzip werde dadurch nicht eingeschränkt, dass
die Kunst als ganze noch einmal von metaphysischen oder vitalen Mächten oder
Ideen umgriffen, ja unterbaut werde; nur dürften diese nicht in ihre
Eigengesetzlichkeit eingreifen, nicht dem einzelnen Werk eine Richtung
oktroyieren, die es, dieser Gesetzlichkeit allein überlassen, nicht nehmen
würde.
Wie Gott nicht mit einem partikularen Wollen in die
Einzelheiten des Lebens eingreife, so dürfe kein Einzelinteresse des
flutenden realen Lebens in die Eigengesetzlichkeit der Kunst eingreifen.
- Aber wenn nun die Kunst nicht durch die Bedeutungen und
Beziehungen, die ihr Inhalt außerhalb der Kunst selbst besaß, bestimmt
werden sollte - irgendwelchen Inhalt mussten ihre Formen doch haben.
(Für den Dekorativismus und Expressionismus ist das doch
auch die Frage; was hat denn die Musik für einen »Inhalt«? Und ist sie nicht
die Kunst k a
t ¢
e x
o c
h n
?) Und da dieser
Inhalt nun durch keinerlei »Idee« geliefert werden darf, so kann er nur in
dem liegen, was wir »sehen«, oder auch in anderen Künsten in dem, was
»geschieht«.
Der real vorliegende Gegenstand, durch den der jeweiligen
Kunst zugeordneten Sinn unmittelbar ergreifbar, ist das einzige, was als
Inhalt der Kunst bleibt, wenn sie von der Dirigierung durch all das befreit
wird, was ihre Formen bisher von ihrer reinen Autonomie abgelenkt hatte.
Hier liegt der Ursprung des modernen Naturalismus: die
Beschränkung der Kunst auf denjenigen Inhalt, der ihr allein übrig bleibt,
wenn man ihr allen, aus nicht bloß künstlerischen Quellen fließenden Inhalt
abschneidet.
Freilich ist auch der »gegebne« Weltstoff nicht durch die
Kunst erzeugt; allein er scheint, da er durch keine menschliche Intention
bestimmt, präjudiziert ist, sich nun ganz widerstandslos der Formung durch
die reinen Kunstnormen zu fügen.
Hier zeigt sich die Wirkung der
naturwissenschaftlich-mechanistischen Weltanschauung: die Wirklichkeit als
solche ist indifferent, ideenfrei.
Frühere Anschauungen hatten metaphysische, religiöse, ja
- Griechen und Renaissance - ästhetische Werte unmittelbar im Dasein als
solchem erblickt.
Ist aber das Dasein an und für sich von der Idee aus
gesehen eine formlose Masse, entbehrt es jeder Gliederung durch
Akzentverschiedenheiten des Wertes und der Bedeutung, so ist es der Formung
durch die Kunst völlig nachgiebig, so kann die Kunst, indem sie es als Stoff
aufnimmt, rein bei sich selbst bleiben.
Der Naturalismus hat diese Voraussetzung auch sogleich
praktisch erwiesen, indem er sich zu Vorwürfen Gegenstände des banalsten
Lebens wählte, an denen anderweitige Werte nicht so leicht oder überhaupt
nicht fühlbar werden.
Je gleichgültiger der Gegenstand war, je mehr bloß
naturhafte, an sich unbetonte Wirklichkeit, desto ersichtlicher war es, dass
die Kunst, die ihn aufnahm, eben nur den Kunstwert und keinen anderen an ihm
zum Ausdruck brachte.
In ihren tieferen sachlichen Zusammenhängen ist also die
naturalistische Tendenz nichts als die auf dem Boden der modernen
Weltanschauung geeignetste Auswirkung des l'art pour Part-Prinzips.
Es kommt nicht aus dem Interesse an der Natur, sondern an
der Kunst.
Nun ist die Frage: was tut die Kunst mit dieser
Wirklichkeit? Ahmt sie sie nach, so dass wir ihr Bild noch einmal haben, wie
das Panorama und die Wachsfigur? Das ist schon dem Bilde, dem Drama
gegenüber ersichtlich unsinnig, an Architektur, Tanz, Musik kann die Frage
überhaupt nicht herangebracht werden.
Da wir nun aber einen gewissen Anspruch des Naturalismus
empfinden, ein Prinzip der Kunst überhaupt zu sein (gleichviel ob wir ihm
dies Recht in einer höheren Instanz wieder absprechen) so müssen wir als
seinen Sinn etwas aufsuchen, was ihn auch auf diese Künste irgendwie
anwendbar macht.
Was die äußere Wirklichkeit für das Kunstwerk überhaupt
bedeuten kann, lässt sich nur von der einfachen fundamentalen Tatsache her
ermessen, dass das Kunstwerk eine Schöpfertat ist.
Es ist ein Geschehen, ein aus den Produktionskräften der
künstlerischen Seele quellender Prozess, dessen Ergebnis und Niederschlag
das Werk bildet.
(Goethe spricht von seinen »Lebensspuren«, »die man,
damit das Kind einen Namen habe, Werke nennt«.) Jeder Gegenstand, jede
Gegebenheit hat also - diese Selbstverständlichkeit muss hier ausgesprochen
werden - zu dem Kunstwerk überhaupt kein unmittelbares Verhältnis; sondern
nur durch die Bedeutung, die dem schöpferischen, aus der rein inneren Quelle
hervorbrechender Prozess von dorther kommt, kann ein Verhältnis zwischen der
Wirklichkeit und dem Kunstwerk entstehen.
Auch der realistischste Künstler ist also nicht der
»Storchschnabel«, der mechanisch eine Wirklichkeit in sein Werk überträgt,
sondern er wird nur durch die beobachtete Wirklichkeit funktionell in
besonderem Maße beeinflusst, wie andere Künstler etwa von einer
literarischen oder religiösen Idee, die sie auch nicht tale quale in ihr
Werk überpflanzen konnten, sondern von der auch nur ihr Schöpfungsprozess
einen Einfluss erfuhr.
Dieser Einfluss war nichts Substantielles, sondern
bedeutete eine Art, auf die jener Prozess nun ablief, meist nur eine
Modifikation des fließenden inneren Geschehens; und erst von diesem aus sind
die Spuren solcher Einflüsse in dem auskristallisierten Werke zu suchen.
Der Künstler setzt doch nicht ein Stück Realität in sein
Werk ein wie der Goldschmied einen von anderwärts bezognen Edelstein in
einen Ring einsetzt.
Diese substantialistische Vorstellung, dem naiven
erkenntnistheoretischen Realismus entsprechend, muss gänzlich korrigiert
werden.
Der Maler ist kein Transportmittel zwischen Wirklichkeit
und Leinwand.
Auch für den naturalistischen Künstler hat die
Wirklichkeit nur insofern Bedeutung, als unter den vielen, seinen
Schaffensprozess beeinflussenden Momenten die Beobachtung der Wirklichkeit
besonders stark wirksam ist.
Die Wirklichkeit löst sich, vom Künstler aufgenommen,
vollständig in Dynamik auf, sie ist kein in die Strömung seines Schaffens
hineingeworfener und von ihr nur weitergetragener Fremdkörper, sondern
innerhalb dieser Strömung eine wirksame Energie, grade etwa wie seine
allgemeine Lebensstimmung, wie die Färbung seines Milieus, wie sein
Stilgefühl usf.
Es ist nun keine Frage, dass viele Künstler, die wir
keineswegs als Naturalisten bezeichnen, die Wirklichkeit genau so beobachtet
und in sich aufgenommen haben wie die Naturalisten.
Die Wirklichkeitseindrücke sind in dem Produktionsprozess
von Michelangelo und Rembrandt vielleicht von ebenso tiefer und
entscheidender Bedeutung gewesen wie in dem von Manet und Liebermann.
Wenn dennoch die fertigen Werke sich in Hinsicht des
Verhältnisses zur unmittelbaren Erscheinung sehr erheblich unterscheiden, so
beweist das nur, dass Ursache und Wirkung keineswegs formgleich zu sein
brauchen; das ist es, was die Theorie des Naturalismus immer übersieht.
Dasselbe verursachende Element, in verschiedene
Geschehensreihen eingesetzt, kann zu sehr verschiednen schließlichen
Erscheinungen führen.
Je nach den übrigen mitwirkenden Momenten, vor allem: je
nach der eignen, spontan schöpferischen, von sich aus formbestimmenden
Wesensart des Künstlers wird das Produkt äußerlich, dem Phänomen nach, dem
als Ursache wirkenden Naturbild mehr oder weniger ähnlich sein.
Nur der niedere, d. h. der nicht schöpferische Künstler
überträgt die Naturbeobachtung Teil für Teil in sein Werk; für den wirklich
produktiven ist alles, was er aufnimmt, nur Nahrung für das innere
schöpferische Leben, das in dem Werke Dauerform gewinnt, wie ein Nebenfluss,
der in dem Augenblick seines Einströmens nicht nur seine Wasser mit denen
des Hauptflusses ununterscheidbar mischt, sondern auch seine Eigenexistenz
völlig verliert, um die des letztern anzunehmen.
Nun kann die innere Struktur dieses Schöpfungsprozesses
es mit sich bringen, dass sein Resultat eine objektiv aufzeigbare
morphologische Ähnlichkeit mit den in ihn eingegangnen Beobachtungselementen
besitzt.
Aber nicht, weil diese es fordern, wird das Bild auf
solche Weise naturalistisch, sondern weil der Schöpfungsprozess dies, seinen
eignen Gesetzen nach mit sich bringt und diese eignen inneren Gesetze solche
Anähnlichung von Element und Produkt erzeugen.
Aus dem Gefühl heraus, dass die Wirklichkeit, bloß weil
sie da ist, das Kunstwerk doch nicht bestimmen könne, hat man dem
Naturalismus noch den Begriff des Impressionismus zu - oder entgegengesetzt
- jener die objektive Ähnlichkeit zwischen Gegenstand und Kunstbild
anstrebend, dieser die Wiedergabe des subjektiven Eindrucks vom Gegenstand.
So bedeutsam dieser Unterschied für den dargestellten
Inhalt ist, so ist er für die prinzipielle Frage des Naturalismus doch nicht
entscheidend.
Denn i. ist auch das »objektive« Bild der Dinge durch die
Art des subjektiven Sehens bestimmt, und z. besteht auch dem subjektiven
Eindruck gegenüber die naturalistische Frage, ob er, der zunächst auch nur
ein dynamisches Element des künstlerischen Schöpfungsprozesses ist, in
Unverändertheit als dessen Resultat wiedererstehen soll oder nicht.
Der Impressionismus, zuerst allerdings die starre
Substanz der angeblichen Objektivität und Gegebenheit auflösend, macht nun
doch das Eindrucksbild zu etwas Festem, das als solches in das Kunstwerk zu
übertragen wäre.
Wenn die Seele nichts Feineres, Differenzierteres;
künstlerisch-formal Vollkommeneres zu geben hat als die Naturdinge, wenn sie
umgekehrt diesen gegenüber sich als primitiver, unharmonischer,
fragmentarischer zeigt - so weiß ich nicht, welchen Vorzug die
expressionistische Kunst gegenüber der naturalistischen haben soll.
Schließlich ist das dastehende Raumkunstwerk nicht die
Seele, sie kann sich in der Unmittelbarkeit ihres Lebens ja doch nicht
zeigen (auch wäre ja eben davon der Wert noch diskutabel), es kommt
schließlich auf dies Dastehende und seine Bedeutung nach ideell
künstlerischen Normen an.
Werden diese reicher und vollkommener auf
expressionistische als auf impressionistische oder naturalistische Art
erfüllt - gut! Aber an sich hat jene noch keinen Vorteil; sie ist zunächst
noch ein seelischer Naturalismus, dessen künstlerischer Wert problematisch
ist.
Und wollte man sagen: dann ist es nicht Kunst, auf den
Namen und die Kategorie kommt es ja nicht an, es ist überhaupt ein
Wertvolles - dann hätte jedenfalls' die Kunst als solche noch Platz daneben.
Der eigentliche Kern der naturalistischen Frage liegt
tiefer.
Die Gegebenheit, das an sich nicht zu Ändernde, das
Unmittelbare oder Primäre, kurz was in diesem Zusammenhange Natur heißt und
was das naturalistische Kunstwerk als solches ohne Umbildung wiedergeben
will, braucht keineswegs das äußere Objekt zu sein.
Die entscheidende Frage liegt vielmehr darin: ob das
schöpferische Individuum, dasjenige, was es in sich als Trieb, Eindruck,
Leben, kurz als Natürlich-Unmittelbares vorfindet, zur alleinigen Quelle des
Werkes werden lässt - wobei der Gegenstand des Werkes sein mag was er will -
nicht modifiziert oder abgelenkt durch ein vom Individuum unabhängiges
Formgesetz; oder ob der innere Vorgang, indem er in das Werk ausströmt,
durch ein solches übersubjektives, ideell bestehendes Gestaltungsgesetz
geführt wird?
Der naturalistische Künstler als solcher setzt seine
innere Tatsächlichkeit, seine Lebensbewegtheit sozusagen gradlinig in das
Werk fort, dieses ist ein Weiterschwingen jener, er entlastet sich von ihr
auf diese Weise, der Wert seines Werkes liegt - für ihn wie für den
Beschauer - darin, dass seine Wirklichkeit, seine Natur, die Wirklichkeit,
die als gespannte Energie in ihm ist, sich entladen hat, dass sie sich in
das Kunstwerk hineingegeben hat, das nun als ihre Wirkung dasteht und diese
innere Lebendigkeit irgendwie in sich trägt und so wirklich ein Stück seiner
eignen Wirklichkeit ist.
Naturalismus bedeutet, dass sich im Kunstwerk etwas
Gegebnes wiederfindet, das nicht im künstlerischen Prozess erzeugt ist und
das für das Kunstwerk wesentlich und bestimmend ist.
Der prinzipielle Gegensatz dazu, für den wir keinen
entsprechend sicheren Ausdruck haben (Stil - Form - Ideenkunst) liegt vor,
wenn das Kunstwerk sich seiner Form und Bedeutung nach von seinen
Zeugungskräften gelöst hat, wenn es nach einem Gesetz gestaltet ist, das nur
für das Kunstwerk als solches - als wäre es vom Himmel gefallen - gilt, wenn
es nur als Erfolg und Verkörperung der künstlerischen Logik, nicht aber des
psychologischen Lebens des Künstlers dasteht.
Wir stehen hier vor einem Knotenpunkt alles
Kunstverständnisses und die hier zusammenlaufenden Fäden müssen von ihrem
isolierten Ursprung her deutlich werden, gerade weil die einzelne Kunsterscheinung sie wohl immer in Verknotung zeigt.
Die Fortsetzung des inneren Zustandes in ein äußeres
Sein, rein als solche angesehen, fragt nicht darnach wie dies äußere
Ergebnis aussieht.
Wer schreit, weil er einen Schmerz fühlt, dem ist es
gleichgültig wie dieser Schrei klingt, wer in der Leidenschaft eine zornige
oder gierige Geste ausführt, interessiert sich nicht für deren sichtbare
Gestaltung, ja wer einen Gedanken oder Affekt mitteilen, sich durch seine
Äußerung Andern verständlich machen will, dem ist Form und Aussehen dieser
Äußerung als einer für sich betrachteten Tatsache gleichgültig, wenn sie nur
ihren unanschaulichen Mitteilungszweck erfüllt.
Zweifellos ist dies die Intention mancher Kunstwerke.
Genau genommen das Singen wie der Vogel singt.
Darum ist Impressionismus nicht der ganz zutreffende
Ausdruck für diese Gerichtetheit - obgleich der erste Schritt zur wichtigen
Erkenntnis der Lösung von der mechanischen Objekt-Gleichheit.
Die Konsequenz zieht der moderne Expressionismus, dessen
tieferer Sinn doch wohl ist, dass die seelische Bewegtheit sich in die Hand,
die den Pinsel hält, fortsetzt und das entstehende Bild nichts anderes ist
als die Zeichen, die jene Bewegungen auf der Leinwand hinterlassen, ganz
gleichgültig ob diese Zeichen außerhalb dieser reinen auf sie hinführenden
Kausalfolge noch irgend einen Sinn oder Bedeutung zeigen.
Es ist eine bloße Inkonsequenz oder Zufälligkeit, wenn
expressionistische Bilder noch etwas »vorstellen« sollen.
Expressionismus ist in diesen Zusammenhängen nicht
Rückschlag gegen den Naturalismus, nicht seine Aufhebung sondern seine - ihn
vielleicht auflösende - Vollendung.
Exkurs über Subjektivismus und Objektivismus im
Kunstwerk: Als Voraussetzung ist festzuhalten, dass der Unterschied zwischen
Subjektivismus und Objektivismus in der Kunst ein ganz fließender ist, oder
dass in jedem Kunstwerk eine Mischung beider stattfindet, in der
Objektivismus und Subjektivismus nur Bezeichnungen a potiori sind.
Dies vorausgesetzt scheint mir das Verhältnis von
Subjektivismus und Objektivismus des Kunstwerks in das allgemeine von
Kausalität und Teleologie aufzugehen.
Wo wir empfinden, dass ein aus der Lebensbewegtheit des
Schöpfers herkommender Impuls sich gleichsam in die Bewegung seiner Hand
fortgesetzt hat, wo eine innerste Zuständlichkeit oder ein inneres Geschehen
sich in dem schöpferischen Tun auslebt oder erlöst, wo also die
künstlerische Aktivität aus subjektiven Vorgängen im Künstler, die ihren
zureichenden Grund bilden, ersteht- da sprechen wir von Subjektivismus.
Wo wir aber umgekehrt fühlen, dass das Hinstellen des
Werkes, damit es eben als solches da sei, den Künstler motiviert habe, wo
der Zweck: die Verwirklichung der Vision, - die Tätigkeit hervorzulocken
scheint, derart, dass es sozusagen nur auf das Resultat ankommt, in dem der
Prozess, die funktionellen Ursachen seiner Schöpfung verschwinden und
gleichgültig geworden sind - da wird man von Objektivismus der Kunstübung
sprechen können.
Wo nun eine sehr entschiedene Annäherung an eine gegebne
äußere Wirklichkeit vorliegt, wird die Präsumtion nicht dafür sprechen, dass
ein rein aus dem Innern hervorbrechender Trieb die Gestaltung habe entstehen
und sich in dieser bestimmten Weise habe formen lassen.
Natürlich ist diese glücklichste aller Harmonien nicht
unmöglich und Goethe ist ihr vollkommenster Repräsentant.
Anderseits aber kann auch ein Kunstwerk, das überhaupt
kein reales Gegenbild hat oder das mit diesem völlig phantastisch verfährt,
durchaus objektivisch gemeint sein.
Denn nicht das Objekt außerhalb der Kunst bestimmt diesen
Begriff, sondern die in dem Kunstwerk selbst innerlich fühlbare Tendenz: ob
es selbst als Objekt gewertet wird, das um seiner selbst willen da sein
soll, so dass dieses selbständige von dem Schaffensprozess gelöste Dasein
den Zweck seines Geschaffenwerdens bildet - oder ob das Subjekt nur sein
eignes Leben ausleben will, wofür dann sein Talent Richtung und Auslass
gibt.
Darum und nicht wegen mangelnder Übereinstimmung mit
einem »Objekt« scheinen gewisse Werke, die wir eben subjektivische nennen,
auf ihren Schöpfer, sein Sein, seine Leidenschaften und Schicksale
zurückzuweisen.
Wo diese rückwärtige Verbindung aber nicht besteht, wo
das Werk nicht nur seiner Form nach, sondern, für unsere Nachfühlung, auch
seinem Existenzsinn nach geschlossen für sich besteht, hat es objektivischen
Charakter; was sich ersichtlich dadurch nicht ändert, dass seine
spezifischen Qualitäten es der Sonderart eines bestimmten Künstlers
unzweideutig zuweisen.
Es liegt auf der Hand, dass die stilistisch formale
Geschlossenheit eines Werkes der überzeugendste Träger dieses
Selbstzweck-Charakters seiner sein wird.
Der Impressionismus nun ist eine unmittelbare, aber
deshalb rohmechanische Synthese von Subjektivität und Objektivität, indem
für ihn der rein subjektive Eindruck zum Objekt wird, um dessen unveränderte
Nachbildung es sich handelt.
Er stellt sich in gleichzeitigen Gegensatz zum
naturalistischen Objektivismus wie zum freibildenden Subjektivismus, indem
er richtig erkennt, dass keine dieser einseitigen Tendenzen der
eigentlichen, synthetischen Aufgabe der Kunst gerecht wird.
Allein so, dass man das Subjekt einfach zum Objekt macht,
sind sie nicht zu überwinden.
Die Aufgabe des Künstlers, das ideell Vorhandene, das vor
ihm als das nur zu Findende, zu Realisierende steht, liegt in einem dritten:
diejenige vollkommenste Kunstwerdung des Objekts, die grade durch dieses
individuelle Subjekt möglich ist.
(Aufsatz über die Philosophie des Schauspielers.) Weder
das Objekt, wie es für sich ist, noch das Subjekt, wie es aus sich ist, noch
die unmittelbare Reaktion des Subjekts auf das Objekt ist mit der idealen
Forderung, mit dem objektiven Geist des Kunstwerks als solchen identisch.
Alles dies bleibt in irgendeinem Sinne Naturalismus.
Es steht vielmehr über dem künstlerischen Subjekt eine
durch seine eignen Qualitäten bestimmte Forderung, wie grade er grade dieses
Objekt zu gestalten habe.
Weder das natürliche Sein des Subjekts noch das des
Objekts kommt hier in Frage, vielmehr eine Übertragung dessen, was der
Impressionismus auf naturalistischem Wege sucht, in das Reich künstlerisch
ideeller Vorgezeichnetheit.
Für manche Fälle wird dieser Naturalismus, der nach der
Natur des Subjekts so heißt, der Erscheinung nach mit dem Naturalismus, der
Nachbildung des Objekts ist, zusammenfallen.
Wo nämlich der unmittelbare Eindruck einer Wirklichkeit
die künstlerische Erregung mit sich bringt, wo der Künstler ganz in diesem
Eindruck aufgeht und seine ganze produktive Stimmung nur dessen Gefäß ist -
da wird die sich daran schließende Ausdrucksbewegung, wie durch Mimikry in
denselben Formen verlaufen.
Analogie dazu im Aufnehmen von Musik.
Eine erregende Musik mag uns manchmal zu
leidenschaftlichen Gesten veranlassen, manchmal zu irgendwelchen Aktionen
anspornen, wie den Soldaten in der Schlacht, also die Erregungen, die ihr
Eindruck in uns lebendig macht in Richtungen verlaufen lassen, die
morphologisch mit ihr nicht das Geringste zu tun haben.
Manchmal aber auch bewegt sie uns, ihren Takt a tempo mit
dem Fuß zu klopfen oder sie mitzusingen - ein reiner Expressionismus, eine
subjektiv naturalistische Äußerung, die genau in den Formen oder auch: mit
dem Inhalt ihrer Veranlassung verläuft.
Ob in den Kunstproduktionen etwas eigentlicher
Naturalismus ist, hängt von der bloßen Kausalität, von der Bestimmtheit
durch den gegebenen terminus a quo ab, und ob etwas objektiv
Naturalistisches daraus entsteht, ist nur zufällig; ein morphologisch von
der Objektivität der äußeren Ursache ganz abweichendes Ergebnis würde nicht
weniger naturalistisch sein.
Kein Zufall, dass die naturalistische Kunst in denselben
Jahrzehnten dominierte, wie der Psychologismus.
Nun war dies aber zugleich die Epoche des Fanatismus für
naturwissenschaftliche Exaktheit, deren Ideal auf alle möglichen, eigentlich
ganz anderen Idealen zugehörige Gebiete übertragen wurde.
Dies verblendete gegen die tiefste Motivierung des
Naturalismus: das dynamische Fortsetzen der inneren künstlerischen
Umständlichkeit, die einseitige Triebhaftigkeit, mit der hier nur das Leben
sich nach außen ergießt, und weil es eben ein künstlerisches Leben ist,
irgendwie zum Gebilde wird.
Indem nun das innere Leben der Künstler sich von den
literarischen Ideen und dem Konventionalismus, der die Kunst des 19.
Jahrhunderts bis dahin beherrscht hatte, abwandte und sich mit Leidenschaft
an den Bildern der Dinge nährte, und indem es, seinen Äußerungsimpulsen
folgsam, diese Bilder der Dinge gleichsam am anderen Ende wieder von sich
gab, so richtete sich das Bewusstsein eben mit einer gewissen ängstlichen
Exaktheit auf dieses Resultat und erklärte, dass das objektive
Ähnlichkeitsverhältnis zwischen ihm und der Wirklichkeit das Neue und
Wesentliche wäre.
Tatsächlich ist das Wesentliche des naturalistischen
Prinzips, dass die künstlerische Äußerung mehr einem Kausalprozess als einem
teleologischen Prozess entstammt.
Für die tatsächliche Kunstleistung kommt freilich noch
ein andres bestimmendes Moment hinzu, das sich später ergeben und die
Paradoxie dieser Behauptung lösen wird.
Es wird aber jedenfalls aus ihr klar, dass der
Naturalismus auch in andren als in den Künsten, die einer »Nachahmung«
möglichen Raum geben, dominieren kann, also auch in der Lyrik, der Musik,
dem Tanz, ja der Architektur.
Es kann z. B. ein Tanz, der äußerlich sogar in rein
ornamentaler oder konventioneller Form verlaufen mag, von einer erotischen
Hingerissenheit durchglüht sein, einer nicht künstlerisch geformten, sondern
psychisch unmittelbaren, die sich in lauter Imponderabilien ausdrückt und
sich vielleicht auf den Beschauer überträgt.
Dabei braucht der Tanz nicht etwa die Nachahmung
verfänglicher Situationen darzubieten, keinerlei sichtbaren, objektiven
Naturalismus des Erotischen, es ist nur das Weiterschwingen der naturhaften
inneren Tatsächlichkeit in die Erscheinung hinein.
Wie es aussieht, ist im extremen Fall dem Tänzer fast
gleichgültig, daher es dann manchmal durchaus geziemend, manchmal durchaus
ungeziemend aussehen mag.
Ähnliches in der Musik wird namentlich der, der auf dem
Klavier fantasieren kann, manchmal erfahren.
Eine Erregtheit, leidvoller, freudiger, oder überhaupt
nur gegenstandlos leidenschaftlicher Art drängt sich unmittelbar durch die
Finger und wird zu der Bewegung, wie sich eine physikalische Energie in eine
neue Form umsetzt.
Wie es klingt, darauf kommt es einem nicht an und darum
wird man nicht gern Zuhörer dabei haben.
Insoweit dies Moment in der Musik wirkt (alleinbestimmend
wird es ja kaum sein) ist sie naturalistisch, nicht durch die kindische
Nachahmung von Naturlauten, die gelegentlich vorkommt.
In der Architektur ist dieses sich Fortsetzen der inneren
Wirklichkeit, das gegen die Eigengesetzlichkeit der erscheinenden Form
indifferent ist, dem Wesen des Materials nach, schwer nachzuweisen; aber es
klingt auch hier an.
Als der Jugendstil auch in die Baukunst eindrang, und die
Logik der hergebrachten Formen erschütterte, entstanden fantastische Bauten,
die besonders in den Ornamenten wirken, als ob sie nur das Auslodern eines
Stimmungsimpulses wären und auf die selbständige Bedeutung des dann
Dastehenden gar keine Rücksicht nähmen.
Am entschiedensten endlich ist der subjektive
Naturalismus in der Schauspielkunst.
Die Theorie über diese geht zwei Wege: der eine macht
damit ernst, dass der Schauspieler ausschließlich der Vollstrecker der
dichterischen Gestalt und der in ihr objektivierten Absichten ihres
Schöpfers ist.
Ganz erreichbar oder nicht, jedenfalls liege in der
reinen Verlebendigung des literarisch-dramatischen Gebildes das Ideal, und
das Maß der Annäherung an dieses bestimme das Vollendungsmaß der
schauspielerischen Leistung.
Deren individuelle Besonderung und Färbung sei ein
künstlerisches Adiaphoron, ein notwendiges Übel oder auch ein außerhalb der
künstlerischen Wertskala gelegener Reiz.
Aber eben in diese Individualität verlegt das andre
Extrem den ganzen Sinn der Schauspielkunst.
Indem hier der Mensch in seiner aktuellen Ganzheit die
Leistung nicht nur trägt, sondern - einzig in allen Künsten - sozusagen die
Leistung ist, dokumentiere sich die Persönlichkeit des Schauspielers
unzweideutig als die Substanz seiner Kunst; sie sei das dauernde und
interessierende in allem Wechsel und allen Wertunterschieden seiner Rollen.
Jenes antiindividuelle Ideal, mit dem die dichterische
Figur den Schauspieler sozusagen verschluckt, um sich in all ihrer
Objektivität und Fixiertheit ein Leben zu verschaffen - dieses Ideal sei ein
literarisches, aber kein schauspielerisches.
Die Leistung des Schauspielers, insoweit sie etwas andres
sei, als Deklamation plus einer Reihe lebender Bilder, habe ihre Bedeutung
als Offenbarung einer genialen, durch ihren Rhythmus, ihr Temperament, ihre
körperlich-seelische Eigenart interessanten Persönlichkeit und das
schauspielerische Talent sei nichts andres, als die Möglichkeit, dies
Naturell an einer dichterischen Figur gleichsam zu objektivieren, für Andere
sichtbar und verständlich zu machen.
Wie es für den ersten Standpunkt prinzipiell gleichgültig
ist, wer die Rolle spielt, wenn sie nur adäquat dargestellt wird, so für den
letzteren, welche Rolle der Künstler spielt, wenn er sie nur spielt.
Hier ist das eine, dort das andere der ruhende Pol in der
Flucht der Erscheinungen.
Nun darf man freilich sagen: was in einem so rein
kausalen, sozusagen nur physiologischen Prozess entsteht - wie ein Schrei
oder, wie wenn man aus nervöser Ursache Brotkügelchen knetet - ist nicht
Kunst, sondern eben Natur.
Das ist richtig.
Darum ist exklusiv naturalistische Kunst auch ein nie
ganz realisierter Begriff, sondern bedeutet nur gewisse Elemente und
Teilstimmungen innerhalb des künstlerischen Prozesses.
Ganz klar aber kann dies Verhältnis erst werden, wenn nun
sein Gegenteil betrachtet wird: das Werk, das (im Eindruck) von der
naturhaften Genesis gelöst und nach einer selbständigen, nur für das
Kunstprodukt als solches geltenden Norm gestaltet ist.
Gewiss ist jedes Kunstwerk aus seelischen Kräften
hervorgegangen und auf seelische Wirkungen hin orientiert; gewiss trägt es
auch bis in seine letzte Faser hinein, im Maße seiner Größe noch das Cachet
einer seelischen Persönlichkeit, sei es eines Individuums oder eines Volkes.
Dennoch ist es Kunst in dem Maße, indem es in sich
Gesetzen gehorcht, Ideen realisiert (künstlerische natürlich, nicht
literarische oder moralische), deren Wert und Gültigkeit gegen die Kräfte,
durch die es in einem bestimmten Leitmoment verwirklicht ist, absolut
indifferent sind.
Kunst hat weder mit Psychologie, noch mit Metaphysik zu
tun, sondern nur mit Kunst - obgleich sie sowohl von dem seelischen Leben
des Menschen wie von dem metaphysischen Sinn und Zusammenhang des Weltganzen
umgriffen und getragen wird.
Das Entscheidende für das Wesen des Kunstwerkes ist, dass
es jenseits aller Verflechtungen der Wirklichkeit, sowohl der physischen wie
der seelisch-geschichtlichen steht.
Natürlich kann man es auch als innerhalb dieser
Verflechtungen stehend betrachten.
Ein Bild, wie eine Symphonie kann man nach der Optik wie
der Akustik ihrer Elemente in physikalischer und physiologischer Hinsicht
bis ins Letzte analysieren und synthetisieren; aber insoweit steht es in
einer Reihe mit einer Naturerscheinung oder einem Nährmittel.
Und man kann es - wenigstens angeblich - aus
geschichtlichen Bedingungen, den Tendenzen und dem Standard seiner
Gegenwart, der psychologischen Struktur seines Schöpfers herleiten; aber
insoweit unterscheidet es sich nicht von einer wissenschaftlichen oder
religiösen Idee oder von der Erfindung des Fahrrads.
Wo es verknüpft wird mit einem Vorher und Nachher,
zusammengesetzt aus Elementen, die außerhalb seiner und in anderen Ordnungen
bestanden, - kurz die ganzen naturwissenschaftlichen, historischen,
psychologischen Herleitungen des Kunstwerks - lassen vielleicht zwar dies
Stück Realität vor uns erstehen, aber dass es ein Kunstwerk ist, nach seinem
inneren sachlichen Wesen unterschieden von allen anderen Gebilden - das geht
aus diesen Verknüpfungen niemals hervor.
Denn grade, dass es den Verknüpfungen, die seine
äußerlich-historische Realität in die endlos weiterrollenden Reihen andrer
und aller Realitäten einstellen, enthoben ist, dass es eine nur für sich
bestehende, absolut selbstgenügsame Einheit ist, das macht sein Wesen als
Kunstwerk aus.
Hier ist noch stärkere Exklusivität als bei Erkenntnis
und Religion.
Gewiss ist, was eine Wahrheit ist, auch nicht aus ihrer
genetischen Verknüpfung zu begreifen, die sie mit jedem Irrtum teilt,
sondern nur aus dem zeitlosen Begriff der Wahrheit; gewiss ist Religion nur
nach ihren äußerlichen Hüllen, nicht aber ihrem Wesen, das diese Hüllen zu
Religion macht, historisch zu verstehen.
Dennoch haben die einzelnen Gebilde dieser Kategorien
nicht dieselbe Geschlossenheit und Selbstgenügsamkeit wie das einzelne
Kunstwerk.
Jede Erkenntnis steht in einem inneren Konnex mit einer
unendlichen Reihe andrer ebenso zeitloser Erkenntnisse begründet und
begründend.
Und Religion ist nicht denkbar außerhalb eines religiösen
Lebens, in das ihre zeitlosen Inhalte in einer mit nichts andrem
vergleichbaren Weise verwebt sind.
Das Kunstwerk aber hat alle Fäden nach außen hin
abgeschnitten und nach innen zu einer undurchbrechlichen Form
zusammengeknüpft, es ist »seelig in ihm selbst«.
Alle seelischen Werte und Ereignisse, die darin
investiert sind, haben die Form ihrer ursprünglichen Bewegtheit verlassen
und eine in sich schwebender, vom Begriff der Kunst allein her bestimmte
angenommen.
Kein Kunstwerk ist als Kunstwerk aus seiner Zeit oder aus
der Psychologie seines Schöpfers heraus zu rechtfertigen: ausschließlich aus
den Forderungen der Kunst, die sehr mannigfaltig und zu verschiednen Zeiten
sehr entgegengesetzte sein mögen, aber in jedem Augenblick ihres Bestands in
der Ebene der überzeitlichen, rein sachlichen idealen Bedeutung liegen.
Gewiss kann man ein Kunstwerk als einen Pulsschlag des
ins Unendliche weiterflutenden, aus unendlich vielen und heterogenen Quellen
genährten Lebens der Menschheit ansehen; betrachtet man es aber als
Kunstwerk, so ist es sozusagen vom Himmel gefallen, gänzlich in seine eignen
Grenzen eingeschlossen und seine Fäden ausschließlich zu artistischen, die
Kunstform bestimmenden Begriffen spinnend, aber nicht zu irgendwelchen,
insoweit sie in der Ebene der Realität liegen.
In dieser Krassheit muss zunächst das vital-unmittelbare
Wesen des naturalistischen Kunstwerks und sein Wesen als Kunstwerk einander
entgegengesetzt werden.
Hieraus ergibt sich als höchst wichtige, unbedingt
festzuhaltende Konsequenz, dass zwischen dem seelischen Trieb oder Zustand,
der sich in eine Äußerung oder ein Gebilde als seine natürliche
Weiterwirkung fortsetzt - und dem Kunstwerk als einer Erscheinung
objektiv-artistischer Normen nach einer idealen Logik sich selbsttragender
Formen ein rein zufälliges Verhältnis oder, wenn man will, überhaupt kein
Verhältnis besteht.
Beides steht unter völlig verschiedenen Wesensbegriffen:
das eine ein Werden, eine Bewegtheit, in die realen Weltbewegtheiten kausal
verflochten, das andre ein statisches im eignen Raum definitiv abgegrenztes
Phänomen, ohne Bedingtheit und ohne Folgen, eine Welt für sich, die aber
nicht unter der Kategorie der Realität, sondern der reinen, seinsfreien
Inhalte steht.
Erst wenn dies unerbittlich klar ist, lässt sich der
Begriff des schöpferischen Künstlers bestimmen: als desjenigen, dessen
naturhaft, impulsiv, dynamisch herausdrängende Kräfte von sich aus sich in
einem Gebilde äußern, das jenen objektiv-idealen, gegen alles Genetische
gleichgültigen, rein artistisch-zeitlosen Forderungen entspricht - als
hätten diese sich mit Werdekraft geladen und von sich aus das Gebilde
geschaffen, das doch tatsächlich aus einer ganz anderen, der
historisch-seelisch-dynamischen Reihe stammt.
Dies ist die allgemeine Formel des Genies.
Hat man von diesem z. B. in intellektueller Hinsicht
gesagt, es wisse, was es nicht gelernt hat, so bedeutet das doch: dass der
seelisch-kausale, von innen her ablaufende Prozess solche Inhalte erzeugt,
die mit dem logisch-objektiven Verhalten der Dinge übereinstimmen, gleichsam
als ob sie von den überindividuellen, überzeitlichen Normen der Wahrheit her
erzeugt seien ..... Genie als Natur.
Damit beantwortet sich die Frage, die sich angesichts des
festgestellten Wesens des Kunstwerks erheben musste: wieso denn ein
naturalistisches, d. h. ein rein von dem terminus a quo, der bloßen
Entladung naturhaft gegebener Energien herkommendes Werk überhaupt ein
Kunstwerk sein könne?
Das Genie ist eben dasjenige, was singt wie der Vogel
singt, damit aber nicht Naturlaute, sondern ein Kunstwerk produziert. ....
wie es doch eine, ja die Grundvoraussetzung aller Kunst ist: dass, wenn die
Dinge so dargestellt werden wie sie dem Künstler erscheinen, eben damit ihr
eigenes, tiefstes Wesen zur Darstellung kommt.
Man könnte zuerst daraufhin jeden genialen Schöpfer als
einen Naturalisten im subjektiven Sinn bezeichnen.
Dies ist natürlich zwecklos, aber es macht doch klar,
worauf jeder vorurteilslose Kunstbeobachter von selbst kommen muss: dass das
ganze Gerede von naturalistischen Prinzipien und ihrem Gegenteil völlig leer
ist; jedem großen Kunstwerk gegenüber erscheint diese Partei- und
Begriffsfrage hinfällig und gar nicht aufzuwerfen.
Je nach dem Blickpunkt, von dem her man sieht, kann man
jedes Kunstwerk entweder als Naturalismus oder als Anti-Naturalismus
bezeichnen.
Die Ursache ist Natur, die Wirkung ist der Natur
enthoben.
Was es dagegen wirklich gibt, ist der Unterschied von
Kunst und Unkunst: d. h. ob das Werk ausschließlich künstlerischen Normen
entspricht, oder ob in ihm andre Strömungen mächtig werden; die
außerkünstlerisch-sensuelle, die anekdotische, die moralisierende, die auf
den Publikumseffekt gehende etc.
Und innerhalb der wirklichen Kunst gibt es gute und
schlechte.
Naturalismus kann, insoweit es sich um wirkliche,
insbesondere um große Kunst handelt, immer nur ein relatives Hervortreten,
ein stärkeres Fühlbar-werden jenes kausalen Momentes im Kunstwerk gegenüber
seiner Zeitlosigkeit bedeuten, eine Akzentuierung der Richtung, aus der es
kommt, gegenüber der fertigen, von allem »Ursprung« gelösten, in seinem
Eigenwert schwebende Gestalt; wobei es prinzipiell gleichgültig ist, ob
diese Ursprungsrichtung von der in ihren Impulsen lebenden Seele im engeren
Sinn, oder von den Dingen zu kommen scheint, deren Eindruck auf diese Seele
sich in ihrem natürlichen Hindrängen auf Äußerung in das Werk fortsetzt.
Eben diese Bedeutung des Naturalismus, die an Stelle der
mechanischen Inhaltsgleichheit mit dem Objekt die lebendige subjektive
Funktion setzt - ist auch von der Seite des Beschauers her zu beobachten.
Die Wirklichkeit als ein theoretisch Festgestelltes geht
die Kunst überhaupt nichts an, sondern die Wissenschaft und eventuell die
Praxis; für die Kunst können nur jene sekundären Reflexe der Wirklichkeit,
die wir, logisch ziemlich unbestimmt, aber für uns jetzt ausreichend,
Gefühle nennen, in Betracht kommen.
Während es nach Kants Bemerkung am Inhalt eines Dinges
logisch gar nichts ändert, ob er real ist oder ob sein Inhalt nur als
ideeller gedacht wird (da andernfalls nicht eben dieser Inhalt, sondern
etwas anderes real sein würde), so gilt dies für die Gefühlsbedeutung des
Dinges keineswegs.
Die Bewegtheit, die uns von irgend einer Wirklichkeit
kommt, ist nicht nur dem Inhalte zu danken; sondern dass wir eben diesen als
wirklich wissen oder, jenseits des eigentlichen Wissens, die eigentümliche
Seinsbeziehung zu ihm haben, die sich zwischen unserer Wirklichkeit und
einer anderen Wirklichkeit spannt - das gibt unserer Gefühlsreaktion einen
ganz bestimmten Ton, den die Vorstellung der bloßen Qualitäten nicht hätte,
das ist gleichsam das Pedal zu den Tönen, die dieser bloße Inhalt unserem
Gefühlsvermögen entlockt.
Ferner gleiten, da jede Wirklichkeit in den nach allen
Dimensionen erstreckten Reihen aller andern Wirklichkeiten steht, auch ihre
Wirkungen auf uns kontinuierlich in andere über.
Darin liegt ein wesentlicher Unterschied der Kunstwirkung
gegen alle Realitätswirkung, da jene an die Geschlossenheit des Kunstwerks
gebunden ist.
Realitäten haben zu einander offene Türen.
Nun scheint mir also Kunst, die man naturalistisch oder
realistisch nennt, dadurch charakterisiert, dass sie im Beschauer diejenigen
Gefühlswirkungen, die sich an die Realität von Dingen und Leben knüpfen,
auslösen, aber - so weit es wirklich sich um Kunst handelt - mit anderen
Mitteln als die Wirklichkeit selbst es tut.
Die gemeinen Effekte, die unmittelbar an die Wirklichkeit
herangehen und insoweit auch Wirklichkeitsgefühle provozieren, kommen dabei
nicht in Betracht: das Panorama, die Wachsfigur, die »erschreckende
Ähnlichkeit«, dass »das Bild aus dem Rahmen zu springen scheint«, das
Kokettieren mit dem Beschauer.
Hier sind die Effekte der Wirklichkeit mit den Mitteln
der Wirklichkeit erreicht.
Der Reiz der großen naturalistischen Kunst ist, dass sie
all dies verschmähend, den Duft uns fühlen lässt, der um die Dinge ist, weil
sie wirklich sind, aber mit den spezifischen Mitteln der
wirklichkeitsfremden Kunst.
Die Wirklichkeit, die sie meint, ist etwas Qualitatives,
nicht eine, die Inhalte unverändert lassende Kategorie.
Hier ist die gefühlshafte Bedeutung der Wirklichkeit ganz
ohne die Wirklichkeit selbst in die Kunst hineingenommen.
Eine Gestalt wie die »Lisa« von Renoir oder eine Szene
wie Manets Erschießung Maximilians sind gewiss in äußerstem Maße rein
artistisch intentioniert, so sehr, dass sogar die psychologischen
Ausdruckswerte so gut wie ganz ausgefallen sind; und doch ist in ihrem
Eindruck etwas von der eigentümlichen Spannung und Erregung, die uns nur die
Atmosphäre der Wirklichkeit als solche bereitet.
Nicht dass wir - wie man die Kunst so oft missversteht -
durch die Medien dieser Bilder innerlich die Realität schauen, die ihnen als
Vorbilder zugrunde liegt.
Dies ist die Aufgabe der Photographie, die kein
Selbstzweck ist, sondern nur das photographierte Ding vertreten soll und es
um so besser vertritt, je weniger sie selbst noch gesehen wird.
Das Kunstwerk aber ist kein Mittel, nicht dazu da, dass
man es überspringe, sondern bei ihm als einem Definitivum bleibe, nicht dass
es zur Welt hinleite, sondern dass die Welt hineingeleitet werde.
Auf die Frage, wie die wirkliche Lisa aussah, gibt das
Bild keine Antwort, weil die Frage gar nicht daran zu stellen ist; aber das
rein Bildhafte und Ideelle, als das sie vor uns steht, ruft doch, unter
Ausschaltung der Wirklichkeit diese eigentümliche Reaktion in uns hervor,
die sonst nur dem Lebendigen und Wirklichen gelingt.
Ich erwähne hier nur eine Einzelheit solcher sekundären
Wirklichkeitsreaktionen.
Zu den Realitätsgefühlen dem Menschen gegenüber gehören
in besonderem Maße diejenigen, die wir Sympathie und Antipathie nennen.
Also schön oder hässlich, bedeutend oder nichtssagend,
erfreulich oder gleichgültig erscheint uns das Äußere eines Menschen auch,
wenn wir es eben als bloße Oberfläche, als erscheinende Form vorstellen;
sympathisch aber oder antipatisch ist es uns, sobald wir die Inhalte seiner
Erscheinung als Wirklichkeit fühlen, sobald seine Realität auf uns wirkt.
Dies gehört in die Kategorie: dass unser empirischer,
rein anschaulicher Eindruck eines Menschen stark beeinflusst wird durch die
Antizipation dessen, was er für uns bedeuten würde, wenn er eine praktische
Beziehung zu uns hätte.
Deshalb liegt diese Alternative dem Eindruck gewisser
Porträttypen ganz fern, dem antiken Porträt, im ganzen auch dem Renaissance-
ja dem Rembrandtporträt.
Hier ist die Distanz zu weit, als dass jener Duft der
Wirklichkeit noch zu uns dränge.
Dabei kann uns das Bild als solches sympathisch oder
unsympathisch sein, das ist eine andere Frage.
Gegenüber einem Porträt von Liebermann oder Corinth aber
haben wir diese Gefühle sehr entschieden, und zwar sehr entschieden in
Hinsicht der dargestellten Persönlichkeit.
Nicht der realen, hinter dem Bild stehenden; das wäre
unkünstlerisch.
Es bleibt immer die Idee dieses Menschen, die uns hier in
der Kunstform mit denselben Empfindungen affiziert, wie sie es sonst nur in
der Realitätsform tut.
Aber die Realitätsbedeutung, dieses sonst nur an
Wirklichkeiten geknüpfte, psychologische Verhalten ist hier der Kunstform
delegiert, in das Bild des Menschen ist hier die Kraft eingegangen, einen
sonst nur seiner Wirklichkeit vorbehaltenen Affekt in uns auszulösen.
Ähnlich die sinnliche Wirkung von Attitüden.
Eine Aktphotographie wirkt derart, weil die Realität, die
sie vor die Fantasie stellt, dies tut, und die Photographie die
psychologische Brücke zur Wirklichkeit ist; und ebenso tun gewisse, im rohen
Sinne realistische Bilder.
Nun gibt es zunächst Aktbilder, denen dies Element
absolut fehlt, die antiken, die der Frührenaissance, besonders Botticellis.
Andere aber, in denen es, obgleich eigentlich nur der
Wirkung der Realitäten vorbehalten, dennoch enthalten ist, nun aber ganz in
den artistischen Komplex eingegangen, nun unter den Gefühlen rangierend, die
dem Kunstwerk rein als solchem, nicht einer dazu ergänzten Wirklichkeit,
zukommen.
Es hat diese Wirkung als künstlerisches Element
aufgenommen.
Insofern wird man diese Bilder im höheren Sinne
naturalistisch nennen müssen, was sofort einleuchtet, wenn man eine Danae
Tizians mit einem Akt Botticellis oder Signorellis vergleicht.
Dass solche - oder anders auszudrückende -
Gefühlswirkungen der Realität sich am ehesten an Werke knüpfen werden, die
sich auch objektiv nahe dem Eindruck von Wirklichkeiten halten, ist sicher -
aber das Entscheidende ist dies nicht.
Es kann vielmehr der subjektive Erfolg, der das mehr oder
weniger artistisch gewordene Gefühl von Wirklichkeiten in die Kunst
hineinträgt, auch durch andre Mittel erreicht werden (Beardsley!).
Ja der Naturalismus großen Stils hat seine Größe immer
darin gezeigt, dass er diese sekundären oder Gefühlswirkungen von
Wirklichkeit mit anderen Mitteln als die Wirklichkeit selbst es tut,
erreicht.
Und auch Musik und Tanz werden die gleiche Erscheinung
zeigen können.
Das also scheinen mir die beiden Bedeutungen zu sein, in
denen der Begriff des Naturalismus mit Recht auf die Kunst anwendbar ist; in
die beiden Richtungen vom Künstler her und zum Beschauer hin löst sich der
Irrbegriff einer objektiven Naturabschrift auf, der ein Erfolg des modernen
Intellektualismus ist.
Dass das Impulsive, Naturhafte, dasjenige im Künstler,
das sich nur äußern will, das Werk dominiert, statt der aus der artistischen
Objektivität kommenden Gestaltung, dass man dies durch das rein Artistische
hindurch fühlt - und dass der Gefühlsertrag für den Beschauer die
Wirklichkeitsgefühle, wenn auch mit künstlerischen Mitteln erreicht,
einschließt - das sind die Arten, auf die dem Autor die Realität im
Kunstwerk wirklich lebendig werden kann, und für die die objektive
Naturalistik des Werkes nur Folge oder Mittel oder Durchgangspunkt, aber
kein artistisch wesenhafter Endwert sein kann.
Die Theoretiker des Naturalismus berufen sich dauernd auf
die rastlosen Naturstudien der großen Künstler und ihre Äußerungen, dass die
Natur allein ihre Lehrmeisterin sei usw.
Der eigentliche Beweispunkt ist darin gänzlich
verschoben.
Die Kunst ist Formung von Weltinhalten, die wir auch in
der Form der Wirklichkeit haben.
Wenn von ihren Gebilden Gesetzmäßigkeit, Ausschluss der
Willkür, Objektivität gefordert wird, so hat dies durchaus nicht die
Einsinnigkeit des Wirklichkeitsbildes, da jeder Künstler der gleichen
Wirklichkeit ein andres Kunstgebilde entnimmt.
Jene Forderungen beziehen sich nicht auf die Relation des
Kunstgebildes zur Wirklichkeit seiner Inhalte; sie beziehen sich darauf,
dass die künstlerische Persönlichkeit zu diesen Inhalten ein ideell
festgelegtes Verhältnis hat, ein ideell vorgezeichnetes Optimum: wie grade
diese Schöpferkraft diese Inhalte zu gestalten habe.
Hier ist ein ganz objektiv Gefordertes, das weder das
Gesetz der Person ist, noch das Gesetz der für sich allein betrachteten
Inhalte, wie sie in der uns sonst zugängigen Form der Wirklichkeit gegeben
sind - sondern ein Drittes, das diese beiden irgendwie in sich enthält,
obgleich es nicht aus ihnen gemischt, sondern eine autonome Einheit ist.
Der technische oder psychologische Weg zu ihrer Gewinnung
aber ist die Kenntnis der Inhalte, und zwar naturgemäß in der Form, in der
sie sich am ersten und eindringlichsten bieten, in der Form der
Wirklichkeit.
Was Lionardo und Michelangelo, Velasquez und Rembrandt zu
unablässigem Naturstudium trieb, war sicher nicht das Interesse an der
Wirklichkeit dessen, was sie sahen und das ihnen den Stoff für ihr
Schöpfertum lieferte, das immer ein Schöpfertum der Form ist.
Durch jene prästabilierte Harmonie, die das eigentliche
Wunder der Kunst ist und die durchaus der Größe des Genies proportional ist,
konnten sie das Innerlichste, Eigenste, Schöpferische ihres Genies um so
ungehemmter und energischer entfalten, je tiefer sie in die Eigenstruktur
der Dinge eindrangen - also grade die Wirklichkeit nahmen sie den Dingen,
indem sie sie zum Inhalt der Kunst machten.
Sehen wir hier noch einmal auf den banalen Begriff des
Realismus zurück, der - wenn auch vielleicht nur in seiner Theorie - von der
Wirklichkeit hypnotisiert ist, bloß weil sie wirklich ist, so wird er damit
der Kunst als solcher nicht weniger untreu als er es der »idealisierenden«
Kunst vorwirft.
Diesen Vorwurf erhebt er mit Recht.
Ein Kunstwerk, das seine zentrale, das Ganze bestimmende
und dem Ganzen seinen Wert gebende Bedeutung in einer »Idee« jenseits seiner
Erscheinung hat, in einer Idee, die ihren Sinn und Wert für sich und
unabhängig von dieser Erscheinung besitzt - macht die Kunst gleichfalls
einerseits zu einem bloßen Mittel, um mit ihr Gefühle und Impulse zu
erzielen, die nach einem Punkt außerhalb der Kunst gravitieren; es macht
andererseits die Idee zum Mittel für den Wert und Eindruck des Kunstwerks,
fügt ihm also einen sozusagen nicht selbstverdienten Reiz hinzu, in den
groben Fällen etwa aus historischen Reminiszenzen, in den feineren aus
idealen Werten, religiösen oder ethischen, metaphysischen oder
gemütsmässigen.
Der Realismus und dieser Idealismus gehen beide gleich
weit, nur nach verschiedenen Dimensionen über die Selbständigkeit und
Geschlossenheit der Kunst als Kunst hinaus.
Die bildende Kunst hat eben durchaus keine andere Domäne
als die Erscheinung als dasjenige, was man den qualitativen Inhalt der
anschaulichen Welt nennen könnte.
Das Sein der Erscheinung, das gleichsam unterhalb ihrer
Oberfläche liegt, ist ebenso ein Jenseits der Kunst, wie die Ideen es sind,
die entsprechend oberhalb der Erscheinung liegen.
In beiden Fällen lebt sie auf Borg, ihr Ort ist weder die
Realität noch die Idealität der Dinge, weder deren Sein, noch deren
Zugehörigkeit zu den idealen Ordnungen der Sittlichkeit oder der Erkenntnis,
der sozialen oder religiösen Werte - sondern ein Drittes: die sozusagen
reinen, von der Fesselung an die Wirklichkeitsform gelösten Weltinhalte, nun
in derjenigen Formung, die das Verhältnis zwischen ihnen und einem
schöpferischen Geist ihnen auferlegt.
Wenn es von der realistischen Partei mit besonderer
Entrüstung zurückgewiesen wird, dass die Kunst »etwas soll« - so gilt dies
selbstverständlich nicht von den Forderungen und Idealen, die der Kunst
selbst wesentlich sind: gewiss soll das Kunstwerk etwas, nämlich so
vollkommen wie möglich sein.
Es gilt aber mit vollem Recht von den Zwecksetzungen, die
man der Kunst von außerhalb ihrer aufdrängen will, moralischen oder
vergnüglichen, patriotischen oder religiösen.
Wenn sich aber der Realismus gegen solche fremden
Gesetzgebungen, die die Kunst zu einem bloßen Mittel herabsetzen, wehrt, so
vergesse er nicht, dass er, die Wirklichkeit als Wirklichkeit durch das
Kunstwerk hindurchwirken lassend - in grober Unmittelbarkeit oder mit jenen
feineren, seelisch-sekundären Reaktionen-, den genau gleichen Fehler begeht.
Er dient der Idee »Realität« ebenso wie jene der Idee
Religion oder Versittlichung oder Vaterland.
Auch er setzt die Kunst zu einem Mittel für die
Realitätsentwicklung herab - für eine Wirkung also, die ihren Wert nicht aus
dem Kunstwerk, sondern aus jenseits ihrer gelegenen Ordnungen und
Bedeutsamkeiten bezieht.
Erst wenn begriffen wird, dass die Kunst jenes Dritte -
jenseits ebenso der Wirklichkeit wie der subjektiven Willkür - bedeutet, und
dieses dadurch erreicht, dass der subjektivnaturalistische Impuls des
Künstlers, seine Freiheit, dasjenige erzeugt, was nach den objektiven
Forderungen der Kunst notwendig ist - erst dann mag uns eine Ahnung
aufgehen, wieso an dem großen Kunstwerk auch die beiden anderen großen
Gegensätze, die sonst unser Weltverhältnis unter sich aufteilen: Freiheit
und Notwendigkeit ihre Gegensätzlichkeit verlieren.
Der Naturalismus hat den Wahrheitsbegriff nicht nur
mechanistisch eng gefasst, sondern ihn auch falsch gerichtet, indem er die
künstlerische Wahrheit in die Übereinstimmung mit einem dem Kunstwerk
äußeren Objekt verlegte.
Allein dass er überhaupt ein Wahrheitsideal an die Kunst
heranbrachte, ist ein unverlierbarer Gewinn.
Das lässt auch gegenüber dem absolut Unnaturalistischen
jetzt vor allem die Frage der Wahrheit oder Verlogenheit stellen.
Denn Lüge ist nicht das objektiv sondern das subjektiv
Unrichtige.
Wahrheit des Kunstwerks: adäquater Ausdruck eines Seins
(der Seele des Künstlers) nicht des Inhalts im Verhältnis zu einem Äußeren.
Die Wahrheit des Kunstwerks ist nichts anderes als die
Wahrhaftigkeit des Künstlers: dass er die innere Schauung, die er als
Künstler hat, nach außen gestaltet, ohne sie durch Einflüsse aus anderen
Sphären abbiegen zu lassen.
Wenn religiöses Dogma oder das Gefallen des Publikums
oder historische Tradition ihn bestimmen, so markiert sich das an
Unstimmigkeiten und Zufälligkeiten in dem objektiven Befund des Werkes, die
wir als dessen Unwahrheit bezeichnen.
Theoretische Wahrheit ist Übereinstimmung aller Elemente,
d. h. ihr harmonisches Zusammenkommen zu der Einheit unseres denkenden Ichs.
Ebenso ist künstlerische Wahrheit das Übereinstimmen
aller Teile des Werkes, durch das fühlbar gemacht wird, dass sie alle aus
einer künstlerischen Seele hervorgegangen sind.
Deshalb ist jede Stilunreinheit, jedes Hernehmen der
Elemente des Werkes aus verschiedenen Empfindungsreihen eine Unwahrheit,
weil wir fühlen, dass dies nicht aus einer seelischen Wurzel, und also nicht
aus einer seelischen Wurzel erwachsen ist.
Eben dasselbe Landschaftsbild, das den Maler zu seiner
anschaulichen Wiedergabe anregt, bewegt den Dichter zu einem Gedicht, den
Musiker zu einer Komposition.
Das eine hat so wenig objektive Wahrheit wie das andere.
Intellektualismus: Verwechslung der theoretischen mit der
künstlerischen Wahrheit - ein Hauptmotiv des Naturalismus.
Fiedlers Theorie von dem Nachbilden des
Produktionsprozesses durch den Beschauer ist ein in die Kunstsphäre selbst
übertragener Naturalismus.
Immer derselbe in tausend Formen versteckte Grundirrtum,
dass Original und Nachbildung mechanisch »ähnlich« sein müssen, dass Ursache
und Wirkung sich formal gleichen müssen.
Analogie: die scheinbare psychologische Gleichheit
zwischen dem historisch Verstehenden und dem verstandenen Objekt, damit es
zu einem Verstehen käme.
Verstehen ist nicht Nachbilden, obgleich irgend eine
Parallelität des Seins freilich zum Verstehen gehört.
Gerade die Freude an der »Natur« der Eindrücke ist die
mittelbare: Nachtigallenschlag, Blumen, Bergformen verlieren, wenn sie
nachgeahmt sind und die Nachahmung als solche erkannt ist (Berge durch
Wolken) jeden Reiz.
Hier gehört also außer dem formell ästhetischen Reiz noch
etwas dazu, um das zwar die Natur reicher ist als die Kunst, das aber dieser
dafür nicht genommen werden kann.
Am Naturprodukt fühlen wir die Genesis, wir leiten es in
direkter Linie zurück auf das allgemeine Sein, dem auch wir entsprungen
sind.
Die Nachahmung, die auf ganz anderem Wege zu demselben
Erscheinungs-Resultat gelangt ist, macht uns völlig unsicher, es fehlt die
Basis, zu der wir uns durchfühlen könnten, es schwebt in der Luft, wir
suchen unwillkürlich auch ihm gegenüber nach dem Ursprung in der Reihe,
deren Blüte er bildet, und wissen nicht, nach welcher Richtung wir suchen
sollen, allenfalls finden wir eine, die unseren gewohnten Vorstellungen
dieser Dinge ganz heterogen und im Verhältnis zu ihm ganz sinnlos ist.
Dem Kunstwerk gegenüber aber stellen wir diese Frage
nicht, es schwebt zwar gleichfalls in der Luft, aber das ist auch sein Ort.
Es hat keine Basis außerhalb seiner, aber es braucht
seinem Wesen nach auch keine, ja es darf gar keine, die außerhalb seiner
Erscheinung liegt, haben.
Wenn die Kunst im Reiche der bloßen Inhalte des Daseins
wohnt, ganz jenseits der Frage nach ihrer Existenz oder Nicht-Existenz - so
muss sie dieselben so auswählen und darstellen, dass diese Frage auch
wirklich psychologisch nicht auftaucht.
Dadurch sind gewisse Inhalte mehr oder weniger von
vornherein ausgeschlossen: sexuelle Vorstellungen, Interessen des ganz
täglichen Lebens, sehr merkwürdige Zufälle, historische Ereignisse als
solche lassen durch unvermeidliche Assoziationen und innere Vermittlungen
die Kategorie der Realität lebendig werden.
Bei dem bloßen Inhalt der Vorstellungen dieser Art taucht
der Wunsch, die Frage, das Wissen ihrer Realität psychologisch auf, d. h.
die Beziehung ihrer zu noch anderen Sinnen (der Wirklichkeit oder
Möglichkeit nach) als zu dem einen, zu dem das Kunstwerk als solches
spricht.
Verhältnis des Naturalismus zur Individualisierung, der
Stilisierung zur Verallgemeinerung.
Damit dass die Komödie nur Typen zeichnet, macht sie
ihren Realismus künstlerisch möglich.
Die Renaissance will nicht Illusionismus im Gegensatz zum
Trecento, sondern sie führt nur immer mehr Elemente aus der Wirklichkeit in
die spezifische Kunstwelt hinein.
Ganz ohne solche war doch auch das Trecento nicht
ausgekommen.
Aber sie wirkten in ihm allerdings schon an sich gänzlich
wirklichkeitsfremd, weil zu viele Bestandteile, die der Wirklichkeit
korrespondierten, fehlten und erst die Zusammenwirkung solcher den
Wirklichkeitseindruck erzeugen können.
Daher entsteht, wo die Kunst sich überhaupt vieler
Wirklichkeitselemente bemächtigt, für den ungebildeten Beschauer leicht die
Vorstellung des Realismus.
Je mehr Wirklichkeitselemente in die Kunst hineinkommen,
desto größer wird ihre Aufgabe, sie zu der besonderen autonomen Kunstwelt zu
gestalten.
Dies der Grund, weshalb mit steigender Bereicherung der
Kunstprobleme die Bilder, die den Eindruck wirklich reiner Kunst gewähren,
immer seltner werden.
Wogegen die sich von selbst ergebende Distanz von der
Wirklichkeit in der frühesten Kunst bewirkt, dass auch die Werke minderer
Künstler uns in die Kunstsphäre versetzen.
Später wächst die Gefahr des Illusionismus.
Daher Flucht ins Ornamentale.
Dafür die Vertiefung und Verbreiterung der Kunstsphären,
wenn sie innegehalten ist, ganz unermesslich gerade durch die scheinbare
Nähe des Wirklichen.
Das Ausschalten der Räumlichkeit oder überhaupt das
prinzipielle Abstrahieren von Wirklichkeitselementen ist ein bloß
mechanisches, äußeres Mittel, um das Fürsichsein und die Eigengesetzlichkeit
der Kunst zu markieren.
Sie ist größer, wenn sie alles jenes aufnimmt, ohne
dieses zu verlieren, wenn sie sich den Feind dienstbar gemacht hat.
Wie überhaupt der größere Mensch der ist, der den Dingen
ihr Recht lässt oder gibt und trotzdem oder eben damit zu der vollen
Entwickelung seiner selbst kommt.
(Goethe).
Plastische Gruppen meist völlig zerrissen, weil durch
ihre Lücken die wirkliche Welt hineindrängt.
Nur Michelangelo und Rodin schließen ihre Gruppen so,
dass dies nicht geschieht.
Eine plastische Gruppe hat etwas Realistisches.
Relation der Figuren bedeutet Realität.
Die Gestalten mögen ideal sein; die Verhältnisse zwischen
ihnen können auch zwischen realen bestehen.
Deshalb ist die Gruppe um so künstlerischer je
geschlossener sie ist, weil sich die Figuren dann nicht in dieser Relation
gegenübertreten; sie sind nicht selbständig genug, um sich gegenseitig
Realität zu gewähren.
Denn das Wesen der plastischen Figur ist die absolute
Einsamkeit in ihrem Raum.
Sobald die Gruppe die Einsamkeit aufhebt, wird das
Kunstprinzip der Plastik bedroht.
Gewiss hat uns die Unzulänglichkeit und rasche
Erschöpftheit des Naturalismus wieder einer abstrakten, stilisierten Kunst
in die Arme getrieben.
Allein ganz innerlich fühlen wir uns doch auch mit ihr
nicht völlig befriedigt.
Die wirkliche neue Kunst wird ein Drittes sein.
Die Ahnung hiervon in Rodin.
Wiederum der Dualismus von Psychologie und Logik.
Bezeichnet man den Naturalismus als subjektivisch
(Impressionismus, Naturalismus des Künstlers), den Stilismus als
objektivisch, so kann man das Problem auch als Objektivierung des Subjekts
ausdrücken.
Beim Künstler setzt sich das Erlebnis -, aber nicht das
einzelne oder äußere, dessen es gar nicht bedarf, sondern die Lebensrhythmik
und Dynamik als solche -, unmittelbar in schaffende bildende Innervation um.
Dies seine tiefe Fremdheit gegen die theoretische Natur,
bei der das Erlebnis innerlich bleibt und keine Gestaltung sondern nur
Gedanken auslöst; aber auch die Fremdheit gegen die praktische Natur, bei
der nicht das Erlebnis, sondern die Forderung oder der rein aus dem
Handlungszentrum hervorbrechende Trieb die Innervation auslöst.
Sobald solche Äußerung absolut unmittelbar ist, ist sie
noch nicht Kunst.
- Expressionismus.
Das Kunstwerk wirkt, als wäre es vom terminus ad quem
bestimmt.
Beim Künstler ist die Kausalität Teleologie oder
umgekehrt.
In dem Maß, in dem Kausalität überwiegt, ist es
Naturalismus, weil Natur.
Gerade der am tiefsten schöpferische Mensch sieht die
Inhalte seiner inneren Vorgänge sich gegenüber, so dass er sie, die die
andern nur leben, gerade so erfährt, wie ein äußerlich Beobachtetes;
vielleicht ist dies beim Dramatiker am stärksten, da er Entwicklungsreihen,
die ausschließlich von der Keimungskraft seines Geistes hervorgetrieben
werden, als Schicksale, Charaktere, Äußerungen selbständiger
Persönlichkeiten vor sich sieht.
Man kann durchaus sagen: Shakespeare habe die
Hamletgestalt erfahren, gerade wie er die innere Entwickelung seines eigenen
Lebens erfahren hat.
Dies ist der vollkommenste Gegensatz zu dem sekundären
Talent, dem Pseudodichter, der nur Beobachtungen an Personen außerhalb
seiner zusammensetzt, und weil diese von sich aus niemals ein einheitliches
und kontinuierliches Persönlichkeitsbild geben, nun grade aus seiner
Subjektivität als solcher die Verbindungen und zusammenhaltenden Motive
hereintragen muss.
Hier ist eine Inkohärenz des Objektiven und des
Subjektiven, die jedes in scharfer Sonderung fühlen lässt.
Deshalb erscheint der nicht im gleichen Sinne
schöpferische, sondern nur naturalistisch beobachtende Dichter an vielen
Punkten bedeutend subjektiver als jener, bei dem der Schaffensprozess von
vornherein und ganz und gar als innere Erfahrung abläuft und die subjektive
Produktion eine innere Schauung ist.
Es ist mir gar kein Zweifel, dass die Quelle, aus der der
Schaffende die erforderliche Erkenntnis schöpft, Erfahrung ist - aber
wiederum keine äußere aus fragmentarischen Beobachtungen gesammelte, sondern
Erfahrung seiner selbst: d. h. in ihm selbst entwickelt sich aus einer
ursprünglichen Vision, aus einem in ihm selbst liegenden, nun befruchteten
Keim Moment für Moment die Gestalt. - Diese autogene Erfahrung ist nicht
etwa »innere Erfahrung«, da solche immer als Erfahrung von der eignen Person
verstanden wird.
Das Subjekt der Inhalte ist hier immer »Ich«.
In dem Genie aber entsteht das Gebilde, das ein anderes
Subjekt hat.
Auch das Kunstwerk wird wie die Wahrheit »gefunden«, als
ideell Vorgezeichnetes nachgezeichnet.
Ebenso subjektiv, im Empfangenden.
Wenn wir ein Kunstwerk völlig verstehen, wenn es völlig
ergreift und erfüllt, so ist es, als ob es eine Stelle in uns ausfüllte, die
genau auf diese Ausfüllung gewartet hat.
Auch in uns ist es wie die Verwirklichung von etwas, was
von je als positive bestimmte Möglichkeit in uns war.
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m n
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Das ist das eigentlich Göttliche der Kunst: dass sich das
Ich an einer objektiven Wirklichkeit ausdrücke, an etwas, das ganz für sich
besteht, in seiner Existenz gelöst von seinem Schöpfer, wie man von Gott
sagt, dass er zwar die Welt geschaffen und mit ihren Qualitäten und Kräften
ausgestattet, dann aber sie völlig den Gesetzen, die nun die ihrigen sind,
überlassen hat.
Der praktische Mensch dagegen gibt entweder den
bestehenden Dingen neue Formen, schafft also nicht neue Totalitäten - oder
wenn er dies tut wie der Erfinder, der Staatsmann, hat das Geschaffene
seinen Sinn immer in seiner weiter wirkenden Zweckbeziehung, nicht in seinem
selbstgenugsamen Sein.
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