Unzählige Male gehen wir durch die freie Natur und nehmen, mit den
verschiedensten Graden der Aufmerksamkeit, Bäume und Gewässer wahr,
Wiesen und Getreidefelder, Hügel und Häuser und allen tausendfältigen
Wechsel des Lichtes und Gewölkes - aber darum, dass wir auf dies
einzelne achten oder auch dies und jenes zusammenschauen, sind wir uns
noch nicht bewusst, eine »Landschaft« zu sehen.
Vielmehr gerade solch einzelner Inhalt des Blickfeldes darf unsern
Sinn nicht mehr fesseln.
Unser Bewusstsein muss ein neues Ganzes, Einheitliches haben, über
die Elemente hinweg, an ihre Sonderbedeutungen nicht gebunden und aus
ihnen nicht mechanisch zusammengesetzt - das erst ist die Landschaft.
Täusche ich mich nicht, so hat man sich selten klar gemacht, dass
Landschaft noch nicht damit gegeben ist, dass allerhand Dinge
nebeneinander auf einem Stück Erdboden ausgebreitet sind und
unmittelbar angeschaut werden.
Den eigentümlichen geistigen Prozess, der aus alledem erst die
Landschaft erzeugt, versuche ich von einigen seiner Voraussetzungen und
Formen her zu deuten.
Zunächst: dass die Sichtbarkeiten auf einem Fleck Erde »Natur«
sind -, allenfalls mit Menschenwerken, die sich ihr aber einordnen -und
nicht Straßenzüge mit Warenhäusern und Automobilen, das macht diesen
Fleck noch nicht zu einer Landschaft.
Unter Natur verstehen wir den endlosen Zusammenhang der Dinge, das
ununterbrochene Gebären und Vernichten von Formen, die flutende Einheit
des Geschehens, die sich in der Kontinuität der zeitlichen und
räumlichen Existenz ausdrückt.
Bezeichnen wir ein Wirkliches als Natur, so meinen wir entweder eine
innere Qualität, seinen Unterschied gegen Kunst und Künstliches, gegen
Ideelles und Geschichtliches; oder dass es als Vertreter und Symbol
jenes Gesamtseins gelten soll, dass wir dessen Strömung in ihm rauschen
hören.
»Ein Stück Natur« ist eigentlich ein innerer Widerspruch; die
Natur hat keine Stücke, sie ist die Einheit eines Ganzen, und in dem
Augenblick, wo irgend etwas aus ihr herausgestückt wird, ist es nicht
mehr ganz und gar Natur, weil es eben nur innerhalb jener
grenzstrichlosen Einheit, nur als Welle jenes Gesamtstromes »Natur«
sein kann.
Für die Landschaft aber ist gerade die Abgrenzung, das Befasstsein
in einem momentanen oder dauernden Gesichtskreis durchaus wesentlich;
ihre materielle Basis oder ihre einzelnen Stücke mögen schlechthin als
Natur gelten - als »Landschaft« vorgestellt, fordert sie ein
vielleicht optisches, vielleicht ästhetisches, vielleicht
stimmungsmäßiges Für-sich-Sein, eine singuläre, charakterisierende
Enthobenheit aus jener unzerteilbaren Einheit der Natur, in der jedes
Stück nur ein Durchgangspunkt für die Allkräfte des Daseins sein
kann.
Ein Stück Boden mit dem, was darauf ist, als Landschaft ansehen,
heißt einen Ausschnitt aus der Natur nun seinerseits als Einheit
betrachten - was sich dem Begriff der Natur ganz entfremdet.
Dies scheint mir die geistige Tat zu sein, mit der der Mensch einen
Erscheinungskreis in die Kategorie »Landschaft« hineinformt: eine in
sich geschlossene Anschauung als selbstgenugsame Einheit empfunden,
dennoch verflochten in ein unendlich weiter Erstrecktes, weiter
Flutendes, eingefasst in Grenzen, die für das darunter, in anderer
Schicht wohnende Gefühl des göttlich Einen, des Naturganzen, nicht
bestehen.
Fortwährend werden von diesem die selbstgesetzten Schranken der
jeweiligen Landschaft umspielt und gelöst, wird sie, die losgerissene,
verselbständigte, von dem dunkeln Wissen um diesen unendlichen
Zusammenhang durchgeistet, - wie das Werk eines Menschen als ein
objektives, selbstverantwortliches Gebilde dasteht und dennoch in einer
schwer ausdrückbaren Verflochtenheit mit der ganzen Seele, mit der
ganzen Lebendigkeit seines Schöpfers verbleibt, von ihr getragen und
noch immer fühlbar durchflutet.
Die Natur, die in ihrem tiefen Sein und Sinn nichts von
Individualität weiß, wird durch den teilenden und das Geteilte zu
Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen zu der jeweiligen
Individualität »Landschaft« umgebaut.
Man hat oft festgestellt, dass das eigentliche »Naturgefühl« sich
erst in der Neuzeit entwickelt habe und hat dies von deren Lyrismus,
Romantik usw. hergeleitet; wie ich glaube, einigermaßen oberflächlich.
Die Religionen primitiverer Zeiten scheinen mir gerade ein besonders
tiefes Gefühl für »Natur« zu offenbaren.
Nur die Empfindung für das besondere Gebilde »Landschaft« ist
spät gewachsen, und zwar gerade, weil dessen Schöpfung ein Losreißen
von jenem einheitlichen Fühlen der Allnatur forderte.
Die Individualisierung der inneren und äußeren Daseinsformen, die
Auflösung der ursprünglichen Gebundenheiten und Verbundenheiten zu
differenzierten Eigenbeständen - diese große Formel der
nachmittelalterlichen Welt hat uns auch aus der Natur erst die
Landschaft heraussehen lassen.
Kein Wunder, dass die Antike und das Mittelalter kein Gefühl für
die Landschaft hatten; das Objekt selbst bestand eben noch nicht in
jener seelischen Entschiedenheit und selbständigen Umformtheit, deren
endlichen Gewinn dann die Entstehung der Landschaftsmalerei bestätigte
und sozusagen kapitalisierte.
Dass der Teil eines Ganzen zu einem selbständigen Ganzen wird, jenem
entwachsend und ein Eigenrecht ihm gegenüber beanspruchend - das ist
vielleicht die fundamentale Tragödie des Geistes überhaupt, die in der
Neuzeit zu vollem Auswirken gelangt ist und die Führung des
Kulturprozesses an sich gerissen hat.
Aus der Vielfachheit der Beziehungen, in die sich die Menschen, die
Gruppen, die Gebilde verflechten, starrt uns allenthalben der Dualismus
entgegen, dass das Einzelne ein Ganzes zu sein begehrt und dass seine
Zugehörigkeit zu größeren Ganzen ihm nur die Rolle des Gliedes
einräumen will.
Wir wissen unser Zentrum zugleich außer uns und in uns, denn wir
selbst und unser Werk sind bloße Elemente von Ganzheiten, die uns als
arbeitsteilige Einseitigkeiten fordern -und dabei wollen wir dennoch
selber ein Abgerundetes und Auf-sich-selbst-Stehendes sein und ein
solches schaffen.
Während sich hieraus unzählige Kämpfe und Zerrissenheiten im
Sozialen und im Technischen, im Geistigen und im Sittlichen ergeben,
schafft die gleiche Form der Natur gegenüber den versöhnten Reichtum
der Landschaft, die ein Individuelles, Geschlossenes,
In-sich-Befriedigtes ist, und dabei widerspruchslos dem Ganzen der Natur
und seiner Einheit verhaftet bleibt.
Zu leugnen aber ist nicht, dass »Landschaft« nur entsteht, indem
das in der Anschauung und im Gefühl pulsierende Leben sich von der
Einheitlichkeit der Natur überhaupt losreißt und das damit
geschaffene, in eine ganz neue Schicht transponierte Sondergebilde sich
sozusagen erst von sich aus jenem All-Leben wieder öffnet, in seine
undurchbrochenen Grenzen das Unbegrenzte aufnehmend.
Welches Gesetz aber, so müssen wir weiter fragen, bestimmt diese
Auswahl und diese Zusammensetzung? Denn was wir etwa mit einem Blick
oder innerhalb unseres momentanen Horizontes überschauen, ist noch
nicht Landschaft, sondern höchstens der Stoff zu ihr - wie eine Menge
nebeneinandergestellter Bücher noch nicht »eine Bibliothek« sind,
dies vielmehr, ohne dass eines dazu oder davon käme, erst werden, wenn
ein gewisser vereinheitlichender Begriff sie formend umfasst.
Nur dass die unbewusst wirksame Formel, die die Landschaft als solche
erzeugt, nicht eben so einfach aufzuweisen ist, ja vielleicht in
prinzipieller Weise überhaupt nicht.
Das Material der Landschaft, wie die bloße Natur es liefert, ist so
unendlich mannigfaltig und von Fall zu Fall wechselnd, dass auch die
Gesichtspunkte und Formen, die diese Elemente zu je einer
Eindruckseinheit zusammenschließen, sehr variable sein werden.
Der Weg, um hier wenigstens Annäherungswerte zu erreichen, scheint
mir über die Landschaft als malerisches Kunstwerk zu führen.
Denn das Verständnis unseres ganzen Problems hängt an dem Motiv:
das Kunstwerk Landschaft entsteht als die steigernde Fortsetzung und
Reinigung des Prozesses, in dem uns allen aus dem bloßen Eindruck
einzelner Naturdinge die Landschaft - im Sinne des gewöhnlichen
Sprachgebrauchs - erwächst.
Eben das, was der Künstler tut: dass er aus der chaotischen
Strömung und Endlosigkeit der unmittelbar gegebenen Welt ein Stück
herausgrenzt, es als eine Einheit fasst und formt, die nun ihren Sinn in
sich selbst findet und die weltverbindenden Fäden abgeschnitten und in
den eigenen Mittelpunkt zurückgeknüpft hat - eben dies tun wir in
niederem, weniger prinzipiellem Maße, in fragmentarischer,
grenzunsichrerer Art, sobald wir statt einer Wiese und eines Hauses und
eines Baches und eines Wolkenzuges nun eine »Landschaft« schauen.
Eine der tiefsten Bestimmungen alles geistigen und produktiven Lebens
wird hier offenbar.
Alles, was wir Kultur nennen, enthält eine Reihe eigengesetzlicher
Gebilde, die sich in selbstgenugsamer Reinheit jenseits des täglichen,
vielverflochtenen, in Praxis und Subjektivität verlaufenden Lebens
gestellt haben; ich nenne die Wissenschaft, die Religion, die Kunst.
Gewiss können diese verlangen, nach ihren für sich bestehenden, von
allen Getrübtheiten des zufälligen Lebens gelösten Ideen und Normen
gepflegt und begriffen zu werden.
Dennoch läuft noch ein anderer Weg zu ihrem Verständnis, oder
richtiger, ein Weg zu einem noch anderen Verständnis ihrer.
Das empirische, sozusagen unprinzipielle Leben enthält nämlich
fortwährend Ansätze und Elemente jener Gebilde, die sich aus ihm zu
ihrer sich selbst gehörigen, nur um die eigene Idee kristallisierenden
Entwicklung aufringen.
Nicht so, als bestünden all diese Schöpfungskomplexe des Geistes
und unser, unter irgend welchen Trieben und Zielen ablaufendes Leben
bemächtigte sich gewisser Abschnitte jener und fügte sie sich ein.
Nicht dieses, natürlich dauernd Geschehende, ist hier gemeint,
sondern das umgekehrt Gerichtete.
Das Leben erzeugt in seinem kontinuierlichen Ablauf etwa Gefühle und
Verhaltungsweisen, die man religiös nennen muss, obgleich sie
keineswegs unter dem Begriff der Religion erlebt werden oder unter ihn
gehören: Liebe und Natureindrücke, ideale Aufschwünge und Hingebung
an die weiteren und engeren Gemeinschaften der Menschheit haben oft
genug diese Färbung, die aber nicht von der selbständig fertigen
»Religion« auf sie überstrahlt.
Sondern Religion ihrerseits entsteht, indem dies eigenartige, mit all
solchen Erlebnissen mitgewachsene, die Art ihres Erlebtwerdens
mitbestimmende Element sich zu Eigenbestand erhebt, ihren Inhalt hinter
sich lässt, sich selbstschöpferisch zu den reinen Gebilden verdichtet,
die seine Ausdrücke sind: zu den Gottheiten - ganz unabhängig davon,
welche Wahrheit und Bedeutung nun dies Gebilde in seinem Selbstleben und
getrennt von all jenen Vorformen besitze.
Die Religiosität, in deren Tonart wir unzählige Gefühle und
Schicksale erleben, kommt nicht - oder sozusagen erst nachträglich -
von der Religion als einem transzendenten Sondergebiet, sondern
umgekehrt, die Religion wächst aus jener Religiosität, insofern diese
nun aus sich selbst Inhalte schafft, statt nur die vom Leben gegebenen,
in das Leben weiter verflochtenen, zu formen oder zu färben.
Mit der Wissenschaft ist es nicht anders.
Ihre Methoden und Normen in all ihrer unberührten Höhe und
Selbstherrlichkeit sind doch die verselbständigten, zur
Alleinherrschaft gelangten Formen des alltäglichen Erkennens.
Diese freilich sind bloße Mittel der Praxis, dienende und irgendwie
zufällige Elemente, mit soundsoviel anderen zu der empirischen
Lebenstotalität verschlungen; in der Wissenschaft aber ist das Erkennen
Selbstzweck geworden, ein nach eigener Legislatur verwaltetes Reich des
Geistes - mit dieser ungeheuren Verlegung des Zentrums und Sinnes doch
nur die Reinheit und Prinzipwerdung jenes, durch das Leben und die Welt
des Alltags verstreuten Wissens.
Statt der aufklärerischen Banalität, die die idealen Wertprovinzen
aus den Niedrigkeiten des Lebens zusammenleimen will, die Religion aus
Furcht und Hoffnung und Unwissenheit, die Erkenntnis aus den sinnlichen
und nur dem Sinnlichen dienenden Zufälligkeiten - gilt es vielmehr
einzusehen, dass zu den lebenbestimmenden Energien jene idealen von
vornherein gehören; und nur indem sie, statt fremdem Stoff sich
anzuschmiegen, zu Gesetzgebern eigener Reiche, Schöpfern eigener
Inhalte werden, wachsen unsere Wertbezirke um die Reinheit je einer Idee
auf.
Und dies ist ebenso die Wesensformel der Kunst.
Völlig töricht, sie aus dem Nachahmungstrieb, dem Spieltrieb oder
anderen psychologischen Fremdquellen abzuleiten, die sich freilich ihrem
echten Quell vermischen und ihre Äußerung mitbestimmen mögen: Kunst
als Kunst aber kann nur aus künstlerischer Dynamik kommen.
Nicht als ob sie mit dem fertigen Kunstwerk anfinge.
Sie kommt aus dem Leben - aber nur weil und insofern das Leben, wie
es täglich und überall gelebt wird, jene Formungskräfte enthält,
deren reine, selbständig gewordene, für sich ihr Objekt bestimmende
Auswirkung dann Kunst heißt.
Gewiss wirkt kein Begriff von »Kunst« mit, wenn der Mensch
alltäglich redet oder sich in Gesten ausdrückt oder wenn seine
Anschauung ihre Elemente nach Sinn und Einheit formt.
Aber es wirken in alledem Gestaltungsarten, die wir gleichsam
nachträglich künstlerische nennen müssen; denn wenn sie in
Eigengesetzlichkeit und gelöst von der dienenden Verwebung in das Leben
ein Objekt für sich formen, das nur ihr Produkt ist, so ist dies eben
ein »Kunstwerk«.
Auf diesem weiten Wege erst rechtfertigt sich unsere Deutung der
Landschaft aus den letzten Formungsgründen unseres Weltbildes heraus.
Wo wir wirklich Landschaft und nicht mehr eine Summe einzelner
Naturgegenstände sehen, haben wir ein Kunstwerk in statu nascendi.
Wenn man so auffallend oft gerade landschaftlichen Eindrücken
gegenüber von Laien die Äußerung hört: man wünsche ein Maler zu
sein, um dieses Bild festzuhalten, so bedeutet dies sicher nicht nur den
Wunsch nach fixierter Reminiszenz, der gegenüber vielen anderen
Eindrücken anderer Art ebenso wahrscheinlich wäre, sondern mit jenem
Anschauen selbst ist die künstlerische Form, wie embryonal auch immer,
in uns lebend, wirksam geworden, und, unfähig zu eigenem Schöpfertum
zu gelangen, schwingt sie wenigstens in den Wunsch, in die innerliche
Vorwegnahme eines solchen.
Dass das künstlerisch bildende Vermögen eines jeden gerade an der
Landschaft zu höherer Verwirklichung gelangt, als etwa an der
Anschauung menschlicher Individuen, hat mancherlei Gründe.
Zunächst steht uns die Landschaft in einer Distanz der Objektivität
gegenüber, die dem künstlerischen Verhalten zugute kommt und die für
die Anschauung des anderen Menschen nicht leicht und nicht unmittelbar
zu erreichen ist.
Hier hindern uns an ihr die subjektiven Ablenkungen durch Sympathie
und Antipathie, die praktischen Verflochtenheiten und vor allem jene
noch wenig betrachteten Vorgefühle: was dieser Mensch uns wohl bedeuten
würde, wenn er ein Faktor unseres Lebens wäre - offenbar sehr dunkle
und komplexe Gefühle, die mir aber unsere ganze Betrachtung auch des
fremdesten Individuums mit zu entscheiden scheinen.
Zu dieser Schwierigkeit ruhiger Distanznahme zu dem Menschenbilde,
verglichen mit dem Landschaftsbilde, kommt das, was man den Widerstand
des ersteren gegen die künstlerische Formung nennen muss.
Landschaftselemente kann unser Blick bald in dieser, bald in jener
Gruppierung zusammenfassen, die Akzente unter ihnen vielfach
verschieben, Zentrum und Grenzen variieren lassen.
Das Menschengebilde aber bestimmt dies alles von sich aus, es hat
durch seine eigenen Kräfte die Synthese um das eigene Zentrum vollzogen
und grenzt sich damit selbst unzweideutig ab.
Es nähert sich deshalb schon in seiner natürlichen Konfiguration
irgendwie dem Kunstwerk, und dies mag die Ursache sein, weshalb für den
minder geübten Blick die Photographie einer Person immerhin noch eher
mit der ihres Porträts verwechselt werden mag, als eine
Landschaftsphotographie mit der Reproduktion eines Landschaftsgemäldes.
Die Neuformung der menschlichen Erscheinung im Kunstwerk ist ja nicht
diskutabel; allein sie erfolgt sozusagen unmittelbar von der Gegebenheit
dieser Erscheinung her, während vor dem Landschaftsgemälde noch eine
Zwischenstufe steht: die Formung der Naturelemente zu der »Landschaft«
im gewöhnlichen Sinne, zu der schon künstlerische Kategorien mitwirken
mussten, die insoweit also auf dem Wege zum Kunstwerk liegt, seine
Vorform darstellt.
Die Normen ihres Zustandekommens können darum vom Kunstwerk her
begriffen werden, welches dieser Normen reine, autonom gewordene
Auswirkung ist.
Viel mehr als dies Prinzipielle festzustellen, wird freilich der
augenblickliche Stand unserer Ästhetik kaum erlauben.
Denn die Regeln, die die Landschaftsmalerei für Wahl des Objekts und
des Augenpunktes, für Beleuchtung und Raumillusion, für Komposition
und Farbenharmonie ausgebildet hat, wären zwar ohne weiteres angebbar,
aber sie betreffen gleichsam diejenige Strecke der Entwicklung vom
ersten singulären Dingeindruck zum Landschaftsbilde, die oberhalb des
Stadiums der allgemeinen Landschaftsanschauung liegt.
Was bis zu diesem hinführt, ist von jenen Regeln aufgenommen und
unbefangen vorausgesetzt und ist deshalb, obgleich es in der gleichen
Richtung künstlerischer Gestaltung liegt, aus ihnen, die das im engeren
Sinne Künstlerische normieren, nicht abzulesen.
Einer dieser Formungsgründe freilich drängt die Tiefe seiner
Problematik ganz unüberhörbar auf.
Landschaft, sagen wir, entsteht, indem ein auf dem Erdboden
ausgebreitetes Nebeneinander natürlicher Erscheinungen zu einer
besonderen Art von Einheit zusammengefasst wird, einer anderen als zu
der der kausal denkende Gelehrte, der religiös empfindende
Naturanbeter, der teleologisch gerichtete Ackerbauer oder Stratege eben
dieses Blickfeld umgreift.
Der erheblichste Träger dieser Einheit ist wohl das, was man die
»Stimmung« der Landschaft nennt.
Denn wie wir unter Stimmung eines Menschen das Einheitliche
verstehen, das dauernd oder für jetzt die Gesamtheit seiner seelischen
Einzelinhalte färbt, nicht selbst etwas Einzelnes, oft auch nicht an
einem Einzelnen angebbar haftend, und doch das Allgemeine, worin all
dies Einzelne jetzt sich trifft - so durchdringt die Stimmung der
Landschaft alle ihre einzelnen Elemente, oft ohne dass man ein einzelnes
für sie haftbar machen könnte; in einer schwer bezeichenbaren Weise
hat ein jedes an ihr teil - aber sie besteht weder außerhalb dieser
Beiträge, noch ist sie aus ihnen zusammengesetzt.
Diese eigentümliche Schwierigkeit, die Stimmung einer Landschaft zu
lokalisieren, setzt sich in eine tiefere Schicht mit der Frage fort:
inwieweit die Stimmung der Landschaft in ihr selbst, objektiv,
begründet sei, da sie doch ein seelischer Zustand sei und deshalb nur
in dem Gefühlsreflex des Beschauers, nicht aber in den bewusstlos
äußeren Dingen wohnen könne? Und diese Probleme kreuzen sich in dem,
das uns hier eigentlich angeht: wenn die Stimmung ein wesentliches oder
vielleicht das wesentliche Moment ist, das die Teilstücke zu der
Landschaft als einer empfundenen Einheit zusammenbringt - wie kann das
sein, da doch die Landschaft gerade erst, wenn sie als Einheit erschaut
ist, und nicht vorher, in der bloßen Summe disparater Stücke, eine
»Stimmung« besitzt?
Dies sind nicht künstliche Schwierigkeiten, sondern sie sind, wie
unzählige gleicher Art, unvermeidlich, sobald das einfache, in sich
ungeschiedene Erlebnis vom Denken in Elemente zerlegt wird und nun durch
die Beziehungen und Zusammenfügungen dieser Elemente begriffen werden
soll.
Aber vielleicht hilft uns gerade diese Einsicht weiter.
Sollte nicht wirklich die Stimmung der Landschaft und die
anschauliche Einheit der Landschaft eines und dasselbe sein, nur von
zwei Seiten betrachtet? Beides das eine, nur doppelt ausdrückbare
Mittel, durch das die betrachtende Seele aus jenem Nebeneinander von
Stücken eben Landschaft, diese jeweils bestimmte Landschaft zustande
bringt? Dies Verhalten wäre nicht ganz ohne Analogien.
Wenn wir einen Menschen lieben, scheinen wir freilich zuerst sein
irgendwie geschlossenes Bild zu haben, auf das dann das Gefühl sich
richtet.
In Wirklichkeit aber ist der zunächst objektiv Angeschaute ein ganz
anderer als der, den wir lieben; das Bild dieses entsteht erst zugleich
mit der Liebe, gerade der genau Hinfühlende wüsste nicht zu sagen, ob
das sich umgestaltende Bild die Liebe hervorgerufen oder diese die
Umgestaltung bewirkt habe.
Nicht anders, wenn wir die Empfindung innerhalb eines lyrischen
Gedichts in uns nachgestalten.
Wäre nicht in den Worten, die wir aufnehmen, diese Empfindung für
uns unmittelbar gegenwärtig, so würden sie für uns kein Gedicht,
sondern eine bloße Mitteilung darstellen - andererseits, würden wir
sie innerlich nicht als Gedicht empfangen, so könnten wir jene
Empfindung nicht in uns rege machen.
All solchem gegenüber ist ersichtlich die Frage falsch gestellt: ob
unsere einheitliche Vorstellung der Sache oder das mit ihr auftretende
Gefühl das erste oder das zweite ist.
Zwischen ihnen besteht gar nicht das Verhältnis von Ursache und
Wirkung und höchstens dürfte beides als Ursache und beides als Wirkung
gelten.
So sind die Einheit, die die Landschaft als solche zustande bringt,
und die Stimmung, die uns aus ihr entgegenschlägt und mit der wir sie
umgreifen, nur nachträgliche Zerlegungen eines und desselben seelischen
Aktes.
Und damit fällt ein Licht in die Dunkelheit des vorhin angedeuteten
Problems: mit welchem Rechte die Stimmung, ausschließlich ein
menschlicher Gefühlsvorgang, als Qualität der Landschaft, das heißt
eines Komplexes unbeseelter Naturdinge gilt? Dies Recht wäre
illusorisch, bestünde die Landschaft wirklich nur aus solchem
Nebeneinander von Bäumen und Hügeln, Gewässern und Steinen.
Aber sie ist ja selbst schon ein geistiges Gebilde, man kann sie
nirgends im bloß Äußeren tasten und betreten, sie lebt nur durch die
Vereinheitlichungskraft der Seele, als eine durch kein mechanisches
Gleichnis ausdrückbare Verschlingung des Gegebenen mit unserem
Schöpfertum.
Indem sie so ihre ganze Objektivität als Landschaft innerhalb des
Machtgebietes unseres Gestaltens besitzt, hat die Stimmung, ein
besonderer Ausdruck oder eine besondere Dynamik dieses Gestaltens, volle
Objektivität an ihr.
Ist denn innerhalb des lyrischen Gedichts nicht das Gefühl eine
unbezweifelbare Wirklichkeit, von aller Willkür und subjektiven Laune
so unabhängig wie Rhythmus und Reim selbst - obgleich es an den
einzelnen Worten, die der Naturprozess der Sprachbildung sozusagen
ahnungslos erzeugt hat und aus deren Folge das Gedicht äußerlich
besteht, keine Spur eben dieses Gefühles aufzufinden ist? Aber weil das
Gedicht eben als dieses objektive Gebilde schon ein geisterzeugtes ist,
darum ist das Gefühl ein sachlich wirkliches und so wenig von jener
Realität zu trennen, wie von den Luftschwingungen, wenn sie einmal
unser Ohr erreicht haben, der Ton zu trennen ist, mit dem sie in uns
Wirklichkeit werden.
Nur darf unter Stimmung hier freilich keiner der abstrakten Begriffe
verstanden werden, unter die wir um der Bezeichenbarkeit willen das
Allgemeine sehr mannigfaltiger Stimmungen bringen: heiter oder ernst,
heroisch oder monoton, erregt oder melancholisch nennen wir die
Landschaft und lassen damit ihre unmittelbar eigene Stimmung in eine
Schicht fließen, die auch seelisch eigentlich sekundär ist, und die
von dem ursprünglichen Leben nur die unspezifischen Nachklänge
bewahrt.
Vielmehr, die hier gemeinte Stimmung einer Landschaft ist durchaus
nur die Stimmung eben dieser Landschaft und kann niemals die einer
anderen sein, obgleich man beide vielleicht unter den Allgemeinbegriff,
zum Beispiel, des Melancholischen fassen kann.
Solche begrifflich typischen Stimmungen freilich mag man von der
zuvor fertig gewordenen Landschaft aussagen; aber die Stimmung, die ihr
unmittelbar eigen ist, und die mit der Änderung jeder Linie eine andere
würde, diese ist ihr eingeboren, ist mit dem Entstehen ihrer
Formeinheit untrennbar verwachsen.
Es gehört zu den durchgängigen Irrungen, die das Verständnis der
bildenden Kunst, ja der Anschaulichkeit überhaupt hintanhalten, dass
man die Stimmung der Landschaft nur in jenen allgemeinen
literarisch-lyrischen Gefühlsbegriffen sucht.
Die einer Landschaft wirklich und individuell eigene Stimmung ist mit
derartigen Abstraktionen so wenig zu bezeichnen, wie ihre
Anschaulichkeit selbst mit Begriffen beschrieben werden kann.
Wäre selbst Stimmung nichts anderes als das Gefühl, das die
Landschaft in dem Beschauer auslöst, so ist doch auch dies Gefühl in
seiner wirklichen Bestimmtheit ausschließlich an gerade und genau diese
Landschaft unvertauschbar gebunden, und erst, wenn ich das Unmittelbare
und Reale seines Charakters verlösche, kann ich es auf den
Allgemeinbegriff des Melancholischen oder des Frohen, des Ernsten oder
des Erregten bringen.
Indem Stimmung also zwar das Allgemeine, das heißt, das an keinem
Einzelelement Haftende eben dieser Landschaft, aber nicht das Allgemeine
vieler Landschaften bedeutet, darf man sie und das Werden dieser
Landschaft überhaupt, das heißt die Einheitsformung all ihrer
Einzelelemente, als einen und denselben Akt bezeichnen, als sprächen
nur die mannigfaltigen Energien unserer Seele, die anschauenden und die
fühlenden, eine jede in ihrem Tone unisono eines und dasselbe Wort aus.
Gerade wo uns, wie der Landschaft gegenüber, die Einheit des
natürlichen Daseins in sich einzuweben strebt, erweist sich die
Zerreißung in ein schauendes und ein fühlendes Ich als doppelt irrig.
Als ganze Menschen stehen wir vor der Landschaft, der natürlichen
wie der kunstgewordenen, und der Akt, der sie für uns schafft, ist
unmittelbar ein schauender und ein fühlender, erst in der
nachträglichen Reflexion in diese Gesondertheiten zerspaltener.
Der Künstler ist nur derjenige, der diesen formenden Akt des
Anschauens und Fühlens mit solcher Reinheit und Kraft vollzieht, dass
er den gegebenen Naturstoff völlig in sich einsaugt und diesen wie von
sich aus neu schafft; während wir anderen an diesen Stoff mehr gebunden
bleiben und deshalb noch immer dies und jenes Sonderelement wahrzunehmen
pflegen, wo der Künstler wirklich nur »Landschaft« sieht und
gestaltet.