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Georg Simmel: Goethe
3. überarbeitete Auflage - Leipzig: Klinckhardt & Biermann 1918. VII, 264 S.
Siebtes Kapitel: Liebe
Goethe gehört zu dem Typus von Männern, die aus dem Grunde ihrer
Natur heraus ein Verhältnis zu den Frauen haben.
Keineswegs besagt das von sich aus schon eine besondere
Ausdehnung erotischer Leidenschaften und Erfahrungen.
Gerade den beiden Typen, für die die realen Verhältnisse zu
Frauen im Vordergrund des Erlebens stehen: dem Frauenknecht und
dem Don Juan — stand Goethe fern.
Es war immer nur ein Faden, den die Frau in das Gewebe seiner
Existenz knüpfte, wenn dieser Faden auch kaum je ganz abriss.
Aber mit der stärksten Betonung verwirft er es, dass ein Leben
sich ganz mit den Beziehungen zu Frauen erfülle: dies führe »zu
gar zu viel Verwicklungen und Qualen, die uns aufreiben, oder zu
vollkommener Leere«.
Von diesen Wirklichkeitsbeziehungen also unabhängig besteht bei
gewissen Männern ein eigentümliches Wissen um die Frauen, ein
Bild und eine Bedeutsamkeit des weiblichen Wesens für sie ist
gewissermassen ein Element ihrer eigenen Natur.
Nietzsche, der, soviel man weiss, nie ein erotisches Verhältnis
hatte, der nach seinem eigenen Geständnis »sich nie um Weiber
bemüht hat«, sagt doch an derselben Stelle: »Darf ich die
Vermutung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu
meiner dionysischen Mitgift«! Und wohl von der gleichen
Grundlage her hat Raffael auf die Frage, wo er denn die Modelle
zu all seinen schönen Frauengestalten hernähme, geantwortet: er
nähme sie gar nicht von Modellen, sondern bediene sich »einer
gewissen Idee, die in seinem Geiste entsteht«.
Und so gesteht Goethe im höchsten Alter: »Meine Idee von den
Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit
abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren oder in mir
entstanden, Gott weiss wie.« Dass Goethe den Frauen gegenüber,
die er in der Wirklichkeit vor sich hatte, ein Kenner im Sinne
praktischer Psychologie war, scheint mir keineswegs sicher.
Auf Lotte Buff, deren künstlerisches Bild er mit aller Tiefe und
erschütternden Wahrheit gezeichnet hat, gesteht er, niemals
»acht gehabt zu haben« — dazu habe er sie zu sehr geliebt.
Und dass er, mehr als vierzig Jahre später, sich Ottilie von
Pogwisch zur Schwiegertochter wählte, scheint einen merkwürdigen
Mangel an psychologischem Blick zu verraten.
Wenn dieser begnadetste und fast dauernd erotisch bewegte Mensch
dennoch so wenig eigentliches Glück in der Liebe genossen hat —
in jenem Rückblick auf achtzigjähriges Leben spricht er von
»Schlägen und Püffen«, mit denen Schicksal und »Liebchen uns
geprüft haben« — so mag dies, ausser in anderen Tiefen seines
Wesens, in die wir nachher zu blicken versuchen, sich auch in
dieser praktischen Täuschbarkeit seiner Frauenkenntnis gründen.
Männer dieser Art pflegen in der Tat kein erhebliches
Beobachtungswissen um die Frauen zu haben; vielmehr die »Idee«
der Frau ist ihnen irgendwie »angeboren«, die Kenntnis des
»Urbildes«, das Goethe in jedem organischen Wesen erblickt und
beschreibt als »das Gesetz, von dem in der Erscheinung nur
Ausnahmen aufzuweisen sind«.
Darum ist für die dichterische, die einzelne Erscheinung
überfliegende Darstellung gerade dieses Wissen um die Frauen
gewissermassen prädestiniert, und darum konnte gerade mit ihm
Goethe es begründen, dass seine Frauengestalten »alle besser
wären, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind«.
Es ist allerdings in vielen Goetheschen Frauen eine Art von
Fertiggewordensein, die sich an keiner seiner männlichen
Gestalten findet, eine seinshafte Vollkommenheit jenseits
singulärer Äusserungen und Eigenschaften.
An all diesen Frauen, an Lotte und Klärchen, an Iphigenie und
der Prinzessin, an Dorothea und Natalie und manchen anderen noch
spüren wir diesen un- zerlegbaren und im einzelnen gar nicht
greifbaren Zug von Vollkommenheit-in-sich, der zugleich eine
Beziehung zum Ewigen bedeutet und der in dem Ewig-Weiblichen,
das uns hinanzieht, sozusagen begrifflichen Ausdruck gefunden
hat.
Es ist deshalb gar kein Widerspruch, wenn er immer an den Frauen
tadelt, dass sie »keiner Ideen fähig« wären und zugleich, dass
er das Ideelle nur in weiblicher Gestalt darstellen könne, dass
die Frauen »das einzige Gefäss« wären, in das er seine Idealität
hineingiessen könne.
Dass sie keine Ideen »haben«, verhindert nicht, dass sie ihm
Idee »sind«.
Offenbar vermisst er den Idealismus an den einzelnen empirischen
Frauen; aber der Typus Frau, wie er in ihm lebt und freilich den
letzten Sinn und die Norm auch jener wirklichen und
unvollkommenen ausmacht — kann durchaus, wie er es einmal
ausdrückt, die silberne Schale sein, in die wir die goldenen
Äpfel legen.
Und dies Gleichnis symbolisiert, was der Kern seiner Intuition
über die Frauen zu sein scheint: dass die Frauen etwas
Geschlosseneres, in sich Einheitlicheres, sozusagen Totaleres
sind, als die um Sonderinteressen zentrierenden Männer, deren
jeder bestenfalls in sich die Vielfältigkeit des ganzen
Geschlechtes wiederholt.
Darum sind sie zu jener »Vollkommenheit« sozusagen nach ihrer
formalen Struktur disponierter.
Darum meint er die Frauen am besten so zu loben: »Eure Neigungen
sind immer lebendig und tätig und ihr könnt nicht lieben und
vernachlässigen.« Für alle seine Frauengestalten, von denen des
Götz über Iphigenie und Natalie bis zu Makarie, gilt gleichsam
diese Grundform, die sie mit mannigfaltigstem Inhalt füllen: die
innere Versöhntheit und Wesenseinheit der Elemente, die die
männliche Art in Besonderung und oft im Kampfe zeigt.
Deshalb bezeichnet Ottilie ihre Schuld, die sie aus dem Leben
treibt, nicht mit ihrem unmittelbaren Inhalt, sondern nur: »Ich
bin aus meiner Bahn geschritten.« Und im weitesten Abstand des
Inhaltes begründet eben dies seine Erklärung der weiblichen
Eifersucht: »Jede Frau schliesst die andere aus, ihrer Natur
nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen
Geschlecht zu leisten obliegt.«
Begreiflich also wechselt seine geistige Attitüde zu den Frauen
nach dem Verhältnis, das seine jeweilige Entwicklungsepoche
gerade zu der Einheitsform hat, in der die weibliche Existenz
sich vollzieht.
Als er nach Weimar kam, ein Chaos durcheinander- und
auseinanderflutender Strebungen in der Seele, offenbar
leidenschaftlich verlangend, seine Kraft zu organisieren und in
eine Stromrichtung zu leiten — da war, was die letzte Tiefe
seiner Beziehung zu Frau v. Stein ihm an Glück und Reichtum bot,
doch wohl gerade an die harmonische Einheit dieser Natur
gebunden, an die ruhig feste Form, in die diese Frau alle
exzentrischen und dissonierenden Lebenselemente versöhnt hatte.
Dieses Bild geschlossener Ganzheit, das sie bot, zeigte allem
Wilden und Divergierenden seiner Natur den Erlösungsweg.
Ausdrücklich spricht er dies aus: er brauche sie, um ein
selbständiges, ein ganzes Wesen zu werden.
Sie war ihm das Symbol der Ganzheit und Einheit, wie
Michelangelo es in Vittoria Colonna gefunden hatte.
»Du Einzige«, schreibt er an sie, »in die ich nichts zu legen
brauche, um alles in ihr zu finden.« Darum preist er als das
Glück, das sie ihm bot, dass er zu ihr völlig offen sein könne,
während bei den anderen Menschen »die Mitteltöne fehlen, die bei
dir alle anschlagen«.
Was er als die tiefste Wesenheit der Frauen empfand, schien ihm
hier in einer Vollendung jenseits ihrer sonstigen
fragmentarischen Verwirklichungen entgegenzutreten, und in einer
Epoche, in der seine eigene Entwicklung des Haltes und Vorbildes
an dieser Lebensform bedurfte.
Sein Alter aber verändert dies innere Verhältnis zu dem
weiblichen Prinzip.
In seinen höheren Jahren begegnen vielerlei kritisch
absprechende Urteile über die Frauen im allgemeinen; sieht man
diese genauer an, so laufen sie fast alle auf den sogenannten
weiblichen Mangel an Objektivität hinaus.
Und dies hängt vielleicht so zusammen: Goethes Jugend — ich
nehme hier Resultate des letzten Kapitels vorweg — ist von einem
gefühlsmässigen Ideal beherrscht, es scheint ihn zu einer
gleichsam umweglosen Vollendung des persönlichen Seins und
seiner Ganzheit zu drängen, deren Bewusstsein nicht ein Wissen
oder ein Handeln, sondern ein Gefühl ist.
Diese Lebenstendenz geht später, ganz entschieden nach der
italienischen Reise, nach zwei Seiten auseinander: in die
Hingebung an wissenschaftliches Erkennen und die Bewährung in
Schaffen und Wirken.
Damit war sein Leben vom Subjektiven weg ins Objektive gewandt.
Während dies aber sonst die spezifisch männliche Zerspaltung mit
sich bringt, die Lösung des einzelnen Interesses und Tuns von
dem Zentrum und der Einheit der inneren Existenz — war es Goethe
beschieden, dass all das Objektive seines Denkens und Tuns ein
völlig Persönliches blieb, Pulsschläge eines einheitlich
innersten Lebens.
Aus dieser in ihrer Vollendetheit einzigen Daseinsform heraus
zeigen seine späteren Jahre jene heftige Abneigung gegen allen
blossen Subjektivismus, die wir so oft gegen eigene überwundene
Entwicklungsstadien richten.
Die ursprüngliche und doch erst errungene Einheit seiner inneren
Existenz hatte sich nun mit einem Sachgehalt von Weltwissen und
Weltwirken erfüllt, dem gegenüber ihm alles bloss subjektive, in
sich selbst kreisende, die objektiven Normen ablehnende Dasein
gewissermassen als das böse Prinzip erschien.
Der Typus Frau hatte ihm geleistet, was er ihm leisten konnte,
vor allem seit er ihm in der Gestalt der Frau v. Stein in
anschaulicher Reinheit begegnet war.
Nun aber war ihm die subjektive Einheit und Ganzheit der
selbstverständliche Zustand, und von diesem forderte nun die
grosse Wendung zum Objekt, sich mit neuen Inhalten, neuen
Spannungen zu erfüllen.
Hier konnte ihn der Typus Frau nicht mehr fördern, ja, er musste
von ihm, als dem Symbol einer überschrittenen Epoche,
entschieden abrücken, und darum rügte er immer wieder an den
Frauen den Mangel an der Objektivität, die ihm die neue Epoche
gewonnen hatte; so, dass es ihnen vollkommen genüge, wenn ihnen
etwas »gefällt«, ohne dass sie die Motivierungen des Gefallens
unterschieden und werteten; dass sie verlangen, in besonderen
Weisen verstanden zu werden, ohne an andere dasselbe Verständnis
zu wenden; dass sie leicht von einem Standpunkt auf den andern
zu verlocken sind und, wenn sie leiden, eher die Objekte als
sich selbst darum schelten — und dass sie als notwendige
Ergänzung dieser Subjektivitäten dem Dogmatiker zum Opfer fallen
und sich der blossen Konvention verschreiben.
Dass seine geistige Beziehung und Wertung den Frauen gegenüber
in ihren Wandlungen so der grossen Linie seiner Entwicklung
genau folgt, mag ebenso Wirkung wie Ursache davon sein, dass ihm
das Bild der Frau kein aus empirischen Zufälligkeiten
abstrahiertes war, sondern ein überindividuelles, seinen letzten
Wesensgründen verhaftetes.
Aber da dies eben den Typus, die Idee Frau angeht, hängt es
keineswegs feststellbar oder durchgehend mit seinen einzelnen,
realen Erlebnissen mit Frauen zusammen, die, wie ich vermuten
möchte, viel weniger von jener geistig-apriorischen Beziehung zu
dem weiblichen Prinzip, als rein von seinem erotischen
Temperament ausgingen.
Das Mass freilich, in dem sie sich aus diesem erhoben, schien so
manchem gerade mit der Geistigkeit seines Lebens kaum vereinbar.
Mehr als einmal nämlich habe ich von geistig durchgebildeten und
banaler Prüderie ganz fernen Persönlichkeiten die Rolle bedauern
hören, die das erotische Element in Goethes Leben gespielt
hätte.
Nicht eigentlich in dem Sinn einer moralischen Bedenklichkeit,
sondern nur so, als wäre damit das Gleichgewicht dieses Lebens,
wie seine zentral Idee es bestimmen müsste, durch ein
übertriebenes Mass erotischen Interessiertseins und Erlebens
gestört.
Unleugbar äussert sich darin der Instinkt für die Gefahr, die
jedem im grossen Stile einheitlichen und produktiven Leben von
den erotischen Mächten her droht.
Denn entweder verweben sich die Sehnsüchte und Erfüllungen
dieses Gebietes in den innersten Verlauf des Lebens — dann
kommen diesem letzteren fast unvermeidlich Störungen,
Ablenkungen, Depressionen; und zwar vor allem durch den tiefen
inneren Formgegensatz: dass die Liebe ein rastloser Prozess ist,
eine pulsierende Dynamik des Lebens, ein Hineingerissensein in
die kontinuierliche Strömung der Gattungserhaltung — während das
geistige Dasein auf dem in irgendeinem Sinne Zeitlosen steht,
auf den Inhalten des Lebensprozesses, nicht auf dem Prozess
selbst.
Oder man differenziert von den übrigen Lebensgebieten das
erotische als eine besondere Provinz, in die sich begebend man
gewissermassen »ein anderer Mensch« ist.
Damit sind zwar jene Hemmungen und Alterationen beseitigt, aber
die Lebenstotalität ist zu einem harten Dualismus verurteilt,
der Wechseltausch aller Kräfte, in dem ihre Einheit besteht, ist
zerschnitten und wenigstens zum Teil sterilisiert.
Dies alles aber ist ersichtlich bei Goethe nicht eingetroffen.
Weder der Grösse seines Werkes, noch der Unvergleichlichkeit
seines Lebens als ganzen gegenüber, kann die Kritik jener
Bedenklichen Fuss fassen.
Das Problem für den Aufbau des Bildes von Goethe liegt also
gerade darin: wie kommt es, dass an ihm jene Folgen eben nicht
aufgetreten sind? Und die Antwort hierauf allerdings ist nur von
der fundamentalen Schicht des Goetheschen Lebens überhaupt her
zu gewinnen.
Die Wesensformel, die an Goethe ihre reinste und stärkste
historische Verwirklichung findet, war doch immer diese: dass
ein Leben, ganz dem eigenen Gesetz gehorchend, wie in
einheitlich naturhaftem Triebe sich entwickelnd, eben damit dem
Gesetz der Dinge entspricht, d. h. dass seine Erkenntnisse und
Werke, reine Ausdrücke jener innerlichen, aus sich selbst
wachsenden Notwendigkeit, doch wie von den Forderungen des
Objekts und denen der Idee her gebildet sind.
Er hat jeden eigengesetzlichen Sachgehalt durch die Tatsache,
dass er ihn erlebte, so von innen her geformt, als wäre er aus
der Einheit dieses Lebens selbst geboren.
Gemäss diesem Gesamtsinn seiner Existenz scheinen sich auch
deren erotische Inhalte zu entwickeln.
Auch diese — wie sie sich in seinen Briefen und vertrauten
Äusserungen, in Dichtung und Wahrheit und seiner Lyrik
darstellen — treten auf, als wären sie von seinem Innern und
dessen Entfaltungsnotwendigkeiten bestimmt, wie sich eine Blüte
an den Zweig ansetzt, in dem Augenblick und in der Form, wie
dessen eigenste Triebkraft es erfordert und entwickelt.
Nirgends, selbst in so extremen Fällen, wie in der Leidenschaft
für Lotte und für Ulrike von Levetzow, spüren wir jenes
Preisgegebensein, das dem erotischen Erlebnis das Symbol des
Liebestranks verschafft hat und oft den Gefühlston, als wäre es
viel eher etwas, das mit uns oder an uns vorgeht, als eine
Äusserung eines sich selbst gehörenden Lebens.
Wir hören, dass er mit all seinen sinnlichen Hingerissenheiten
doch immer Herr seiner selbst geblieben ist.
Über eine schöne Frau, deren Eindruck ihm sehr nahe ging,
schreibt er an Herder: »Ich möchte mir solch ein Bild nicht
durch die Gemeinschaft einer flüchtigen Begierde besudeln.«
Dazu, ausser manchem andern, die Äusserung zu Eckermann über
seine Reserve gegen die schönen Schauspielerinnen, die ihn
äusserst anzogen und »ihm auf halbem Wege entgegen kamen«.
Aber diese Bestimmtheit und Formung des erotischen Erlebnisses
durch seinen Willen ist doch nur das äussere und nicht einmal
entscheidend wichtige Phänomen der tieferen Tatsache, dass es
durch sein Sein bestimmt war, durch die Regel und den Sinn einer
Entwicklung, die ausschliesslich der Strömung ihrer eigensten
Wurzelsäfte folgte.
Und darum war, wie seine lebenslang geübte und verkündete
»Entsagung« überhaupt nichts weniger als eine Verarmung, sondern
ein durchaus positives Formprinzip seines Lebens war, auch
Erotischen kein Subtrahendum, sondern die seiner Liebe von deren
individueller Lebensquelle her eingeborene Gestaltung.
Es war das Glück seiner Natur, dass ihn, im Ganzen, die Dinge
der Welt nicht mehr anreizten als sich ihnen hinzugeben in
seinem Willen und seiner Vernunft — im höchsten Sinne des Wortes
— lag; das macht seine Liebe zu all diesen Dingen begreiflich:
er brauchte sie nicht zu fürchten.
Dies ist auch so aussprechbar.
So viel Subjektives, Momentanes, Launisches man in seinem Leben,
ja in seinem Werk finden mag — man hat doch immer das Gefühl,
dass das ganze Leben nie sein Übergewicht über den gerade an der
Oberfläche befindlichen Teil verloren hat.
Dass er in jedem Augenblick als Ganzer in seiner Äusserung lebt,
das gibt dieser die wundervolle Temperierung.
Was man als seine Kühle angesehen hat, ist nichts als dieses
Aufwiegen des Einzelnen durch die Ganzheit des Lebens (und
deshalb musste es mit dem Mehr-Werden dieses Lebens immer
zunehmen).
In diese Form ordnen sich auch die Ereignisse seiner Liebe ein
und sie ergibt bei ihm die unvergleichliche Vereinigung, dass
der ganze Mensch sich in das Gefühl hingibt, und dass er eben
weil es der ganze ist, immer Herr über das Gefühl als ein
einzelnes bleibt; dass dieses nie als eine abgelöste Wesenheit,
wie das erotische Erlebnis so oft beim Manne auftritt, sondern
als ein lebendiges Glied dieses Organismus wirkt, das immer von
dessen Gesamtleben Kraft und Norm — freilich darum noch nicht
Glück — bezieht.
Im grossen und ganzen mindestens besass er diese menschliche
Vollendung: er konnte sich ganz hingeben, ganz hingerissen
werden, ohne damit aus seinem Zentrum gerückt zu werden.
Diese Versöhntheit sonst getrennter und sich gegenseitig
aufhebender Lebenspunkte oder Tendenzen ist dem Goetheschen
Leben überhaupt eigen.
Das praktische Ideal, das er im Epimenides ausspricht:
»Nachgiebigkeit bei grossem Willen« — hat er in unzähligen
Beziehungen zu Menschen selbst verwirklicht. Die Fähigkeit sich
hinzugeben und sich dabei zu bewahren, die äusserste Energie und
vollkommenes Nachgeben — die absolute Festigkeit und
Sinnsicherheit seines tiefsten Lebens und die »Proteusnatur«,
die sich täglich wandelte — unter diesen Synthesen spürt man
eine gemeinsame grosse Lebensformel, die diese Zurückhaltung im
Erotischen kein Subtrahendum, sondern die seiner Liebe von deren
individueller Lebensquelle her eingeborene Gestaltung.
Es war das Glück seiner Natur, dass ihn, im Ganzen, die Dinge
der Welt nicht mehr anreizten als sich ihnen hinzugeben in
seinem Willen und seiner Vernunft — im höchsten Sinne des Wortes
— lag; das macht seine Liebe zu all diesen Dingen begreiflich:
er brauchte sie nicht zu fürchten.
Dies ist auch so aussprechbar. So viel Subjektives, Momentanes,
Launisches man in seinem Leben, ja in seinem Werk finden mag —
man hat doch immer das Gefühl, dass das ganze Leben nie sein
Übergewicht über den gerade an der Oberfläche befindlichen Teil
verloren hat.
Dass er in jedem Augenblick als Ganzer in seiner Äusserung lebt,
das gibt dieser die wundervolle Temperierung.
Was man als seine Kühle angesehen hat, ist nichts als dieses
Aufwiegen des Einzelnen durch die Ganzheit des Lebens (und
deshalb musste es mit dem Mehr-Werden dieses Lebens immer
zunehmen).
In diese Form ordnen sich auch die Ereignisse seiner Liebe ein
und sie ergibt bei ihm die unvergleichliche Vereinigung, dass
der ganze Mensch sich in das Gefühl hingibt, und dass er eben
weil es der ganze ist, immer Herr über das Gefühl als ein
einzelnes bleibt; dass dieses nie als eine abgelöste Wesenheit,
wie das erotische Erlebnis so oft beim Manne auftritt, sondern
als ein lebendiges Glied dieses Organismus wirkt, das immer von
dessen Gesamtleben Kraft und Norm — freilich darum noch nicht
Glück — bezieht.
Im grossen und ganzen mindestens besass er diese menschliche
Vollendung: er konnte sich ganz hingeben, ganz hingerissen
werden, ohne damit aus seinem Zentrum gerückt zu werden.
Diese Versöhntheit sonst getrennter und sich gegenseitig
aufhebender Lebenspunkte oder Tendenzen ist dem Goetheschen
Leben überhaupt eigen.
Das praktische Ideal, das er im Epimenides ausspricht:
»Nachgiebigkeit bei grossem Willen« — hat er in unzähligen
Beziehungen zu Menschen selbst verwirklicht.
Die Fähigkeit sich hinzugeben und sich dabei zu bewahren, die
äusserste Energie und vollkommenes Nachgeben — die absolute
Festigkeit und Sinnsicherheit seines tiefsten Lebens und die
»Proteusnatur«, die sich täglich wandelte — unter diesen
Synthesen spürt man eine gemeinsame grosse Lebensformel, die
sich nicht unmittelbar, sondern nur in derartig partiellen oder
gleichsam provinziellen Äusserungen ergreifen lässt.
Solcher Charakter des Gefühles als Lebensprozesses bedroht
freilich das Verhältnis zu seinem Gegenstand mit einer gewissen
Problematik.
Im allgemeinen wird die Liebe, auch als blosses Binnenereignis
in der einzelnen Seele, wie eine Wechselwirkung empfunden; der
Andere, sie erwidernd oder nicht, ja, um sie wissend oder nicht,
ist ein aktiver Faktor in ihr, und unter seiner, wenn auch
sozusagen nur ideellen Mitwirkung entsteht im Liebenden sein
Gefühl.
Aber wie in einem Gegensatz hierzu empfindet man Goethes Erotik
als ein rein immanentes Ereignis und als habe seine
Innerlichkeit dessen Kosten gleichsam allein zu tragen; und es
ist wundervoll, wie das Reservierte, Selbstsüchtige, ja
Rücksichtslose, das mit solchem solipsistischen Erleben der
Liebe sich zu verbinden pflegt bei ihm nie spürbar wird.
»Bis ins Innerste der Existenz«, schreibt er als
Siebenunddreissigjähriger, müssten Verhältnisse gehen, wenn
»etwas Kluges daraus werden solle«.
Und: »Wenn man nicht unbedingt lieben darf, sieht es mit der
Liebe schon misslich aus.« »Zu der Zeit liebt sich's am besten«,
sagt er mit 62 Jahren, »wenn man noch denkt, dass man allein
liebt und noch kein Mensch so geliebt hat und lieben werde.« Die
Liebe sei »ein Geschenk, das man nicht zurücknehmen kann, und es
würde unmöglich sein, ein ehemals geliebtes Wesen zu beschädigen
oder ungeschützt zu lassen«.
Hierin offenbart sich nun endlich jene glückselige, die
Goethesche Existenz im Tiefsten bestimmende Harmonie: der ganz
freien, gleichsam nur von sich selbst wissenden, auf sich selbst
hörenden Wesensentwicklung und der Forderungen, die von den
Dingen und den Ideen herkommen.
In Philines Wort: »wenn ich dich liebe, was geht's dich an?« —
ist die Einheit der beiden Werte, des idealen und des
personalen, auf das vollkommenste ausgedrückt.
Auf der einen Seite eine höchste Zartheit und selbstlose
Hingabe, gegen die Platos Vorstellung von der Liebe als dem
Mittleren zwischen Haben und Nichthaben als etwas Egoistisches
und Veräusserlichtes erscheint.
Er hat viele Jahre vorher diese reinste Gestaltung der Erotik
durch die Tat erwiesen: die Frankfurter Briefe an Kestners, in
denen er dauernd und ohne jeden Vorbehalt von seiner
Leidenschaft für Lotte spricht, gehören zu den
allervollkommensten Zeugnissen, die die Welt überhaupt von
Reinheit, Adel der Gesinnung, sittlich sicherem Vertrauen zu
sich und anderen besitzt.
Es ist als ob die Idee der Liebe hier in ihrer Autonomie, frei
von allem Habenwollen und von allem Zufälligen im Menschen zu
Wort käme.
So kann er selbst die Äusserung Philines auf Spinozas ganz
überpersönliches Wort: Wer Gott liebt, könne nicht wollen, dass
Gott ihn wieder liebe — zurückleiten.
Aber andrerseits offenbart sich damit doch eine Liebe, die
gerade aus dem Eigensten der Person, aus ihrem absoluten
Selbstsein quillt.
Wie er sein Schaffen als »Liebhaber« und ohne Zweckrücksicht auf
das, was dabei herauskäme, vollbrachte, so war ihm auch die
Liebe eine Funktion des Lebens, normiert von dessen organischer
Rhythmik, aber nicht von einer Idee, mit der sie nun dennoch wie
durch ein tiefes ursprüngliches Einssein harmonierte.
Damit war auch das eigentümlich gefärbte Verhältnis zu den
Gegenständen seiner Liebe gegeben.
In all seinen Beziehungen zu Menschen war ein bestimmender Zug,
den man vielleicht als souveräne Zartheit bezeichnen kann — eine
innere Attitüde, da entstehend, wo die einheitliche Ganzheit des
Menschen für jedes seiner Verhältnisse dauernd Quelle und
Dominante bleibt; denn damit sind Hingebung und Distanznahme,
das tiefste Eingehen auf den andern und die beherrschende
Sicherheit, sich nie darüber zu verlieren, nur die Seiten eines
einzigen Verhaltens.
Und so verschlingt sich in seinen Beziehungen zu den geliebten
Frauen jenes Leidenschaftliche, Selbstlose, Ritterliche — mit
einem eigentümlichen Cachet: als wären sie doch eigentlich nur
die Gelegenheitsursachen, an denen sich ein gerade jetzt
notwendiges Stadium seiner inneren Entwicklung verwirklichte,
und als wäre das jeweilige erotische Verhältnis die Blüte aus
seinen eigenen Triebkräften, für die die Frau nur Frühlingsluft
und Frühlingsregen war.
Wenn Carl August einmal sagt, Goethe hätte immer alles in die
Frauen gelegt und nur seine Ideen in ihnen geliebt, so liegt
diesem wohl etwas plumpen Ausdruck doch schliesslich dasselbe
zugrunde, wie der vorhin angeführten Äusserung zu Kestner, als
jemand eine vorteilhafte Schilderung von Lotte entworfen hatte:
»Ich wusste wahrlich nicht, dass das all in ihr war, denn ich
habe sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie acht zu
haben.« Das Entscheidende ist, dass jene Wechselwirkung zwischen
dem Subjekt und dem Objekt der Liebe, die sich selbst in der
unglücklichen Liebe innerhalb des liebenden Individuums
abspielt, für ihn zurücktrat, und in höherem Masse seine Liebe
ein in sich kreisendes Gefühl, eine je von seiner individuellen
Entwicklung gesetzte Epoche war.
Und obgleich dies, durch die wunderbare Einheit von subjektivem
Trieb und objektiver Forderung in seinem Existenzbild, das
geliebte Wesen nichts von hingebender Leidenschaft und
selbstloser Zartheit entbehren liess — so erklärt sich daraus
doch der häufige Wechsel der Gegenstände seiner Neigung.
Er hat in bezug auf sein Werk in vielen Formen und zu vielen
Zeiten ausgesprochen, es wäre eigentlich gleichgültig, an
welchem Gegenstand man tätig sei: nur darauf, dass die Kraft
sich bewähre, dass ein Maximum von Wirksamkeit erreicht werde,
komme es an.
So paradox es scheint, auch diese Grundmaxime seiner Existenz
wiederholt sich an seinem Verhältnis zu der Pluralität der
Frauen.
Wie es ihm gleichgültig war, ob er »Töpfe machte oder
Schüsseln«, so war es in diesem Sinne gleichviel, ob er
Friederike liebte oder Lili Frau v. Stein oder Ulrike.
Gewiss war seine Liebe jedesmal eine andere, die Frau war ihm
nicht etwa, wie dem Manne von roher Sinnlichkeit, die Frau
schlechthin, gleichgültig gegen ihre Individualität.
Aber dass die Liebe in diesem Augenblick eintrat, dass sie in
ihm dieses unverwechselbare Cachet hatte — das war sozusagen
nicht von jener erotischen Wechselwirkung her, sondern von dem
Periodencharakter bestimmt, den das Gesetz seiner Entwicklung
eben jetzt heraufführte.
Er war den Frauen untreu, weil er sich selbst treu war.
Er tut einmal eine sehr merkwürdige Äusserung über die »sogenannte
grössere Treue der Frauen«.
Diese entstünde nur daher, dass die Frauen »sich selbst nicht
überwinden können, und sie können es nicht, weil sie abhängiger
sind als die Männer«.
Damit will er doch der Treue den Wert absprechen, die durch die
Abhängigkeit vom Andern entsteht, die nicht aus der vollen
Freiheit des Individuums stammt; die jeweilige Empfindung muss
vielmehr dem eigenen Lebensprozess entfliessen, der, wie er ihn
auffasst, eine fortwährende Selbstüberwindung ist, das Aufbauen
eines höheren, vollkommeneren Seins, gleichsam über den Trümmern
des vergangenen.
Wer abhängig ist, kann sich nicht überwinden, das heisst, ihm
entwickelt nicht eigenste innerste Notwendigkeit immer neue
Inhalte, neue Wendungen, gleichgültig dagegen ob die Empfindung
an ihrem früheren Gegenstand festwurzelt und sich nur unter
Schmerzen von ihm löst: wir haben genug Beweise für die Leiden,
unter denen Goethe auch seine freiwilligsten Trennungen von den
Frauen, die er liebte, vollzog; seine Untreuen waren
Selbstüberwindungen, das heisst der Gehorsam gegen das Gesetz
seines sich immer höher entwickelnden, jede Vergangenheit
überbauenden Lebens.
Wir sehen diese erotische Rhythmik in Goethes tiefstes
Lebensgefühl eingesenkt, indem wir sie noch mit einer seiner
wunderbarsten Äusserungen verbinden, die der Kanzler Müller aus
seinem 75. Jahre mitteilt: »Als unter mancherlei ausgebrachten
Toasten auch einer der Erinnerung galt, brach Goethe mit
Heftigkeit in die Worte aus: >Ich statuiere keine Erinnerung in
eurem Sinne. Was uns irgend Grosses, Schönes, Bedeutendes
begegnet, muss nicht erst von aussen her wieder erinnert,
gleichsam erjagt werden. Es muss sich vielmehr gleich von Anfang
her in unser Inneres verweben, mit ihm eins werden, ein neues
besseres Ich in uns erzeugen und so ewig bildend in uns
fortleben und schaffen. Es gibt kein Vergangenes, das man
zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus
den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet.«< In dieser
Auffassung hat das Leben seine letzte Starrheit überwunden.
Auch unsere leidenschaftlichen Erlebnisse sind nun nicht an
einer Stelle der Vergangenheit, an der wir sie in ihrem
unveränderlichen So-Gewesensein wieder zu suchen hätten,
angenagelt — und wir mit ihnen; sondern sie sind die selbst
bildsamen Elemente der Lebensgestaltung, die mit jedem
Augenblick neu einsetzt.
Gut, wenn diese Gestaltung jene ungeändert weiter bestehen macht
und so die Erscheinung der Treue gegen ihren Inhalt erzeugt; und
Goethes Leben hat dies in seinen Beziehungen zu Frau von Stein
und zu Christiane erwiesen.
Aber auch wo die Entwicklung entschiedene Wendungen fordert, ist
die Untreue nun nicht eine blosse tote Diskontinuität im Leben,
sein Verlaufen wie in eine leere Sackgasse; sondern der tiefste
Zusammenhang des Lebensprozesses setzt sich gerade durch diesen
Bruch seiner Inhalte fort, der frühere ist nicht einfach
dementiert, wie es sein müsste, wenn er jenes nur erinnerbare
Vergangene wäre, sondern — weil er selbst ganz aus der
Lebendigkeit des Ich bestimmt war — kann er ewig umgestaltet und
umgestaltend das »neue, bessere Ich in uns erzeugen« helfen.
Die Frauen waren ihm Gegenstände jenes scheinbaren Egoismus,
dessen Ich in Wirklichkeit kein Genusssubjekt, sondern eine
organisch gesetzliche und deshalb auf ihren Wert vertrauende
Entwicklung ist; wie er es einmal in die kurze Maxime
zusammenfasst: der Künstler solle »höchst selbstsüchtig«
verfahren.
Sein eigenes, immer produktives Lernen und Arbeiten hat er als
»eigentlich immer nur egoistisch« bezeichnet: sich selbst habe
er daran bilden wollen.
Einen erhabenen Begriff von »Selbstsucht« bringt er damit auf.
Mehr vielleicht als irgendeinem Menschen, mit Ausnahme
Lionardos, waren alle Reiche der Welt seine Speise; man möchte
auch an Leibniz denken — aber dessen Intellektualität, die zwar
alles Ergreifbare verschluckte und verdaute, scheint deren
Stoffe und Kräfte nur zu ihrer eigenen Sonderernährung, nicht
aber zum Aufbau einer vollkommenen Gesamtpersönlichkeit verwandt
zu haben.
Aber Goethes grossartiger Objektivität war das eigene Ich ein
dem Gesamtsein verhaftetes Element, dessen Vervollkommnung ihm
Pflicht und Lebenssinn war.
Wie er als Lernender, als Weltaufnehmender, wie er als Künstler
»höchst egoistisch« war, so war er es den Frauen gegenüber; wie
aber dieser Egoismus einerseits die völlige Hingabe an den
Gegenstand einschloss, andrerseits nur auf jene eigene
Vollendung zielte, die ein objektiver Wert ist und mit dessen
Steigerung sich der Wert des all-einen Daseins überhaupt hebt —
so war auch der Egoismus seiner Liebe.
Dennoch besteht ein Unterschied.
Ein menschliches Individuum, die Strömung des Daseins in eine
irgendwie unvergleichliche Kurve leitend und sich als
Selbstzweck fühlend, will sich nicht und, vor allem, kann sich
nicht in die harmonische Existenz eines anderen so einfügen
lassen, wie das unpersönliche Dasein.
Goethe ist sich darüber prinzipiell — wenn auch in ganz anders
gewendetem Ausdruck — durchaus klar gewesen: er verkehre am
liebsten mit der Natur, denn in der Verhandlung mit Menschen
irre bald der eine, bald der andere in fortwährender
Abwechslung, und damit »kommt nichts aufs reine«.
Jene Grundformel seiner Existenz: dass die Entwicklung seines
Denkens und Schaffens, dem eigenen Gesetz allein folgsam,
zugleich den Forderungen der Gegenstände dieses Denkens und
Schaffens entsprach — diese Formel galt nicht vorbehaltlos, wo
jene Gegenstände Menschen waren; Menschen, mit ihrem
schliesslichen Fürsichsein, mit zuletzt doch unbiegbaren
Umrissen ihres Wesens und ihrer Schicksale, die sich mit denen
eines andern, so ungeheuer dessen eigne Harmonie und
Harmonisierungskraft sei, nicht notwendig decken.
Gewiss hat Goethe, aus dem innersten Triebe seiner Natur heraus
und ohne dazu eines moralischen Imperativs zu bedürfen, in seine
Liebesbeziehungen alle Rücksicht und alle Selbstüberwindung,
alle Zartheit und alle hingebende und beglückende Leidenschaft
eingesetzt.
Und doch ging damit die Rechnung nicht auf. Fast allen Frauen,
die Goethe geliebt hat, endete dies Glück in Missklang und
Leiden: für Ännchen wie für Friederike, für Lotte wie für Lili
und für Frau von Stein.
Gewiss war die Ursache solchen Ausgangs in jedem Fall eine
besondere. Allein es scheint mir zu den typischen Formen des
Menschenschicksals zu gehören: dass eine Reihe von inhaltlich
irgendwie verwandten Ereignissen jedesmal in einen gleichen
Effekt auslaufen, jedesmal aber aus einem neuen und von den
früheren Fällen ganz unabhängigen Grunde, der den jeweiligen
Fall auch ganz zureichend erklärt — und dass doch ihnen allen
eine gemeinsame Ursache, wie aus einer tieferen, die
unmittelbare Kausalität nicht berührenden Schicht zugrunde
liegt.
Dass Goethe eben jenes »höchst selbstsüchtige« Leben lebte — in
wie erhabenem Sinne immer, wie fern immer von der Enge und
Rücksichtslosigkeit der Genusssucht, in wie einzigartiger
Harmonie immer mit der Ganzheit des Seins und den Gesetzen der
Dinge und Ideen — das war doch wohl die tiefste metaphysische
Ursache davon, dass er keiner Frau ein dauerndes Glück bereiten
konnte, selbst in dem bescheideneren Sinne, in dem uns das
erfahrene Leben schliesslich den Begriff des dauernden Glückes
verstehen lehrt.
An dem definitiven Selbstsein der menschlichen Individualität
versagte, mit sozusagen formaler Notwendigkeit, die
unvergleichliche Gunst, um die er sich wohl selbst den »Liebling
der Götter« nennen durfte: die Entwicklung nach dem eigenen
Gesetz in Einheit mit dem Gesetz alles anderen Daseins zu
vollziehen.
Aber noch einmal schlug diese Formel gleichsam zurück, ihre
Herrschaft noch über ihre eigene Verneinung erstreckend: er
selbst teilt das schmerzensreiche Schicksal seiner Geliebten,
ihm selbst, von den Frauen geliebt wie wohl wenige Männer,
scheint die Liebe kein Glück, ausser auf rasch herabsinkenden
Höhen des Rausches, gebracht zu haben.
Er selbst bezeichnet einmal die jugendliche Verfassung seines
Innern als »liebevollen Zustand« und dass er »das Sehnsüchtige,
das in mir lag, in früheren Jahren vielleicht zu sehr gehegt«
habe.
Mit fortschreitender Männlichkeit aber habe er stattdessen »die
volle endliche Befriedigung gesucht«.
Diese Befriedigung jedoch fand er ersichtlich nicht in der
Fortentwicklung jenes »liebevollen Zustandes«, sondern zunächst
in Italien (worauf sich jene Stelle bezieht), allgemeiner aber
im Forschen und Wirken.
Aber mit so ungeheurer Kraft er die Bedürfnisse seiner Natur in
diese Wertrichtungen leitete — es blieb irgendetwas wie ein
Bruch und Rest, den er sich, wie er mehr als einmal andeutet,
sozusagen gewalttätig zu vergessen zwang.
Er ist ein Siebziger, als er schreibt: »Jeder Mensch ist ein
Adam; denn jeder wird einmal aus dem Paradiese — der warmen
Gefühle vertrieben.« Selbst in dem Verhältnis zu Frau von Stein
wird die Epoche des wirklichen Glückes erschreckend kurz, wenn
man die Briefe nicht nur auf ihre Oberfläche hin liest.
Und was er ihr auch an Glück verdankt, wird reichlich durch die
fürchterliche Erfahrung aufgewogen, die er während und nach der
italienischen Reise mit ihr machen musste — gleichviel, wie sich
die sogenannte »Schuld« auf beide Parteien verteilt.
An das Leiden dieser Erfahrung hat sich — soweit man solche
Unbeweisbarkeiten aussprechen darf — eine, vielleicht die grosse
Wendung seines Lebens geknüpft; damit erstarrte etwas in ihm,
was nicht wieder geschmolzen ist.
Der ganze Fall Christiane erscheint mir als Ergebnis der
Ermüdung und Resignation gegenüber dem so oft gesuchten und nie
gewonnenen Liebesglück, als die Flucht in die bescheidene
Sicherheit des Halbglücks.
Es ist eine eigentümliche soziale Ironie, dass der Philister
unter allen erotischen Erlebnissen Goethes den meisten Anstoss
gerade an diesem zu nehmen pflegt, das seiner inneren Struktur
nach sicher das philiströseste von allen war.
Und nun rächt sich noch einmal die zurückgeschobene, auf das
tote Gleis geratene Liebe in dem Marienbader Erlebnis.
Das Erschütternde der Elegie, das ihr eine vielleicht einzige
Stellung in der Weltliteratur gibt, ist dies: dass ein ganz
unmittelbares, in voller Lebendigkeit strömendes Fühlen sich
ausdrücken will und dafür nur die schon erstarrten,
resultathaften, sentenziösen Formen vorfindet, die aus einem
ganzen langen Leben auskristallisiert sind und es verweigern,
sich noch einmal zurückschmelzen und in jenen Fluss eines aus
der ersten Quelle hervorstürzenden, keiner Formfestigkeit
untertanen Prozesses von Leben und Liebe hinabziehen zu lassen.
Dies leidenschaftlich Gegenwärtige ging nicht in die ihm allein
noch gebotene Form der Zeitlosigkeit hinein, hinter der
abgeklärten, weise gewordenen Form fühlt man die Sehnsucht
klopfen, wie einen Gefangenen an die Mauern, die ihn ersticken
wollen.
Nie vielleicht hat ein anderes Gedicht rein in seinem Stil den
tragischen Kampf des Jünglings mit dem Greise zum Ausdruck
gebracht.
In diesem Verhängnis des Ausdrucks, dass grade das Höchste des
Stils, in dem alle Weite und Tiefe seines Lebens sich gesammelt
hatte, ihm die Möglichkeit entzog, seine Liebe wie er sie
wirklich liebte, auszusagen — spiegelt sich das Verhängnis
seiner Wirklichkeit: dass in der Form dieses Lebens offenbar das
Glück der Liebe keine dauernde Heimat finden konnte.
— Ich sagte, dass sogar mit dem Glücksmangel seiner Liebe die
Grundgestaltung seines Daseins, wenn auch jetzt in der Ebene der
Negativität, sich bestätigte.
Ihm war gegeben, dass er für alles Denken und Leben, wie es sich
aus seiner eigensten, innersten Notwendigkeit entfaltete, an den
Gegenständen dieses Denkens und Lebens die — wie er selbst sich
ausdrückte — »antwortenden Gegenbilder« fand.
Wie sein Geist sich grossartig und beglückend abrundete,
Geschwister und Gegenbild der einheitlichen Totalität des Kosmos
und seiner Seligkeit, die unseren tiefsten Ahnungen, von den
Griechen her, vorschwebt — so ist das Leiden, das seine Liebe
den Gegenständen dieser Liebe brachte, nur das »antwortende
Gegenbild« seines eignen Leidens gewesen, als stiege, wie alles
Helle seines Lebens und seiner Welt, auch dieses Dunkle in ihm
und in dem, was um ihn und ihm gegenüber war, Hand in Hand aus
der metaphysischen Einheit alles Seins empor.
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