BAND 2:
SECHSTES KAPITEL
Die Freiheit
(Teil 3: Seiten 273-306)
Wenn - also die allgemeine, wenngleich ihrer Gründe nicht bewusste
Meinung jeder von beiden Tendenzen nur einen relativen, durch die
andere beschränkten Raum gestatten will, also doch einen höheren,
(<274) absoluten Gesichtspunkt voraussetzt, an dem sich die Quanten
beider bestimmen: so wird man dies wohl so ausdrücken können, dass
dasjenige, was beiden Seiten der Sittlichkeit gleichmässig eigen ist,
die Tendenz zur Freiheit, eben durch sie und das richtige Verhältnis
zwischen ihnen maximisiert werden soll.
Indem wir den Besitz - sowohl als Beherrschung von Objekten wie von
Menschen - auf die realen psychologischen Ereignisse zurückführten,
die er repräsentiert, zeigte sich eben in seinen psychologischen
Folgen die Begründung davon, dass das Überschreiten einer gewissen
Quantitätsgrenze seinen Wert zurückgehen lässt.
Etwas Entsprechendes lässt sich nun in dem Verhältnis des Ich zu
sich selbst erkennen, das ich in der bisherigen Erörterung dem zu den
äusseren Objekten und dem zu anderen Menschen koordiniert hatte.
Die Summe der Überzeugungen gehört zu dem Umfänge des Ich in
einem Sinne, dem analog, in dem die Summe des Besitzes dazu gehört;
ebenso wie der Besitz eine Art des Vorstellens ist, so ist das
Vorstellen eine Art Besitz, und zwar unter Umständen ein so
wertvoller, dass ihn aufzugeben unmittelbar eine Alterierung und
Herabsetzung des Ich bedeutet, nicht anders wie der notgedrungene
Verzicht auf Besitz oder Einfluss.
Das Zugeständnis: ich habe mich geirrt, hat zunächst die
Bedeutung, dass aus dem bisherigen Umfang der Persönlichkeit irgend
etwas ausgeschieden wird, ohne dass jedes Mal der Ersatz dieses Minus
durch die neu angenommene Wahrheit sofort und ebenso klar wäre.
Ferner bedeutet das Aufgeben der bisherigen Meinung oft die
Modifikation des schlechthin Individuellen zu Gunsten der allgemeinen
Meinung und bringt damit unmittelbar eine Verringerung desjenigen
Selbstgefühles mit sich, das gerade in der Eigenheit der
Persönlichkeit und in ihrem Unterschiede gegen das liegt, was die
Anderen meinen oder glauben.
Es liegt nahe, solcher Beeinträchtigung der
Persönlichkeitssphäre wenigstens für (<275) das eigene Gefühl
dadurch zu begegnen, dass man an dem einmal gewonnenen individuellen
Überzeugungsinhalt um jeden Preis festhält.
Dies Phänomen des "Eigensinns" wird erstens vom
ethisch-sozialen Standpunkt aus verurteilt, denn es bedeutet das
Festhalten der eigenen Meinung, bloss weil es die eigene ist und
trotzdem sie in Widerspruch zu den allgemein gültigen Normen steht,
zweitens aber auch vom individualistischen, weil der Eigensinn, um nur
den momentanen Besitzstand nicht aufgeben zu müssen, auf die
definitive und haltbare Erweiterung desselben verzichtet, die in der
Akzeptierung der richtigen Ansichten liegt.
Trotzdem liegt die Gefahr nahe, bei dem Vorwurf, den man an ein
eigensinniges und widervernünftiges Festhalten von Meinungen knüpft,
oberflächlich und ungerecht zu verfahren.
Es ist nicht immer unberechtigt, wenn man einmal gewonnene tiefste
und allgemeinste Überzeugungen nicht ohne Weiteres einer scheinbar
bündigen, logischen Deduktion des Gegners preisgibt.
Denn selten wird diese im strengen Sinne bloss logisch sein;
bestimmte Bedeutungen der Begriffe, gewisse allgemeinste Sätze werden
in der Regel dabei vorausgesetzt, deren Unverträglichkeit mit der
eigenen Überzeugung man wohl fühlt, ohne dass dieselbe und damit der
Grund, weshalb die lückenlose gegnerische Beweisführung uns doch
nicht überzeugt, in deutliches und begriffsmässiges Bewusstsein
gelangte.
Es kommt dazu, dass derartige Überzeugungen überhaupt selten von
strengen Beweisen, als vielmehr von dem Wert abhängen, den man auf
den einen möglichen Beweis einem anderen gegenüber legt, wobei sich
denn die formale Deduktion überhaupt machtlos erweist.
Aber nicht nur dergleichen umfassende, sondern auch mehr singuläre
Überzeugungen wurzeln sehr häufig nicht sowohl in ihren direkten
Beweismomenten, als in den Verbindungsfäden mit anderen, abseits
liegenden Teilen der Persönlichkeit, so dass man in der Regel, um
Jemanden auch an einem einzelnen Punkte wirklich zu (<276)
überzeugen, sehr tief in seine Gesamtüberzeugungen hinabsteigen
müsste - eine Verpflichtung, von der man sich nur allzu gern durch
die Erklärung, dass der andere eigensinnig wäre, dispensiert glaubt.
Das Gefühl von Demütigung, welches wir bei notgedrungenem
Aufgeben einer Ansicht haben, entstammt offenbar den Assoziationen,
welche diese mit unserem gesamten Gedankenkreise eingegangen ist, und
die nun durch Erschütterung des einen Gliedes eine Unsicherheit
unseres ganzen Seeleninhaltes drohen; der Selbsterhaltungstrieb der
einzelnen Vorstellung wird von dein der ganzen Seele getragen.
Aber hier liegt auch der Punkt, wo der eigentliche Eigensinn mit
seiner Schwäche einsetzt; es ist das Zeichen eines nicht hinreichend
differenzierten Geistes, der seinen Inhalten nicht hinreichende
Selbständigkeit und Sachlichkeit gegeben hat, dass die einzelne
Vorstellung sachlich unberechtigte Assoziationen mit allen möglichen
anderen, je nach psychologischer Zufälligkeit eingeht, und dadurch
die Reinheit und Objektivität ihres Erkenntnisinhaltes einbüsst.
Durch diese Verschmelzungen wird also tatsächlich die Freiheit der
geistigen Bewegung gehemmt; für den Eigensinnigen ist der momentane
geistige Stand ein Präjudiz, das über das Ja oder Nein der neuen
Anregung gegenüber entscheidet.
Indem durch das starre Festhalten an dem subjektiven Inhalt
scheinbar gerade die Freiheit und Unabhängigkeit gewahrt wird, wird
sie tatsächlich durch dasselbe eingeschränkt und zwar in der
zweifachen Auffassung: einmal, weil die Unbeweglichkeit gewisser
Vorstellungsmassen des Eigensinnigen ihn von eigenen
Weiterentwicklungen so abschneidet, wie nur äussere Knechtung es tun
kann, und weil andrerseits die Freiheit im Sinne des Besitzes, des
Umfanges der Ichsphäre zwar für den Augenblick durch den Eigensinn
ihre Selbsterhaltungskraft zeigt, aber nur auf Kosten derjenigen
Erweiterung, die das Ich schliesslich doch gewinnen würde , wenn es
seine schlechthin individuellen Überzeugungen durch die sachlich
richtigen ersetzte.
Das (<277) Prinzip des Freiheitsmaximums deckt also auch in
Bezug auf dieses Verhältnis des Ich zu sich selbst den anerkannten
Bestand der ethischen Forderung.
Es ist hierbei das Folgende im Auge zu behalten. Die empirische Freiheit, so hatten wir gesehen, besteht in einem
gewissen Verhältnis zwischen dem Willen und seinen Objekten. Der Wille ist frei, wenn die Objekte ihm nachgeben und seinen
Inhalt in sich ausprägen.
Dass sie das aber tun, muss er erst erfahren und dies kann er nur
durch eine Rückwirkung ihrer Beschaffenheit oder Funktionierung auf
das Subjekt. Insofern ist er also mit dein Denken zu vergleichen.
Denn das blosse, rein logische Denken hat nur dann einen Sinn und
Zweck, wenn es ausserhalb seiner noch einen psychischen Inhalt anderer
Provenienz gibt: die Erfahrung - dessen inhaltliche Übereinstimmung
mit den Resultaten des Denkens erst die Richtigkeit des letzteren
erweist.
So würde auch der Wille eine völlig leere und sinnlose Funktion
sein, wenn nicht die durch ihn eingetretenen Veränderungen in der
äusseren oder inneren Welt erfahren oder gefühlt würden, damit
durch die Vergleichung dieses rezeptiven psychischen Inhalts mit dein
Inhalte des Willens festgestellt werde, ob dieser befriedigt ist oder
nicht.
Wie die Vorstellung in erkenntnisstheoretischer Hinsicht zweimal
vorhanden sein muss: einmal in der Form des blossen Denkens und dann
in der Form der Erfahrung, so muss sie es auch im
willens-theoretischen: zunächst in der Form des Gewolltwerdens und
dann in der des Empfundenwerdens.
Nur in der Übereinstimmung dieser Zweiheit, nicht in sich selbst
allein, kann das Denken wie das Wollen Sinn und Bedeutung haben.
Der Wille bedarf also eines Objekts, das nach seiner Bearbeitung
durch das Subjekt auf dieses selbsttätig zurückwirkt, indem es in
ihm die Vorstellung, die vorher unter der Kategorie des Gewollten
bewusst wurde, nun mit dem Zeichen der Realität auslöst.
Diese Reflexion (<278) über die notwendige Selbständigkeit und
Rückwirksamkeit der Willensobjekte soll hier die weitere
fundamentieren: dass auch der freieste Wille, d. h. derjenige, der die
geringste Hemmung an seinen Objekten findet, dennoch eines gewissen
Widerstandes derselben bedarf.
Wie der Bildhauer sein Werk nicht in einem gasförmigen oder
flüssigen Stoffe ausführen kann, dessen absolute Nachgiebigkeit
keine Prägung seiner Form gestattet, wie er vielmehr einer Materie
bedarf, in der der Zusammenhang der Teile zwar ihm selbst Widerstand
entgegensetzt, dafür aber auch die Form bewahrt, die die Überwindung
dieses Widerstandes ihm eingeprägt hat -gerade so steht der Wille
seinen Objekten gegenüber.
Im Verhältnis zu einem absolut unselbständigen Objekt, das sich
ihm fügte, ohne dass es irgend eines Einsatzes von Kraft bedürfte,
würde es weder zu einem Bewusstsein noch zu einem Werte seiner
Freiheit kommen, Am ersichtlichsten ist dies bei der inneren Freiheit,
bei der die Triebe, von denen das bessere Ich sich zu befreien hat,
von der gleichen psychischen Kraft wie dieses letztere selbst getragen
werden, so dass der Widerstand, der sich dem Durchsetzen des
definitiven Willens entgegenstellt, nicht nur auf der Seite des
Überwindenden, sondern auch auf der des Überwundenen unmittelbar
bewusst wird.
Aber auch in Hinsieht auf die äusseren Objekte, in deren
Beherrschung und Überwindung sich gleichfalls Freiheit zeigt, ist es
nicht anders.
Gerade die Struktur der Dinge, vermöge deren sie die eingeprägte
Form bewahren und mit eigener Kraft auf das Subjekt zurückwirkend ihm
die Erfülltheit seines Willens beweisen - gerade diese Struktur setzt
zu einer Formung ihrer eine Anstrengung voraus; denn sie hat diese
Form von vornherein nicht, und dass sie sie nicht hat, regt eben den
Willen an.
Die Freiheit erscheint um so wertvoller, ja sie erscheint um so
mehr als Freiheit, gegen je stärkere Widerstände sie sich
durchgesetzt hat.
Darum wird die Freiheit, die die Form des äusseren (<279)
Besitzes hat, entschiedener als solche empfunden, wenn der Besitz
schweren Hindernissen entgegen erworben, als wenn er uns mühelos in
den Schoss gefallen ist; darum ist die innere Freiheit
verdienstlicher, wenn sie im Kampfe gegen die Fesselungen der
Sinnlichkeit errungen wurde; darum ist das freie Ausleben der
Persönlichkeit um so mehr wirkliche Freiheit, je mehr es sich im
Verhältnis zu anderen freien Personen, als wenn es sich Sklaven
gegenüber erweist.
Hierdurch erhält nun das Idealprinzip des Freiheitsmaximums eine
wesentliche nähere Bestimmung.
Es wird nämlich klar, dass die Gestaltung äusserer Verhältnisse,
die der menschlichen Freiheit einen maximalen Spielraum geben und
deren Forderung insoweit eine grosse Zahl sittlicher Ideale
einschliesst, diese Qualifikation der Objekte nicht zu einem Maximum
treiben darf, ohne ihren Zweck selbst wieder zu annullieren.
Es ist allerdings sittliches Ideal, dass jeder in seinen
Verhältnissen zu Menschen und Dingen möglichst viel Freiheit habe;
damit es aber zu diesem Maximum komme, bedarf es doch noch gerade,
äusserlich angesehen, einer gewissen Einschränkung der Freiheit.
Besteht die sittliche Aufgabe darin, die Objekte des Willens
möglichst nachgiebig und in der Richtung des kleinsten Widerstandes
zu gestalten, so würde die absolute Erfüllung derselben es zu der
positiven Freiheit gar nicht kommen lassen, der die ganze
Handlungsweise dienen sollte.
Hierdurch wird nicht nur die Freiheit des Libertinismus und der
Gesetzlosigkeit ausgeschlossen; denn das geschieht schon unmittelbar
durch den Begriff des Freiheitsmaximums., weil diese Formen der
Freiheit in ihrem Revers oder in ihren Folgen um so stärkere
Fesselungen mit sich führen.
Es liegt in dieser Bestimmung vielmehr noch dies, dass die privaten
Verhältnisse wie die öffentlichen Einrichtungen die Freiheit im
weiteren Sinne nur als Preis einer Arbeit zulassen sollen, dass sie
einen gewissen mittleren Aggregatzustand zwischen Nachgiebigkeit und
Widerstand einhalten; (<280 ) der Wille muss sozusagen genug
Reibung an ihnen finden, um sieh daran seiner selbst bewusst zu werden
und seinen Inhalt in dauernden und wirkenden Gestaltungen ausprägen
zu können.
In Bezug auf die Freiheit gegenüber der äusseren Natur, d. h. auf
die Beherrschung derselben, ergibt sich solche Begrenzung der Freiheit
als Bedingung ihrer Maximisierung ganz von selbst.
Denn hier liegt ein unendliches Feld möglicher und unmittelbar zu
ihrem Gewinn auffordernder Fortschritte vor uns, so dass jede
erreichte Stufe, jedes gewonnene Mass von Freiheit sofort den Willen
sich auf weiteres richten lässt, so dass die Arbeit an der
Überwindung der Widerstände nie zu Ende kommt.
Denn der Sinn des Freiheitsmaximums ist doch nicht bloss der, dass
der vorhandene Wille sich widerstandslos durchsetze, sondern, dass
dieses Willensquantum seinerseits vermehrt werde; nur indem der Wille
selbst sieh steigert, können auch seine Befriedigungen, d. h. das
Quantum der Freiheit, gesteigert werden.
Auf dem Gebiet der Verhältnisse von Menschen untereinander, der
sozialen und der singulären, ist es eine triviale Wahrheit, dass die
Freiheit von einem gewissen Masse an schädlich wird, den sittlichen
Zwecken widerstreitet.
Dies könnte man für den Ausdruck der Tatsache halten, dass die
sittlichen Zwecke über der Freiheit stünden und diese oder ihr
Gegenteil einfach als Mittel im Masse ihrer Angemessenheit für jene
in Betracht kämen.
Ich meine aber, dass man es auch so ausdeuten kann: die partiellen
Einschränkungen der Freiheit seien die Bedingung, unter der bei den
gegebenen psychischen und sozialen Voraussetzungen allein das Maximum
von Freiheit überhaupt erreicht werden könnte.
Wie es mit dem Streben nach einem Maximum des Glückes vereinbar
ist, Zeiten des Leides, der Wehmut, der Gefühlsindifferenz gelten zu
lassen, weil wir auf den Unterschied angewiesene Wesen sind, und darum
das Glücksgefühl die Voraussetzung hat, dass es von Perioden anderer
Empfindungen unterbrochen (<281) werde: so mag auch die Freiheit
die Existenz eines "Gegenwurfes" voraussetzen, von dem sie
sich abhebt, an dem sie überhaupt ihre eigene Existenz erst erringt
und bewährt; und weiterhin mag das Durchsetzen eines
Freiheitsmaximums unter den tatsächlichen Verhältnissen davon
abhängen, dass man die Freiheit an manchen einzelnen Punkten
beschneidet, wo sie wohl an und für sieh durchzusetzen wäre, durch
ihre sekundären Wirkungen aber mehr Fesselungen herbe' führen
würde, als sie primär aufhebt.
So gehört das Freiheitsmaximum unter jenen Typus von Idealen, den
ich Bd. 1, S. 337 f. charakterisierte: letzte ideale Zielpunkte des
Handelns, deren völlige Realisierung indessen diejenigen Werte wieder
annullieren würde, die das Streben nach ihnen realisiert.
Von den empirischen Zuständen aus gesehen liegen die sittlichen
Werte vielleicht alle in der Richtung auf das Freiheitsmaximum; eine
absolute Verwirklichung desselben aber würde nichts desto weniger ein
unausdenkbarer Zustand sein.
Alle derartigen Versuche, die Sittlichkeit, sowohl nach ihrer
Tatsächlichkeit wie nach ihren Forderungen und Urteilskriterien, auf
einen einheitlichen Begriff zu bringen, sind im Grunde nichts als
Symbolisierungen des sittlichen Tatbestandes.
Sie erreichen im besten Falle die Feststellung, dass die sittlichen
Taten so verlaufen, als ob sie von dem betreffenden Gedanken geleitet
wären.
Dieser hat die Funktion einer Rechenmarke, deren Bedeutung in der
stetigen Relation bestellt, die die von ihr vertretenen Werte zu ihr
haben; vermöge dieses Umstandes kann man an ihr Verhältnisse und
Gesetze berechnen, in deren Form man die realen Werte nur einzusetzen
braucht, um die Wirklichkeit des Verhaltens dieser daraus abzulesen.
Der Trieb nach Einheitlichkeit der Prinzipien führt uns zu solchen
höchsten Gesichtspunkten, denen sich alle Einzelheiten, sei es des
Tuns, sei es des Sollens, unterordnen, und nur der naive Realismus,
der unser Denken noch so vielfach beherrscht, (<282) verführt uns
dazu, die bloss symbolische Bedeutung derselben für eine reale zu
halten.
Der Realismus, den Kant aufgedeckt hat, ist nur ein Teil dieses
allgemeinen Denkfehlers und nicht einmal der wichtigste, weil er die
Gesamtheit des Vorstellens betrifft, also die Relationen unter den
Einzelheiten des Vorstellens, die das Wesentliche des Lebens
ausmachen, unberührt lässt. Unser Erkenntnisleben wird von Symbolik verschiedenster Stufen
durchzogen.
Schon die Empfindungen hat man als Symbole der Realitäten
bezeichnet, indem sie zwar nicht diese selbst zur Anschauung bringen,
wohl aber deren chronologische Verhältnisse an ihrem ganz
andersartigen Material so abspiegeln, dass man an jeder Stelle ihres
Verlaufs den Schluss auf ein bestimmtes Verhalten jener ziehen darf.
Die Begriffe weiterhin sind Symbole der Anschauungen, die logischen
Gesetze Symbole des empirischen Verhaltens der Dinge; indem wir mit
den Begriffen logisch verfahren, sind wir sicher, das so erlangte Resultat an den Anschauungen, von denen wir uns
inzwischen abgewendet hatten, anzutreffen.
Wir rechnen mit den logischen oder mathematischen Gebilden, als ob
sie die Wirklichkeit wären, und können so an einem von der Erfahrung
völlig verschiedenen psychischen Inhalt diejenigen Formen gewinnen,
die für den Inhalt der Erfahrung selbst gelten.
Die einheitlichen Maximen endlich bilden in der oben geschilderten
Weise die Symbole für Wollungen, Erkenntnisse und Gefühle; ohne
inhaltliche Beziehung zu diesen, lassen sie sieh doch zu Konsequenzen
entwickeln, die auch für die Entwicklung jener zutreffen.
Wenn z. B. ein Eudämonist behauptet, dass alles Handeln der
Menschen in Wirklichkeit auf egoistische Glückssteigerung gerichtet
sei, so kann dies weder bedeuten, dass dies das bewusste Motiv des
Handelns sei - denn das wäre eine tatsächliche psychologische
Unwahrheit - noch dass das Handeln in Wirklichkeit immer der
Glückssteigerung dient - was kein geringerer Irrtum wäre.
(<283) Die Bedeutung jener Behauptung kann also nur eine
symbolische sein, eine, die die Tatsächlichkeit der Handlung nicht
unmittelbar ausdrückt, wohl aber das rechnerische Hilfsmittel ist, um
diese Tatsächlichkeit festzustellen; sie kann nur besagen: man findet
die wirklichen Handlungen jedes Individuums, indem man von jeder
gegebenen Lage aus diejenige Handlung berechnet, die zu der
Maximisierung seines Glückes führt.
Wählt man für diesen Eudämonismus ,etwa den Ausdruck: das
Streben nach Glück sei das unbewusste Motiv alles Handelns, so ist
das Unbewusste doch nur eine Hypostasierung oder Personifikation des
Symbolcharakters der Behauptung: es ist ein Verlegenheitsausdruck,
hervorgegangen aus der Vorstellung, dass diese Möglichkeit, die
Willenserscheinungen in einem einheitlichen Ausdruck zusammenzufassen,
doch eine reale Ursache haben muss.
Es ist der alte Irrtum des Kraftbegriffs; statt sich mit jenen
Zusammenfassungen der Erscheinungen zu begnügen, die, wenngleich
bloss subjektiv, doch für alles Operieren mit ihnen völlig
ausreichen, glaubt man eine tiefere Erkenntnis zu gewinnen, wenn man
den Erscheinungen "Kräfte" unterlegt, die näher angesehen
nichts sind als Substanzialisierungen jener subjektiven Begriffe. Dieser Fehler wird hier sozusagen auf einer höheren Stufe
wiederholt.
Da für die tatsächliche Möglichkeit, alle Handlungen als Mittel
zu egoistischem Glück zu deuten, weder in dem Bewusstsein, aus dem
sie hervorgehen, noch in dem Erfolge, in den sie auslaufen, eine reale
Ursache zu finden ist, so verdichtet man eben jene blosse Möglichkeit
der Deutung zu einer besonderen Kraft oder Wesenheit, die man das
Unbewusste nennt, ohne dass dieser Name etwas für sich bedeutete.
Die Voraussetzung eines durchgehenden unbewussten Strebens nach
Glück ist, besten Falls, nichts als der Ausdruck dafür, dass man
unsere Handlungen in diesem Sinne deuten kann, sie gibt aber gar
keinen Einblick in die realen Kräfte, die diese Handlungen nun im
einzelnen Falle bestimmen. (<284)- Oder ein Theist mag behaupten: der Lauf der Welt ist von
der absoluten göttlichen Weisheit geleitet.
Hier ist uns nun weder das vorausgesetzte göttliche Wesen
unmittelbar zugängig, so dass wir durch Einblick in dasselbe die
Kräfte erkannten, die alle Erscheinungen in die Bahn seiner Weisheit
leiteten, noch ist den Erscheinungen selbst die Provenienz aus der
göttlichen Weisheit unverkennbar eingeprägt.
Sie symbolisiert also nur das wirkliche Verhalten und es liegt
methodisch nur das Recht - das sachliche untersuchen wir hier nicht -
für die Behauptung vor: die irdischen Dinge verlaufen so, als ob eine
Überlegene Weisheit sie beherrschte.
Es verhält sich damit gerade wie mit der Maxime, dass die Natur
immer den kürzesten Weg zu ihren Zielen nehme.
Auch hiermit kann, ganz abgesehen von der sachlichen Zulässigkeit
des Gedankens überhaupt, doch kein reales und wirksames Gesetz der
Sparsamkeit gemeint sein, das etwa wie das Gravitationsgesetz die
primäre, die Erscheinungen beherrschende Kraft bezeichnete - vielmehr
unter völligem Beiseitesetzen der Frage, welches denn die wirklichen,
erfahrbaren Triebkräfte des Naturgeschehens sind, wird hier nur
behauptet, dass sie so angeordnet sind, als ob sie einem ihnen
übergeordneten Gesetze der Sparsamkeit gehorchten.
Solche Maximen beziehen sieh in der Art auf das Verhalten der
Dinge, dass dieses sozusagen gar nicht direkt von ihnen berührt, dass
über sein Fürsichsein damit absolut nichts ausgesagt wird; sondern
ihre Erscheinung allein wird damit im wirklichen Sinne des Wortes
bezeichnet.
Es ist ein Gesichtspunkt, mit dem man für die Zwecke des Erkennens
ebenso operieren kann wie mit einem, der die realen Ursachen des
Geschehens ausspricht - gerade in dem Sinne, in dem man das Symbol der
Sache anstatt der Sache selbst benutzt, sicher, dass das Resultat des
Verfahrens mit jenem an jedem Punkte auch für diese gültig ist,
ebenso als hätte man von vornherein mit ihr operiert.
(<285) Das Gleiche gilt ohne weiteres für Vereinheitlichungen
der Sollensvorstellungen.
Die Wahrheit, welche man der Steigerung des Glückes, oder der
Vervollkommnung der Persönlichkeit, oder der vernunftmässigen
Harmonie der Handlungen als sittlicher Forderung wenigstens
prinzipiell zusprechen mag, ruht keinesfalls in ihrer Erklärung des
Sittlichen oder in der Beschreibung seiner psychischen Wirklichkeit,
sondern darin, dass sie je einen zusammenfassenden Ausdruck für die
sittlichen Inhalte bilden, einen Ausdruck, mit Hülfe dessen sich
diese ebenso sicher konstruieren lassen, als wenn er den realen
Quellpunkt derselben unmittelbar bezeichnete.
In diesem Sinne allein ist auch das Moralprinzip des
Freiheitsmaximums zu verstehen.
Indem wir die Freiheit als ein ganz allgemeines Verhältnis
zwischen dem Willen und seinen Objekten erkannten, erweiterte es sieh
über seinen nächsten Sinn, der sich auf die Verfügung über den
eigenen Leib bezog, zu der Gesamtheit der menschlichen und sachlichen
Objekte, die mit dem Individuum in Beziehung stehen und deren Struktur
und Verhältnis zu ihm seine Freiheit oder Unfreiheit ausmachen.
Daraufhin gewinnt der Freiheitsbegriff eine so hohe abstrakte
Stellung über den gesamten Einzelheiten unserer Interessen, dass der
Versuch nicht aussichtslos erscheint, ihn als Symbol einer
durchgehenden Direktive oder Wertung derselben zu behandeln.
Nachdem uns die bisherigen Erörterungen den Inhalt wie den Umfang
des Freiheitsbegriffes gezeigt und nach beiden Seiten hin die
Einfachheit seiner logischen Bedeutung in eine Fülle empirischer
Einzelheiten aufgelöst haben, bleiben nun noch einige Überlegungen
anzustellen, die über die psychologischen Beziehungen des Begriffes
hinaus nach deren sachlicher oder erkentnistheoretischer
Fundamentierung fragen.
(<286) Als den Gegensatz der Freiheitslehre pflegt man die
Annahme eines psychologischen Mechanismus zu bezeichnen.
Geht wirklich jeder Bewusstseinsakt aus seinen Antezedentien in
derselben mechanischen Weise hervor, wie jeder physische aus den
seinigen, so findet selbstverständlich innerhalb dieses Prozesses die
Freiheit keinen Platz.
Soll diese Annahme das bedeuten, was die Assoziationspsychologie
unter ihr zu verstehen pflegt: dass sich der Vorstellungszustand jedes
Augenblicks aus dem des vorangegangenen berechnen lässt, so ist sie
mit der Tatsache, dass wir überhaupt Empfindungen haben, nicht zu
vereinigen.
Jede Empfindung tritt offenbar als ein neues Element in den Verlauf
des psychischen Geschehens ein, als eines, das aus dem vorherigen
Inhalt desselben nicht zu berechnen ist.
Mit den Elementen, die einmal in das Bewusstsein eingegangen sind,
mögen psychologische Gesetze schalten, und ihre wechselnden
Kombinationen als mechanische, aus einander zu berechnende
Entwicklungen ihrer Spannkräfte erzeugen; aber diese immanente
Kausalität des Seelenlebens versagt in dem Augenblick, wo leibliche
Reize ihrem Ablauf neue Glieder einfügen, gerade wie es die
Berechenbarkeit eines physischen Systems ausschliessen würde, wenn in
jedem Augenblick neue Faktoren in dasselbe einströmten, die sich aus
seinem bisherigen Status nicht ergeben.
Die Tatsache der von aussen hervorgerufenen Empfindung verhindert
also jedenfalls die mechanische Bestimmtheit jeder psychischen
Verfassung aus der vorhergehenden, bloss psychischen.
Allein die Schwierigkeit dieser Tatsache wendet sich auch nach der
andern, nach der physischen Seite. Das Gesetz der Erhaltung der Kraft gestattet nicht, dass in den
Wirkungen, die in einem gegebenen Moment zu Tage treten, mehr
vorhanden ist, als die Kraftsumme, welche der verursachende Moment
enthielt.
Wenn nun die äussere Veranlassung einer Empfindung stattfindet, z.
B. ein Schlag auf die Hand, so bleibt die damit in den Körper
übergegangene Kraftsumme (<287) quantitativ unverändert durch
alle nervösen, kalorischen, chemischen Umsetzungen innerhalb des
Körpers bez. des Gehirns hindurch erhalten, bis sie wieder aus dein
letzteren irgendwann heraustritt.
In dieser lückenlosen physischen Kausalreihe ist für ein
psychisches Moment, für die Empfindung, kein Platz. Denn das Gesetz der Erhaltung der Kraft fordert für den physischen
Vorgang des Schlages weitere physische Vorgänge, in denen die in
jenem enthaltene Kraft völlig kongruent aufgeht, so dass in den
späteren absolut nichts gefunden werden kann, das nicht auch in dem
ersteren, wenngleich in anderer Form, enthalten wäre.
Die Wirkung des Schlages erschöpft sich in ihren körperlichen
Wirkungen, und wenn wir ihn als die Ursache der Empfindung, eines
unkörperlichen, rein intensiven Vorganges ansprechen, so ist doch in
ihm derjenige Teil, der eben diese Wirkung hätte, absolut nicht
aufzufinden.
Die Empfindung also als eine in oder an der Kette physischer
Vorgänge auftauchende Erscheinung ist eine Schöpfung aus dem Nichts.
Jenes Gesetz lässt ihr keinen Raum, es fordert alle Kraft eines
physischen Vorganges für seine physischen Wirkungen und kann deshalb
die Erklärung, dass der Schlag auf die Hand die Ursache des
empfundenen Schmerzes ist, nicht zugeben.
Die letztere Schwierigkeit nun findet das Gesetz der Erhaltung der
Kraft nicht weniger in der Tatsache der Willenshandlungen.
Wenn ein blosser Bewusstseinsvorgang, eine Absicht die wirkliche
Ursache einer körperlichen Bewegung wäre, so wäre damit Kraft aus
Nichts geschaffen; denn eben die Kraftsumme, die in der so
entstandenen Bewegung enthalten ist, wäre vorher in der körperlichen
Natur nicht vorhanden.
Gegen diese Konsequenz, dass das Geistige nicht Ursache
körperlicher Vorgänge sein kann, ohne jenes Fundamentalgesetz zu
durchbrechen, hilft kein Palliativmittel abschwächender Hypothesen:
dass das Bewusstsein nicht die Kraft, sondern nur die Richtung der
(<288) Kraft erzeugte, wie der, der die Schleuse aufzieht, die
Wasserkraft nicht erzeugt, sondern nur formal bestimmt, oder wie nach
dem Gleichnis Descartes, der Reiter die eigenen Bewegungen des Rosses
lenkt.
Denn ein solches Bestimmen der Form und Richtung vorhandener
Kräfte ist doch nur durch einen, wenn auch noch so minimalen,
physischen Anstoss möglich; auch zur blossen Entfesselung einer Kraft
bedarf es einer Kraft, ohne die Niemand eine Schleuse aufziehen oder
ein Ross lenken kann.
Es ist und bleibt ein Wunder, eine Schöpfung aus dem Nichts, wenn
aus dem bloss Geistigen, dem blossen Bewusstseinsvorgang eine Bewegung
im Körperlichen hervorgehen soll.
Es liegt daraufhin freilich nahe, auf das Überspringen der Wirkung
zu verzichten, die körperliche Handlung als physische Wirkung der
physischen Gehirnvorgänge zu begreifen und den bewussten Willen nur
als eine Mitschwebung mit den letzteren anzusehen, die auf eine
übrigens unerklärte Weise mit ihm verbunden wäre.
Dann wäre der geistige Prozess ,ins der physischen Reihe
ausgeschaltet und diese ihrer notwendigen Lückenlosigkeit
wiederhergestellt.
Das gleiche Verhältnis gelte dann auch für die Empfindung; der
Schlag auf die Hand verursacht einen blossen Gehirnvorgang und dieser
verursacht seinerseits nicht die Schmerzempfindung denn damit eben
wäre die, physische Reihe durchbrochen sondern diese ist mit dein
physischen Vorgang in einer Weise verbunden, die nicht eine kausale
ist, sondern die man sich in einer spinozistischer,
okkasionalistischer, prästabilistischer oder sonstiger Denkrichtung
näher bringen mag.
Diese Annahme über das Wesen der Empfindung dieser Ausschluss
aller Verursachung des Psychischen durch physische Vorgänge ist die
notwendige Voraussetzung der Berechtigung, auf Grund der
Naturkausalität das Eingreifen eines ursachlosen Willens in den
Ablauf der physischen Prozesse abzulehnen.
Denn wenn man von der Empfindung zugibt, dass physische Kraft sich
(<289) hervorbringt, d. h. in ihr ins Unkörperliche verschwindet,
so ist damit das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, also die
Naturkausalität nicht weniger durchbrochen als durch das Schaffen von
bewegender Kraft aus dem körperlosen Willen.
Die vulgäre Vorstellung der Freiheit, der zufolge wir als geistige
Individuen beliebig in die äusseren Ereignisse eingreifen und ihnen
eine in ihnen selbst nicht prädeterminierte Form verleihen können,
wäre genau so möglich wie die viel weniger roh erscheinende
Vorstellung vom Wesen der Empfindung, dass sie von einem körperlichen
Vorgange nach Art der gewöhnlichen Kausalität hervorgebracht werde.
Nur die völlige Entfernung des Empfindens aus der Kausalreihe des
physischen Geschehens gibt das Recht, die Geschlossenheit dieser gegen
die Freiheit des willensmässigen Handelns ins Feld zu führen.
Allerdings könnte man gerade auf diese Korrelation des Empfindens
und des Wollens die Berechtigung gründen wollen, beides in die
physische Kausalreihe einzuschieben, und zwar so, dass die mit dein
ersteren - für den physikalischen Standpunkt - ins Nichts
verschwindende Kraft durch das letztere wieder aus diesem Nichts
ersteht, und auf diese Weise die Gesamtsumme der Kraft so unverändert
erhalten wird, wie das Naturgesetz es fordert.
Dann verhielte sich das Psychische in der physischen Reihe
ungefähr wie irrationale Glieder in einer Rechnung, die von
rationalen Grössen ausgehend, wieder in rationale mündet.
Sie werden eben wieder ausgeschaltet, ohne durch den Charakter, den
sie an und für sich haben, das Resultat zu affizieren.
Auch manche andere Entwicklungen verhalten sich so- es werden
Faktoren in sie eingeführt, die entweder aus einer ganz anderen Reihe
stammend oder in sich von destruktiver oder ablenkender Tendenz, die
Gesamtheit der Entwicklung zum Selbstwiderspruch führen würden, wenn
nicht der weitere Verlauf derselben noch einmal dem gleichen Faktor,
aber mit umgekehrtem Vorzeichen Raum gäbe, so dass er, den (<290)
ersteren paralysierend, die Reihe schliesslich ungestört an dem Ziel
münden lässt, auf das sie angelegt ist.
Bei unserem völligen Mangel an einer exakten Vorstellung über das
Verhältnis von Geist und Körper, und bei dem Spielraum, den
angesichts dessen die blossen Denkmöglichkeiten haben, scheint mir
auch diese nicht ausgeschlossen.
Mit dem Eintreten der bewussten Empfindung, die von physischen
Vorgängen verursacht ist., bricht die vom Gesetz der Krafterhaltung
beherrschte Reihe der letzteren ab; die psychischen Vorgänge bilden
ein jenseits aller messbaren Kräfte liegendes Reich, in das zwar
physische Kräfte einmünden, in dem sie aber nicht wie in ihren
sonstigen Effekten erhalten bleiben, sondern verschwinden.
Durch den Willen aber grenzt dieses Reich des Psychischen wieder an
das Gebiet des Physischen und erstattet ihm die Kräfte wieder, die es
ihm an der anderen Grenze, der Empfindung, entzogen hatte.
Diese Hypothese hätte das für sich, dass sie das Gesetz von der
Erhaltung der Kraft mit der wirklichen Verursachung des Psychischen
durch Physisches und umgekehrt zu vereinigen gestattet, eine
Vereinigung, die so lange unmöglich scheint, als man nicht das in der
Empfindung verlorene Kraftquantum durch den Willen wiedergewinnt.
Auch wird dieses Verhalten durch die Beobachtung nahegelegt, dass
der Lebhaftigkeit und Energie des Empfindens der gleiche Charakter des
Wollens zu entsprechen pflegt, während man umgekehrt die krankhafte
Willensschwäche geradezu auf eine Schwäche des sinnlichen
Empfindungsvermögens zurückgeführt hat.
Der Wille gibt danach in den von ihm ausgehenden Innervationen nur
gerade dasjenige Quantum Kraft aus, das durch die Empfindungen in die
Psyche geleitet worden ist.
Die Lücke, die auf diese Weise in die Reihe der physischen
Bewegungen gerissen wird, ist weniger unerträglich, als es auf den
ersten Blick scheint, wenn man bedenkt, dass überhaupt im Physischen
die Frage, wie denn die Kraft sich von einem Teil (<291) der
Materie dem anderen mitteile, ein grosses Geheimnis umschliesst.
Wir wissen nur, dass bei zwei an einander stossenden Billardkugeln
sich das Bewegungsquantum, das die eine verlor, irgendwie an der
anderen wiederfindet; wie diese Übertragung eigentlich zu Stande
gekommen ist, davon wissen wir nichts.
Ja, die atomistische Hypothese, die zwischen die kleinsten
Bestandteile der Körper leere Räume setzt, fordert geradezu ein
Sich-Hindurchsetzen der Kraft durch ein Gebiet, auf dem sie keinen
materiellen Träger hat.
Die Vermutung also, dass das die Empfindung hervorrufende
Kraftquantum in einer nicht, physischen Form in ihr aufgehoben sei und
vermittelst des Willens sich wieder in die physische Form umsetze,
könnte als eine positive Ausfüllung einer Vorstellungslücke gelten,
die die physikalischen Vorstellungen allenthalben lassen.
Durch diese Hypothese würde wenigstens der aus der mechanischen
Naturkausalität geschöpfte Einwand gegen die Willensfreiheit ihr
erspart bleiben. Das Eingreifen des Willens in die äussere Naturordnung wäre dann
von ihr aus gesehen ursachlos, d. h. nicht in seiner Art und Richtung
durch sie determiniert, würde aber dennoch wenigstens nicht die
Kraftsumme alterieren, deren Erhaltung das Postulat jener
Naturkausalität ist.
Es entstünde jetzt nur die Frage, ob die Bewusstseinsvorgänge
etwa in sich eine Kausalität aufweisen, die die Willensakte
determiniert.
Die Schwierigkeit der psychischen Mechanik, von der dieser
Abschnitt ausging, gilt allerdings für den Willen nicht, Die
Unberechenbarkeit des späteren psychischen Zustandes aus dem
gegenwärtigen folgt aus dem fortwährenden Auftreten neuer
Empfindungen, welche von der physischen Welt her angeregt werden und
die immanente Entwicklung des bisherigen Seeleinhaltes unterbrechen.
Allein da der Wille nicht in diesen Inhalt hinein, sondern
sozusagen aus ihm herausführt, da wenigstens seine ausgebildeteren,
von der (<292) Freiheitsfrage betroffenen Formen am Ende der
Entwicklungsreihe stehen, die von Empfindungen ausgeht, so kann er aus
dem vorhandenen psychischen Bestande, in den die Empfindungen
aufgenommen sind, mit mechanischer Gesetzmässigkeit hervorgehen.
Die Zufälligkeit, die die Empfindung vom Standpunkt der
psychologischen Kausalität aus besitzt, braucht für den Willen nicht
zu gelten.
Die Frage nach der psychologischen
Gesetzmässigkeit ist im ganzen Gebiet des Erkennens vielleicht
diejenige, bei der die allgemeinen erkenntnistheoretischen Forderungen
noch am weitesten von ihrer Erfüllung durch empirische Erkenntnisse
abstehen.
Der Voraussetzung der Kausalität steht die
Tatsache gegenüber, dass ein psychologisches Gesetz im Sinne der
Naturwissenschaft bis jetzt noch nicht gefunden worden ist; neben der
tatsächlichen Zuverlässigkeit, etwa der Assoziationsregeln, auf die
unser ganzes praktisches Leben und alle Beziehungen der Menschen
untereinander gegründet sind, steht die Beobachtung, dass es
überhaupt keine noch so entlegene positive oder negative Beziehung
zwischen Vorstellungen gibt, die nicht Assoziation herbeiführen
könnte, aber auch keine noch so nahe, die sie herbeiführen müsste;
der Forderung einer Berechenbarkeit, selbst im weitesten Sinne, setzt
sich die unüberwindlich scheinende Schwierigkeit entgegen, dass es im
Seelenleben keine fest umschriebenen Einheiten gibt, so dass die
Bezeichnung, unter der man eine solche in die Rechnung einführt,
immer dasselbe bestimmte, von allen anderen unzweideutig geschiedene
Objekt träfe.
Die Unberechenbarkeiten, welche das psychische
Leben seinen Berechenbarkeiten untermischt, erscheinen nur teilweise
als vorläufige, als solche, die der Fortschritt der Erkenntnis
aufheben wird; teilweise tragen sie den Charakter des Definitiven,
die, psychischen Vorgänge scheinen sich ihrem Wesen nach der
durchgehenden Einordnung in die Kategorie mechanischer Kausalität zu
entziehen.
Nun halte ich prinzipiell allerdings ein (<293)
solches Zugeständnis für erforderlich. In die Formen, deren Erfüllung für uns exakte
Erkenntnis bedeutet, passen die psychischen Vorgänge, wie sie sich in
unserem Selbstbewusstsein spiegeln, nicht hinein.
Die nachträgliche Betrachtung verleiht den
Bewusstseinsvorgängen gewisse Formen, Abgrenzungen, gegenseitige
Beziehungen, die aber nur Symbole sind, nur ungefähre Hinweisungen
auf einen Sachverhalt, der bei näherem Hinsehen fortwährend die
Grenzen jener begrifflichen Formulierungen überschreitet; es ist eine
blosse Konvention, wenn wir unsere Vorstellungen von den
Bewusstseinsvorgängen als Erkenntnisse derselben akzeptieren.
Als Grund dieser Inkongruenz erscheint mir die
Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein in seinen früheren
Entwicklungsstadien ausschliesslich auf das äussere Geschehen und
seine intellektuelle Beherrschung gerichtet ist; an den äusseren
Erscheinungen also haben sich die Kategorien des Erkennens gebildet,
die längst fest geworden sein müssen, bevor sich das forschende
Bewusstsein auf sich selbst, auf die Vorgänge in seinem Inneren
richtete.
Als dies geschah, fand es nur jene Kategorien vor,
die, für ganz andere Zwecke und Objekte gebildet, dennoch die
einzigen verfügbaren Werkzeuge des Erkennens waren; die häufig
betonte Tatsache, dass wir geistige Vorgänge sprachlich gar nicht
anders ausdrücken können, als durch Worte, die für körperliche
Erscheinungen geprägt sind, ist eine Folge, wie ein Symbol dieses
Verhältnisses.
Da wir nun die Erfüllung jener Kategorien
Erkenntnis nennen, die psychischen Ereignisse aber, auf die bei ihrer
Bildung keine Rücksicht genommen ist, nicht vollkommen in sie passen,
so können wir zu, einer eigentlichen Erkenntnis dieser letzteren
allerdings vielleicht nicht gelangen.
Unter diesem Vorbehalt bemerke ich über den Mangel
an innerer Kausalität unter den psychischen Ereignissen das Folgende,
und zwar in Anlehnung an die Fragen der Assoziationspsychologie.
Ich setze hier voraus, dass, welches (<294) auch
das nähere Verhältnis von Körper und Geist sein mag, in keinem
Falle eine Vorstellung ohne einen Bewegungsvorgang im Gehirn zu Stande
kommt.
Wenn ich also sage: die Vorstellung A tritt ins
Bewusstsein, weil die mit ihr assoziierte Vorstellung B bewusst wird,
so heisst dies von der physiologischen Seite angesehen: es geht eine
Bewegung a im Zentralorgan vor sich und zwar ausgelöst durch die
Bewegung b, wobei a der Vorstellung A und b B entsprechen soll.
Nun ist es aber sehr leicht möglich, dass b
nicht die einzige und für sich zureichende Ursache von a ist,
dass vielmehr noch eine weitere physiologische Bedingung g dazu
gehört, um a und also auch A hervorzubringen, und dass dieses g keine
Bewusstseinsseite hat.
Wir erkennen dann in und durch B nur einen Teil des
Ursachenkomplexes von A; wir würden vergeblich mit den Mitteln der
Psychologie des Bewusstseins nach den Ursachen suchen, weshalb in
einem gegebenen Falle des Bewusstwerdens von B A nicht reproduziert
wird, obgleich es sonst mit ihm verbunden war; es fehlt dann eben die
Mitbedingung g, die nicht ins Bewusstsein fällt, ohne deren in
früheren Fällen vorhandene Mitwirkung aber der Effekt a und also
auch A nicht eintreten kann.
Bei diesem Verhalten der Dinge liesse sich
verstehen, weshalb es nicht gelingt, eine Mechanik des
Vorstellungswechsels aus bloss immanenten, psychischen Momenten zu
Stande zu bringen: weil diejenigen Bedingungen für das Hervortreten
einer Vorstellung, die psychischer Natur sind, nur einen Teil der dazu
erforderlichen Ursachen repräsentieren und deshalb noch des relativ
zufälligen Zusammentreffens mit den anderen, bloss physischen
Bedingungen bedürfen, um zum zureichenden Grunde für das Entstehen
jener Vorstellung zu werden.
Deshalb sind die sogenannten Assoziationsgesetze so unbestimmt und
ausnahmsvoll, also eigentlich keine Gesetze, während andrerseits
ebendaher klar ist, wieso sie in einer (<295) Anzahl von Fällen
wirklich das Richtige treffen.
Ein Korrelat dieser Hypothese ist die Annahme, die Kultursteigerung
bestehe darin, dass diejenigen Rindenprozesse, mit denen noch kein
Bewusstsein verbunden ist, mehr und mehr solches erhalten; Steigerung
des Bewusstseins, immer gründlichere Durchleuchtung des Unbewussten
durch Bewusstes sei der Weg der organischen Evolution.
Wird dies als wahr angenommen, so verstehen wir aus unserer
Hypothese von der Verursachung der bewussten Gehirnprozesse durch
teils bewusste, teils unbewusste, wieso die tiefststehenden Rassen
jenes unberechenbare, launische, sprunghafte Geisteswesen zeigen, von
dem uns vielfach berichtet wird, und wieso entsprechend gerade die
höchsten Menschen in gewissem Sinne die berechenbarsten sind:
zuverlässig in den einmal eingeschlagenen Bahnen beharrend,
kontinuierlich in Ideen und Entschlussreihen, am freiesten von
plötzlichen Impulsen und unverständlichen Gedankensprüngen.
Bei solchen Individuen sind offenbar sehr viel mehr Gehirnprozesse
mit Bewusstsein ausgestattet als bei dem Wilden, so dass der
physischen Kausalkette, aus der der einzelne Akt hervorgeht, eine
kontinuierliche Reihe von Vorstellungen entspricht; die einzelne
erscheint dadurch von einem verständlichen Zusammenhänge psychischer
Inhalte getragen, die blossen Ursachen, aus denen sie auftaucht,
stellen sich als Gründe oder Motive dem Bewusstsein dar, während da,
wo das Bewusstsein sich nur als zufällig aufzuckende,
unzusammenhängende Lichterscheinung an die physischen Vorgänge
heftet, sein einzelner Inhalt wie aus dem Nichts geboren, aus einer
unzugänglichen Ordnung der Dinge hineingeschneit erscheint.
Wenn übrigens geniale Menschen vielfach launenhaft,
ungleichmässig in ihrem Lebensrhythmus, unberechenbar in ihren
Impulsen sind, so mag dies an der Einseitigkeit der Begabung liegen:
die Durchgeistigung des Zentralorgans ist dann eben auf eine Provinz
desselben besonders konzentriert und so entsteht teils ein wirklicher
(<296) Mangel an innerem Gleichgewicht in der Psyche, teils eine
grössere Auffälligkeit desselben als bei Durchschnittsmenschen.
Da dieser Prozess der allmählichen Vergeistigung, der wachsenden
Ergänzung der psychischen Reihen, der bewussten Motivierung jedes
Aktes durch vorangehende noch keineswegs zu Ende gekommen ist, so
entspricht dem physischen Mechanismus eben noch kein ganz gleich
vollständiger psychischer.
Wenn wir selbst von dem Durchbrechen des letzteren, das die
fortwährend einströmenden Sinneseindrücke bewirken, ganz absehen,
so bleibt dennoch keine Möglichkeit, die psychischen Prozesse in eine
Reihe zu ordnen, innerhalb deren der spätere nach beständigen
Gesetzen aus dem früheren hervorgehen müsste.
Die mit Bewusstsein versehenen Hirnprozesse sind offenbar nur ein
gewisser durch den ganzen Umfang der Grosshirnrindenprozesse
überhaupt hin verteilter Teil derselben und bilden deshalb keine
Entwicklung, die aus sich allein verständlich wäre und nur den
Gesetzen gehorchte, die ihren Inhalt allein beträfen - wie dies
überhaupt bei keinem Komplex von Erscheinungen der Fall ist, der nur
einen Ausschnitt aus einer umfassenden Totalität bildet.
So gibt es z. B. keine immanente Kunstgeschichte, d. h. keine, die
eine künstlerische Erscheinung aus der anderen verständlich und
gesetzmässig entwickelte, weil die politischen, sozialen, religiösen
usw. Verhältnisse die nächsten Erscheinungen mitbestimmen und doch
ihrerseits aus den vorigen künstlerischen nicht berechenbar sind.
Deshalb ist auch nicht einmal die Menschengeschichte aus ihr
eigenen historischen Gesetzen zu entwickeln.
Denn auch sie verläuft nicht als ein in sich abgeschlossenes
Kapitel, von dem etwa nur Anfang und Ende Beeinflussung und
Zusammenhang mit den kosmischen Kräften hätten, sondern entwickelt
sich in fortwährender Endosmose und Exosmose mit diesen und erfährt
von ihnen Kraftwirkungen, deren Quellen ganz ausserhalb ihrer selbst
fliessen und (<297) deshalb auch aus der genauesten Kenntnis des
bisherigen Verlaufes nicht zu berechnen sind.
Einflüsse, die einem allem Bisherigen fremden Kräftekreis
entstammen, unterbrechen ihre immanente Entwicklung und lassen die
Gleichheit der Bedingungen, die diese selbst der Zukunft bietet, in
ungeahnte Verschiedenheit der Erfolge auslaufen.
Nur wenn die Menschengeschichte wirklich Weltgeschichte wäre,
würde jeder momentane Zustand derselben die zureichenden Bedingungen
des nächsten und übernächsten in sich schliessen.
Aus demselben methodischen Grunde gibt es keine in sich
zusammenhängende Kausalität des Psychischen; es bildet eben nur
einen sehr variablen Ausschnitt aus dem Gesamtsystem des Menschen, und
deshalb ist der einzelne psychische Akt nicht aus den vorangehenden
psychischen Akten allein zu verstehen, da diese erst im
Zusammentreffen mit anderen, ausserpsychischen Vorgängen die
zureichende Ursache jenes bildeten.
Mit der psychologischen Notwendigkeit verhält es sich wie mit der
"historischen Notwendigkeit"; das freilich ist bei beiden
keine Frage, dass das einzelne Ereignis eintrat, weil es notwendig
war; die häufige Kurzsichtigkeit in beiden Fällen ist nur die, dass
man die wenigen, uns bewussten Ursachen für so zulänglich und
abschliessend hält, dass man aus ihnen das Ereignis meint als
notwendiges verstehen zu können.
Andrerseits erscheint nun der auf solchem Wege begreifliche Mangel
einer psychologischen Kausalität als Stütze des Freiheitsbegriffes. Man hat schon lange behauptet, die Vorstellung der Freiheit stamme
daher, dass wir die Ursachen unseres Willens nicht kannten.
Diese Vermutung erhält ihren Unterbau durch die hier vorgetragene
von der gegenseitigen Durchkreuzung der zentralen Vorgänge mit und
ohne psychischen Wert.
Für denjenigen, der die Aufhebung der Freiheit in inneren
psychologischen Notwendigkeiten sucht, ist allerdings der psychische
Vorgang frei, dem kein anderer, jenen nach psychologischen Regeln
(<298) bestimmender vorangeht.
Gipfelt sich unsere physische Natur wirklich an verschiedenen
Punkten, die in keinem notwendigen gegenseitigen Zusammenhänge
stehen, zur Bewusstheit auf, werden die bewussten Vorgänge durch
solche getragen? denen kein Bewusstsein entspricht, so sind die
ersteren als bloss psychische Vorgänge tatsächlich ursachlos oder
zufällig, und erfüllen also den Begriff der Freiheit im negativen
Sinne.
Wenn wir bei den Empfindungen, welche am entschiedensten von allen
psychologischen Verursachungen frei sind, dennoch die Vorstellung der
Freiheit nicht haben, so liegt das wohl daran, dass für sie die
physische Veranlassung zu Tage liegt, während sie sich bei den rein
zentralen Prozessen verbirgt.
Andrerseits erscheinen auch die eigentlichen Denkvorgänge nicht
unter der Kategorie der Freiheit, weil bei ihnen die psychologische
Kontinuität schon in relativ hohem Masse vorhanden ist; oder
vielmehr, es kommt eben nur da zu einem eigentlichen Denkprozess, oder
wir nennen denjenigen Prozess einen vernunftmässigen, in dem ein
Vorstellungsglied sich nach stetigen Gesetzen begreiflich aus dem
anderen entwickelt, das Auftauchen des einen verständlicher Weise
durch das andere verursacht wird.
Es sind allerdings gerade die Willenserscheinungen, die von diesem
Gesichtspunkte aus als ursachlose auftreten werden; denn im Gegensatz
zu den verstandesmässigen bewegen sie sich nach der Grenze des rein
Physischen zu, und im Gegensatz zu den Empfindungen, die sich auch auf
diesem Grenzgebiet halten, fehlt ihnen die kausale Anlehnung an das
vorangehende physische Ereignis.
- Bezüglich der zentralen Vorgänge ist freilich zu bemerken, dass
wiederum die höchsten Gipfel des geistigen Lebens, die Schöpfungen
der Genialität, den Charakter psychologischer Unerklärbarkeit
tragen; auch sie, die doch entschieden die ganze Fülle
vorangegangenen geistigen Lebens zur Voraussetzung haben, erscheinen
aus der psychologischen Vergangenheit ihres Schöpfers (<299)
unableitbar, sie sind so unerwartet und spontan da, dass man von ihnen
als von Genieblitzen spricht, und dass ihr Schöpfer selbst oft genug
sie auf eine ihm jenseitige Macht schiebt, die sie ihm eingegeben
habe, auf einen Gott oder einen Genius, weil sie aus den bisherigen
Vorstellungen unerklärbar sind.
Daher denn auch der bei manchen Naturvölkern verbreitete Glaube,
dass der Wahnsinnige, dessen Gedanken den geringsten begreiflichen
Zusammenhang zeigen, von Gott erfüllt sei - und daher ferner, mit
objektiver Wendung, die häufige Herleitung gerade des Sinnlosen und
Unverständlichen von transzendenten Mächten, die wir in der
Verehrung des Mystischen und solcher Gebräuche und Einrichtungen
antreffen, deren eigentlicher Sinn längst verdunkelt und verloren
ist.
Ich möchte dies so erklären, dass die höchsten und genialen
Ideen ein Maximum psychisch-physischer Vorbedingungen haben; eine
ausserordentlich reiche Zahl seelischer Inhalte ist in ihnen
verdichtet, und wir werden uns das körperliche Korrelat dieser
psychologischen Tatsache wohl so vorstellen können, dass in die einer
solchen Idee entsprechende Hirnfunktion eine grösste Zahl anderer
einmündet, dass sie die einheitliche Resultante sehr vieler ist.
Dass in einem derartigen weit verzweigten Komplex zerebraler
Vorbedingungen auch eine grosse Anzahl von Bewegungen, die keinen
psychischen Wert besitzen, eingegliedert und mitgetragen wird, ist
höchst wahrscheinlich; von jenem Werte aber hängt die psychologische
Begreiflichkeit ab.
Deshalb also werden gerade höchste Vorstellungen, zu denen sich
das Seelenleben aufgipfelt, oft weniger begreiflich sein, als
niedriger gelegene; wenn diese von einer kleineren Zahl von Faktoren
getragen werden, so haben sie eben dadurch die grössere Chance, dass
dieselben sämtlich bewusst sind.
Die Korrelation zwischen der ursächlichen Verlegung der Funktionen
auf das Allerobjektivste und das Allersubjektivste zeigt sich auch
hier; der Mangel an psychologischer (<300) Kausalität, den die
Unbewusstheit der zerebralen Ursachen des bewussten Hirnvorganges
bewirkt, ergänzt man einerseits, wie schon erwähnt, durch die
Annahme einer objektiven Macht, die uns den Gedanken
"eingegeben" oder uns zu dem Entschluss getrieben habe - wie
Luther es im Hinblick auf seine Laufbahn ausdrückt: "es hat mich
hinangezogen, wie einen blinden Gaul" - andrerseits durch das
Zurückgreifen auf das Ich, dessen Freiheit eben das fragliche
Resultat gezeitigt habe.
Gleichviel welche metaphysische Bedeutung diese Ergänzungen
beanspruchen können: ihr Fundament, die Ursachlosigkeit des bewussten
Vorganges, erhält eine anschauliche Deutung und Begründung - so
anschaulich wie überhaupt Hypothesen dieses Gebietes sind - durch die
Vorstellung von dem kausalen Durcheinandergehen der Gehirnvorgänge,
denen Bewusstsein, und solcher, den keines verbunden ist. Ein verwandtes Moment wirkt in einer weiteren Veranlassung des
Freiheitsbegriffes.
Nicht allein die Ursachlosigkeit schlechthin ist es, die, den
negativen Sinn der Freiheit ausmachend, eine mystische Freiheitskraft
als positive Ergänzung verlangt; auch jener relative oder partielle
,Mangel an Verursachung, der in der quantitativen
Unverhältnismässigkeit von Ursache und Wirkung liegt, scheint oft
genug eine gewisse mystische Kraft zu involvieren, irgend ein, in den
"kleinen Ursachen" selbst nicht gelegenes Moment, das diese
dennoch zu "grossen Wirkungen" entfaltet.
Eine Durchbrechung des Kausalnexus liegt wenigstens in
abgeschwächtem Masse auch da vor, wo ein Geschehen zwar nicht aus
Nichts, aber aus einer im Verhältnis zu ihm minimalen Ursache
hervorgeht.
Wo etwa von dem wunderbaren Eingreifen Gottes in den Verlauf der
natürlichen Ereignisse gesprochen wird, da besteht doch das
unbegreifliche Ereignis meistens nicht in der Schöpfung eines absolut
Neuen, zu dem sich in allem Vorangegangenen nicht der geringste
Ansatzpunkt fände, (<301) sondern darin, dass irgend ein bisher
unbeobachtetes, unbedeutendes Moment weit über dasjenige Mass seiner
Wirksamkeit hinaus gesteigert wird, welches ihm der natürliche
Verlauf der Dinge eintrüge, das "der verworfene Stein zum
Eckstein gemacht wird".
Der Überschuss der Wirkung über das Quantum, das der Ursache nach
gewöhnlicher Erfahrung zukommt, ebenso aber ein erhebliches
Zurückbleiben hinter demselben erscheint ursachlos und also
"frei". Beide Erscheinungen sind innerhalb des psychischen, insbesondere
des Willenslebens in ausgedehntem Masse vorhanden.
Durch das Gehirn hindurch erfolgen Wirkungen, deren Grösse in
keinem Verhältnis zu der zwar vorhandenen, aber oft unbedeutenden
äusseren Ursache, ja selbst zu der psychologischen Veranlassung und
ihren logischen Konsequenzen steht.
Und umgekehrt finden psychologische Einflüsse statt, deren Folgen
zwar nicht verschwinden, aber weit unter derjenigen Grösse bleiben,
auf die ihr Inhalt und die Erfahrung über sie Anweisung gibt.
Wo das Handeln eines Menschen uns gegenüber uns zu gewöhnlicher
Reaktion reizt, wird die Vorstellung der Freiheit, des möglichen
Anders-Handelnkönnens nicht so auftauchen, als wenn wir etwa
einerseits weit über dies Mass hinausgehen, andrerseits uns weit
diesseits desselben halten.
In beiden Fällen scheint eine entweder prohibitive oder produktive
Kraft den Lauf der Dinge quantitativ zu modifizieren, der aus den in
ihnen selbst gelegenen Kräften und gemäss gewöhnlicher Kausalität
erfolgt wäre.
Ich erinnere an das berühmte Beispiel F. A. Langes: in einem
Kaufmann, der sich soeben noch in phlegmatischer Ruhe befand, wird
durch eine Depesche, die das Fallissement eines Geschäftsfreundes
meldet, eine exzessiv erregte Tätigkeit, eine nach allen möglichen
Seiten hin entfaltete Energie wachgerufen.
Die äussere und direkte Anregung zu diesem Handeln bestand
ausschliesslich in dem sinnlichen Bilde der Buchstaben in der
Depesche.
Tausendmal haben ganz ähnliche (<302) Sinnesreize ihn
getroffen, ohne seinen Willen auch nur annähernd zu bewegen; diesmal
entfesseln ein paar Buchstaben Willenskräfte in ihm, die er
möglicherweise selbst gar nicht vermutete; derselbe Sinnesreiz würde
dagegen jeden anderen Bürger der Stadt, der mit der falliten Firma
nichts zu tun hat, vielleicht kaum zu einem Worte des Erstaunens
bewegen.
Die quantitative Unverhältnismässigkeit, die in jenem Falle
zwischen Ursache und Wirkung besteht, ist nur durch die ungeheure
Fülle von Spannkräften erklärlich, die im Zentralorgan aufgehäuft
und so angeordnet sind, dass die Erregung gewisser Teile, so schwach
sie auch an und für sich sei, sich auf alle anderen fortsetzt und
alle Kräfte aus dem Zustande der Latenz in den der Wirksamkeit
überführt.
Lägen diese Punkte der höchsten Reizbarkeit nun bei allen
Menschen an der gleichen Stelle des psychischen Organismus, so würde
sich weiter keine auf die Freiheit bezügliche Reflexion daran
knüpfen, die erscheinende Wirkung der Ursache wäre immer die gleiche
und wir würden dann diese Proportion für die angemessene halten;
denn ob Ursache und Wirkung oder überhaupt zwei psychische Grössen
einander äquivalent sind, das können wir hier, wie überall, wo ein
gemeinsamer objektiver Massstab, den physische Grössen besitzen,
fehlt, nur an der Erfahrung über ihr tatsächliches
durchschnittliches Verhältnis beurteilen.
Bei einigen derartigen Punkten verhält es sich auch annähernd so:
die Vorstellung der Lebensgefahr, bei Müttern die an die Kinder
anknüpfenden Sorgen, die Hoffnung auf aussergewöhnlichen Gewinn -
dies sind Reizungen, deren äusserst lebhafte Willensfolgen ihnen
durchaus proportional erscheinen, weil sie eben allenthalben mit ihnen
verbunden sind.
Auf ein besonderes, die gewöhnlichen Proportionen von Ursachen und
Willensfolgen durchbrechendes Prinzip gibt erst die grosse
individuelle Verschiedenheit Anweisung, die wir in der Lage der
reizbaren Punkte bemerken und infolge deren jeder (<303) Mensch nach
irgend einer Seite den Durchschnitt des Massverhältnisses zwischen
psychologischer Ursache und Wirkung überschreitet. Von verschiedenen Standpunkten aus erscheint dies als Inhalt oder
als Beweis von Freiheit.
Zunächst, bloss negativ, wegen der Unabhängigkeit, welche in
diesen Fällen die Willenshandlung gegenüber demjenigen
Wirkungsquantum aufweist, das ihrer Ursache erfahrungsgemäss zukommt.
Die Wirkung tritt ein, ohne von der angebbaren Ursache in ihrem
Quantum bestimmt zu sein; die Unberechenbarkeit in dem Masse und der
Anordnung der latenten psychischen Kräfte, die die erscheinende
Ursache aktualisiert, lassen die Folge als von dieser Ursache frei
erscheinen.
Gerade weil die Unabhängigkeit hier in individuell verschiedener
Weise, an individuell verschiedenen Punkten auftritt, erscheint sie
überhaupt als Unabhängigkeit - was nach den obigen Ausmachungen
nicht der Fall wäre, wenn das auffällige quantitative Verhältnis
zwischen Reiz und Willenserfolg, immer nur in einer und derselben
Richtung läge, weil es dann zu der Auffälligkeit desselben gar nicht
käme.
Dies weist einerseits auf die positive Ergänzung des negativen
Freiheitsbegriffes, auf eine innere, von allem Äusseren und
Angebbaren nur angeregte, aber nicht bestimmte Kraft hin, die eben der
eigentliche Träger unseres Handelns wäre; andrerseits verleiht es
dieser Kraft den Charakter als Ich, womit wieder individuelle
Fürsichbestehen besonders in dem Falle bezeichnen, wenn sich aus dem
bisherigen Verhalten äusserlich gleicher Wesen kein bindender Schluss
auf das in Frage stehende ziehen lässt.
So erhält die Vorstellung der Freiheit ein zweiseitiges Fundament
in den realen physisch-psychischen Verhältnissen, die wir auszudeuten
versuchten, einmal durch die Annahme, dass die bewussten oder
psychisch qualifizierten Hirnvorgänge gekreuzt und mitveranlasst
werden von nur physischen, des Bewusstseinswertes entbehrenden; und
zweitens durch die Vorstellung, dass das Gehirn eine grosse Fülle von
Spannkräften (<304) in sich birgt, und sie auf Veranlassungen hin
entfaltet, deren Grösse in keinem Verhältnis zu dem schliesslich
ausgelösten Willenseffekt steht; so dass durch diesen Überschuss der
Wirkung über die Ursache die Vorstellung einer Unabhängigkeit jener
von dieser entsteht, während zugleich die individuelle
Verschiedenheit in der Lage der so reizbaren Punkte diese mehr
negative Freiheit mit dem Hinweis auf ein individuelles Ich
ausstattet, das eben zu der geringfügigen Ursache das an der Wirkung
bemerkbare Plus hinzufügt.
Endlich ist noch ein dialektisches Moment zu erwähnen, das
sämtliche Erörterungen über die Freiheit affiziert und auch
seinerseits ihrer Annahme einen gewissen realen Boden bereitet.
Nach der vulgären Vorstellung von Freiheit sitzt in uns eine
sozusagen richterliche Instanz, die zwischen den verschiedenen, mit
selbständiger Kraft auftretenden Impulsen und Ansprüchen frei
entscheidet; denn nicht die Kraft, welche das einzelne Element
mitbringt, entscheide darüber, ob es verfolgt oder zurückgedrängt,
bejaht oder verneint wird; sondern das sei die Sache der
"Freiheit", die unabhängig von aller psychologischen
Vehemenz oder Schwäche der einzelnen Vorstellung nur nach logischen,
ethischen oder sonstigen Werten über ihre Weiterentwicklung bestimme.
So gewiss sich nun gegen dieses über dem psychischen Mechanismus
thronende Ich von Neuem die Frage richtet, woher ihm denn die Kräfte
zu seinen Entscheidungen kämen, so dass es nicht als eine Lösung,
sondern als eine blosse Wiederholung der Schwierigkeiten in der Form
der Hypostasierung erscheint - so tief begründet sind doch auch diese
Schwierigkeiten und so berechtigt die Bedürfnisse, die sich in dem
freien Ich eine freilich täuschende Befriedigung geschaffen haben.
Denn nicht nur uni die sittliche, sondern sozusagen auch um die
logische Zurechnung handelt es sich. Die Annahme einer mechanisch zwingenden Notwendigkeit im Ablauf
unserer (<305) Vorstellungen scheint den Wahrheitswert derselben in
Frage zu stellen.
Denn über die unwillkürlich und dem psychologischen Mechanismus
gemäss auftauchende Vorstellung von irgend einem Objekt erheben sich
weitere Vorstellungen, welche prüfen, ob jene auch mit ihrem Objekt
oder mit den logischen Forderungen übereinstimmt oder nicht; ist nun
diese höhere und sachlich entscheidende Vorstellung selbst wieder
eine psychologisch nezessitierte, tritt sie auf, weil sie das von
jeher berechenbare Resultat
des Seelenzustandes ist und gar nicht anders sein kann, als sie
ist, so steht doch auch ihr die Frage entgegen, ob sie denn neben
ihrer psychologischen Ursache auch sachlich und logisch begründet
sei.
Die Entscheidung darüber aber würde wieder eine Instanz und ein
Kriterium voraussetzen, die beide über dem psychologischen
Mechanismus stehen, um seine Resultate nach deren mehr als
psychologischem Werte abzuwägen, usf. ins Unendliche.
Leugnen wir also die Freiheit, indem wir behaupten, dass jede
Vorstellung in uns nach unweigerlichen Gesetzen auftaucht, dass sie,
was nur ein anderer Ausdruck für dieselbe Überzeugung ist, das
Bewusstsein nach dem Masse ihrer psychologischen Kraft, nicht nach dem
ihres logischen Wertes beherrscht - und dass beides etwa von
vornherein und immer zusammenfalle, wird niemand behaupten -: so gibt
es keine Gewähr für die objektive Richtigkeit unserer
Überzeugungen, weil jedes Kriterium auch wieder den gleichen
psychologischen Bedingungen und damit dem gleichen Zweifel unterliegt.
Und dieser richtet sich notwendig zuallererst gegen die Behauptung
von der Unfreiheit des psychischen Mechanismus, von der er ausgegangen
ist.
Denn dass wir das Urteil fällen: wir sind unfrei, jede Vorstellung
in uns ist psychologisch nezessitiert - das ist dem eigenen Inhalte
dieses Urteils Dach selbst psychologisch notwendig; wer es fällt,
kann überhaupt in (<306) diesem Augenblick gar kein anderes
fällen, gleichviel ob die objektive Wirklichkeit damit übereinstimmt
oder nicht.
Das Urteil: unser Geist ist unfrei, hebt sich demnach selber auf;
wer es ausspricht, muss sich zunächst doch die Anwendung davon auf
sich selbst gefallen lassen und damit zugleich auf die Möglichkeit
eines objektiven Nachweises seiner Wahrheit verzichten.
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