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Towards Cybersociety and "Vireal" Social Relations |
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Das Internet: Globaler Strukturwandel dank globaler Kommunikation? Eine beunruhigende (weil ausserinstitutionelle) technische Innovation Hans Geser (1996) Als Soziologe fasziniert mich das Internet als ein überraschend neuartiges Phänomen, das uns dazu nötigt, vielerlei Konzepte wie z.B. "Interaktion", "Gruppe", Öeffentlichkeit" oder "soziale Bewegung" neu zu definieren und auch unsere gesellschaftstheoretischen Vorstellungen (und Zukunftsperspektiven) in vielerlei Hinsicht zu revidieren. Im Lichte der gängigen (nicht nur marxistisch inspirierten) Gesellschaftstheorien kann man beispielsweise nur mit Verblüffung zur Kenntnis nehmen, in welchem Umfang das Internet - trotz seines Ursprungs im "ARPANET" des amerikanischen Denfense Departments - seine bisherige Entwicklung ausserhalb der dominierenden Institutionen unserer Gesellschaft vollzogen hat. Auffällig ist auch, wie unbeholfen sich beispielsweise Unternehmungen, nationale Verbände oder politische Parteien im Internet bewegen: also ausgerechnet jene Akteure, die dank ihrer Finanzmittel und professionellen Expertise in allen übrigen Medien überaus souverän agieren. Zweitens illustriert das Internet in spektakulärer Weise die Möglichkeit einer "spontanen sozialen Ordnung" , innerhalb der es - dem "Hobbesianischen Modell" völlig zuwiderlaufend - ohne Intervention zentraler Autoritätsinstanzen zur Herausbildung einer durchaus funktionsfähigen normativen Verkehrs- und Kommunikationsordnung ("netiquette") kommt. Sozialpsychologisch besonders interessant ist das Phänomen des "elektronischen Altruismus": d.h. die Regularität, dass einer, der im Usernet eine Frage stellt, praktisch immer irgendwo auf der Welt jemanden findet, der sich - oft in stundenlanger freiwilliger Arbeit - um eine Beantwortung bemüht. Ein Supermedium in statu nascendi Es wäre ein fatales Missverständnis, im Internet einfach eine zusätzliches Medium zu sehen, das sich komplementär in durch Presse, Radio und TV dominierte Medienlandschaft einfügen und diese im äussersten Fall zu gewissen Anpassungen nötigen würde. Denn die Bedeutung der Digitalisierung besteht darin, dass sämtliche Informationen in identische Elementarbausteine (bits) zerlegt werden: unabhängig davon, ob es sich auf der Makroebene um Sprache, Schrift, Töne, Bilder, Videosequenzen, Zeichnungen handelt. Dadurch sind die Grundlagen erzeugt, um potentiell
Damit haben sich die konventionellen Medien als einseitige Stütze monokratischer Institutionen erwiesen und durch Passivierung der Rezipienten einen vielbeklagten Wandel von der "öffentlichen Meinung" zur "veröffentlichten Meinung" bewirkt, der mit den wachsenden Bedürfnissen (und Fähigkeiten) vieler Menschen zur Artikulation ihrer eigenen Meinung zunehmend kollidiert. Typologie der Kommunikationsmedien: Die vielleicht fundamentalste funktionale Bedeutung der Computernetzwerke darin, dass sie - zum erstenmal in der Mediengeschichte - alle vier kommunikativen Modi auf dieselbe technologische Basis stellen und in einen übergreifenden Gesamtzusammenhang integrieren. Dasselbe Medium, das beispielsweise der Zentrale einer politischen Partei zur radialen Diffusion von Wahlpropaganda, Abstimmungsparolen oder programmatischen Weisungen dient, dient den Basismitgliedern dazu, den Delegierten oder Parlamentsvertretern ihre Meinung zu bekunden oder durch einfachen Mausclick ihre eigenen Alternativvorschläge an hunderte andere Mitglieder zu diffundieren, Für die soziologische Theoriebildung wiederum ist bedeutsam, dass sich von nun an die Prozesse sozialer Gruppen- und Organisationsbildung unter grundsätzlichen andern Voraussetzungen vollziehen . -Beispielsweise mag das "eherne Gesetz der Oligarchie" in gewisser Weise aus den Angeln gehoben werden, insofern es nun auch in grösseren Kollektiven möglich ist, allen Teilnehmern gleichwertige Kommunikationschancen zu gewähren und ohne besonderen Zeit- und Energieaufwand über alles und jedes plebiszitäre Abstimmungen durchzuführen. Computernetze stellen die weitaus billigste, zuverlässigste (und vielleicht am wichtigsten: organisatorisch unaufwendigste) Weise dar, Informationen bleibeigen Umfangs über beliebige Distanzen zu verbreiten. Generell scheint das Internet scheint vor allem das politische Verhalten besonders marginaler Gruppen zu verändern, die aus Mangel an formaler Selbstorganisation , Kommunikationsmedien und institutionellen Einflusskanälen bisher kaum wirksame Aktivitäten entfalten konnten, oder die bewusst darauf verzichten, sich in solcher Weise in die konventionelle Welt der Politik zu integrieren. Besondere Vorteile der kollektiven Organisation ergeben sich vor allem für Gruppen mit geographisch weit verstreuten Mitgliedern, die ausschliesslich dank Computernetzen die in der Lage sind, sich wechselseitig kennenzuerlernen und ihre Meinungen und Aktivitäten zu koordinieren. Angesichts der weltweiten Zunahme der Flüchtlingsströme ist abzusehen, dass Computernetze für weltweit versprengte Ethnien das Medium sein werden, mit dessen Hilfe sie versuchen, ihre gemeinsame Identität zu wahren oder sich eventuell gar zu einem - quer zu territorialen Gebietsherrschaften verlaufenden - "virtuellen Staat" zusammenzuschliessen, der seine weltweit verstreuten "Bürger" in einen gemeinsamen Rahmen von Rechten und Pflichten integriert. Ein bevorzugte Zielscheibe computerunterstützter Aktivierung bilden bezeichnenderweise weltweit operierende Grosskonzerne, deren Kunden beispielsweise aufgefordert werden, die Produkte der Unternehmung zuu boykottieren oder in global koordinierten Aktionen das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf missliebige Tätigkeiten oder Unterlassungen der Organisation zu fokussieren. Ein Schwerpunkt der Computerkommunikation liegt dabei in der Vermittlung äussserst spezifischer technischer Informationen, wie sie zur Initiierung politischen Handelns notwendig sind, bisher aber oft nur mühevoll zu beschaffen waren. So lassen sich beispielsweise aus den Websites der Regierung und des Parlaments die Adressen verschiedener Persönlichkeiten, Behörden und Anstalten entnehmen, an die Botschaften bestimmter Art adressiert werden können. Ebenso können politische Aktionsgruppen weltweit publik machen,
Auch die aufklärerische Idealforderung, dass sich öffentlich diskutierende Subjekte als Gleiche begegnen sollen und wechselseitig in keinerlei Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen stehen dürfen, gewinnt in den Computernetzen neue, überraschende Chancen der Realisierung, wird andererseits aber auch auf neuartige Weise bedroht. Egalisierend wirkt insbesondere, dass die Teilnehmer gar nicht in der Lage sind, ihre persönlichen Eigenschaften im Kommunikationsprozess zur Geltung zu bringen: also z.B.durch ihr Charisma, ihren Sprechtonus, ihre Mimik oder Gestik auf andere einzuwirken oder durch Ausspielen ihrer Reputation andere am Widersprechen zu hindern. Bezeichnenderweise tummeln sich im Internet besonders viele Gruppen mit überaus extremistischer und exotischer Ausrichtung, die - wie z.B. rassistische Neo-Nazis, militante antifeministische Männergruppen und andere "hate groups" - aus Mangel an "political correctness" zu den konventionellen Medienkanälen wenig Zugang finden. Beim manchen von ihnen mag es sich um den embryonalen Keim einer neuen sozialen Bewegungsgruppe handeln, die in Zukunft vielleicht expansiv an die Oeffentlichkeit tritt und auch Zugang zu konventionelleren Medienkanälen gewinnt. Nach allen verfügbaren Forschungsbefunden ist computergestützte Kommunikation sehr viel besser dazu geeignet, Heterogenität statt Homogenität zu produzieren.
Infolge dieser "zersetzenden" Tendenzen mag das Internet mancherorts als ein besonders bedrohliches Exportprodukt westlicher Kultur gesehen werden, das wie keine andere Technologie bisher dazu beitragen kann, Konsensgrundlagen aller Art zu unterminieren. Vor einer Revolutionierung des Publikationswesens? Neben der politischen Arena dürfte auch das gesamte Publikationswesen bereits in den nächsten Jahren tiefgreifend verändert werden, weil Autoren nicht mehr der vermittelnden Tätigkeit von Redaktionen, Verlagen, Buchhandlungen oder Bibliotheken bedürfen, um die Zirkulation ihrer Produkte sicherzustellen. Beide Entwicklungen dürften im wissenschaftlichen Bereich aus den folgenden Gründen besonders rasch und dramatisch wirksam werden:
So werden sie -nicht zuletzt auch unter dem Spardruck der Universitätsbibliotheken - leicht dafür zu gewinnen sein, ihre Beiträge im Computernetz zu verbreiten und dadurch nicht nur eine rasche weltweiten Diffusion sicherzustellen, sondern auch die Chance, von überall her Feedbacks zu erhalten. Wenn das heute grotesk fragmentierte und sündhaft teure Zeitschriftenwesen kollabiert, wird auch kein Wissenschaftler mehr in Versuchung kommen, seine Erkenntnisse feingekörnt auf sehr zahlreiche schlecht greifbare Journals zu verteilen, um mit einer beeindruckend aufgeplustere Publikationsliste hausieren gehen zu können. Vielmehr wird er/sie alle seine Ergebnisse auf einer einzigen, ständig nach Belieben erweiterbaren und revidierbaren zentralen Webpage versammeln, die dann zum Kristallisationspunkt vielfältiger Repliken und Dupliken wird und damit zu jedem Zeitpunkt den aktuellen Kenntnis- und Argumentationsstand des jeweiligen Themenfeldes reflektiert. Nach wie vor wird es auch im WWW anspruchsvolle Zeitschriften geben, die aufgrund ihre restriktiven Selektionskriterien über eine hohe Reputation verschaffen und damit auf die Reputation von Wissenschaftlern beträchtlichen Einfluss nehmen. Daneben aber werden natürlich auch viele jene unqualifizierten und verunglückten Schriften zirkulieren, die unter bisherigen Bedingungen mangels Publikationschancen im Schreibtisch des Autors liegen geblieben oder in seinen Papierkorb gewandert sind. Bereits heute stellt das Internet als "informationelles Schlaraffenland" eine beachtliche gesellschaftliche Wertschöpfung dar, die mangels Monetarisierung nirgends im Bruttosozialprodukt erscheint (und aufgrund ihrer Globalität auch nicht einzelnen nationalen Volkswirtschaften, sondern nur der Weltwirtschaft als Ganzes) zurechenbar wäre. Wenn der Druck auf einen weltweiten Nord-Süd-Ausgleich zunehmen wird, werden die Dämme zuerst im Bereich urheberrechtlich geschützter immaterieller Güter brechen. Denn im Unterschied zu den knappen materiellen Gütern können wir sie kostenlos mit allen Armen dieser Erde teilen, ohne selber im mindesten auf sie zu verzichten.
Fussnote
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Last update: 25. Sep 10
Editing committee:
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Markus
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Grieder Soziologisches Institut der Universität Zürich Andreasstr. 15 8050 Zürich Tel. ++41 44 635 23 13 Fax ++41 44 635 23 99 roland.grieder@socio.ch |